Monat: Februar 2016

„Kärnten ist überall“- Lesung und Gespräch mit GERALD ESCHENAUER aus der Reihe Literatur um 8 im Dinzlschloss Villach

„Mit Schreiben rechtfertige ich den Raum, den ich auf dem Planeten Erde einnehme,“ sagte der US-amerikanische Bestsellerauto John Updike einmal. Beim gesellschaftskritischen Kärntner Autor Gerald Eschenauer ist es ähnlich und er greift mit seinem nunmehr vierten Buch MIEFKE SAGA III weit in den literarischen Raum.
Das Unaussprechliche, das Ekelhafte, das Allgegenwärtige, alles rund um uns herum wird durch den Kakao gezogen und vor den Spiegel gezerrt. Die tiefen Abgründe der menschlichen Seele öffnen sich. Der unbequeme, gnadenlos scharf beobachtende Autor teilt kräftig aus und will uns die Augen für seine „Heimat“ öffnen.

In seinen bisherigen Publikationen postuliert Gerald Eschenauer erbarmungslos desillusionierende Stellungnahmen zur eigenen kleinkarierten hinterwäldnerischen Heimat, die vor Sarkasmus und Ironie nur so strotzen. Zeitkritik gegenüber dem offiziellen Land Kärnten rangiert ganz oben, aber auch der ganz normale Bürger und Mitmensch wird unter das bissige Vergrößerungsglas genommen. Er gibt tiefe Einblicke in die menschliche Seele, besonders in die Kärntner Seele, denn „Kärnten ist überall….“. Nun haben sich schon andere mit der Kärntner Seele eingehend beschäftigt, aber es gibt offensichtlich noch immer genug Absonderlichkeiten zu berichten.

2015 ist der dritte Teil der Eschenauer-Trilogie MIEFKE SAGA III – AUCH FÜR ALLERGIKER im Mitgift – Verlag erschienen und umfasst das Eschnauer ´sche Welt- und Heimatbild auf knapp 90 Seiten in Kurzgeschichten und Gedichten. „Vom Mittelmaß“/ „Brückengespräche mit Rückgrat“/ „Von der Kunst Größe zu zeigen“/ oder auch „Die Sünden dieses Landes“/ lauten die Titel der Kurzgeschichten, 30 an der Zahl.

„Wås geht dås mi ån? Kärnten ist überall…“ so heißt es im Vorwort. „Machen Sie sich nichts vor. Anzunehmen, dass exemplarisch regionale Beschreibung vor eigenem territorialem Gebiet haltmacht, ist schlicht und einfach falsch. In Ihrer verfickten Region sieht es nämlich nicht anders aus. Die idyllischen Dörfer im österreichischen Bundesgebiet sind ebenso davon betroffen wie Regionen in Ost- und Westdeutschland, auszuweiten auf Europa und die ganze Welt. Nehmen Sie das Geschriebene in diesem Buch daher ruhig persönlich. Kärnten ist überall….“
(S 7).

„Seine Texte haben sich deutlich verändert und heben sich von den schon bekannten der beiden vorigen Teile I / II der MIEFKE-SAGA-TRILOGIE ab. Der schnelle Lacher ist nicht mehr das, um was es Eschenauer in seinen Texten geht. Das Erzählerische kommt stärker in den Vordergrund, hebt Germanist Arno Rußegger in seiner Einleitung zum Leseabend im Dinzlschloss hervor. Der Ton ist rauer geworden, es geht ans Eingemachte, das Lachen bleibt oft einmal im Hals stecken. Der Autor selbst meint dazu: “Ich bin erwachsen geworden, obwohl ich nie erwachsen werden wollte!“

„Eschenauer wurde in Zweikirchen geboren, ganz in der Nähe des berühmt berüchtigten Ulrichsberges. Das ist symbolträchtig für die Konzeption seiner Literatur, sozusagen ein doppelter Fokus, doppelter Blick, übliche konventionelle Bedeutung und den gewissen anderen Blick hinter die Kulissen. Zum Satierekonzept gehört offenbar auch die optische Aufmachung: die Plakate und die Gestaltung des Buchcovers zeigen das. Die Augenpartie wird betont, wodurch die Wirkung de-fokussierend erscheint. Man fühlt sich selbst in Frage gestellt. Dabei gibt es keine endgültigen Feststellungen, alles wird verschoben, das Allgemeine und Besondere wird vereint,“ erklärt Rußegger.

Dennoch bleibt wie in den vorangegangenen Veröffentlichungen die Liebe zur kurzen Form. Eschenauer meint dazu mit einem Augenzwinkern: “ Ich bin vergesslich, daher ist das mit Romanen eher beschwerlich…“

Eschenauer hat Philosophie studiert, aber seine Denkart ist nach Arno Rußeggers Einschätzung nicht abstrakt theoretisch, sondern, immer nah an den Vorkommnissen. Er übersteigt die äußere Realität mit einer Frage, wodurch eine gewisse Parabelhaftigkeit wirksam werde. Kärnten wird zum Sinnbild oder Unsinn-Bild, das keine Grenzen mehr kennt, „senza confini“ sozusagen. Texte bestehen aus Kurzprosa und Gedichten mit politischer Schärfe, sie treten nun kompromisslos hervor…

Ján Kubis am Akkordeon und Gerald Eschenauer bei der Lesung "Literatur um 8"
Ján Kubis am Akkordeon und Gerald Eschenauer bei „Literatur um 8“

MIEFKE SAGA III ist keine Fortsetzung, mehr logische Konsequenz, heißt es im Klappentext: „Die Summe der Ergebnisse. Der Autor schielt nicht nach Verständnis für eine allgemeine Situation, er legt vielmehr offen, wie erbärmlich wir handeln. Niemand bleibt unberührt, niemand ausgenommen. Regionalität wird aufgehoben. Freiheit ist längst eine Lüge. Und doch gibt es Hoffnung….“

„Ich bin ein gesellschaftspolitischer Autor und deswegen nehme ich Stellung“, charakterisiert sich der Villacher Autor. „Das ist im kulturellen Bereich nicht mehr üblich – es wird nicht mehr gepflegt. Früher wurden Meinungen kund getan (wie Karl Krauß das etwa getan hatte). Heute ist das überhaupt nicht mehr der Fall“, bedauert Eschenauer. „Ich nehme es niemandem übel, wenn er sich nicht äußert. Ich will mich aber äußern zu Dingen, die falsch laufen.“ Das beginnt bei Subventionsansuchen, geht weiter mit Ausreden und Absagen, einer gewissen „Systemtrottelei“, und dem vorherrschenden „Selbstbeweihräucherungsapparat“, letztendlich ist es die Dekadenz und die Zügellosigkeit, „koste es, was es wolle“, die den Autor aufrütteln, der Zustand der Gesellschaft – eben : „Die Sünden dieses Landes“.

In „Vom Alles-Dürfen“ schreibt er wie folgt:

Denken wir doch nicht mehr daran, solange es uns gut geht. Und es geht uns gut, nicht? Fett und zufrieden sitzen wir da. Der Kärntner Schweinsbraten auf dem Tisch. Öffnen wir den Kärntner Kühlschrank, bis oben hin gefüllt mit Kärntner Milch, Kärntner Speck, Kärntner Joghurt, Kärntner Glundnem Kas und faulen Eiern. Eingekauft in der Kärntner Landesregierung und ihren Zweigstellen. Schieben wir die Tür des original Kärntner Kleiderschranks rasant nach rechts. Voll ist er mit Kärntner Kilts, Kärntner Pleamlan. Kärntner Anzügen, Kärntner Löwen und Kärntner Dirndln. Sehen wir uns selbst im Spiegel und damit ins wahre Antlitz unserer erbärmlichen, intoleranten, von Neid und Missgunst zerfressenen, missmutig wirkenden Kärntner Kleingeist-Bergundtal-Seeundwald-Seele.
Wir dürfen alles. Uns nur nicht erwischen lassen…..
(S19)

Gegenüber anderen Medien hat es die Literatur heutzutage schwer. Ist die Literatur nun in der Defensive? wird der Autor gefragt.
„Der Mut fehlt – bei den Entscheidungsträgern und Förderstellen“ , betont Eschenauer. Davon kann er als ambitionierter Veranstalter in seiner Eigenschaft als Obmann des 2013 von ihm gegründeten „Vereins BUCH13 zur Förderung heimischer Literatur-Kultur“ ein Liedchen singen. „Bei Lesungen mit unbekannten Autoren und Autorinnen bekommt man keine Förderungen oder Sponsorengelder. Was zu tun ist? Es trotzdem machen! Wie soll etwas Neues entstehen, wenn man die Möglichkeit als Literaturschaffender nicht bekommt? Gegen die bestehende Überheblichkeit muss man eben ankämpfen. Die Gesellschaft lässt alles über sich ergehen – Der Literatur käme da eine besondere Stellung zu!“

Gerald Eschenauer, Jahrgang 1972 wurde in der Mittelkärntner 500 Seelengemeinde Zweikirchen, am Fuße des Ulrichsberg, als jüngstes von insgesamt acht Kindern geboren. Mehrere Jahre arbeitete Eschenauer im Rundfunk. Schauspiel, Theater, die Literatur und Philosophie sind seither seine steten Begleiter.

http://www.eschenauer.at

BLOG-Eschenauer-4

Bisher erschienen:
MIEFKE SAGA
2012, Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-99028-119-2

MIEFKE SAGA II – PASSIONEN
2013, Bibliothek der Provinz, Weitra
ISBN 978-3-99028-239-7

DAS SCHLACHTEN DER SCHWEINE
2014, Malandro Verlag, Klagenfurt
ISBN 978-3-902973-06-1

MIEFKE SAGA III – AUCH FÜR ALLERGIKER
2015, Mitgift Verlag, Wien
ISBN 978-3-903095-00-7
90 Seiten
€ 13,-

http://www.mitgift.at/de/autoren

http://www.mitgift.at/de/buecher

Die Lesereihe LITERATUR UM 8 wird von der Kulturabteilung der Stadt Villach im Dinzlschloss, Schlossgasse 11, 9500 Villach veranstaltet. Literatur nimmt in der Stadt Villach einen hohen Stellenwert ein, was sich im Budget ausdrückt. http://www.villach.at/inhalt/185117.asp

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Schreiben über Abgründe hinweg – Interview mit Delphine Blumenfeld

Eine bemerkenswerte Erscheinung in der Kärntner Literaturszene ist Delphine Blumenfeld. Schon vor mehr als 20 Jahren erregte sie mit ihren ersten Büchern Aufmerksamkeit: H. C. Artmann bezeichnete damals Blumenfelds Lyrik als „Weltliteratur“, und Bertram Karl Steiner (Neue Kärntner Tageszeitung) meinte: „So souverän ist noch kein Kärntner Autor mit dem Kärntner Dialekt umgegangen und keiner hat diese Sprache so ernst und beim Wort genommen.“ Warum ihre Gedichte und Texte den Leser nachhaltig berühren und zum Nachdenken anregen, ist nicht so leicht gesagt. Es sind wohl die starken Empfindungen und unerwarteten Wendungen, die ihre Lyrik zu etwas Besonderem machen.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/2011/11/06/die-besten-vorsatze/

Sie thematisieren in Ihren Gedichten und Erzählungen oft den Rand der Gesellschaft. Sind sozial prekäre Lebenskonstellationen eine besondere Herausforderung für Sie?

Ja, und natürlich nicht nur für mich. Für alle sozialen Individuen, die unter diesen Bedingungen leben.
Leben als Selbstzweck hat mich nie interessiert. Den Starken und Mächtigen wird überall eine Plattform für ihre Interessen und Stimmen gegeben. Da war ich lieber auf der anderen Seite, auf der Suche nach den Menschen dort, um ihnen eine Stimme zu geben.

Arbeitslosigkeit und Außenseitertum sind im Grunde lebensbedrohlich. Haben diese Bezüge für Sie beim Schreiben existenzielle Bedeutung?

Wenn wir von „lebensbedrohlich“ sprechen, denke ich, betrifft das in Nord- und Mitteleuropa in erster Linie hauptsächlich die Isolation, das Herausfallen, bzw Gestoßenwerden aus dem sogenannten „normalen“ gesellschaftlichen Kontext. Dazu gehören dann natürlich massive finanzielle Einschränkungen, auch Wohnungsverlust etc. Bei vielen Menschen auch Identitätsverlust, durch das plötzliche Wahrnehmen von Diskriminierung, auch von Leuten ihrer früheren Community, die fast immer keine Ahnung von der Situation zB länger dauernder Arbeitslosigkeit haben, oder von lange andauernden Erkrankungen.
Was in diesem Fall auch lebensbedrohlich werden kann, ist der soziale Ausschluss, Rückzug, und Isolation, verbunden mit Scham- und Schuldgefühlen, Hass, Selbsthass usw.

Romuald Hazoume, ein internationaler Künstler von Weltrang hat in seinem Filmprojekt „NGO Beninische Solidarität mit gefährdeten Westlern“ … auf diese Situation im Westen u.a. hingewiesen. Ein großartiges Projekt, zu sehen im Steirischer Herbst 2013. Und nachzusehen unter youtube: https://www.youtube.com/watch?v=1vSLGbLJSe0
Ein großartiges Projekt!

Finanziell, denke ich, wäre die prekäre Situation bei uns noch nicht lebensbedrohlich, was die Beschaffung von Grundnahrung betrifft. Beim Wohnen schon eher. Das gilt zumindest derzeit für Menschen, die sich innerhalb der österreichischen Grundversorgung befinden.

Ich kann gar nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist, dass Menschen wieder aus ihrer Abschottung in gemeinsames solidarisches Handeln kommen.
Das gilt für fast alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Nation usw.
Und egal ob schreibend oder nichtschreibend, auch für mich.

Muss man selbst erfahren haben worüber man schreibt ?

Nein natürlich nicht. Es gibt Autoren und Autorinnen, die machen sehr gute Recherchen. 😉


Spielt die Umgebung, in der Sie leben, in Ihrem Werk eine große Rolle?

Ich sehe mein Leben als eine Art Puzzle, aus dem dann auch kleine Teile in meiner Arbeit zu finden sind. Auch Tiere, Orte, und gewisse Charaktere für Figuren. Aber das wird selten verraten. Es heißt dann: die Handlung ist frei erfunden. Zufällige Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt …usw 😉 .
Aber letztendlich sind sie nur von Relevanz, wenn sich andere Menschen darin auch wiederfinden.

Das ist ja irgendwie auch das Schöne am Leben – es gibt keine noch so blödsinnige, traurige, absurde, glückliche usw Situation in der man plötzlich stecken könnte, in der sich nicht andere Leute auch finden. Kein noch so verrückter Fehler, den nicht schon viele Leute auch ausprobiert haben.

Abgesehen von den Puzzleteilen aus Begegnungen, Orten usw, sind meine Texte nicht autobiografisch, das wär mir zu langweilig. Ich kenne mein Leben ja. Ich will selber von meinem Text überrascht werden, Dinge ausprobieren.

Was kann man aus Ihrer Sicht mit Literatur bewirken?

Was mir dazu als erstes einfällt ist, dass Machthaber (und dieses Wort muss man noch nicht gendern) in Diktaturen immer große Angst zB vor geschriebenen Sätzen haben, deshalb gibt es dort ja auch die Zensur. Diejenigen, die kritische Texte veröffentlichen, werden verfolgt, inhaftiert, ermordet. Das ist noch immer der Fall.
Kritische Literatur (neben anderen Kunstformen, und zB der Publizistik) wird von Fanatikern, Extremisten, Machthabern usw – als extrem gefährlich eingestuft.
In funktionierenden Demokratien heißt es, ist es ja umgekehrt: hier kann man alles sagen, aber niemand hört zu 😉 …
Und natürlich gab es in meinem Leben Literatur die mich verändert, schockiert, unendlich bereichert, glücklich gemacht hat, und noch viel mehr. Sie hat mich auch ua immer wieder gerettet.
Und einmal habe ich eine Karte bekommen, im Winter 2008, von einer anonymen Leserin, deren Worte mich sehr berührt haben. Ihre Karte steht immer noch gut sichtbar in meinem Bücherregal.

Sind Ihnen die großen Vorbilder in der Literatur lästig?

Als ich jung war, hatte ich Vorbilder, die natürlich immer unerreichbar blieben. Einmal zum Beispiel H. C. Artmann. Als ich ihm dann gegenüber stand und er mich zum Essen einlud, bekam ich vor lauter Aufregung kein Wort heraus und bin weggelaufen, deshalb kamen kein Essen und weiterer Kontakt mit ihm zustande.
Zum Glück bin ich seit damals auf der Suche nach meiner eigenen Stimme …

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Über zukünftige Projekte will ich nicht sprechen, weil sie ja ein Prozess sind, der sich laufend verändert. Nur so viel, dass es sich um einen interdisziplinäreren Versuch handelt, in dem Sprache, Bild und Ton als eigenständige Figuren behandelt werden.

Kurzbiografie

Delphine Blumenfeld wurde in Klagenfurt / Celovec geboren.
Literaturzeitschriften und Anthologien: zB Schatzkammer (Zeitschrift für deutschsprachige Dichtung der Universität Iowa USA), Anstalten, Literatur/a, Etcetera (Oberösterreich), Beitrag zu Saualm Reflux – Wort-Bild-Arbeit mit Gerhard Maurer (Wieser Verlag). Mein See, und Mein Garten (Drava Verlag, herausgegeben von Gabriele Russwurm Biro)
Arbeitslosentexte für Reinhard Müller, AGSÖ Archiv für Geschichte und Soziologie, Uni Graz, zu: die Arbeitslosen von Marienthal
Lesungen, zB Frankfurter Buchmesse, Literaturhaus Frankfurt, Alte Schmiede, Literaturhaus Wien, Literaturhaus Salzburg, Minoriten Graz, Oberösterreichische Kultur Vermerke Gmunden, Theatercafé Klagenfurt – mit Klaus Paier (Akkordeon), Literaturhaus Klagenfurt, Universität Klagenfurt, Stadttheater Klagenfurt
Performances:
Citta´invisibile – die unsichtbaren Städte (österreichisch-italienische Gemeinschaftsproduktion);
Requiem für einen Eischristbaum (Stadtraum Klagenfurt);
An die Schafsgeier (mit Oliver Vollmann) KE Theaterhalle 11

Radioerzählungen –
ORF, OE1, Radio Agora

Bücher
Seesterngedichte (Wieser Verlag); Schneeläufer (Drava Verlag); Arbeitslos – Heimatlos – Alles los (Drava Verlag); Pan Paniscus Ohnegeld wohnt im Hotel (Foto: Gerhard Maurer und 1e Erzählung von Delphine Blumenfeld – Heyn Verlag / November 2014)

Preise und Stipendien
Projektförderung des Kärntner Frühlings für Literatur
Förderungspreis des Landes Kärnten für Literatur
Mundart Literaturpreis der Freien Akademie Feldkirchen
Sonderpreis des Landes Kärnten / Laudatio: Josef Winkler

Foto © Gabi Russwurm-Biro

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„Der Himmel wird ihn nie berühren“ – DER WEISSE ZORN von Axel Karner – eine Rezension

DER WEISSE ZORN ist ein Gedicht über 25 Seiten, eines, das im Ganzen zu lesen und zu denken ist, eine prägnante, eindringliche Geschichte in 17 Kapiteln mit Prolog und Epilog. Sehr kurze Sätze sind untereinander angeordnet. Sie bestehen oft nur aus einem oder zwei Worten – aus rudimentären KURZVERSIONEN – dabei entfaltet ein einziges Wort ein ganzes Gedankenuniversum vor dem geistigen Auge. In Stakkato-Kürze und treffsicherer Heftigkeit zieht es den Leser in eine verknappte und beschnittene Welt. Und es wächst sich zwischen den Zeilen Ungeheuerliches aus:
Bigotte Religiosität, kleinbürgerliche Enge, vermeintliche Alltagsbeobachtungen, unterdrückte Wut, Zerbrechlichkeit, Jähzorn, Unerwartetes. Dialoge, Zitate, abrupte Wendungen und immer ist man der Verdammung nahe. Auch vom Allmächtigen ist hinlänglich die Rede…

Das gesamte Gedicht, dessen Stärke in der Prägnanz und Heftigkeit liegt, steht unter dem Motto des weltweit bekannten amerikanischen Singer-Songwriters Steve Earle: „I´ll never get out of this world alive“. Eine unumstößliche (Lebens-)Weisheit zum Thema Tod, deren Logik man sich nicht entziehen kann. Ein weiterer Songtext (Lyrics) würde zu diesem Inhalt von Axel Karner passen, nämlich von der amerikanischen Alternativ-Rock-Band „My Chemical Romance“ (2001-2013) aus ihrem Song „Mama“, der lautet: „Mama, we all go to hell.“

Im Klappentext verheißt die Einleitung folgendes zum Inhalt: „Der Stammhalter wird geboren. Eine musikalische Laufbahn ist vorgezeichnet. Die bigotte Harmonie birgt jedoch eine zornige Welt. Ehrgeiz, Ohnmacht, Trauer. Enttäuscht lässt die Mutter das Kind verkümmern – umschließt den Erzwungenen. Feingeschichtetes springt.“

Zitate sind im Text eingefügt und werden Teil des Ganzen, Teil der Geschichte. Aus Werken von Hans Christian Anderson, Max Aub, Walter Kohl, Ali Podrimja, Alexander Widner und anderen sowie auch die Kantaten von Johann Sebastian Bach wie „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen „ (BWV12) und „Warum betrübst du mich, mein Herz“ (BWV 138) werden integriert.


Er kann es nicht lassen.
Schlug mit dem Schädel aufs Eis.
Da erzitterte der Spiegel. Sein Grinsen.
Barst. Blendend, blinkend Glas.
Die Augen blitzten – sternenklar,
Ruhe und Rast.
Königin zur Nacht.

Axel Karners Bibliographie hat in Klagenfurt beim ehemaligen Alecto-Velag Klagenfurt (Gratzer/ Zefferer) begonnen. Dort hat er – wie später auch beim Verlag Bibliothek der Provinz (Weitra/ NÖ) und seit seinen „Lissabonner Gedichten“ beim Wieser-Verlag Klagenfurt/Celovec – Gedichtbände in Dialekt und Schriftsprache veröffentlicht. Karner ist seinem Lektor Gerhard Maierhofer stets treu geblieben. Auch in diesem vorliegenden Band. Auch sein Interesse an Abstrusen, an den schroffen Gegensätzen ist gleich geblieben und spannt in diesem Lesebändchen einen poetischen Bogen über die Geschichte eines Jungen.

Cornelius Hell, Literaturkritiker und Essayist sagt in seiner Laudatio zur Verleihung deS Gert-Jonke-Preises 2015 in Klagenfurt folgendes zum Thema Lyrik:
„Darum ist es ein Schaden und eine Schande, dass Gedichte zumindest im deutschsprachigen Raum kaum mehr etwas zu gelten scheinen, dass in öffentlichen Literaturgesprächen nur mehr über Romane gesprochen wird, dass wichtige Zeitungen kaum mehr Gedichtbände rezensieren und vor allem, dass die neue Zentralmatura und das dahinterstehende Konzept des Deutschunterrichts nicht nur Gedichte, sondern gleich der Literatur überhaupt das Wasser abgraben, das sie auch für kommende Generationen fruchtbar machen könnte.“

Blog-Axel-Karner-Porträt-text

Axel Karner wurde 1955 in Zlan/Kärnten geboren, lebt und arbeitet als Autor und Lehrer für Evang. Religion, Darstellendes Spiel und Soziales Lernen in Wien. Schreibt Lyrik und Kurzprosa in Dialekt und Schriftsprache. Mitglied u.a. bei der GAV (Grazer Autoren Autorinnen Versammlung), beim Literaturkreis Podium und beim ÖDA (Österreichische DialektautorInnen Archive). Ausgezeichnet u. a. mit dem BEWAG Literaturpreis und dem Kärntner Lyrikpreis. Publikationen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften.

A meada is aa lei a mensch. Gedichte. Alekto Verlag, Klagenfurt 1991 (vergriffen)
A ongnoglts kind. Gedichte. Alekto Verlag, Klagenfurt 1995
Georg Schurl. Mörder. Kriminalgeschichten. Alekto Verlag, Klagenfurt 1997
Kreuz. Gedichte. Illustriert mit Scherenschnitten von Joseph Kühn.
Bibliothek der Provinz, Weitra 2003
Schottntreiba. Gedichte. Illustriert von Ingeborg Kofler. Bibliothek der Provinz, Weitra 2004
Vom ersten Durchblick des Gewebes am zehnten November und danach. Kriminalgeschichten. Bibliothek der Provinz, Weitra 2007
Die Stacheln des Rosenkranzes.
Lissabonner Gedichte. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2007
Das Gedächtnis der Ameisen. Erzählung. Evangelischer Presseverband, Wien 2007
Chanson Grillée. Gedichte.
Illustriert von Anne Seifert. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2010
Der rosarote Balkon. Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2012

Blog-Axel-Karner-Cover

Der weiße Zorn.
Ein Gedicht.
42 Seiten, gebunden,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-99029-162-7
Wieser Verlag,
Klagenfurt/ Celovec 2015

14,80 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/der-weisse-zorn/

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke dem Wieser-Verlag für das Rezensionsexemplar.

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„Kopf hoch!“ – Ein literarischer Heimatabend zu Ehren Gert Jonkes (1946- 2009)

Prof. Dr. Klaus Amann, ehemaliger Leiter des Musil-Instituts der Alpe-Adria-Universität Klagenfurt, begann den Gedächtnisabend zu Ehren einer der letzten wahrhaften Dichter-Existenzen unter den deutschsprachigen Autoren, mit folgenden Worten:
„Gert Jonke war ein Dichter. Wenn man mit diesem Wort jemanden bezeichnet, der in und aus der Sprache die Welt neu erschafft, das heißt uns die Welt anders neu sehen lässt. Jemand, der in seinem Denken und Tun die Poesie verkörpert und dessen Poesie ein Abbild seines Wesens ist.“
In Kooperation mit dem Robert Musil-Institut veranstaltete das klagenfurter ensemble nach einem Konzept von Wilhelm Huber und Alexander Mitterer am 6. Februar einen Abend in memoriam des großen österreichischen Dichters mit dem Titel: „Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“. Bella Ban gestaltete die Bühne in der Theaterhalle 11 in Klagenfurt.

In drei Teilen präsentierten österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Christoph W. Bauer ( „Ein poetischer Vagantengruß an Gert Jonke“), Alois Hotschnig, Josef Winkler, Anna Baar („Gruß an Jonke“) und der Verleger Jochen Jung Texte und Beiträge zu Gert Jonke.

Dietmar Pickl, langjähriger Jonke-Freund, sang das „Neue Kärntner Lied mit alter Weise“ von Antonio Fian. Oliver Welter interpretierte den Text „Im Zimmer“ von Gert Jonke. Am Klavier brachte Karen Asatrian Kompositionen und Improvisationen zu Gehör, ebenso spielten Johannes Brummer am Klavier und Gilbert Sabitzer am Altsaxophon das „Opus für Klavier und Saxophon“ von Alfred Stingl.

Klaus Aman, der als Moderator durch den würdigen Abend führte, machte das sehr aufmerksame Publikum auf die „tiefe Verachtung der Gier und Besitzkrankheit und die Lust an der Sprache Jonkes sowie die unerschöpfliche Erfindungsgabe“ aufmerksam,
dessen Leben und Schreiben eine untrennbare Einheit war. Und betonte wie wichtig die Musik im Leben Gert Jonkes war: „Sprachgewalt, Rhythmus und Musikalität“ zeichneten ihn aus, er sah die Musik als „Existenzgrund“.
Jonkes „Dasein als pausenloses Auf- und Abgehen in einem Zimmer – Beginn einer Verzweiflung“ blieb Josef Winkler bis heute unvergesslich. Mit gestohlenem Geld hat sich Winkler als Gymnasiast Gert Jonkes Buch gekauft: „Beginn einer Verzweiflung von G. F. Jonke war mir damals als halbwüchsigem Bauernjungen in einer Villacher Buchhandlung sofort ins Auge gefallen, in dem G. F. Jonke auf der für mich bis heute unvergesslichen letzten Seite schreibt, dass er oft stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, ohne zu wissen, warum er stundenlang pausenlos in seinem Zimmer auf- und abgehe, und mir beim Lesen dieser letzten Seite von Beginn einer Verzweiflung sofort einfiel, dass ich, ein paar Jahre vorher, bevor mir dieses Buch in die Hände fiel, im großelterlichen Zimmer, als meine dicke Großmutter mit offenem Mund laut schnarchend im Bett lag, pausenlos in meinem Zimmer auf- und abging, ohne zu wissen, warum ich im großelterlichen Zimmer pausenlos auf- und abging und erst in dem Moment mit meinem pausenlosen Auf- und Abgehen innehielt, als meine Großmutter aufwachte und mir mitteilte, von den durchdringenden Schreien des Totenvogels aufgeweckt worden zu sein …“ (Josef Winkler/1995). An diesem Abend las Winkler diesen Text zum ersten Mal öffentlich.

Jochen Jung , ein langjähriger treuer Freund, Wegbegleiter, Ratgeber, Lektor und Verleger Gert Jonkes brachte die Persönlichkeit eindrücklich auf den Punkt: „Gert Jonke war wie ein heimlicher Engel unter den Dichtern Österreichs. Kein solcher kam ihm nach.“ Er las sein Essay: Der Wunsch Zauberer zu werden:
„Gert Jonke ist unter den Autoren, die in deutscher Sprache schreiben, der Fremdeste. Wenn Fremdsein das ist, was uns immer rätselhaft bleibt, gerade weil wir etwas darin wittern, was tief in uns selbst steckt, sich mit den üblichen Formeln aber nicht erschließen lässt, dann ist er der Fremdeste. Und darum ist er uns auch der Nächste. Er lässt uns ahnen, dass diese Fremde – wie bei Gorgo Medusa – hinter seinem ersten Schrecken etwas verbirgt und dann auf einmal leuchtend zeigt, was hier nicht Glück heißen soll oder Erfüllung oder Utopie, sondern Poesie. Und Poesie zielt immer direkt in unsere Mitte…..In Klagenfurt geboren zu werden, bedeutet, ein Kärntner zu sein, und irgendwann ist man so alt, dass man weiß, was das heißt. Natürlich ist es schön, ein Kärntner zu sein, so schön wie als Sachse oder Appenzeller auf die Welt zu kommen. Andererseits ist es aber auch nicht schön, denn einige Kärntner mögen andere Kärntner überhaupt nicht und zeigen das auch sehr gern. Das geht dann vor sich wie überall auf der Welt, für die anderen Kärntner aber besonders schlimm…. „(Jochen Jung)

Gert Jonke sagte in einem Gespräch zu ihm:
„Wahrscheinlich gab es von Anfang an den Wunsch Zauberer zu werden. Ja, zaubern zu können …das war es. Gedichte sind ja nichts anderes als Zaubersprüche, die bewirken, dass du außer dir bist. Dass du neben dir stehst und dich betrachtest und von dir betrachtet wirst, während etwas, was noch in dir drinnen ist und von dem du rätselst, was das sein kann, aus dir herausgetreten ist, und du stehst neben dir und schaust, wie das heraustritt. Das ist ein Punkt von Erkenntnis, glaube ich, ein Punkt, eine Sekunde, in der du begreifst zu verstehen, wie die ganze Welt, der Kosmos zusammengesetzt ist. …“ (Gert Jonke).

Jonke ist gerne Zug gefahren und besuchte vor seiner Abreise oft Klaus Amann im Musilhaus am Bahnhof. „Kopf hoch!“, schrieb Jonke seinem guten Freund, dem es im Moment der Begegnung gerade nicht gut ging, in ein druckfrisches Exemplar von „Der Ferne Klang“ ohne Ratschläge und kommentarlos, aber nicht anteilslos. Die zwei Worte sind für Amann Trost, weil er als Jonke-Experte weiß, wie dessen Texte zu lesen sind.

Alexander Mitterer interpretierte den Jonke-Text: Ein anderes Kärntner Lied“. Aus dem Publikum kamen viele Lacher zu dieser Charakterisierung Kärntens.

Im letzten Teil las Alois Hotschnig , der 2011 als erster Preisträger des Gert-Jonke-Preises ausgezeichnet wurde, einen virtuosen Text zu Ehren Jonkes. „Schreiben statt reden“. Klaudia Reichenbacher brachte danach die Laudatio zur Verleihung des Erich-Fried-Preises 1997 an Gert Jonke „Das Verhalten auf sinkenden Schiffen“ von Ilse Aichinger zu Gehör. Oliver Welter interpretierte Gert Jonkes Gedicht „Vogel Schau“ und Alexander Mitterer las den Jonketext „Quer durch das arktische Eis des Papiers.

Danach trug Reichenbacher auch zwei Texte von Elfriede Jelinek vor:
Allzu schneller Rücklauf: „Mit betrügerischer Leichtigkeit und ahnungslos sind Gert Jonke und ich einander (vor Jahren) ein letztes Mal begegnet. Im einem Zug der Westbahn, zwischen Linz und St. Pölten (Orte, die er nicht erfunden hat. Sonst hat er aber alles erfunden), ich war eingenickt und bin aus dem Leichtschlaf hochgeschreckt, da habe ich ihn durch die gläserne Abteiltür hindurch gesehen. Es traf sich irgendwas, das noch außer mir war (ich war noch nicht ganz da, aber auch nicht ganz weg, habe den Gert aber sofort erkannt), er war nicht außer sich, außer mir hat er niemanden dort im Abteil gekannt, musste er auch nicht, es war ohnedies alles von ihm, alles war von ihm erfunden; ich wollte aufstehen und zu ihm hinaus auf den Gang, und er hat gesehen, dass ich etwas ver-rückt bin, noch nicht ganz in der Wirklichkeit, und er hat eine begütigende Bewegung gemacht: Schlaf weiter! Jetzt schläft er, sehr viel weiter. Ich habe ihn seither nicht mehr wiedergesehen. …“ (Elfriede Jelinek)

Reichenbacher las einen Text, der für diesen Abend extra geschrieben wurde: „ Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“ – eine poetische Liebeserklärung. Den Abschluss bildeten Oliver Welter und Karen Asatrian mit ihrer sprachmusilkalischen Jonke-Interpretation „Auf den Telegrafendrähten“.

Foto: Porträt Gert Jonkes von ©Bella Ban

http://jungundjung.at/content.php?id=3&a_id=7

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