Monat: Mai 2016

„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären“ – DER TROST DES NACHTHIMMELS – Dževad Karahasans Roman als dreiteiliges Erzähl-Epos

Der neueste Roman des bosnischen Schriftstellers Dzevad Karahasan mit dem Titel DER TROST DES NACHTHIMMELS (erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2016) spielt im alten Persien in Stadt Isfahan im 11. Jahrhundert. Im Mittelpunkt dieses Epos steht der Hofastronom Omar Chayyan, eine historische Persönlichkeit (1048–1131) zu Diensten des Sultans am Hof von Isfahan.
Deswegen ist der Roman aber noch lange kein historischer im herkömmlichen Sinne, aber auch keine Biografie des Hofastronomen. Der Roman geht darüber hinaus, sprengt die üblichen Grenzen, erweitert sich zu einem literarischen Universum.

Mit diesen Sätzen beginnt Dževad Karahasan seine Romantrilogie:
„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären. Aber wenn sie schon anbrechen müssen, wenn der Anbruch eines jeden Tages unabwendbar ist, müsste es eine Möglichkeit geben, den Tag, den man ganz gewiss nicht braucht, zu meiden, etwa indem man gar nicht erst aufwacht oder ihm sonstwie fernbleibt…“ (S 9).

Zehn Jahre hat der Schriftsteller an diesem Werk gearbeitet und unglaublich viele Detailszenen zu einem epischen Ganzen verwoben. Chayyan, als zentrale Figur und roter Faden, der sich durch die drei Teile des Romans hindurchzieht, ist Poet und Astronom und ein hoch angesehener Mann, ein HAKIM, ein Gelehrter, ein Mensch, der in vielen Gebieten bewandert ist wie das umfangreiche und sehr aufschlussreiche Glossar den Leser belehrt und sein Wissen über das alte Persien erweitert.

Karahasan ist ein Meister der Erzählkunst und knüpft viele Handlungsfäden zusammen zu einem Gesamtwerk. Im Teil I des vielschichtigen Romans DER SAMEN DES TODES wird Omar Chayyan mit dem Giftmord am Vater seines besten Freundes konfrontiert. Der Harem, die Konstruktion dieses Haushalts, die Traditionen, alles verdichtet sich in diesem Familiendrama, in das Omar hineinstößt und nachgräbt – und auch die Lösung findet, die ihm gar nicht lieb ist und ihn letztendlich belastet. Der Roman beginnt also wie ein Krimi, das allein wäre aber zu wenig, um das Werk zu charakterisieren. Omar Chayyam hatte am Hof des Sultans unter der Obhut des gelehrten Wesirs Nizam al-Mulk die Aufgabe ein Observatorium einzurichten und den Kalender zu reformieren. Der Nachthimmel begleitet die Hauptfigur daher ein Leben lang:

„…nachts beobachteten sie gemeinsam den Himmel. Aber es gab nicht mehr das, was er, Chayyam den Trost des Nachthimmels genannt hatte. Wenn du den Nachthimmel lange genug beobachtest, begreifst du, dass jeder Stern allein und unendlich weit vom nächsten entfernt ist, aber dass sie alle einem Gesetz unterliegen und dass dieses Gesetz ihre Einsamkeit aufhebt. Es verbindet, stellt Beziehungen zwischen ihnen her, es beginnt ein Gespräch unter ihnen, selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. So muss es auch mit den Menschen sein, hatten er und Musaffer philosophiert. Wir sind tatsächlich allein und jeder für sich, aber wir wissen, dass es ein Gesetz gibt, das uns verbindet, weil wir ihm alle unterliegen.“ (S 155)

Im zweiten Teil DER DUFT DER ANGST wird dem Leser ein ganzes, orientalisches Universum erschlossen mit wunderbaren Detailschilderungen, aber auch furchtbaren Grausamkeiten bis ins Detail beschrieben, die politische Dimension des 11. Jahrhunderts in Persien rückt ins Bild: Die Karmaten, eine radikalisierte Volksgruppe, die das Seldschukenreich bedrohen, stellen den Anfang des Zerfalls dar, falsche Ratgeber, Intriganten, Krieg und Folter. Der Sultan lehnt die Gründung eines Nachrichtendienstes zur Bekämpfung innerer und äußerer Feinde ab – ein folgenschwerer Fehler für das angreifbar gewordene Reich. Es kommt zu Ermordungen, Säuberungen, mysteriösen Todesfällen. Eine Terrororganisation , angeführt von einem ehemaligen Freund Chayyams, trägt zum Verfall des Reiches bei und versetzt die Bevölkerung in Angst.

Der angesehene und einflussreiche Sufi Abu Said tritt als das „Gewissen“ seiner Zeit auf und gibt Einblicke in Glauben und Religion, den philosophischen Aspekt des Romans.
„… der Mensch wurde um des Gedächtnisses willen erschaffen, damit er das Gedächtnis der Welt sei, rief Abu Said nach einer längeren erwartungsvollen Pause triumphierend aus. Kein vernünftiger Mensch sollte sich beklagen, dass ihn der Fluss oder der Tisch nicht im Gedächtnis behalten haben, weil der Mensch da ist, um etwas im Gedächtnis zu behalten, nicht sie. Könnte ein Quittenbaum dieses Jahr Frucht bringen, wenn er die letztjährige im Gedächtnis hätte? Könnte er Blätter treiben, wenn er jedem Blatt vom letzten Jahr seinen Platz bewahren wollte?“ (S 363)

Im dritten Teil BEKENNTNISSE AUS DER ASCHE ist Omar ein alter Mann ohne Familie und trifft auf einen jungen Bosnier, Vukac, der ihm dient und ihn verehrt und Omars Lebensgeschichte aufschreibt – ihn bis zum letzten Atemzug liebevoll begleitet. Mit einem Bekenntnis von Vukac, der wieder in seine bosnische Heimat zurückkehrt, endet der Roman und mit einer Herausgeberfiktion über die im Jahr 1200 verfasste Handschrift über Chayyams Leben, die 1992 in der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajewo im Folge des Jugoslawienkrieges verbrannte.

Karahasan beschreibt in vielen Handlungssträngen vom Niedergang eines Staates, vom Aufkeimes des Fundamentalismus, vom Zerfall geordneter Strukturen und von der Wissenschaft im 11. Jahrhundert.
Die Darstellung der handelnden Personen ist eindrücklich und zeitlos, auch seine Hingabe an die (beinahe altpersische) Erzählkunst nimmt den Leser voll in Beschlag und macht das Erzählen zum wichtigsten Thema in diesem Roman. Der Zauber altorientalischer Märchen schwingt mit, Schönheit und Grausamkeit liegen eng beieinander.

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren ist ein grandioser Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuchs der Aussiedlung (1993) und seiner beiden Romane Schahrijârs Ring (1997) und Sara und Serafina (2000). Für den Essayband „Das Buch der Gärten“wurde er 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Karahasan lebt in Graz und Sarajevo.
Auf der Flucht vor dem Jugoslawienkrieg in Bosnien-Herzegowina kam Karahasan nach Kärnten, wo er auf den Theatermacher Herbert Gantschacher von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater traf.

http://www.suhrkamp.de/autoren/dzevad_karahasan_2324.html

Literatur.Report/Kärnten bat den Leiter von ARBOS, Regisseur und Intendant Herbert Gantschacher, um die Wiedergabe seiner Erlebnisse und seiner Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Karahasan, der auch für Kärnten durch seine nachhaltige literarische Tätigkeit als Dramaturg und Dramatiker besondere Bedeutung bekommen hat:

Gantschacher schreibt: „Als ich 1993 die Inszenierung der Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ von Viktor Ullmann in der Originalfassung des Komponisten als Österreichische Erstaufführung vorbereitete, tobte in Bosnien-Herzegowina der Krieg. Um des Überlebens willen fasste der damalige Dekan der Akademie der Szenischen Künste in Sarajevo und Dichter Dževad Karahasan den Entschluss, aus Sarajevo zu fliehen. In Klagenfurt angekommen traf ich ihn vor Probenbeginn zu Ullmanns Oper, damals sah ich zum ersten Mal Menschen auf der Flucht, der mit nichts als seiner Feder in der Tasche den Gräueln des Krieges entkommen ist. Karahasan ist seit damals Dramaturg und Dramatiker für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater. Karahasan und ich entwickelten jenes Spielkonzept für Ullmanns Oper, die dann von 1993 bis 2001 in Österreich, Tschechien, Schweden, Deutschland, Kanada und den USA gespielt worden ist. Dabei kam es zu mehreren denkwürdigen und geschichtsträchtigen Erstaufführungen, 1993 in Prag im Národní Památník unter Anwesenheit des ersten Tod-Darstellers aus Theresienstadt, Karel Berman. Die Inszenierung wurde 1993 Musiktheateraufführung des Jahres in der Tschechischen Republik. Am 23.Mai 1995 ist Theresienstadt 51 Jahre nach der Generalprobe erstmals die Ullmanns Oper am Ort der Fertigstellung von Libretto und Musik durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater gespielt worden. In weiterer Folge kam es zu Erstaufführungen von Ullmanns Oper in der Originalfassung des Komponisten in Schweden (Kulturhuset in Stockholm), in Kanada (National Arts Centre in Ottawa) und in den USA (United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.). Die Ullmann-Rezeption und Wiederentdeckung der Originalfassung der Oper Ullmanns aus Theresienstadt ist weltweit auch der Tatsache geschuldet, dass ich gemeinsam mit Karahasan dieses Spielkonzept entwickelt habe, das dem Werk Ullmanns seinen Respekt zollt.
2014 kam es zur Neuinszenierung von Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ als Puppentheater wiederum mit Karahasan als Dramaturgen und der Weiterentwicklung des szenischen Konzeptes. Diese Inszenierung ist nun Teil des Viktor Ullmann Projektes geworden, das in Kombination von Ausstellung und Vorstellung 2015 im Clam-Gallas Palais des Prager Stadtarchivs wiederum international Kärnten kulturell Bedeutung verschafft. Die Inszenierungen der Ullmannschen Musiktheaterwerke aus Theresienstadt, nämlich „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ und „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater sind Kärntens bedeutendste internationale künstlerische Präsenz geworden, die nun bis Australien führen, denn das Radio der Australian Broadcasting Company hat Ullmanns Oper in der Aufnahme von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater australienweit einem breiteren Publikum bekannt gemacht.
Karahasan ist somit Teil des bedeutendsten künstlerischen Projektes aus Kärnten, das nun seit Jahrzehnten weltweit für Kärnten für Aufsehen und Ansehen sorgt.
Als Dramaturg hat Karahasan seit 1993 an folgenden Produktionen gearbeitet:
Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ 1993
Herbert Lauermann „Das Ehepaar“ 1995/Viktor Ullmann „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ 1996/Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ Inszenierung für Puppentheater 2014-2019
Als Autor hat Karahasan für ARBOS – Gesellschaft folgende Stücke geschrieben, die auch uraufgeführt worden sind:
„Al-Mukaffa“ 1994 /„Der Gesang der Narren von Europa“ 1994/„Der entrückte Engel“ 1995 (auch als Hörspiel für das Radioprogramm Ö 1)/„Das Konzert der Vögel“ 1997/„Babylon oder Die Reise der schönen Jutte“ 1999/„Die Fremden“ 2001/„UROBOS: Project Time“ 2001/„Schnee und Tod“ 2002/„Am Rande der Wüste“ 2003/„Eine alte orientalische Fabel“ 2004/„Die einen und die anderen“ 2005/„Gastmahl“ 2005/„Die Landkarten der Schatten“ 2011/„Prinzip Gabriel“ 2014/ Dazu kommen noch zwei Klassikerbearbeitungen durch Karahasan für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater: „Der Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin 2005/ „Woyzeck“ von Georg Büchner 2007 (©Herbert Gantschacher 2016)
http://www.arbos.at/web_tv/kategorie_1.html

Blog-Cover-Foto2

Dževad Karahasan
Der Trost des Nachthimmels
Roman
Aus dem Bosnischen von
Katharina Wolf-Grießhaber
Gebunden,
724 Seiten
Suhrkamp-Verlag Berlin
ISBN 978-3-518-42531-2
€ 27,70
http://www.suhrkamp.de/buecher/der_trost_des_nachthimmels-dzevad_karahasan_42531.html

http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518425312.pdf


Ich danke Herbert Gantschacher für die Verfassung und Genehmigung zur Veröffentlichung seines Textes zur Tätigkeit und Bedeutung Dževad Karahasan als Dramatiker und Autor in Kärnten.

Ich danke dem Suhrkamp Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Von der Poetik des Mäanders – Laudatio zum Humbert-Fink-Preis 2016 an Engelbert Obernosterer von Katharina Herzmansky

„Eine charakteristische Linie in meinem Lebenslauf sehe ich darin, dass es mich, den Bauernbuben, kaum dass ich mich umschauen konnte, aus den Geleisen des Bäuerlichen gekippt hat. Ernstlich gewillt, das Beste aus dem minderen Ausgangsmaterial zu machen, strebte ich sogar den Priesterberuf an. Zu meiner eigenen Überraschung aber geriet ich so gründlich vom dorthin führenden Weg ab, dass ich mir den Hochwürden in die Haare schmieren konnte und mich mit einer kleinen Richtungsänderung ins pädagogische Metier hinein rettete. Leider habe ich auch als Pädagoge nie ganz begriffen, was eines Pädagogen ist. Immerzu ritt mich der Teufel: einmal links weg, einmal im gestreckten Galopp auf einen Abgrund zu, am öftesten aber hinaus ins unerkundete Gelände der Literatur.“

Schöner und treffender kann man Engelbert Obernosterers Lebensverlauf, der auch mit seinem literarischen Streben und Drängen, mit der Poetik seiner Texte in eins fällt, nicht darstellen. Die Stelle stammt aus der bislang jüngsten Publikation des Autors, aus dem im Vorjahr erschienenen Buch Der Kampf mit dem Engel.

Es ist keine so leichte Aufgabe, über jemanden zu sprechen, der selbst wenige Worte braucht, um viel zu sagen. Und es ist ein sinnwidriges Unterfangen, das Werk eines Autors zu schematisieren und zu systematisieren, dem es gerade darum geht, das Gesehene, Erschaute, Erlebte, das Geschriebene eben nicht in ein regulierendes Korsett oder Raster zu zwängen, sondern die Dinge sich frei entwickeln zu lassen. Engelbert Obernosterer weiter im Kampf mit dem Engel:

„Nun, da ich mich ihr [der Literatur] in aller Ruhe widmen kann, ergeht es mir beim Versuch, etwas geradlinig zu erzählen, ähnlich: Was in mir vorgeht, drängt mich vom geplanten Verlauf ab, hinaus gegen das Formlose, so dass, was ich erzählen wollte, ein von den Mächten des Zufalls bestimmtes Mäandern wird, das an den Verlauf des das Tal durchziehenden Flusses erinnert, bevor er reguliert worden ist.“

Daran möchte ich denken, geschätzte Damen und Herren, lieber Engelbert, wenn ich im Folgenden versuche, meinen Gedanken über Engelbert Obernosterer und seine literarische Welt möglichst freien Lauf zu lassen und dabei doch auf meiner Ansicht nach Wesentliches seiner Textwelt zu sprechen zu kommen.

Standort

Charakteristisch für viele der Werke Engelbert Obernosterers ist eine Bestimmung des eigenen Standorts, der Position des Erzähler-Ichs und der sich daraus ergebenden Perspektive. Das ist oft ein Blick aus dem Fenster, auf das Nachbarhaus oder die Einfahrt zum Nachbarhaus beispielsweise, auf einen Berghang, auf den Schreib- oder Küchentisch und das ist immer wieder auch ein Blick in den Spiegel.

Es handelt sich dabei zuallererst um ein Sich-in-Beziehung-Setzten zur Welt, zu einem Gegenüber, um ein Verorten der eigenen Person aus einem Zustand der Unsicherheit bzw. des Undefinierten, Diffusen auch Formlosen heraus, etwa wie aus dem Schlaf, wenn das Auge sich erst einstellen und die Dinge fokussieren muss, wenn sich sowohl der eigene Mensch erst wieder zusammensetzen und Gestalt annehmen als auch die oft noch als schummrig oder flimmernd erscheinende Umwelt wieder in eine Form bringen muss.

Es sind wunderbare Textstellen, die Engelbert Obernoster in diesem Zusammenhang geschaffen hat, und es wäre vergnüglich und lohnenswert, sie einmal nacheinander aufzufädeln und zu lesen: wie noch nicht geputzte Brillen den Erzähler „mit den Vorgängen einer ländlichen Ortschaft verschmieren“, wie es in Grün heißt, wie eine „Herde von Häusern“ in „einem flimmernden Grau verschummert“ und zuletzt „mitsamt seinen Eigenbrötlern und Wichtigtuereien im blauen Dunst aufgeht“ (Das grüne Brett vor meinem Kopf), wie die „Lichtkeile“ eines Berghang sich im Auge des Betrachters „zu einem Bild beruhigen“ (Ortsbestimmung) oder wie, zuletzt in Der Kampf mit dem Engel, die Verrichtungen einer Frühstückszeremonie eine Rekonstruktion und Vergewisserung der eigenen Person, letztlich einen Begriff vom neuen Tag und vom Dasein bedeuten.

Was da – wie überhaupt alles bei Engelbert Obernosterer – scheinbar so beiläufig daherkommt, so alltäglich wie der morgendliche Kaffee und die Zeitung, ist im Grunde immer auch aufs höchste philosophisch. Nichts weniger als Fragen der Beziehung zwischen Ich und Welt, von Wahrnehmbarkeit und Mitteilbarkeit der Wirklichkeit, Ordnung und Unordnung, Form und ihrer Auflösung, letztlich auch nichts weniger als der Vorgang des Schöpferischen, des Form-Gebens durch die Sprache, aber auch der Vorgang des Deformiert-Werdens, der verletzenden und verstümmelnden Schubladisierung der Dinge durch das Benennen und die Begriffe, wird hier auf äußerst sympathische, nonchalante und ironisch-witzige Form verhandelt. – Wobei bei Obernosterer nicht klar auszumachen ist, ob am Anfang das Wort oder das Bild steht; vieles spricht für einen visuellen Zugang, für das Bild, das zur Sprache wird, einiges aber auch für das Wort, das aus einer diffusen Ursuppe heraus erst Bilder formen kann. Letztlich bleibt die Frage nach der Kommunizierbarkeit der Welt und ihrer Erscheinungen bei Engelbert Obernosterer in einer eigentümlichen Schwebe.

So wie sich Wort und Bild die Waage halten, bleiben Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung in einer nicht aufzulösenden schwebenden Beziehung. In seiner allerersten Buchveröffentlichung, Ortsbestimmung aus dem Jahr 1975, in der Autor die Verortung, die Bestimmung des Verhältnisses von Erzähler und seinem Erzählgegenstand zum übergeordneten Thema macht, heißt es:

„Es ist einmal ein Dorf. Etwas abseits von Ort und Zeit liegt es in der Ebene, die ich mein Niveau nennen möchte. Etwas ragt darüber hinaus. Der Kirchturm ists, wenn ich genauer hinsehe. Wegwärts ragt er, um mit seiner Spitze doch wieder auf mich herüber zu deuten.“

Der klassische Obernosterer ist von Anfang an da; erlauben Sie mir hier ein paar Abschweifungen, ein paar Abstecher ins Textgelände. Am Beginn steht die Verfremdung eines Märchenanfangs: „Es war einmal ein Dorf.“ Das zentrale Sujet wird ausgestellt. Dem Raum-Zeit-Gefüge gleichermaßen enthoben, begibt sich ein Ich-Erzähler mit ihm auf ein Erzählniveau. Fast wie ein Maler oder ein Fotograf, der seine Staffelei bzw. sein Stativ aufstellt, nähert er sich an. Augenfällig ist denn auch die bildnerische, die grafisch-geometrische Herangehensweise. Mit wenigen Strichen wird auf eine Horizontale eine Vertikale, auf die Ebene ein Kirchturm gesetzt, werden verschiedene Punkte bezeichnet, die zu einem mehrdimensionalen Bezugsraum verbunden werden können. In dem von ihm errichteten Liniennetz bleibt der Erzähler mit einbezogen, manchmal auch verfangen, so sehr er auch versucht, Distanz zu halten. Wir haben es gehört, der Kirchturm ragt wegwärts und weist doch auf ihn zurück. Und weiter in der Ortsbestimmung:

„Von Spannungen verbogen und unruhig zeigt sich das Gelände, bis die ersten Worte gesetzt werden. Die Furchen auf den Äckern graben sich in meine Stirne, während ich über die selbstverständlichen Verrichtungen der Pflüger nachdenke. Ich bin mit meiner gefurchten Stirne ziemlich allein. Über das Pflügen an sich läßt sichs nicht nachdenken. Man kann allenfalls eine Zeitlang hinter einem Pfluge hertrotten, um schließlich doch gewahren zu müssen, daß man sich vom ersten der gesehenen Pflüge, dem einzig wahren Pflug, mit jedem Schritt weiter entfernt hat und jetzt auf einem fremden Acker steht.“

Augenfällig ist auch die Semiotisierung der Umgebung, der Zeichencharakter, den der Autor den Dingen verleiht. Die Oberfläche verweist auf Inneres verwiesen, die Struktur der Landschaft auf die Struktur des Gemüts. In einer kargen Welt, wo für Gefühle wenige bis keine Worte vorhanden sind, lässt Engelbert Obernosterer seit jeher die Dinge sprechen. Die Sprache als Mittel der Kommunikation ist in diesem Falle das, was den Erzähler von den anderen, was den Gedankenpflüger von den Pflügern der Äcker, trennt.

Das Gefühl, auf einem fremden Acker zu stehen, wird Engelbert Obernosterer nie verlassen. Es wird die Position eines außenstehenden Beobachters und damit auch den kritischen, scharfen und satirischen Blick, insbesondere auch auf die Schwächen und Missstände seiner Umgebung, ermöglichen. Es wird aber auch einen melancholischen Ton in sein vordergründig heiter-satirisches Erzählen bringen, spürbar als eine Verhaltenheit, als ein Zurücknehmen der eigenen Person, eigentlich die gesamte Schreibbiografie hindurch. In Mythos Lesachtal, 2005 und also 30 Jahre nach der Ortsbestimmung erschienen, ist zu lesen:

„Ein sehr beredter Berghang eigentlich, in den sich der Hof meiner Eltern eingenistet hat. Jedes Mal wenn ich ins Tal fahre, winkt er mir schon von weitem zu mit seinen Ackerstreifen und Wiesenfahnen. Ich möge mir für ihn Zeit nehmen, er hätte mir viel zu sagen, gestikuliert er mir aufgeregt entgegen. Aber wie viele Leute aus dem Tal, die etwas auf dem Herzen haben, letztlich nur steife Schultern bekommen und nichts herausbringen, bleibt auch das Gelände meiner Kindheit steif vor Sprachlosigkeit.“

Diesem Gefühl von der Distanz und Unerreichbarkeit verdanken wir letztlich die unaufhörliche Suche, die unablässige Annäherung an den Hang der Kindheit und damit das Schreiben, verdanken wir die Literatur des Engelbert Obernosterer, verdanken wir eine Darstellung eines Tales und seiner Menschen, die genau, liebevoll und kritisch zugleich ist, verdanken wir die schönsten, wahrhaftigsten, weil ungeschönten sprachlichen Bilder, die es über diese Welt gibt, über das Mähen beispielsweise, über die ländliche Arbeit, über das Kindsein am Land, über die Alten, über die Zeremonien, über Weltlichkeit und Geistlichkeit, über die Magie der früheren Zeit und über das Verlorengehen des Magischen, über die inneren und äußeren Veränderungen durch den Tourismus, durch den sogenannten Fortschritt, über das Häuselbauen, über das Eheleben, über den Schulbetrieb, den Literaturbetrieb, über das Wetter und seinen Einfluss auf die Menschen, über ihre Kleidung, über alles – nichts ist diesem Blick zu wenig, zu minder.

Es sind Weltenstücke des Alltäglichen, die diese Literatur ausmachen. Und damit kommen wir zur charakteristischen Erzählform des Engelbert Obernosterer, der Prosa-Miniatur. Die Fähigkeit, in reduzierten sprachlichen Bildern ganze Welten zu fassen, in Erzählkernen ganze Geschichten anzulegen, nicht im Gedicht, sondern in der Prosa wohlgemerkt, ist einzigartig in der österreichischen Gegenwartsliteratur, soweit ich sie überblicke. Engelbert Obernosterer entwickelt sie von Anfang an, bedingt, wie ausgeführt, durch den genauen Blick aufs Nahe- und Nächstliegende, bedingt durch das Ausschnitthafte dieses Blicks. Und er treibt diese Form auf die Spitze, treibt die Miniaturen in Richtung Auflösung. Dass alles Welt ist, nicht nur die Weite, das hat kein anderer so eindrücklich klar gemacht, und dass der Mythos im Alltäglichen und im Erzählen darüber begründet liegt, wohl außer Engelbert Obernosterer nur noch Roland Barthes.

Dynamik

Neben der Welthaltigkeit im Kleinen fasziniert eine weitere Eigenschaft der Texte Engelbert Obernosterers, die man ebenfalls gar nicht so leicht zu fassen kriegt. Es ist eine den Texten innewohnende Dynamik, eine dem Schreiben eigene Bewegung, ein Drängen, das immer auch über den Text bzw. die jeweilige Textstelle hinausweist. Wenn wir uns die eingangs zitierte Stelle, den komprimierten Lebenslauf, in Erinnerung rufen, und damit zum Anfang zurückkehren, so ist das pure erzählte Bewegung. Von Linien und Verläufen ist die Rede, von vorgegebenen Geleisen und Bahnen und von einem, der daraus kippt, vom Weg abkommt, und zwar weil ihn, wie er schreibt, der Teufel reitet oder Mächte des Zufalls bestimmen, der entweder weit über das Ziel hinausschießt oder kurz davor das Ruder herumreißt, auf einen Abgrund zusteuert oder ins offene, unerkundete Gelände (der Literatur) hinaus.

In so gut wie allen Texten Engelbert Obernosterers haben wir es mit einem Autor bzw. einem Erzähler zu tun, der, nachdem er sich einmal kurz verortet hat, auch schon wieder unterwegs ist, physisch und in Gedanken auf Erkundung, im umliegenden Gelände, und diese Bewegung auch zum Thema macht. Wenn man sich die umfriedeten Weltenstücke des Engelbert Obernosterer genauer ansieht, so sind sie auch nie geschlossen, meist führt ein Weg, eine Straße hinaus, aus der Einfahrt, vom Feld weg, aus dem Dorf, aus dem Tal hinaus. Auch das wäre eine wunderschöne Miniaturen-Kette, die Stellen über Fahrten ins oder aus dem Lesachtal hinaus aneinanderreiht! Zudem handelt es sich bei dem Textgelände Engelbert Obernosterers stets um zumindest doppelbödiges Terrain, und es scheint, als sei darin eine Art innere Tektonik wirksam, die den, der dieses Terrain betritt, wenn schon nicht aus der Bahn wirft, so zumindest kurz stolpern oder innehalten lässt. „Meinem Wesen entspricht eher das Zweirad“, so Engelbert Obernosterer in Das grüne Brett vor meinem Kopf. „Was mehr als zwei Räder hat, scheint mir auch, was mehr als zwei Beine hat, zu sehr dem Boden verhaftet. Am Zweirad fasziniert mich, dass es den Boden lediglich an zwei Punkten berührt, zwei möglichst kleinen Punkten, und das nur, um sich davon abzustoßen.“

Die dynamische Erzählperspektive, die mit Leichtigkeit, manchmal auch mit einer gewissen Holprigkeit, mit Heiterkeit und Witz einhergeht, bedingt nicht zuletzt auch eine filmische Komponente und ist kennzeichnend für den „Zeilenwanderer“, den „Flurwärter“ Engelbert Obernosterer, wie er sich bzw. sein Erzähler-Ich auch selbst bezeichnet hat. In dieser Dynamik kommt eine Widerständigkeit zum Ausdruck, ein ständiges sich Abstoßen, Sich-nicht-festmachen und festnageln-Lassen. Daher kommen auch die geistigen Bocksprünge, daher kommt auch das Bild vom Leben wie vom Erzählen als einem Fluss, und zwar der wilden, alten Gail vor ihrer Regulierung.

Lieber Engelbert, ich mach hier Schluss; bleib du in Bewegung, unterwegs, widerständig, drahtig, teilnahmsvoll, das wünsch ich dir und das wünsch ich uns: noch viele Gedanken, Geistelblitze, noch viele, viele Zeilen – herzliche Gratulation zum Humbert-Fink-Literaturpreis!

© Katharina Herzmansky

Ich danke Mag. Katharina Herzmansky für die Erlaubnis ihre Laudatio als Gastbeitrag in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Foto (c) Gabriele Russwurm-Biro

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„Ich zeige dir das Meer“ – Antrittslesungen des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes

Zweimal im Jahr präsentiert der Kärntner SchriftstellerInnenverband im Rahmen von Lesungen die neu aufgenommenen Mitglieder einer breiteren interessierten Öffentlichkeit in Klagenfurt. An diesem Abend Mitte Mai konnte man vier sogenannte Antrittslesungen im Musilhaus in der Bahnhofstraße anhören und miterleben: Sieglind Demus, Ingeborg Ruth Lané, Miriam H. Auer und Mario Oppelmayer lasen aus ihren neuen Werken und gaben somit Einblick in ihr Schaffen.

Die Kärntner Schriftstellerin Sieglind Demus ist Text- und Fotojournalistin und verfasst seit 2011 als freiberufliche Autorin literarische Texte. Nach Aufenthalten in Ägypten, Asien, Uganda und Deutschland lebt sie seit Jänner 2013 in Villach. 2012 erhielt sie den Allgemeinen Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe. In den Jahren 2013, 2014 und 2015 war sie Preisträgerin beim Literaturwettbewerb „WortReich“ (Kärntner Bildungswerk/Marktgemeinde Finkenstein).

http://www.bildungswerk-ktn.at/fileadmin/bilder/aktuelles/WortReich_2015_Textsammlung_web.pdf

Für 2015 bekam sie vom Bundeskanzleramt zwei Arbeitsstipendien. Sie hat an folgenden literarischen Projekten teilgenommen: „Begegnungen – können Dein leben verändern oder auch nicht“, „Und die Liebe?“, „Horror vacui“ und „Himmelangst“. Einige Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften (FIDIBUS) gedruckt und werden oft bei Video-/ Foto-/Literatur- Performances in Österreich multimedial umgesetzt. Ihre Texte wurden in Englisch und Italienisch übersetzt und sind auch auf ihrer Homepage zum Teil veröffentlicht:

http://www.sieglinde-demus.de/texte.html

Bei der Antrittslesung brachte sie den bisher noch unveröffentlichten Text DER GESANG DER ZIKADEN zum ersten Mal vor Publikum zu Gehör, der folgendermaßen beginnt:

Der Gesang der Zikaden

Im Herbst sah er diesen Film im Fernsehen. Schneebedeckte Bergpanoramen wechselten sich mit hügeligen Wiesen ab, die Soča grub sich in Schroffen. Die Kamera schwenkte zu idyllischen Bergdörfern, bevor sie einem Weg durch den blühenden Karst folgte — bis in der Ferne silbern glitzernd das Meer auftauchte, verschmolzen mit dem Horizont. „Irgendwann Karli“, er lachte, klatschte mit der flachen Hand aufmunternd auf das Bein seines Sohnes, „irgendwann machen wir beide das gemeinsam. Du und ich. Wir gehen bis zum Meer!«
Zu Weihnachten, als er registrierte, dass er seinem Kind wieder nicht genug geben konnte, versprach er ihm ins Ohr: »Weißt du was Karli, wir gehen nicht irgendwann. Wir gehen diesen Sommer. Wir gehen über die Grenzen. Ich zeige dir das Meer.« … …(© Sieglind Demus)

Ingeborg Lané wurde 1946 in Wien geboren, wo sie bis 2008 mit Ihrem Mann lebte. Danach fand sie in Villach ein neues Zuhause. Sie wurde gleich nach ihrer Geburt „verschenkt“. Mit zwölf Jahren erfuhr sie durch Zufall von fremden Menschen, dass sie ein Pflegekind war. Nach diesem seelischen Schock, der sehr lange anhielt, erfuhr sie am Vormundschaftsgericht bei der Einreichung der Genehmigung für ihre Hochzeit, dass sie noch drei Geschwister hat. Von Zeit zu Zeit über Jahrzehnte versuchte sie diese ausfindig zu machen. Das Daten¬schutzgesetz verhinderte jedoch dies. Es blieb ein Kampf zwischen Aufgeben und Weitersuchen, gegen Bürokratie und Beamtenburg. Schließlich startete sie 2010 mit 64 Jahren einen letzten Versuch, um ihre zwei Brüder und eine Schwester zu finden. Schwierige Recherchen, Durchhaltevermögen und der Wille, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen brachten sie an ihre Grenzen. Diese aufregende Suche über 50 Jahre führte sie bis nach Gran Canaria, wo sie letztendlich zum Ziel gelangte.
Ihre Autobiografie war so spannend, dass Ingeborg R. Lané vom öster¬reichischen und deutschen Fernsehen interviewt und ihr Schicksal in diversen Zeitungen sowie im Radio erzählt wurde. Darauf hin animierte man sie mehrfach zum Schreiben ihrer Lebensgeschichte. Im November 2014 erschien dann das Buch mit dem Titel „Unbekannte Geschwister/Mein langer Weg zu Euch“. Es erzählt die Geschichte einer Kindheit in der Nachkriegszeit in Wien, ein „verschenktes“ Kind, das seiner Wurzeln beraubt wurde und seinen Weg findet. Ein Buch über Mütter, Geschwisterliebe und das Verzeihen, aber auch zum Nachdenken für Adoptiv¬- und Pflegeeltern.
http://www.lgil.at/index.php/mnu-leseproben/mnu-kap2
Sie las bei der Antrittslesung mehrere Textproben aus ihrer Autobiografie und brachte das Publikum zum Staunen mit den zahlreichen Details:
„Wien, Vormundschaftsgericht, März 1964:
Es hieß noch einige bürokratische Hürden vor der Eheschließung zu überwinden: Wir erfuhren beim Jugendamt, dass die nächste große Schwierigkeit darin bestand, dass ich nicht adoptiert war, sondern als Pflegekind die Bewilligung meiner leiblichen Mutter für die Heirat brauchte. Dieser Canossagang blieb mir erspart, da ich bei der Jugendfürsorge erfuhr, dass meine leibliche Mutter schon 1962 verstorben war und ich dadurch einen amtlichen Vormund hatte – mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Zu diesem Zeitpunkt hasste ich meine leibliche Mutter so sehr, dass ich sie weder sehen, noch sprechen hätte wollen…..“ (© Ingeborg R. Lané)

Als dritte Schriftstellerin präsentierte sich Miriam H. Auer mit Lyrik.

Sie wird 1983 in Friesach geboren, wächst in Arnoldstein auf. Träumt vom Schreiben, kann im Kindergarten lesen. Zeichnet, spielt Instrumente, schreibt bis heute Lieder. Seit sie Stifte halten kann, zeichnet sie auch. Miriam Auer besucht das Peraugymnasium in Villach, schaut oft aus dem Fenster … Maturiert. Studiert. Wird 2015 mit Auszeichnung zur Dr.in phil. promoviert. Ihre Dissertation trägt den Titel Poetry in Motion and Emotion. Literarisch versucht sie sich früh, schriebt Lyrik, Lesedramen, Kurz- und Langprosa.

Miriam Auer traut sich aber erst 2012 mit ihren Texten an die größere Öffentlichkeit. Von 2013 bis 2014 arbeitet sie an ihrem ersten Buch HINTER DER ZEIT, das Ende Oktober 2014 in der Edition Meerauge/Verlag Heyn publiziert wird, das gefällt, polarisiert, verwirrt, aber bestimmt zum Denken anregt.

http://www.meerauge.at/ausser_der_reihe_specials/hinter-der-zeit-umnachtungsnovelle

2013 gewinnt sie den zweisprachigen Literaturwettbewerb von Bleiburg „Kärnten wortwörtlich/ Koroška v besedi“
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

2014 wird sie zweite beim Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes. 2015 erhält sie den Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten und findet den Mut, neben ihrer Tätigkeit als Lehrende am Institut für Anglistik der Universität Klagenfurt, auch als freie Schriftstellerin zu leben und zu arbeiten. Für Miriam Auer, die sich auch stark für Menschen- und Tierrechte engagiert, gibt es kaum Schöneres.
Ihr zweiter Roman mit dem Titel KNOCHENFISCHE wird im Spätherbst 2016 erscheinen. Sie las im Rahmen der Vorstellung neuer Mitglieder des SchriftstellerInnenverbandes Gedichte aus dem Zyklus SCHAU MEIN INNERSTES OHNE MESSER AN.

Daraus ist hier das Gedicht HARTES WASSER nachzulesen:

Hartes Wasser

Nach dem Desserttraum weinen Nieren Steine, unmystisch fern von
Osterinseln, wie im Albtraum zerbricht die Herzblume, der man das
Porzellan gar nicht angesehen hat. Kalk wusste Spuren im Kelch zu
ziehen, die mein Mund aus Scherben liest wenn sonst niemand
mehr mit Zähnen trinkt, Pinsel in Lippenbögen ein neues Bild erschweigen.
Tage klingen noch nach Mensch. Das Leben hören, wenig
verstehen, humorlos zum Schießen sein, Kanonenspatzen
um uns herum. Jemand kommt von ungefähr. Flammt an beiden
Enden. Kerzenmenschen – doppelt vom Aussterben bedroht.
Schwarzer Kreis, Neumond und Altlast. Entwurzelte Leute
und Bäume überholen uns. Hier im Sturmwind, alle Argumente
haltlos. Auch Finsternis reist mit Lichtgeschwindigkeit. Über die
Nulllinie taumeln, Zielwasser. Ausgelesene Gesichts-Bücher.
Und wenn sie nicht…

Neue Zeiten wie Messer, Luft zum Schneiden. Und hier noch
das Kunstunwetter: Wolkenbruch in Gips. Frieden als Utopie.
Liebesleiter hinauf zu ihm, doch Wartezeiten. Mut zum Wort
unterm Messer. Zittern nur noch Espen erlaubt. Welker
Rittersporn, kaum Lanzelot.

Asche tanzt durch einsam winkende Hände. Makabres Fleischorigami
in weltfremden Kriegen, immerfort, Liebkind mein, immer fort sein. Steine
unbekannter Herkunft in Körpern, innere Kinder weinen nicht, traumtrunken
schmieden Schläfer unbeugsame Zellen. Arme Haut wird Milch, fett genug
zum Brennen, Feuer im Frühstück. Ich kann tagträumen wie im Schlaf. So gut.

Öl gepresst aus kalten Schulterblättern. Innere Kinder, ein tieferer Chor,
Wetterleuchten im Marianengraben. Ausgetrunken, der Traum für den Tag.
Tiere und innere Kinder weinen nicht nach außen hin.

Verlorene Zeit in Gegenwart, der Mond scheint sonnenhungrig. Ligusterschwärmer.
Erinnerte Hüften, in Memphis geblieben. Hounddog und Ladybird.
Am Berg auf dem Teller ausgebissene Zähne. Hard Rock. Tiefer gestimmt. Klangperlen
hinter den Meeresspiegeln. Vor Lebensdurst aufgedrehter
Wundwasserhahn.
Denk doch: Hartes Wasser einfach erweichen. Das Leben, ein Windspiel.
Aufatmen.
(© Miriam H. Auer)

Als letzter in der Reihe der Neuvorstellung an diesem Abend im Musil-Haus las Mario Oppelmayer aus seinem neuen im Jänner 2016 entstandenen Gedichtzyklus mit stark autobiografischen Zügen.
„Mario Oppelmayer geht schon auf die 60 zu, hat aber erst gerade die Phase des „Berufsjugendlichen“ glücklich zum Ausklingen gebracht. Aufgewachsen in Kärnten, trieb er allerhand, aber nichts wirklich Rechtes oder Bleibendes, bis er psychisch krank wurde. Das war eine Art Erlösung, da brach ein mächtiger Affekt durch, der etwas später die Schreibhemmung löschte. Zuerst als Manisch-Depressiver auffällig, wurde er danach in den einschlägigen kulturellen Kreisen von Klagenfurt als Trinker am Rande mitgeschleift, geduldet und stigmatisiert, kaum glaublich, dass während dieser ruinösen Zeit ein so umfangreiches lyrisches Werk entstehen konnte.
Als das Stigma nicht mehr zu verkraften war, floh er nach Graz, lebte drei Wochen auf der Straße und lieferte sich danach in eine psychologisch betreute Wohngemeinschaft ein. Das hat ihn nicht nur gerettet, er trinkt nicht mehr, es hat ihn auch sehr konkret tiefer in den Buddhismus hineingeführt, aus dem er von keiner weltlichen Macht mehr abgeführt werden kann. Die Flucht nach Graz hat ihm das große mächtige Tor Identität geöffnet, das Stigma ist innerlich schon fast zerbrochen, der Schreibfluss konstant und qualifiziert. Er ist knapp davor, Schüler eines buddhistischen Meditationslehrers zu werden, ist noch Single und hasst Kärnten nicht, obwohl es ihm da recht dreckig, verlassen und todesnah gegangen war.“ ( autobiografische Beschreibung, © Mario Oppelmayer)

Musikalisch wurde der Abend von Ján Kubis am Akkordeon virtuos begleitet. Auch den ersten Beitrag DER GESANG DER ZIKADEN von Sieglind Demus hat Kubis mit seinen Klängen unterstrichen und klanglich zur Geltung gebracht.

Foto © Gabriele Russwurm-BIro

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Auf den Blickwinkel kommt es an – ALFRED DORFER nimmt´s „wörtlich“

Alfred Dorfer, weit über die Grenzen bekannt und beliebt als Kabarettist, Satiriker und Literat, stattete dem Klagenfurter Musil-Institut einen Besuch ab. Der Germanist Arno Russegger von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt leitete einen Abend mit Alfred Dorfer mit folgenden Worten ein: „Was soll man groß moderieren, was Sie nicht schon wüssten von Alfred Dorfer, man kennt ihn von den Bühnen, den Kabarettabenden im gefüllten Hörsaal der Universität. Es ist müßig ihn vorzustellen!“ Kennt und liebt ihn doch sein Publikum für seine Kabarettauftritte, den legendären DONNERSTALK oder die Kultserie MA 2412. Dorfer ist Teil der österreichischen Kulturgeschichte, hat unzählige Auftritte in Deutschland, der Schweiz, und viele Preise erhalten. Am 18. Mai wird ihm der Schweizer Kabarett-Preis CORNICHON 2016 bei der Eröffnung der 29. Oltner Kabarett-Tage überreicht.

„Die Aufsplitterung in verschiedene Charaktere ist symptomatisch für Alfred Dorfer,“ erläutert Russegger. Er zeigt viele Facetten der Kreativität und ist zudem promovierter Theaterwissenschaftler. Der 1961 in Wien geborene Kabarettist, Schauspieler und Bühnenautor hat seine Dissertation zum Thema „Satire in restriktiven Systemen des 20. Jahrhunderts“ geschrieben.
Als unglaublich befähigter Lehrer verfügt er über großes Fachwissen, pflegt die Nähe zu den Studierenden und hat in Klagenfurt eine Poetik-Vorlesung gehalten. Sein soziales Engagement für alleinerziehende Studentinnen (Stiftung) zeichnet ihn aus.
Zum Thema „Kabarett- und Satiregeschichte“ hielt Alfred Dorfer auch die diesjährigen Klagenfurter Vorlesungen zur Poetik an der Alpen-Adria-Universität.

„Er ist ein verdammt guter Schriftsteller aller Sorten“, betont der Germanist Russegger. Das bemerkt man, wenn man sein Buch „Wörtlich-Satirische Texte“ (2008, Heyne-Verlag, München) zur Hand nimmt und aufmerksam liest. Darin enthalten sind Texte mit einem bitterbösen Blick auf die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen, die sich seit 2008 (leider) kaum verändert haben.

http://www.randomhouse.de/Taschenbuch/Woertlich/Alfred-Dorfer/e268203.rhd

Mit diesem bitterbösem „Dorfer“-Blick begann auch gleich der erste vorgetragene Text:

Der Bundespapagei
„ …..Ein Bundesgeier brächte unsere budgetäre Situation weit besser zum Ausdruck. Heimisch in allen Pleiten dieses Landes. Für Zartbesaitete, denen der Geier zu martialisch scheint, könnte auch ein Bundeskuckuck den Zweck erfüllen. Dessen Eier wir stets ausbrüten müssen, wie uns die Entwicklung der letzten Jahre eindrucksvoll zeigt. Für die Hamonieheuchler der Großen Koalition wäre eine Bundesmeise angezeigt, die uns leise und monoton in den Dämmerschlaf zwitschert. Der Vogel der Blauen wiederum ist sicher der Bundessittich. Fühlt sich am wohlsten im Käfig des eigenen Weltbilds. Ein Stubenvogel, sein Horizont ist das eigene Wohnzimmer und ist in freier Wildbahn verloren. Aber die Chancen für den Bundessittich stehen gut, zumal an der Spitze der Regierung ein Echo der deutschen Kanzlerin sitzt. Der Bundespapagei sozusagen.“ (Dorfer, November 2015).

https://www.treibhaus.at/freundfeind/alfred-dorfer/der-bundespapagei?o=10
„Indien“ ist das von Alfred Dorfer gemeinsam mit Josef Hader verfasste kabarettistische tragisch-komische Theaterstück über zwei unterschiedliche Charaktere, die einander bei einer gemeinsamen Dienstreise durch Niederösterreich und die gemeinsam besuchten Wirtshäuser kennen lernen. Es zählt zu den wichtigsten Werken des heimischen Kabaretts: Alfred Dorfer verkörpert den pseudointellektuellen Kurt Fellner, Josef Hader spielt den ordinären Heinz Bösel. Zahlreiche Neuinszenierungen des Stücks an Theatern im gesamten deutschsprachigen Raum belegen den hohen Stellenwert von „Indien“. Es ist schlichtweg ein Kabarett-Klassiker. Zwei Jahre nach seiner Uraufführung 1991 wurde das mit dem „Österreichischen Kleinkunstpreis“ ausgezeichnete Stück von Paul Harather verfilmt und ist seither einer der erfolgreichsten österreichischen Kinofilme. Dorfer liest daraus eine kompromittierende Szene auf und vor der Gasthaustoilette, Bösel drinnen beschäftigt, Fellner draußen ungeduldig wartend – eine Doppelconference der besonderen Art.

Nach diesem Ausflug nach Niederösterreich nimmt Alfred Dorfer elegant und gekonnt souverän sein Publikum mit auf einen Rundumschlag mit philosophischen Ansätzen, der nachdenklich und betroffen macht:

„Das Schöne an den Studien ist, dass die Ergebnisse vollkommen überraschend sind. Früher hat man sich die großen Fragen gestellt, und hat lange und vergebens die großen Antworten gesucht, heute gibt es eine gewünschte Antwort und man sucht nach den passenden Fragen. „Science on demand“ heißt das.

Ein zweiter Katechismus, den man heute immer häufiger hört, wenn 3 oder 4 Achtelintellektuelle beieinander stehen, ist der souveräne Satz: „Das weiß man aus der Hirnforschung!“
Und wenn Sie es lustig haben wollen, denn das Leben ist ja oft trübe, dann fragen sie nach „Wos?“ Die zentrale Frage ist immer „Wos?“: „Wos weißt du aus der Hirnforschung?“ Und dann wird es lustig.
Und hier wird dieser alte, pseudo-aufgeklärte Satz umgedreht: Wer viel weiß, muss wenig glauben! Die Hirnforschung erzählt uns Dinge, die wir längst schon wissen, aber dadurch, dass sie es erzählt, glauben wir es auch. Der viel wichtigere Spruch wäre eigentlich: Wer viel weiß, hat noch lange nichts verstanden. Ich glaube Gandhi hat das gesagt: eine der sieben Todsünden, die wir haben können, ist Wissen ohne Charakter.

Es wird von der Freiheit der Kunst gesprochen, komischerweise immer nur in einem Sinne, nämlich, dass es Freiheit nicht denkbar gibt ohne Verantwortung , weil es sonst etwas anderes ist, nämlich Willkür oder Grenzenlosigkeit, gibt es die Freiheit der Kunst des Künstlers, nämlich die Verantwortung des Künstlers. Und wenn ich Mohammed als Hund darstelle, was ich persönlich nicht für gelungen halte, muss ich damit rechnen, was passiert. Mittlerweile sind auf Grund dieser Mohammed-Karikatur 36 Menschen ums Leben gekommen, die nichts damit zu tun hatten. Und ich meine für Mohammed als Hund zu sterben, zahlt sich nicht aus!“

Zum Abschluss liest Dorfer einen Glossentext „DONNERSTALK“, geschrieben für die deutsche Wochenzeitschrift DIE ZEIT, erschienen am 12. Mai 2016

Rad der Geschichte
Es gibt Themen, die, ähnlich dem Ungeheuer von Loch Ness, immer wieder auftauchen. Mit ähnlichem Realitätsbezug – wie etwa die Wiedervereinigung des heiligen Landes Tirol, die jüngst der künftige (FPÖ-)Bundeskanzler in einer italienischen Tageszeitung wieder einmal forderte. Abgesehen davon, dass diese Causa besonders in Italien sicherlich auf wohlwollendes Verständnis stößt, dürfte da der österreichische Heimatpolitiker seine Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Die Alto Adiger haben nämlich kaum Interesse daran, ihren doppelten Komfort aufzugeben. Dennoch hat die Illusion, historisch gewachsene und dann getrennte Regionen wieder zu vereinen, einen gewissen Reiz.
Die größten Zugewinne hätte dann ohnehin Italien als legitimer Nachfolger des Imperium Romanum. Quasi Rom . Südtirol an den nördlichen Nachbarn abzutreten, dafür aber etwa die ganze Iberische Halbinsel plus Frankreich zu erben, kann in diesem Fantasy-DKT nur ein Gewinn sein – abgesehen von der kleinen Unschärfe, dass früher einmal die römischen Legionen fast ganz Österreich besetzt hielten. Wer weiß, ob dann nicht auch die Erben der Wikinger mit Sizilien beglückt werden müssten. Was werden dazu wieder die Römer sagen? Schwierig. Ist TTIP nicht ohnehin zu vernachlässigen, da die USA ohnehin nur ein belächelter Appendix des britischen Empires sind? Haben die Griechen gar keine Schulden bei den Europäern, da man ihnen die Demokratie verdankt, was nicht mit Geld aufzuwiegen ist?
Ja, das Rad der Geschichte. Niemand vermag es zurückzudrehen, doch die, die es versuchen, sind die Helden von morgen. (Alfred Dorfer, Rubrik: „Donnerstalk“ in: DIE ZEIT, Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Wissen und Kultur, Jg.71/Nr. 21, Hamburg, 12. Mai 2016)

http://www.dorfer.at/index.html

Foto (c) Gabriele Russwurm-Biro

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Schlaglöcher und Krimis müssen sein! – Ein Buch 13-Leseabend mit Franz Supersberger und Alexandra Bleyer

Heimische Autorinnen und Autoren werden von Buch 13 gefördert und bekommen Gelegenheit in verschiedenen Leseräumen in Kärnten ihre Werke zu präsentieren. Gerald Eschenauer, dem Obmann von Buch 13, liegt es am Herzen, Verständnis für heimische Gegenwartsliteratur zu schaffen und in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. „Literatur ist wichtig!“ betont Eschenauer. Er setzt sich für die Schaffung von neuen Literaturräumen in Kärnten ein, um so auf die aktive Literaturszene aufmerksam zu machen.

An diesem Leseabend wurden Franz Supersberger und Alexandra Bleyer beim Literaturverein Buch 13 in der Katholischen Hochschülerschaft in Klagenfurt vorgestellt.

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Franz Supersberger, 1951 in Ferndorf geboren, hat als Jugendlicher mit dem Schreiben begonnen. Seine erste Veröffentlichung: „Die Brille“, eine Kurzgeschichte, in der „Volkszeitung“ im Jahre 1969. Nach der Ausbildung zum Buchhändler war er selbstständiger Kaufmann in Arnoldstein. Heute lebt er als pensionierter Buchhändler in Villach. Er verfasst seit 2003 Onlinetagebücher auf seinem eigenen Blog www.schlagloch.at und stellt dort seine Sprachexperimente gerne zur Diskussion. Sein literarisches Schaffen wurde im Hörfunk und in Literaturzeitschriften, sowie in mehreren Büchern veröffentlicht, zuletzt

Bruchstellen – Sätze vom Tag (2015),
ISBN: 978-3-734741555,
220 Seiten
€ 12.80

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Sein Blog wird vom Deutschen Literaturarchiv Marbach langzeitarchiviert.

http://www.dla-marbach.de/index.php?id=448&ADISDB=AK&WEB=JA&ADISOI=1241896

„Einem Schlagloch kann man ausweichen, darüber fahren oder davor stehen bleiben. Es gibt große und kleine Schlaglöcher. Von einem Schlagloch kann man wach-gerüttelt werden. Gibt es Schlaglöcher nur auf der Straße? Ich sage, das Alltagsleben ist ein Fahren auf einer Schlaglochstraße. Einmal gelingt uns die Lebens-Fahrt besser, ein andermal nicht so gut.“ So beginnt Supersberger seinen Blog mit der einleuchtenden Erklärung der Bezeichnung im April 2003. Zu seinen Blogtexten können sich auch Leser in der Kommentarfunktion einbringen, die Gastkommentare werden gerne veröffentlicht.
An diesem Abend las er Geschichten aus dem Gailtal inklusive Gastkommentare. „Schon in der Jugend habe ich geschrieben bis zum 30. Lebensjahr, dann bin ich selbständig geworden, mit 50 ist die Krise gekommen und dann habe ich wieder zu schreiben angefangen. Zuerst habe ich kurze Texte zu schreiben begonnen, Kurzgeschichten, auf meinem Schlagloch-Blog. Seit 2003 kann man alle Beiträge im Blog-Archiv abrufen, das sind ca. 2000 kurze Texte, einige Bücher sind daraus entstanden“.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/2015/03/10/am-fusse-des-dobratsch/

Die Autorin Alexandra Bleyer ist mit ihrem Kärntner Kriminalroman „Waidmannsdank“, erschienen
2016 im Emons-Verlag, auf den Bestsellerlisten gelandet. Sie hat als Historikerin, selbst
ernannte Büchernärrin, Journalistin, Schreibtrainerin ihren Traumberuf als Autorin gefunden.
„Neben dem Studium sammelte ich als Online- und Printjournalistin Erfahrungen in verschiedenen
Textsorten, von der PR bis zum Lokaljournalismus, bevor ich mich als freie Kulturjournalistin
für überregionale österreichische Tages- und Wochenzeitungen auf historische Themen
spezialisierte. Seit Oktober 2013 schreibe ich eine regelmäßige Kolumne für die
Wochenendbeilage der „Salzburger Nachrichten“; Anfang desselben Jahres erschien
mein erstes Sachbuch >Auf gegen Napoleon! Mythos Volkskriege<“. Ihr Ziel ist es, Geschichte unterhaltsam und anschaulich aufzubereiten, komplexe Sachverhalte verständlich zu machen und dabei auf ein gewisses Augenzwinkern nicht zu verzichten. Ein weiteres Buch ist in Arbeit. Die 1974 in Klagenfurt geborene Autorin hat an der Universität Klagenfurt studiert, schreibt Sachbücher und Kriminalromane aus dem Jägermilieu. „Krimis müssen einfach sein“, sagt die Autorin. Ich bin ein Stadtmensch und habe einen Jägermensch (meinen Mann) kennengelernt, das war ein Kulturschock! Nun lebt sie am Millstätter See. „Mein Mann hat versucht, mir das Jagern beizubringen...“ Dabei konnte sie viele Erfahrungen und Erkenntnisse sammeln. „Literatur sollte nicht immer todernst sein, bei allem Respekt vor den Toten bei einem Krimi... im Mölltal ticken die Uhren eben anders...“ Nur soviel sei zum Inhalt verraten: Freiwillig ins Mölltal zurückzukehren wäre dem Polizisten Martin Schober nie in den Sinn gekommen. Zu viele schwierige Gestalten warten dort auf ihn. Als jedoch zur Jagdsaison nicht nur Vierbeiner ihr Leben lassen, muss er gemeinsam mit dem kauzigen Aufsichtsjäger Sepp Flattacher ermitteln, der für seine höchst eigenwilligen Methoden bekannt ist. Das ungleiche Duo wird in ein mörderisches Wettrennen verwickelt – doch wer ist hier Jäger und wer Gejagter? „Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätte er den Hasen erwischt.“ So lautet die Einleitung zum Roman. Die Sprache ist kräftig, direkt und umgangssprachlich authentisch gehalten, passend zu den Charakteren des Jägermilieus im Kärntner Mölltal. Dass man die Sprache auch außerhalb Kärntens verstehen kann, dafür sorgt ein Glossar, das sehr hilfreich für alle Nichteinheimischen und des Kärntner Dialekts nicht mächtigen ist. So verstehen auch Hamburger und Rheinländer die Dialektausdrücke, da sie ins Hochdeutsch übersetzt wurden. »Deeskalation war eindeutig angesagt. Martin rief sich die Atemtechniken ins Gedächtnis, die er bei diesem stinklangweiligen Seminar noch in Wien hatte üben müssen. Damals war er sich völlig bescheuert vorgekommen, aber jetzt halfen sie dabei, den Ärger aus seiner Stimme zu verbannen und verständnisvoll zu klingen.
»Herr Pichler war nur wenige Meter hinter seinem Hund, wie er gesagt hat. Sie müssen ihn vom Hochsitz aus doch auch gesehen haben. Warum haben Sie ihn nicht einfach darauf aufmerksam gemacht, dass er ihn anleinen muss?«
»In der Brut- und Setzzeit des Wildes gilt für Hunde außerhalb des bebauten Gebietes Leinenpflicht. Für alle Hunde! Das ist auch groß in der Amtlichen Mitteilung der Marktgemeinde gestanden. Lesen wirst ja wohl können, Pichler, oder bist in die Baumschule gegangen?«, knurrte Flattacher.
»Du hast meinen Hund ermordet!«
»Hättest du Todl ihn halt angeleint.«
Pichlers Gesicht lief rot an, und er ballte die Hände zu Fäusten.
»Flattacher, du Arsch, dafür bring i di um!«
Vorsichtshalber machte Martin einen Schritt nach vorne, um sich zwischen den beiden Konfliktparteien zu positionieren. Kerstin hielt Pichler zwar am Arm gepackt, aber mit ihrem Fliegengewicht würde sie den molligen Hundebesitzer kaum zurückhalten können. Noch ein falsches Wort mehr, und sie könnten den Pfefferspray zücken.
»War das denn echt nötig, den Hund zu erschießen?«, stellte Martin Flattacher zur Rede.
»Er hätte ein Jungwild reißen können.«
Martin ließ seinen Blick zwischen dem Jäger und seinem am Forstweg hingestreckten Opfer hin- und hergleiten und zog die Brauen hoch. Keine noch so wissenschaftlich fundierte Atemtechnik konnte helfen, seine Ungläubigkeit zu verbergen.
»Ein Chihuahua?« (Weidmannsdank, Prolog, Seite 11 )

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http://www.emons-verlag.de/media/files/leseproben/Bleyer_Waidmannsheil.pdf
Alexandra Bleyer
Waidmannsdank
Kriminalroman
Emons-Verlag 2016
ca. 224 Seiten

ISBN 978-3-95451-792-3

http://www.emons-verlag.de/programm/waidmannsdank

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www.alexandrableyer.at

Alle Fotos © BUCH 13/ Eschenauer

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„Wilde Weiber“ – IG-Lesemarathon der FRAUENZIMMER in der Walpurgisnacht

In der Walpurgisnacht veranstalteten die IG Autorinnen Autoren Kärnten im Musilhaus Klagenfurt einen Lesemarathon der FRAUENZIMMER. Diese Veranstaltung wurde im Jahr 2011 (anlässlich des 100. Internationalen Frauentags) von IG-Chefin Ilse Gerhardt ins Leben gerufen und zur Lesetradition in Kärnten. Diesmal traten insgesamt 13 Frauen an, um ihre Texte zu aktuellen, brisanten, erinnerten oder verinnerlichten Frauenthemen zu präsentieren. Weil ausgerechnet am Frauentag, dem 8. März 2016, der Lesesaal im Musilhaus von einem Mann bespielt wurde, verlegten die FRAUENZIMMER ihren Lesemarathon kurzerhand in die Walpurgisnacht. Die dazu eingeladenen IG-Mitglieder präsentierten exakt 5 Minuten lange Miniaturen aus ihrem Schaffen.

Regina Kail-Claus eröffnete den Lesereigen mit Gedichten „Begegnung mit Fischen“. Die Autorin wurde 1951 in Zwickau/Sachsen geboren und ist in Kärnten aufgewachsen. Sie lebt in Oberkärnten und schreibt autodidaktisch. Ihr erster Gedichtband „Worte“ wurde 1999 veröffentlicht, der zweite „Zeitreise“ 2003. Im Jahre 2011, 2012 und 2013 Veröffentlichungen in der Anthologie der „Brentano-Gesellschaft / Frankfurt am Main“ . Der dritte Gedichtband „Kratzspuren“, sucht noch einen Verleger.

Christine Tidl las aktuell bezugnehmend auf Aleppo und die brisante Lage in Syrien zwei Werke. Die Autorin wurde in Wien geboren und verbrachte ihre frühe Kindheit in Klagenfurt, Sie ist Magistra der Psychologie, lebt in Seeboden und schreibt Lyrik und Kurzgeschichten. Veröffentlichungen: Eigener Lyrikband „Und meine Träume schreib ich in den Wind“, erschienen im Verlag Johannes Heyn, Klagenfurt; Lyrik- und Prosa -Beiträge in diversen Anthologien. Preise: 2014, unter den 5 besten Einsendungen des Kurzgeschichtenwettbewerbes „WortReich“ des Kärntner Bildungswerkes und der Marktgemeinde Finkenstein; 2015, 2. Preis des Kurzgeschichtenwettbewerbes „WortReich“ des Kärntner Bildungswerkes und der Marktgemeinde Finkenstein; 12. Platz beim Kärntner Lyrik Wettbewerb der STW-Stadtwerke Klagenfurt


Rebekka Scharf
brachte passend zur Walpurgisnacht einen echten, tiefgehenden „Neosuffragetten-Text“ zu Gehör. Die Autorin wurde 1974 in Wolfsberg geboren und ist nach einer aufgezwungenen Damenkleidermacherinnen-Lehre mittlerweile Studentin und als erfolgreiche Autorin tätig. Sie ist in diversen Anthologien vertreten und arbeitet derzeit an ein, zwei Büchern gleichzeitig. Bisher hat Rebekka Scharf vier Preise erhalten: 2012 den 2. Platz Lyrikpreis der STW Klagenfurt, 2013 Landesförderungspreis Literatur Kärnten, 2014 Platz 5 des Preises für Neue Literatur des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes und 2015 Platz 10 beim Lyrikpreis der STW Klagenfurt.

Anneliese Merkač-Hauser ist eine bekannte Lyrikerin und las Gedichte zum Thema „Mutter“ und „wilde Weiber“. Geboren und aufgewachsen ist die Autorin in Wels (Oberösterreich), danach folgte ein Studium der Musikpädagogik und Germanistik in Salzburg. Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Gymnasien und Musikschulen in Salzburg und seit 1982 in Klagenfurt/Viktring (Instrumentalmusik Klavier).
Ihr lyrisches Schaffen begann ab ca. 1993. Sie ist Mitglied des Autorinnenvereins „scribaria“.
2011 Herausgabe des Buches „Samt und Leinen“ im Fran Verlag, Verschiedene Veröffentlichungen in den jährlichen Anthologien von „scribaria“.

Eva Possnig trat als „poetische Prosaistin“ in Erscheinung und las einen fein konstruierten Textteil aus einer längeren Erzählung vor.
Sie wurde 1960 in Klagenfurt geboren, wo sie auch heute lebt und arbeitet.
Abgeschlossene Studien der Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt. Drei Kinder. Eva Possnig arbeitet als Psychologin und Erziehungsberaterin in freier Praxis. Wichtige Arbeitsbereiche sind ua. die motivierende Lese- und Schreibförderung und die Vortragstätigkeit in der Erwachsenenbildung.

Luise Ruhdorfer
Die 71 –Jährige hat mit 50 Jahren an der Alpen-Adria Universität Klagenfurt mit dem Slowenisch- und Italienischstudium begonnen, in Slowenisch ihre Diplomarbeit über das alte slowenisches St. Stefaner Passionsspiel verfasst und diese als Buch herausgegeben sowie zu diesem Kärntner Thema noch weitere zwei Bücher veröffentlicht, an einem vierten arbeitet sie, sodass alle noch nicht veröffentlichten Kärntner deutschen und slowenischen Hirten- und Passionsspiele auch publiziert sein werden.
Sie hat ihre Doktorarbeit über die Romanfiguren bei Florjan Lipuš geschrieben und sie veröffentlicht. Sie war einige Jahre Slowenischtrainerin an der VHS Villach und arbeitet derzeit an einem Buchzyklus in fünf Bänden zum Thema „Slowenisch als Fremdsprache im Alltag, in der Literatur und in der Kirche“. Band 1 mit dem Titel „Die slowenische Sprache und Kultur in Kärnten ist vor Kurzem erschienen. Im ersten Band „Die slowenische Sprache und Kultur in Kärnten“ hat sie Erinnerungsprosa über ihre Eltern, Groß- und Urgroßeltern in Deutsch zusammengefasst. Daraus las sie einen Ausschnitt „Über die Beharrlichkeit“ vor, als nämlich ihre Großmutter 1937 ihren Pass auf der BH Villach mit ihrem Mädchennamen unterschrieben hat, obwohl sie seit 28 Jahren verheiratet war und mit ihrem Mann 12 Kinder hatte.

Sieglind Demus präsentierte ihr virtuoses Können mit zwei Kurzgeschichten, die das Publikum faszinieren konnten.
Sie ist Text- und Fotojournalistin und Autorin literarischer Texte. Nach Aufenthalten in Ägypten, Asien, Uganda und Deutschland lebt sie seit dem Jänner 2013 in Villach als Schriftstellerin.
2012 bekam sie den Allgemeinen Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe, 2013, 2014 und 2015 Preisträgerin WortReich, 2015 erhielt sie zwei Arbeitsstipendien des Bundeskanzleramtes und arbeitete an den literarischen Projekten: Begegnungen – können Dein Leben verändern oder auch nicht /Und die Liebe?/ Horror vacui/Himmelangst/
Einige Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften gedruckt und auf ihrer Homepage nachzulesen.

Mein Engel

Hilf mir, sagte er. Stichworte, gib mir Stichworte.
Bist du die Freundin von?
Franzi. Franzi, Deine Freundin ist da.
Entschuldige, dass ich Dich nicht gleich erkannt habe. Aber. Wie lange ist das her?

Fünf Jahre, dachte sie, fünf Jahre ist es her. Sie hatte sich darauf gefreut, ihn
wiederzusehen. Manche Männer kleidet das Alter. Er gehörte dazu. Sein Haar war
immer noch voll. Er war schlanker geworden und er schien ihr dadurch
gewachsen. Er trank nicht mehr. Das erkannte sie sofort. Seiner Stimme konnte
sie noch nie widerstehen – kein anderer sprach ihren Namen so sinnlich aus – und
nicht seinen sanften Augen, die manchmal verrieten, dass er entrückt war.

Er musterte sie forschend, sah sie fragend an.
Ja jetzt! Weiß ich schon! Ja, klar. Das war… Ach, entschuldige, aber bei mir…
Schon gut, Du kennst eine Menge Leute.
Ja, weißt du. Entschuldige.

Mein Engel, flüsterte er später in ihr Haar und nannte sie nicht beim Namen. Wir,
wir hatten doch nie etwas miteinander?
Nein, sagte sie, nie – und dachte an ihre dreißig gemeinsamen Ehejahre.

© Sieglind Demus

Maria Alraune Hoppe erzählte aus dem Stegreif eine Geschichte voller Phantasie und wunderbarer Methamorphosen, da sie auf Grund ihrer starken Seheinschränkung keinen Text vorlesen kann. Geboren wurde sie im Jahr 1947. Sie verbrachte ihre frühe Kindheit in Deutschland. Matura in Klagenfurt. 1976-1992 Berufstätigkeit als Dipl. Ergotherapeutin mit alten Menschen im Rahmen des Kuratoriums Wiener Pensionisten¬ Wohnhäuser in Wien. 2001 Berufsunfähigkeitspension aufgrund einer Macula Degeneration. 2002- 2005 Schwerpunkt: Realisierung von künstlerischen und sozialen Projekten (Malerei, Video, Audio, Musikimprovisation) unter Nutzung der Vorerfahrungen im Bereich der Altenarbeit. Entwicklung und Realisierung des Projektes ENTWIRRT ALZHEIMER sowie Projektleitung des Österreichischen Instituts für Validation; 2005 – 2008 Co¬Regie und Fachberatung des Dokumentarfilms: „ZURÜCK ZU EINEM UNBEKANNTEN ANFANG – Leben mit Alzheimerkranken“ (100 Minuten, Kinofilm) sowie von 6 themenbezogenen Kurzfilmen „LEBEN MIT ALZHEIMERKRANKEN“ (67 Minuten). Seit 2009 div. Projekte als Expertin im Bereich „Wertschätzender Umgang mit Menschen mit Demenz“ –2014 Szenische Präsentation mit SchauspielerInnen aus dem im Entstehen begriffenen Roman „Auf der Suche nach MAN“ im Rahmen des Katholischen Schriftstellerverbandes der Erzdiözese Wien.

Marlies Karner-Taxer trug einen Text vor, der als „Kärntner Begräbnislied“ (siehe unten) vertont wurde und eine ergreifende Kurzgeschichte über eine alte Dame aus ihrer Kindheit.
Das Schreiben begleitet sie schon sehr lange durch ihr Leben. Bereits in jungen Jahren hat es ihr unglaublich viel Spaß gemacht, ihre Fantasien zu Papier zu bringen. Nachdem das Schreiben bei Kärntner Printmedien zehn Jahre lang ihr Brotberuf war, hatte sie 2013 begonnen, intensiv literarisch zu schreiben. Ihr Œuvre reicht von Lyrik bis zu Krimis, von Märchen bis zu Weihnachtsgeschichten, vom Kärntnerliedtext bis zu Kurzgeschichten
mit Tiefe. Heute ist sie bei pointierten und sozialkritische Prosa- und Lyrik-Texten angelangt. Besonders humorige Beziehungsgeschichten mag sie sehr. Für einen Kärntner Historienroman steckt sie mitten in den Recherchen. Gemeinsam mit Karin Ch. Taferner hatte sie die Idee, die Schreibgruppe der Kärntner Schreiberlinge zu gründen, bei der sich zwölf AutorInnen alle 14 Tage zum aktiven Schreiben treffen und einander wertschätzendes Feedback geben.
Beim ÖBB-Schreibwettbewerb „LiteraTour am Zug 2014“ erreichte sie unter 180 AutorInnen den 16. Platz. Ihre humorige Kurzgeschichte über eine Zugfahrt ist in der ÖBB-Anthologie im Oktober 2014 erschienen und an jedem Bahnhof in Österreich erhältlich.

Wern’d laar meine Händ

De Spinnwebn varziern schon de Tram bei da Tür,
mei Diandle schaugg durt schon a Weil‘ niamma vür.
Ka Wäsch hängt mehr draußn, dås Bettle is laar,
da Tåg ohne sie, de sand schwaar.

Tua ålles, damit kaana merkt meine Klågn,
am liabstn is mia, kaana tuat nåch mir frågn.
Da Wind in die Sträucha und Baam eine waht,
im Haus drin is ålles so staad.

Des Diandle, des fahlt ma, i kånns gårnit sågn,
håb vüül von mein Laad schon zan Friedhof getråg’n.
Då waan i mi aus, hålt dås Gråb damit nåß,
saand Bleamalan drauf, und a Grås.

Geh, Diandle, wånnst obn ban dein Våta bist,
dånn såg ihm, dåss er hiaz dei Schutzhölfa is.
Wern’d laar meine Händ, jå dånn kumm i za enk.
Bis dåhin da Herrgott ålls lenk‘!

©Marlies KARNER-TAXER
(vertont von Sabine KRAMMER)

Monika Grill brachte eine Kurzgeschichte aus ihrem neuen Buch über eine Frau namens Ida Seibling zu Gehör und reflektierte über Wünsche und Gelüste. Geboren wurde Monika Grill 1956 in Klagenfurt. 1978 wanderte sie in die USA aus (Los Angeles und Kentucky).
25 Jahre arbeitete sie mit Menschen und Tieren als Heilpraktikerin und Hpynosetherapeutin. Sie war Mitglied einer Schreib- und Performance Gruppe in Kentucky. Seit 2010 ist sie wieder in Klagenfurt ansässig. Mitglied der Kärntner Schreiberlinge und Buch13. Sie schreibt Prosa (Kurzgeschichten), moderne Mundartgedichte und Lyrik und lässt sich durch Kunst in jeglicher Form inspirieren. Sie erhielt den Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe 2014 für „Das Tier in mir.“ ( 2. Platz). Ihr erstes Buch „Der kleine Bär“ – 28 Kurzgeschichten für erwachsene Leser und Leserinnen. Erschien im November 2015 in der Edition Garamond, Verlag Guthmann-Peterson. Der Verleger Peterson sagt über die Autorin: „Wir haben 2015 mehrere Erzählungen von Monika Grill veröffentlicht und schätzen ihre Texte sehr. Sie beschäftigt sich mit den großen menschlichen Fragen wie Freundschaft, Liebe und Tod auf unerwartete, mitfühlende, aber doch kritische Art und Weise. Sie zeigt die feinen Linien der Beziehungen zwischen den Lebewesen auf, spürt das Schreckliche und Skurrile darin auf, übersieht aber nie den Schmerz und das Verlangen, den Lebenshunger und die Angst, die Liebe und die Lust, die Lebenswirklichkeiten, die Rollenspiele und die gesellschaftlichen Beschränkungen“.

Karin CH. Taferner ließ in einem kurzen Prosatext eine „Bäumin“ und eine „Zügin“ die Sinnfrage stellen. Sie stelle Wachstum und Geschwindigkeit in Assoziationsbildern gegenüber.
Die Lavanttalerin wurde 1981 geboren und wuchs in Preitenegg auf. Als kärntnerisch steirische Grenzgängerin lebt sie in Ebenthal und Köflach. Sie machte den Abschluss der Universität für Bodenkultur und der Hochschule für Agrarpädagogik in Wien. Sie ist Redakteurin einer landwirtschaftlichen Fachzeitschrift und Mitglied des Verbands der Agrarjournalisten und -publizisten in Österreich (VAÖ). Früh erkannte sie die befreiende Kraft des Schreibens durch Tagebucheinträge. 2013 begann sie durch den Besuch von Schreibwerkstätten ihre kreativen Seiten im Schreiben zu entfalten. Phantasievolle Texte, biographische Kurzgeschichten, experimentelles Schreiben und Lyrik faszinieren sie. Dabei unternimmt sie immer öfter Ausflüge in Dialekt. Taferner ist Präsidentin und Gründungsmitglied der Kärntner Schreiberlinge (gegründet im Frühjahr 2013). Am 24.10.2013 stellte sie ihre Texte zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor, seither tritt sie oft bei Lesungen in Erscheinung. Sie ist Mitautorin des Buches „Autoren packen aus: Über 550 Tipps für die Schreiberei“, Hrsg. Anita Arneitz (2014).

Tatjana Gregoritsch, beschäftigt sich auf Grund ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei der Flüchtlingshilfe Wernberg intensiv mit dem Thema Flucht und Krieg. Geboren wurde die Autorin 1962, aufgewachsen ist sie in Wien und Kärnten. Danach absolvierte sie ihr Studium in Wien, München, Helsinki neben der Ausbildung und Berufstätigkeit als Buchhändlerin. Sie arbeitet als Werbe- und Verlagskauffrau, IT-Consultant, Journalistin, Autorin und ist seit 2015 Mitglied des Kärntner SchriftstellerInnen Verbandes. Längere Aufenthalte in Deutschland, England, Italien, Westafrika und Finnland. Veröffentlichungen seit 1980, Magazin-Kolumnen, Beiträge in Anthologien und Fachmagazinen, Teilnahme an Literatur-Preisen. Für Kärnten: „Wörtherseewanderungen“ Styria 2013, „Rosentalwanderungen“ Styria 2015. Derzeit arbeitet sie am nächsten Buchprojekt, ET 2017. Sie lebt am Wörthersee und in Wien und trug folgendes Gedicht vor:

Zuversicht
„Heute ´keine Angst´, morgen ´gut Freund´“ (Abbas Al Ahmed, Wernberg 2015)

Zwei Kriege, die alles mit sich rissen
und Hitlers grausamer Wahn
leerten den Kontinent, mordeten
Millionen, die anderen
wanderten nach Amerika aus.

Die wenigen Übriggebliebenen
legten Stein auf Stein,
bauten das Land wieder auf,
Dresden erstrahlt heute neu
– dem Stephansdom sieht man
die Trümmer nicht an.
Über Vergangenes spricht man nicht.
Der Schrecken wütet unter der Oberfläche.
Nach außen wahrt man das Gesicht.

Niemand wollte Kinder gebären,
die ein neuer Tyrann
in seinen Krieg zerren könnte.
Männer flüchteten in Arbeitssucht.
Frauen entdeckten eigenes Leben.
Die Jungen warfen den Alten das Stummsein vor,
stürmten gegen Wände aus Schweigen.

Siebzig Jahre vergingen, wir
arbeiten noch immer Vergangenheit ab.
Wir trauen niemandem, wir kaufen.
Freude haben wir durch Spaß verdrängt,
Mitleid durch Reality-Shows, Glaube wurde privatisiert.

Du kamst, unter Tausenden.
Du trägst Dein schweres Herz
in unsere schale Trauer.
Auf verdrängte Wunden stieß es.
Wir wussten, was zu tun ist,
aufgetragen hatte uns niemand etwas.
Unser gebrochenes christliches Herz antwortete.
„Train of hope – Westbahnhof“ streckte Dir Hände entgegen.
Dein Schmerz ist hellrot, unserer dunkel von Jahren.
Fremder, mein Freund – ich darf Dich so nennen –
hast verkrusteten Schorf aufgedeckt.
Du, fremdes Gegenüber aus dem Süden,
im kalten Land angekommen.
Deine Sprache verstehe ich nicht; sie gleicht
den Rufen der schwarzen Vögel, die
über unsere Felder kreisen.
Du kamst blass und bloß aller Habe,
Deine Füße sind rissig von Meer und hartem Gestein.
Dein Herz, Deine Würde, Deinen Stolz bringst Du mit.
Viele machen Front, fürchten Dich.
Dir blieb keine Wahl: Pest, Cholera oder Daesh?

Aus eigenem Leid biete ich Dir
Meine Freundschaft an.
Du brauchst Zeit.
Learn to get to know our system,
mourne and grieve,
shout at your God,
however you call him – er ist auch der unsere,
sagte vor Jahren der gütige Kardinal – und
streckte die Hand aus.
Hat nur ein grausames Schicksal
Dich in eine Blutlache geworfen,
mich auf grüne Wiesen?
Etwas Sicherheit kann ich Dir bieten.
No sniper, kein Scharfschütze wartet im Haus gegenüber.
Dein Krieg findet nächtens noch statt.
Schrei Dein Leid heraus,
hadere mit Deinem Gott,
Verfluche Dein Geschick,
weine Deine Tränen, betrauere Deine Toten, Dein Land.

Nach den gewalttätigen Träumen, Schreien, Zorn
hab Erbarmen mit Dir selbst.
Ich sehe Dich.
Dein Blick wagt:
Unwiderstehliche Zuversicht.

© Tatjana Gregoritsch, Schiefling am Wörthersee 2015,

Eva Gerber präsentierte zum Thema „Kinderspiel“ nachdenkliche Auszählreime mit Doppeldeutigkeit in einer Art Märchen-Reim-Erzählung für Kinder(?) und Erwachsene.
Die Autorin wurde 1947 geboren, hat ua. als Lehrerin und ausgebildete Schulbibliothekarin gearbeitet. Sie verfügt über ein abgeschlossenes Studium der Germanistik und erhielt folgende Kinderliteraturpreise des Landes Kärnten:1998 (Kannja, die Drachenprinzessin), 2000 (Das Weltraumreisespiel), sie schreibt auch Kurzgeschichten, lyrische Texte („Schrille und schräge Märchen“), Projektarbeit mit SchülerInnen: Das Kärntner Wasser Sagenbuch: „Nixenrache-Drachenblut-Riesenwut“. Ihre Interessen liegen darin, Neues im Literaturgeschehen zu erfahren und zu interpretieren. Im Rahmen eines Forschungsprojektes des Germanistikinstitutes der Alpen-Adria Universität zum Thema Lesesozialisation, arbeitet sie bei der privaten Literaturgruppe „Ambdravi“ bestehend aus acht Mitgliedern aktiv mit.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke den Kärntner Autorinnen: Sieglind Demus, Marlies Karner-Taxer und Tatjana Gregoritsch für die Erlaubnis ihre Texte an dieser Stelle zu veröffentlichen. Copyright bei den jeweiligen Autorinnen.

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