Monat: Juli 2016

„Ein Stück Himmel in tiefem Blau“ – Carina Nekolnys beeindruckender Roman FINGERSPITZEN

Ein Tabu-Thema steht im Mittelpunkt des einfühlsamen und souverän verfassten Romans der österreichischen Schriftstellerin Carina Nekolny, der im Klagenfurter Johannes Heyn-Verlag/ Edition MEERAUGE 2016 erschienen ist: Das Leben mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen.
Eine Familie lebt in Oberösterreich auf dem Land und bewirtschaftet einen Hof im Nebenerwerb, der Vater ist als Maurer berufstätig, die Mutter versorgt die Kühe, den Hof und Gästezimmer. Und da sind noch zwei Buben, Thomas und Toni. Sie leben mit Kühen, Katzen mitten in Streuobstwiesen und harter Arbeit. Aber da ist noch etwas, was diese Familie zu bewältigen hat: der größere Sohn Thomas, mittlerweile 18 Jahre alt, ist taubblind. Er lebt in einer engen eigenen Welt, die seine Umgebung jeden Tag aufs Neue vor schwierige Herausforderungen stellt. Er sieht und hört nichts – aber er spürt fast alles. Er ist auf die Vertrautheit der Familienmitglieder angewiesen, auf Berührungen, auf eingelernte gewohnte Handlungsabläufe. Jedes Abweichen, jede neue Situation bringt Thomas völlig durcheinander. Der jüngere Bruder Toni ist erst zehn Jahre alt und muss in diesem Familiengefüge viel mittragen. Er muss seine Mutter unterstützen, hilft ihr bei der Stall- und Hausarbeit und betreut liebevoll den Bruder, wenn er aus der Schule kommt. Der Vater kommt meist nur an den Wochenenden nach Hause, die Mutter bricht langsam unter der physischen und psychischen Belastung zusammen. Aus reiner Verzweiflung wird das behinderte Kind stundenlang in seine Kammer eingesperrt, um es vor Verletzungen und Gefahren zu bewahren, die im Haus und im Garten lauern.
Kapitelweise wechselt die Erzählerperspektive:
Aus der Sicht des kleinen Tonis, der sich tapfer in sein Schicksal fügt und alles für die Mutter macht: Er spürt die Belastung, die sie zu tragen hat und gerät selbst in eine Abwärtsspirale. Er kämpft und spricht sich immer wieder Mut zu, verteidigt seinen Bruder, tut sein Bestes, aber läuft dabei Gefahr, sich völlig zu verausgaben. Toni spricht in der Sprache eines Zehnjährigen, er spürt, wie sehr die Mutter von seiner Hilfe abhängig ist und wird davon erdrückt. Er ändert sein Verhalten den Mitschülern und der Lehrerin gegenüber, er zieht sich zurück, er kapselt sich ab und ändert sein Verhalten außerhalb der Familie.
Aus der Sicht der Mutter, die ihren geliebten Thomas bestens versorgen will und ihn nicht in ein Heim abgeben möchte: Sie hat die Jahre übersehen und, dass Thomas ein Erwachsener geworden ist, der professionelle Hilfe braucht. Sie trägt schwer an der Last und belastet die gesamte Familie. Sie bricht letztendlich unter dieser Konstellation zusammen und klammert sich an ihren jüngeren Sohn Toni ohne den sie den Alltag nicht mehr meistern kann.
Und aus der Sicht des Vaters, der miterleben muss, wie sich die Situation mit seinem taubblinden Kind, seiner überlasteten Ehefrau und dem emotional stark eingeklemmten jüngeren Sohn immer mehr zuspitzt. Für ihn ist die Sorgepflicht für den älteren Sohn eine überfrachtete Herausforderung. Zu wenig Zeit, zu wenig Geld für einen Umbau, der auch die Wohnsituation von Thomas erleichtern würde. Er flüchtet in seinen Beruf, versucht seine Frau zu unterstützen und kann den Zusammenbruch nicht verhindern.
Auch die Lehrerin, die sich für Toni und seine Schulkarriere einsetzt, hat eine Stimme und eine Außenperspektive. Der Aufstieg ins Gymnasium würde aber bedeuten, dass Toni seine Familie verlassen muss und ins Internat kommt. Dann könnte er seiner Mutter nicht mehr am Hof und mit Thomas helfen.
Die Beschreibungen wie Menschen mit allen Sinnen mit einem Menschen mit besonderen Bedürfnissen umgehen, wie sie versuchen zu helfen, auszugleichen, eine eigene Kommunikationsform zu finden und zu unterstützen ist in diesem Roman sehr berührend und in starken einprägsamen Bildern geschildert. Der Leser lebt mit: Die Angstzustände der Mutter, die Sorgen (auch finanzielle) des Vaters und die Belastung des Volksschulkindes Toni, der gelernt hat, mit einer großen Verantwortung und unter ständiger Anspannung zu leben.
Nach 18 Jahren durchwurschteln bricht das Konstrukt zusammen und die Familie muss sich durchringen eine andere Betreuungsform zu finden, damit sich auch Thomas weiterentwickeln und eine Fingersprache lernen kann. Das fällt besonders der Mutter schwer. Das Schicksal der gesamten Familie steht auf der Kippe.
„Vielleicht hatte Thomas an den Fingerspitzen Augen“, denkt sich Toni, der sich in jede Bewegung, in jede Reaktion seines Bruders hineindenkt.
„Die Mama wird immer ganz still, wenn der Doktor aus Linz so etwas sagt. Bis ihn der Papa hinausschmeißt. Papa macht der Doktor wütend. Dann knallt er die Türen zu und schimpft. Egal ob jemand da ist oder nicht. Er schimpft einfach mit der Luft. Während die Mama ganz still wird. Nur der Thomas wird dann unruhig. Weil er spürt, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt er hin und tut sich weh und alle müssen sich um ihn kümmern. Durch das Kümmern wird alles wie sonst. Was bei uns eben normal ist. Wenn die Mama aber gar nicht wegen dem Thomas traurig ist, sondern wegen mir? Wenn sie gemerkt hat, dass ich manchmal möchte, dass der Thomas einfach weg ist. Oder wenn sie weiß, dass ich manchmal gemein zu Thomas bin.“ (Seite 99-100)
Carina Nekolny fesselt ihre Leserschaft mit eindrücklichen stark emotionalen Schilderungen. Man lebt besonders mit dem kleinen tapferen Toni mit, der sein Schicksal beschreibt und damit zurechtzukommen versucht. Seine Verlustangst, sein Streben nach der Liebe der Mutter, nach Aufmerksamkeit, seine Eifersucht, weil alles für den kranken Bruder gemacht wird und er zurückstehen muss.
Man leidet mit der unglücklichen Mutter, die die kleinen fröhlichen Momente eines Tages genießt, wenn sie überhaupt vorkommen, und nicht mehr weiß, was Unbeschwertheit heißt. Sie arbeitet hart, um nicht an die Zukunft denken zu müssen. In ihrem Handeln und ihren Denken stützt sie sich stark auf das zweite, gesunde Kind, ohne zu merken, wie Toni darunter leidet. Ihr Mann ist zu selten daheim.
Stilistisch wird man vom ersten Satz an in die Familiengeschichte hineingezogen. Die Sätze sind kurz und prägnant. Die Protagonisten sprechen offen und es tritt eine Ehrlichkeit zu Tage, die manchmal sehr hart anmutet. Man lebt sich in die Charaktere sehr gut ein, begleitet sie emotional. Die Auseinandersetzung mit einem sehr tabuisierten Thema in unserer Gesellschaft zeichnet diesen Roman aus. Wie schafft das eine Familie, wenn ein Kind besondere Bedürfnisse hat und die ganze Aufmerksamkeit beansprucht?
Der Roman FINGERSPITZEN gibt die Antwort und zeigt empathisch wie Menschen mit solchen Herausforderungen zurecht kommen und umgehen, welche Fehler sie machen, welche Lösungen sie finden.

Carina Nekolny, geboren 1963 in Linz, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Historische Anthropologie, lebt als Schriftstellerin, Redakteurin der ZeitschriftAUF und Puppenspielerin in Wien. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Dramolette, Lyrics (Kantaten, Madrigale, Wiener Lieder, Porno Lyrics, Pamphlet Poetry) sowie Kinderbücher.Die Absolventin der wiener schule für dichtung hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, wurde zu einschlägigen Festivals (z. B. Luaga & Losna 2007 und 2009) eingeladen und tritt immer wieder mit Performances auf.
Carina Nekolny ist u. a. Mitglied der IG Autorinnen Autoren, der Sisters in Crime, der Lyrikerinnengruppe wientouristinnen in.form, des Lyrikerinnenkollektivssappho.net und der kunstkolchose ahoj.
Prosa: Stimmen/Ränder. Erzählungen (2006), Yunnan. Unter südlichem Himmel (2008), Fress-Schach. Ein bulgarischer Winterkrimi (2011), Orpheus Traum.Mythologische Erzählungen (2011),Ausgleichende Gerechtigkeit. Ein Wiener Erwachsenenbildungskrimi (2012),Fremdheit und Nähe. Die erotische Mystik der süddeutschen Dominikanerinnen im Mittelalter (2013)
Auszeichnungen (Auswahl): Limburg-Preis 2003, Exil-Literaturpreis Schreiben zwischen den Kulturen und Wiener Autorenstipendium 2006, Paul-Maar-Stipendium 2008, Literaturstipendium der Stadt München (Villa Waldberta) 2013, Rom-Stipendium der österreichischen Bundesregierung 2016
FINGERSPITZEN ist der zehnte Band der Edition MEERAUGE des Klagenfurter Verlags Johannes Heyn. 99 handnummerierte und signierte Exemplare sind reserviert für das Abonnement der Reihe.
Interessenten wenden sich bitte an abonnement@edition-meerauge.at

Blog-Finger-Cover

Carina Nekolny
Fingerspitzen
Roman
Verlag Johannes Heyn
Edition Meerauge
Klagenfurt/Celovec 2016
253 Seiten
fester Einband, geripptes Surbalin,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-7084-0560-5
€ 24,90
http://www.meerauge.at/die_reihe/fingerspitzen

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Carina%20Nekolny_Fingerspitzen_Leseprobe.pdf

Ich danke dem Verlag Johannes Heyn für das Rezensionsexemplar.
Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Bis ans Ende der Welt – Berichte prominenter Kärntner von Katharina Springer

„Bereits in meiner Kindheit faszinierten mich Geschichten der Großeltern über den Krieg, über das Leben ´früher und vor allem von Reisen“, erklärt die Autorin und Biografin Katharina Springer zu ihrem Buch MIT DEM FAHRRAD NACH ROM ein außergewöhnlicher „Reiseführer“, der in die Erlebniswelt bekannter Persönlichkeiten führt. Behutsam dokumentiert von der Kärntner Autorin, die damit den Startschuss zu ihrer literarischen Laufbahn tätigte. 110 Fotografien, zum Teil sehr aussagekräftige Porträts des Klagenfurter Fotografen Bernhard Horst, der Katharina Springer zu ihren Interviewpartnern begleitete, zum anderen historische Fotografien, Dokumentations- und Erinnerungsbilder der einzelnen Prominenten von ihren erstaunlichen Reisen.

Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom. Reiseberichte prominenter Kärntner“ ist im November 2009 im Carinthia Verlag Klagenfurt erschienen und liegt jetzt rechtzeitig zur Sommerferienzeit als ergänzte und aktualisierte ZWEITAUFLAGE in Paperback und Hardcover (Morawa Lesezirkel 2016) vor.

Es lohnt sich mit Katharina Springer in 12 sehr lebendig erzählte Lebens- und Reisegeschichten von gut bekannten Kärntnerinnen und Kärntnern einzutauchen und sich zu (erstaunlichen) fernen und ausgefallenen Reisezielen entführen zu lassen.
Auf 196 Seiten gelangt die Leserschaft mit Paula Putzi nach Rom, dem Klagenfurt Altbürgermeister Leopold Guggenberger nach Amerika, mit der schillernden Schauspielgröße Adrienne Pokorny nach Paris, mit dem Abenteurer und Großwildjäger Hellmuth Reichel sen. nach Bhutan.
Sehr interessant sind auch die Berichte von Carina Harrer, die Frau der Bergsteigerlegende Heinrich Harrer aus Knappenberg, dem Expeditionisten Bobby Ehrlich und der beliebten Schauspielerin Heidelinde Weis.

Theo Kelz, berühmt durch die Transplantation seiner beiden Hände im Jahr 2000, fuhr mit seinem Motorrad rund um die Welt, die Schriftstellerin Maria Pink nach Äthiopien und Paul Springer erzählte von seinem ersten Reisebus. Weitere Reportagen beschäftigen sich mit dem „Nichtverreisenwollen“ von Helga-Duffek-Kopper und mit den Musikreisen von der Kärntner-Lied-Legende Gretl Komposch.

Die Autorin und Biografin erzählt, wie es zu diesem, ihren ersten Buch kam: „Im Jahr 2002 lernte ich eine nette ältere Dame kennen, die mir erzählte, dass sie 1936 mit dem Fahrrad nach Rom gefahren ist. Zusammen mit einer Freundin unternahm sie eine unglaublich mutige Reise, die ich festhalten wollte. Im Jahr 2008 führte ich dann elf weitere Interviews mit prominenten Kärntnerinnen und Kärntnern, die mir ihre ganz persönlichen Reisen aus der Vergangenheit schilderten.“

Jedes Kapitel startet mit einer Kurzbeschreibung des Interviewten, danach folgen die Berichte im typischen Denk-, Sprach- und Schreibstil der jeweiligen Persönlichkeiten, einfühlsam, flüssig und nicht beschönigend.
Die zahlreichen historisch interessanten Fotos sind als Dokumentationsmaterial von unschätzbarem Wert und runden den Gesamteindruck ab. Die historisch-dokumentarische Bedeutung dieser Reiseaufzeichnungen stellt sich schon nach den wenigen Jahren seit der Ersterscheinung 2009 dar.

Leseprobe aus dem Kapitel „Auf der Fährte des Blue Sheep“ von Hellmuth Reichel sen. (Seite 63-65): „Es war auf unserer ersten Reise, als uns Prinz Namgyal Wangchuck am Abend zu einem besonderen Fest im Inneren des Dzong (Klosterburg) abholte. Wie alle Bhutanesen trug er an diesem Tag seine Tracht mit einem Schwert und einem wallenden orangen Tuch über der Schulter, wie es seinem Stand entsprach. Auch wir waren festlich gekleidet, als wir das eisenbeschlagene Tor und die königliche Leibwache passierten. Die Klosterburg war von innen noch beeindruckender als von außen, denn viele dieser Dzongs haben wir auf der Fahrt hierher schon passiert. In jedem Tal, an den strategisch günstigen Orten stehen diese Wehrburgen, die ältesten aus dem 13. Jahrhundert. Sie sind Zentren der Verwaltung und der Religion und haben die tibetischen und chinesischen Invasoren über Jahrhunderte davon abgehalten, dieses Land einzunehmen. ….“

Katharina Springer
Sie wurde 1975 in Villach geboren und arbeitete in einem Reisebüro vor ihrem Publizistikstudium in Klagenfurt. Seit 2006 ist sie freie Journalistin und Autorin für verschiedene Magazine in Kärnten und Deutschland tätig.
Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom“ erschien 2009 im Carinthia Verlag. 2010 folgte „Lebensbilder. Porträts von 90 Politikerinnen aus Kärnten“ (Drava Verlag). Etliche Artikel in Anthologien beim Memoiren Verlag Bauschke, zudem bei den Verlagen Hermagoras und Drava. Seit 2010 ist sie als Ghostwriterin tätig und hat etliche Biografien und Chroniken verfasst. Außerdem arbeitet sie als Schreibtrainerin und als Buchcoach von der Privatbiografie für den Familienkreis bis hin zur Veröffentlichung im großen Stile. Seit 2015 bringt sie auch Gemeindechroniken heraus.

www.diebiografin.com

Blog-Cover-Springer

Katharina Springer
Mit dem Fahrrad nach Rom.
Reiseberichte prominenter Kärntner
196 Seiten
110 Fotografien in SW
Verlag Morawa Lesezirkel Wien
ISBN: 978-3-99057-121-7 (Paperback)
19.90 €
ISBN: 978-3-99057-122-4 (Hardcover)
24,90 €
https://publish-books.tredition.de/mymorawa/Customer/ProductList.aspx?PageMethod=OpenBibliography&userId=5171&userRoleId=1

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke Katharina Springer und dem Morawa-Verlag für das Rezensionsexemplar

Facebooktwittergoogle_plus

„Gedichte senden / an all die Engel“ Manfred Poschs lyrisches Vermächtnis

In den letzten Junitagen 2016 kurz vor dem Tod des Klagenfurter Journalisten und Lyrikers Manfred Posch erschien im Hermagoras Verlag Klagenfurt sein Vermächtnis an die Lyrikwelt Kärntens. In „Letzte Silben“ veröffentlichte Posch auf 144 Seiten seine letzten Haiku-Gedichte, die der strengen japanischen Silbenreihung 5-7-5 folgen. Als erklärendes Element sind den Haiku da und dort erläuternde Fußnoten beigestellt, um den Hintergrund und die Bedeutungsebene der einzelnen Begriffe erfassbar zu machen – eine interessante Erweiterung der reinen Lyrikebene um die der Information und kulturwissenschaftlichen Ergänzung. Das war das Anliegen des umfassend gebildeten und interessierten Autors und Chefredakteurs einer bekannten Kärntner Tageszeitung (KTZ), die vor zwei Jahren eingestellt werden musste.

Eine weitere Ergänzung bilden die Fotografien, die auf Wunsch des Autors seinem Haiku-Korpus beigefügt wurden. Wie bereits in seinem ersten Haiku-Band „Milchstraßenschimmer“, der 2015 im Wolfverlag erschienen ist, folgen die Fotos von Gabriele Russwurm-Biro den Themen der Kapitel.

Alois Brandstetter, Schriftsteller und langjähriger Vertrauter Poschs, schreibt in seinem Vorwort zu diesem Band: „Manfred Poschs „Letzte Silben“ sind ein Haiku-Gebirge, ein Gebirgszug, eine poetische Milchstraße, ein Sternenhaufen, ein Konglomerat von Natur- und Bildungserlebnissen, Erlesenem im doppelten Wortsinn, Erlebtem und Erfahrenem. Und auch Erfahrung bewahrt in Poschs Fall ihren tiefen Sinn, wo er doch die Welt bereist hat und auf tausend Gipfeln gestanden ist… Das letzte Kapitel, das dem ganzen Unternehmen den Namen gibt, deutet auf etwas lebensgeschichtlich Definitives, testamentarisch Abschließendes und Ernstes hin.“

Günter Schmidauer, ebenfalls ein guter Freund, verfasste das Nachwort „Die Rückkehr des Manfred Posch“, indem er ihn als einen „homme de lettres“ charakterisiert.

Das Vorausahnen des Todes, die unausweichliche Tatsache der Unheilbarkeit, Trugbilder und Halluzinationen, hervorgerufen durch Medikamente, haben in der späten Lyrik Poschs ergreifend Niederschlag gefunden. Die einzelnen Kapitel spiegeln die Stationen und Leidenschaften des Autors wider: „Sphären“ verweist auf seine Hingabe zur Astronomie und der Himmelsbeobachtung, „Gebirge“ auf seine Liebe und Verbundenheit zu den Bergwelten. Das Kapitel „Klagenfurt“ ist seiner Heimatstadt gewidmet, die Gedichte im Abschnitt „Notturno“ beschäftigen sich mit Tod und Sterben. In „Trugbilder“ wird das Phänomen Halluzination beleuchtet und „Letzte Silben“, das letzte Kapitel und das gesamte Werk, hat er als Requiem seiner geliebten Familie gewidmet.

Als Motto für seine lyrische Tätigkeit, die ihm gerade in den letzten Jahren, auch als Juryvorsitzender des „Kärntner Lyrikpreises STW Klagenfurt“ besonders viel Freude bereitet hat, könnte folgendes Haiku gelten:

GEDICHTE SENDEN
AN DIE SONNE DIE STERNE
AN ALL DIE ENGEL

(© Manfred Posch)

Blog-Porträt-Posch

Manfred Posch: Geboren 1943 in Wien, wuchs er in Klagenfurt auf, wo er auch seine gesamte erfolgreiche journalistische Berufszeit verbrachte. Sein erster Lyrikband erschien 1963. Als junger Dichter war er in renommierten Anthologien präsent. Er galt in den sechziger und siebziger Jahren als große Kärntner Zukunftshoffnung in der Lyrik. Während seiner Berufszeit entstanden mehrere Bücher über die Kärntner Chor- und Volkstumsszene. Einige seiner Werke sind dem Alpinismus gewidmet. 1000 Gipfel hat er bezwungen und war der Bergwelt mit Leib und Seele zugetan.

Weit über 40 Jahre währte seine journalistische bzw. Redaktionstätigkeit im Kultur-, Kärnten- und Politikressort. Vielen von uns war er als versierter Chefredakteur der Kärntner Tageszeitung (2001 – 2006) väterlicher Freund und Vorbild in beruflicher wie menschlicher Hinsicht.

Gleichzeitig engagierte er sich in der Erwachsenenbildung mit zahlreichen Führungen als langjähriger Obmann der Astronomischen Vereinigung Kärntens und Leiter der Sternwarte Klagenfurt. Für sein himmelskundliches Wirken wurde er von der Internationalen Astronomischen Union ausgezeichnet. Das an der Harvard University geführte Minor Planet Center benannte einen 1991 entdeckten Asteroiden 1991 RC3 nach Posch (32821). Dieser läuft innerhalb des sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindlichen Asteroidengürtels um die Sonne. Der Himmelskörper ist vermutlich zwischen vier und sechs Kilometer groß.

Posch bekam das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Kärnten, weiters den Professorentitel von der Republik Österreich verliehen und wurde mit einem der höchsten päpstlichen Orden (Ritter vom Heiligen Papst Silvester) ausgezeichnet. Seit 2008 stand er als Vorsitzender der Jury des „Kärntner Lyrikpreises der STW Klagenfurt“ vor und übernahm diese Aufgabe jedes Mal mit großer Leidenschaft. Er setzte alles daran, dass aus Kärnten ein „Land der Lyrik“ werde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Posch

„Ich hatte ein sehr schönes Leben“, betonte Manfred Posch ohne mit seinem Schicksal zu hadern in einem seiner letzten Gespräche kurz vor seinem Tod. Er war trotz seiner schweren Krankheit bis zu seinem Ableben am 1. Juli 2016 noch voller literarischer Pläne und voller Tatendrang. Mit dem Erscheinen des Lyrikbandes „letzte Silben“ Ende Juni ging sein letzter Wunsch in Erfüllung.

Bllog-Posch-Cover

Manfred Posch
Letzte Silben
HAIKU
Mit Fotografien von Gabriele Russwurm-Biro
Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec
144 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-7086-0921-8
23 €
http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/letzte-silben

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Facebooktwittergoogle_plus

Literatur muss atmen – Nachbetrachtungen zum Wettlesen 2016 in Klagenfurt

Weil Literatur auch atmen muss, blickt jedes Jahr Ende Juni – Anfang Juli die Literaturwelt auf eine kleine Stadt namens Klagenfurt im Süden Österreichs und holt tief Luft. Der sommerhitzige Termin wurde vor 40 Jahren von den Begründern des Preises Humbert Fink und Ernst Willner nicht etwa deswegen gewählt, damit die Teilnehmer nach 4 Tagen Wettlesen vom schönen Wörthersee und vom Ferienambiente überzeugt wieder mit verklärten Erinnerungen an eine wunderbare Location zurückfahren, sondern, weil die in Klagenfurt geborene Dichterin Ingeborg Bachmann am 25. Juni Geburtstag feiert (diesmal ihren 90.). Ihre bevorzugten Städte, in denen sie lange Jahre lebte und arbeitete, waren Rom und Wien und eigentlich nicht die Kleinstadt, in der sie ihre Jugend verbracht hatte (und in der sie 1973 begraben wurde). An K., wie sie Klagenfurt– ihre Heimatstat – nannte, ließ sie nicht viel Gutes – trotz allem blickt die deutschsprachige Literaturwelt zu Sommerbeginn nach Klagenfurt und auf die „Lokalheilige“ wie Jury-Vorsitzender Hubert Winkels Ingeborg Bachmann bezeichnete.
http://www.lesenmitlinks.de/gastbeitrag-heimo-strempfl-ueber-bachmann-und-klagenfurt/

Nun atmet nicht nur das ORF-Theater in Klagenfurt große Literatur während der wenigen Tage des Bachmannwettbewerbs, sondern die gesamte Stadt. Sie bemüht sich „mitzuhalten“- optisch, organisatorisch, veranstaltungstechnisch. Eine große Sache für diese Stadt, will sie sich doch in diesen Wettbewerbstagen als „Literaturhauptstadt Europas“ bewähren, wie die Bürgermeisterin stets behauptet, und es das restliche Jahr nicht schafft, in Lethargie fällt und das besagte „Dichterdorf“ bleibt bis, ja bis zu den nächsten Tagen der deutschsprachigen Literatur („tddl“).
„Klagenfurt“ ist dennoch in den letzten 40 Jahren zum Schlagwort der Literaturszene geworden, zählt doch dieser Preis zu den bedeutendsten Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Geadelt ist, wer „Bachmannpreisträger“ oder „Bachmannpreisträgerin“ auf seine Visitenkarte oder in seine Bio schreiben kann. Dieses Prädikat wird auch überall genannt, getoppt nur durch „Büchnerpreisträger/-in“. Damit erreicht man dann maximale Beachtung, mehr geht gar nicht. Ein literarischer Karriereschub.
Mit diesen Ansprüchen stülpt sich der geadelte Literaturbetrieb einmal jährlich über die Provinzstadt Klagenfurt, welche durch ORF/3Sat-Übertragungen und Medienberichte hofft auch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken (Umwegrentabilität).
Man könnte Klagenfurt auch als Außenstelle von Berlin, sehen in den sommerlichen Süden verrückt, kommen doch viele Besucher und Teilnehmer (sowie 16 der 40 Preisträger) aus Berlin. Im Schnitt geht alle 2 bis 3 Jahre der Bachmannpreis nach Berlin, so ist es auch 2016.
„Wettlesen“ oder auch „Wettsingen“ genannt, egal, übrig bleibt der starke Impuls von Literatur und die Anteilnahme über die Landesgrenzen hinweg. Literatur atmet einen kurzen Sommerhauch lang.

Diesmal war der Wettbewerb sehr international angelegt und dokumentiert eindrucksvoll die Liebe zur deutschen Sprache von Literaten und Literatinnen, die nicht deutscher Muttersprache sind. Das ist nichts Neues beim Bachmannpreis. Globalität und der damit verbundene unterschiedliche Kulturhintergrund beleben die deutschsprachige Literatur und damit auch die Themen.

Blog-Bachmannwettbewerb-2

Inhaltlich oder formal Riskantes und künstlerische Wagnisse, wie sie der Schriftsteller und langjährige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen in seiner Eröffnungsrede zum 40. Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis einforderte, waren unter den 14 qualitativ sehr unterschiedlichen Einreichungen allerdings nicht zu finden.
Manchmal kam die Frage auf, wie der eine oder andere Text überhaupt in die Auswahl zu diesem hochdotierten Literaturpreis kommen konnte. Spinnen betonte aber die verantwortungsvolle Auswahl und schilderte die Leiden, die ein Juror zu bestehen habe, wenn es um Klagenfurt ginge. „Mythos, Scherz, Erfolg und Amt“ lautet der Titel seiner Rede:

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2779963/

Letztendlich fand auch dieses Jahr die hochkarätige und seriös bemühte Jury die richtigen Preisträger und Preisträgerinnen: Die in London geborene Berlinerin Sharon Dodua Otoo gewann mit ihrem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« den von der Stadt Klagenfurt ausgerichteten 25.000 Euro Hauptpreis. Am Beginn der Juryabstimmung war von einer Übereinstimmung nicht die Rede. Fast jeder Juror/Jurorin nannte einen anderen Namen. Otoo setzte sich erst in der 2. Stichwahl gegen Marko Dinić durch. In ihrem preisgekrönten Text erzählt sie mit viel Charme von einem an einem weichen Frühstücksei scheiternden Frühstück. Sie dreht dabei die erzählerische Perspektive und lässt den Leser das Geschehen aus Sicht des nicht hart werden wollenden Eis beobachten.
Jurorin Hildegard Elisabeth Keller sah in diesem Text eine »Persiflage auf Loriots Ei-Nummer mit hintergründigem Charme«, mit dem sie zeige, »dass der Bachmannpreis auch im 40. Jahr noch neuen Stimmen eine Bühne verleihen kann«. Für FAZ-Literaturchefin Sandra Kegel, die Otoo nach Klagenfurt eingeladen hatte, war diese »unangestrengte Satire über einen typisch deutschen Alltag, in dem ein noch weiches Ei die Regie in der Küche übernimmt«.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773423/

In der Stichwahl für den mit 10.000 Euro Preisgeld verbundenen Kelag-Preis setzte sich der Schweizer Autor Dieter Zwicky in der Stichwahl knapp gegen den Serben Marko Dinić durch. Auf verschmitzte Weise erinnerte die Erzählform des Schweizers an Robert Walser und ließ das Publikum staunen. „Idylle oder schon Apokalypse?“ fragte sich Juror Klaus Kastberger.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773434/

Nicht zuletzt zeigte sich die Jury auch von der großen sprachlichen Kunstfertigkeit der Berliner Autorin Julia Wolf beeindruckt, die mit »Walter Nowak bleibt liegen« den 3sat-Preis sowie 7.500 Euro Preisgeld gewann. Beruhigend, dass auch ein klassisch gebauter Text, der sich in die Tradition der Literaturgeschichte eingliedern lässt, reüssieren konnte. Die Geschichte über eine durch das Wasser eines Schwimmbades kraulende »Mannmaschine« sei ein Text, der durch vielfache Lektüre tiefer wird, sagte der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels. Er habe erst im Nachhinein festgestellt, dass er die ideale Gegenerzählung zu Ingeborg Bachmanns »Undine geht« sei.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773431/

Den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis gewann die Wiener Jungautorin Stefanie Sargnagel mit ihrem Text »Penne vom Kika«. Die schillernde Persönlichkeit wurde schon im Vorfeld heftig vom Feuilleton beschrieben und gelobt, sozusagen ein Hype vor dem herbeigesehnten Hype inszeniert. Ihre gewollt provokante Berühmtheit hat sie einer Fangemeinde mit (kolportierten) 30.000 Facebook-Usern zu verdanken, die an ihren Lippen hängen und ihr beim Internet-Voting für den Publikumspreis kräftig unter die Arme griffen. Ihr Text über das Schreiben des Bachmanntextes und die Langeweile darüber löste bei der Jury unterschiedliche Reaktionen aus und kam gar nicht auf die Shortlist. Mit dem BKS-Publikumspreis ist auch ein halbes Jahr Stipendium als Stadtschreiberin in Klagenfurt verbunden. Es ist abzuwarten, ob Stefanie Sargnagel an der Kleinstadt Gefallen finden wird oder ob sie als echtes Wiener Großstadtkind an der Provinzialität verzweifeln wird.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773426/

Abschließend ist zu bemerken, dass sich eher die Texte durchsetzen konnten, die mit Charme und Humor die Zuhörer und Jurymitglieder für sich einnehmen konnten. Ob es „Betrunkene Bäume“ (Ada Dorian) betrifft, „Penne vom Kika“ (Stefanie Sargnagel) oder „Mein Freund Harvey“ (Selim Özdogan).
Letztendlich gewann der feine und unkonventionelle Humor der Britin Otoo, die mit ihrer großen Familie in Berlin lebt, mit einer „kleinbürgerlichen“ Geschichte und deutschem Sittenbild aus der Perspektive eines Frühstückeis („Wer will schon ein Ei sein?“).
Die übrigen Texte litten unter zu viel Bedeutsamkeit und waren daher der Jury „too much“ und dem Publikum oft gar nicht zugänglich.

Nun verfällt der wohlgelittene Austragungsort Klagenfurt nach der Abreise der Literaturkritiker und Prosabegeisterten wieder in den literarischen Dornröschenschlaf. Die Stadt ist (seit Jahren) pleite und muss in Sachen Literaturförderungen sparen, da sie ja nächstes Jahr beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettlesen 2017, auf das wir uns alle wirklich freuen, wieder ihre Stellung als „Europäische Literaturhaupstadt“ beweisen muss…..

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro
Logo © ORF/ Landesstudio Kärnten/ Bachmannpreis 2016

Facebooktwittergoogle_plus