Monat: Januar 2016

Eine Suche nach 1000 Fundstücken – CLEMENS J. SETZ über seine Arbeitsweise

Der Grazer Autor erzählt als Gast im Musilinstitut Klagenfurt souverän und mit einem gewissen „coolen“ Charme Anekdoten aus seinem Leben als aufstrebender junger Schriftsteller. Er sieht seine bisherigen Biografie als „verstrebert und gefallsüchtig“ und gewährt Einblicke in seine Arbeitsweise.
Darunter ist auch folgende Geschichte, nämlich die, dass er früher gerne in Lesesäle ging, so getan hatte, als würde er lesen, um eigentlich nur die Geräusche zu belauschen … zufällige Klangnester oder der Trompetenton eines rutschenden Stuhls.

„Ich lese gerne Bücher, die anders sind“, meint Setz. Und solche schreibt er auch gerne. Mit seinem Lyrikband DIE VOGELSTRAUSSTROMPETE präsentierte er Gedichte, die nicht kalt lassen sollen. Sie sind „prosa-nah“ konzipiert und gekennzeichnet mit einer Nichtbeachtung der Normen. Es sind Fundstücke, Kuriositäten, die er ansammelt, Einträge auf Wikipedia, zu Collagen arrangiert, Verschiedenstes kombiniert.

In jedem seiner Bücher komme er selbst als Figur vor, aber das könne man nicht ständig machen – meint Clemens J. Setz. In seinem neuen Roman DIE STUNDE ZWISCHEN FRAU UND GITARRE (Suhrkamp 2015) tritt der Autor als „sanftmütiger Hase“ auf. Das ist die Übersetzung seines Namens „Clemens“ bedeute sanftmütig im Lateinischen und „Setz“ heißt in Slowenisch der Hase. „So bin ich in diesem Roman verewigt und war ganz glücklich über diese Idee.“

„Wenn man tausend Seiten schreibt, ist es nicht zu rechtfertigen, wenn nicht etwas Nützliches dabei ist!“ betont Setz. Was er sich einmal ausgedacht habe im Zivildienst: Man sollte bei überdehnten Gelenken, unsichtbare Tiere auf Schultern und Nacken setzen, das trage zur Genesung und zur Straffung der schmerzenden Rückenmuskeln bei. Zum Beispiel eine unsichtbare Maus auf die Schulter setzen. Sie bliebe zudem leichter im Gedächtnis, wenn man ihr einen Namen gibt und, wenn man es ganz allein für sich macht, muss man sich nicht genieren, sondern entwickelt ein gesundheitsförderndes Balancebewusstsein.

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Für die Vertreterin der Lesegruppe der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Carmen Heller, die bei diesem Gespräch die Moderation führte, ergaben sich aus dem kollektiven Lesen dieser anspruchsvollen Lektüre viele Fragen. Zum Beispiel zu den Sprach- und Namensspielen, zu den skurrilen Dingen, die in diesem Roman eingebaut wurden und zu dem Blick in die menschliche Psyche. „Woher kommt das Bedürfnis sich mit psychopathologischen Studien zu beschäftigen und diese einfließen zu lassen?“

Das habe, so Setz, mit seiner Biografie zu tun und seiner Zeit beim Zivildienst. Er hatte ein Jahr mit Menschen mit Behinderung gearbeitet und entwickelte dabei (und auch später immer wieder) eine Vorliebe und Zuneigung für Menschen, die ein abweichendes Schicksal haben. Die geschlossene Welt in einem Wohnheim habe ihn beeindruckt.

„Ich brauche Zonen, wo Leute reinkommen. Alles was taugt von mir, spielt in Zonen“. –
„Mich befreit die enge Form“, sagt der Autor, denn eine Geschichte ohne Form sei leblos – so habe er das in einem Workshop bei Josef Winkler gelernt. Später erkannte er, wie wichtig die Form sei. Je strenger die Form, desto klarer könne man sich ausdrücken.
Lese man seinen Roman wie einen spannenden Thriller, dann hätte man einen anderen Zugang. „Es kommt auf die Schleusen an, die man sich macht“.

Die Geschichte der Protagonistin Natalie Reinegger, die als Betreuerin in einem Wohnheim für behinderte Menschen arbeitet, und die sich um den als „schwierig“ geltenden Alexander Dorm, an den Rollstuhl gebunden, kümmert, wird konventionell und traditionell beschrieben. Der erzählerische Raum ist genau abgesteckt, zudem sind klassisch Zeit und Handlung mit dem Raum eins. Es schien Clemens J. Setz am natürlichsten, die Geschichte linear darzustellen, da der Vorgang schwer anders wiederzugeben wäre. „Meine Dialoge sind nicht wie Theaterdialoge. Man muss viel nachfragen, wo der Faden ständig verloren geht“, erklärt der Autor, „und das ist sicher anstrengend“.

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Definitiv würde ihm auch die Mathematik, die er studiert habe, mehr beim Bücherschreiben helfen, als die Germanistik, sein zweites Fach an der Universität Graz. Man lernt eines: „Die Mathematik zieht einen aus der Flatterhaftigkeit heraus. Man lernt die Genießerfähigkeit mit dem Umgang von kleinen Textabschnitten, die Mathematik hilft beim Komponieren von Texten – beim Microblick, denn der kleine Text ist „unlangweilbar“. So wie das Strukturmaterial bei Bäumen sei auch die Struktur im Blatt, im Kleinen wie im Großen, deswegen muss bei ihm ein Absatz dieselbe Dichte haben wie das gesamte Werk. Er hat in diesen Roman viel mehr Arbeit investiert, als in seine vorherigen Werke, damit er lesbar werde.
Clemens J. Setz arbeitet viel Versatzstücken, mit kleinen Textteilen aus Twitter – auch Interviews fließen in seine Romane ein. Als „Vorübung“ verwendete er auch Facebook als Notizbuch für seine Texte. Übrigens muss man seinen Roman mit beinahe tausend Seiten nicht auf einmal lesen. „Man wird für Abwesenheit nicht bestraft, man darf das
Buch auch einmal weglegen und ein paar Tage später weiterlesen.“

http://www.suhrkamp.de/autoren/clemens_j_setz_8336.html

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Wer zuletzt lacht“ – ein Faschings-Krimi aus Kärnten von Wilhelm Kuehs

Der Villacher Fasching und seine mörderischen Schattenseiten stehen im Mittelpunkt von spannenden 335 Seiten Krimilektüre. In dem neu erschienenen Roman „Wer zuletzt lacht“ wird der Niedergang des Landes anhand von Einzelschicksalen gezeigt.
Der gebürtige Wolfsberger Wilhelm Kuehs (Germanist und ehemaliger Journalist in Kärnten) zeichnet akribisch in seinem mittlerweile zweiten Kärnten-Krimi, das ausgelassene Faschingstreiben und einen bis ins letzte Detail geplanten, hinterhältigen Mord am Villacher Bürgermeister! Ein Skandal – gerade zur Villacher Hochsaison – im Fasching. Ein Mord, genau während einer der so beliebten Faschingssitzungen, als bizarre Kulisse für Macht und Machenschaften.
„Wer in diesen Wochen durch Villachs Straßen spaziert, dem erscheinen oft seltsame Gestalten. Kobolde und Gnome treiben sich in den Gassen herum. Ein Zug von Narren mit goldenen Kappen schreitet über den Hauptplatz …“ (S 162). Absonderheiten werden von Wilhelm Kuehs geschildert und viele Kärntner „Besonderheiten“.

Mit einem Satz könnte man die Romanfigur, den selbst ernannten Ermittler, Ernesto Valenti, Journalist und Sensationsreporter bei der „Kärntner Tagespost“, so charakterisieren, wie in einem Dialog aus dem Kapitel 30: „Wenn Sie aus Villach berichten wollen, müssen Sie unbedingt einen Witz erzählen können“ (S 149). Das kann und will Valenti nicht – muss er nicht, denn das Lachen bleibt einem beim Lesen sowieso im Hals stecken, bei all den halbseidenen Seilschaften der Faschingsgilde. Hartnäckig und unbestechlich bleibt Valenti dran, bis er seine „Geschichte“ für die Zeitung hat, keinen Politikern über den Weg traut und überdies den Mordfall klären will!

„Handlungen und Personen sind keine Abbildung unserer gemeinsamen Wirklichkeit. Denn ein Roman ist keine Reportage. Elemente der Wirklichkeit werden transferiert, modelliert und manchmal bis zur Kenntlichkeit entstellt, um ein sekundäres System, eine narrative Welt zu schaffen,“ erklärt der Autor selbst in seiner Nachbemerkung (S 333).

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Spannend und in einem angenehm flüssigen Stil geschrieben, lässt der Autor als Medieninsider und Kärntenpolitik-Kenner ein treffendes Bild von Machenschaften, dubiosen Projekten, geplanten und verhinderten Einkaufszentren, Bordellen und Prostituierten, vor den staunenden Augen der Leserschaft entstehen. Der Aufdeckerjournalist Valenti hat es im Roman mit zwielichtigen Gestalten zu tun: „Das ist doch kein Mann. Wo andre Leute ein Herz haben, hat er eine Brieftasche. Nur Geld, Geld, Geld. Keine Werte, kein Anstand und keine Ehre“ (S 139). Kuehs trifft damit den Zeitgeist einer Gesellschaftsschicht, die sich verbrecherisch etabliert hat und über alles drüber fahren kann und will, was im Weg steht, koste es, was es wolle.
Der Autor zeichnet auch ein genaues Bild einer lokalen Zeitungsredaktion, von einem Alltag als Reporter und von Kärnten, speziell die beiden Städte Villach und Klagenfurt, das Einheimischen und Eingeweihten manchmal ein Schmunzeln herauslockt. Ein analytischer Blick und detektivisches Denken führen den Lesenden schnell durch die Geschichte. Wer (wirklich) zuletzt lacht in diesem Krimi, wird nicht verraten!

Der Autor, Mag. Dr. Wilhelm Kuehs, wurde 1972 in Wolfsberg geboren und lebt mit seiner Familie in Völkermarkt. Er studierte Germanistik und Komparatistik an der Universität Klagenfurt, hat jahrelang als Journalist gearbeitet und wurde vor allem durch seine Beschäftigung mit den Kärntner Sagen bekannt. 2014 gewann er den 1. Platz beim Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi mit der Erzählung „Sarajevo Falling“.
Dem ersten Roman („Der letzte Rock hat keine Taschen“, Haymon tb 2015) und vorliegenden zweiten („Wer zuletzt lacht“ Haymon tb 2016) mit Ernesto Valenti als Protagonisten wird bald ein dritter Kärnten-Krimi folgen, dann ist die Trilogie perfekt.

http://magazin.haymonkrimi.at/2015/12/03/im-land-der-herunterfallenden-sonne/

Ich danke Mag. Dr. Wilhelm Kuehs für das Rezensionsexemplar.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Blog-Buch-Kuehs-Titel-

Wilhelm Kuehs
Wer zuletzt lacht
Kriminalroman
336 Seiten
Paperback, Taschenbuch
ISBN 978-3-7099-7824-5
Haymon Taschenbuch 2016
12,95 €

http://www.haymonkrimi.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=7824

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MEIN BUCH – prägende Erlebnisse mit Literatur – Lesereihe im Robert Musil-Institut Klagenfurt

Die neue Lesereihe des Robert Musil-Instituts Klagenfurt beschäftigt sich mit jeweils drei wichtigen Büchern im Leben eines prominenten Gastes aus dem Bereich der Wirtschaft und der Politik. Die vorgestellten und von den Gästen präsentierten Bücher haben Bedeutung und Auswirkungen auf Leseverhalten und persönliche Entwicklung. Das Publikum wird auf diese Lesereise, die in der Kindheit beginnt und in der Gegenwart endet, mitgenommen. Gastgeberin und Gesprächspartnerin der in unregelmäßigen Abständen angesetzten Veranstaltung ist Univ.-Prof. Dr. Anke Bosse, Leiterin des Robert Musil-Institutes für Literaturforschung/Literaturarchiv Kärnten.
Als erster Gast wurde Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser eingeladen, über „Mein Buch“ zu referieren.
Blog-Plakat

Das Buch, das Peter Kaiser in der Jugend zur Literatur geführt hat, ist KARL MAYS (1842-1912) Winnetou – Teil I (erschienen erstmals 1893; herausgegeben von Lothar Schmid, Hans Wollschläger, Karl-May-Verlag 1992, Bamberg). http://www.blickinsbuch.de/3780200074&account=4907031511 Wie viele Kinder seiner Generation hat Peter Kaiser dieses Buch von seiner Oma im Alter von sieben Jahren geschenkt bekommen. Die Großmutter war es auch, die ihm aus „Enkelliebe frühzeitig das Lesen beigebracht“ hatte. Die Sprache Karl Mays empfindet Kaiser als deskriptive Liebeserklärung – wenn er es heute als Erwachsener liest und bewusster liest – fast homoerotisch. Das Edle und Besondere galt es zu entdecken. Über viele Seiten lang wird eine Erwartungshaltung hergestellt (Anmerkung Anke Bosse „Supertrick“), erst auf Seite 60 erscheint Winnetou, die Lieblingsfigur Peter Kaisers von allen Karl May Bänden. Aus der Erzählsicht von Blutsbruder Old Shatterhand wird Winnetou zum „edlen“ Wilden, der allen Weißen moralisch überlegen ist.
„Das idealisierte Bild war Karl May wichtig, der ja viele Jahre in Haft verbracht hat“, so Kaiser. Auch die Filme der 1960er-Jahre mit Pierre Brice in der Hauptrolle haben bei der Visualisierung der Figuren für Generationen von jungen Lesern eine wichtige Rolle gespielt. Peter Kaiser hat „die ganze Palette von Karl May gelesen“ und danach die Entdeckerromane von Hans Otto Meißner (1909 – 1992). Diese Lektüre war dann „besser als Geographieunterricht“. In seiner Jugend hat sich Kaiser mit Winnetou identifiziert, aber nicht wegen der Silberbüchse. „Ich nehme für mich in Anspruch, viele Werte dieser Bücher angeeignet zu haben ohne sie politisch zu interpretieren.“ Aber eines steht fest, so Kaiser:“ Wenn Winnetou gewählt hätte, weiß ich, was er gewählt hätte!“

Das zweite Buch, das Peter Kaiser nachhaltig geprägt hat, ist „Alle Menschen sind sterblich“ 1946 von SIMONE DE BEAUVOIR verfasst (1908-1986). Titel der Originalausgabe: »Tous les hommes sont mortels« http://www.sf-fan.de/rezensionen/simone-de-beauvoir-alle-menschen-sind-sterblich.html Über einen „romantischen Pfad“, geleitet vor vielen Jahren von seiner damaligen Partnerin , gelangte Peter Kaiser zu diesem existenzialistischen Roman. Die Unsterblichkeit ist nicht die Gnade, die man sich oft wünscht! So könnte man die philosophische Grundaussage auf den Punkt bringen. Es handelt von Raimondo Fosca, der 1279 geboren einen Unsterblichkeitstrank zu sich nimmt und danach acht Jahrhunderte lang lebt – leben muss. „Bitterer geht es kaum“, meint Peter Kaiser und Anke Bosse merkt an, dass die Sterblichkeit oder den Tod zu überwinden in allen Religionen steckt, die Unsterblichkeit aber ein Fluch ist. Zitat: „Ich lebe und habe kein Leben. Ich werde niemals sterben und habe doch keine Zukunft. Ich bin niemand. Ich habe keine Geschichte und habe kein Gesicht – sagte Fosca“. Interessiert die Frage der Unsterblichkeit mehr als die Geschichtlichkeit ? fragt Anke Bosse ihren Gast. „Fosca erfährt Zeitbegriffe, die für andere völlig andere Bedeutung haben. Wenn man was Großes geleistet hat, möchte man den Moment festhalten. Für Fosca geht es immer weiter, das führt zu einer unheimlichen Gleichgültigkeit“, betont Kaiser und sieht das Werk als religionskritisch an. Der Roman macht sehr deutlich, nur durch den Tod, der unausweichlich ist, sind wir in der Lage unser Leben wertzuschätzen, haben wir Gelegenheit, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen. Simone de Beauvoir hat das Werk 1946 gleich nach dem 2. Weltkrieg (Vernichtungskrieg) geschrieben, aber weder diesen noch den 1. Weltkrieg in die Beschreibung einbezogen. Für Peter Kaiser ist „Alle Menschen sind sterblich“ ein Plädoyer für ein sinnvolles Leben. Auch Anke Bosse ist überzeugt davon, dass dieser Roman ein positives Buch ist.

Das dritte Buch, das aktuell Peter Kaiser beeinflusst und verändert hat, ist die beinahe tausend Seiten starke Ausgabe „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von THOMAS PIKETTY (2013 im französischen Original publiziert, entwickelte sich das Buch nach Erscheinen auf Englisch im Frühjahr 2014 zum internationalen Bestseller mit mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren; auf Deutsch im Oktober 2014 erschienen, aus dem Französischen von Ilse Utz und Stefan Lorenzer im C. H. Beck Verlag). http://verteilungsfrage.org/piketty/ Verteilungsdebatten sind aktuell wie nie. Die Ungleichheit ist das neue Megathema in der Politik und erschüttert die Ökonomie, die sich zu lange um diese Diskussion gedrückt hat. Das wissenschaftliche Buch handelt aus ökonomischer Sicht davon, wie es zur ungleichen Verteilung von Vermögen kommt. Die historische Entwicklung wird dabei länderübergreifend und vergleichend aufgezeigt. Umfangreiches, empirisches Datenmaterial sorgt für eine fundierte, wissenschaftliche Basis der Erkenntnisse. Fazit ist: Kapitaleinkommen steigen schneller als die Arbeitseinkommen. Diese Ungleichheit zwischen den hohen und den Normaleinkommen wird sich in Zukunft radikal verschärfen. „Keiner weiß, wie sich die Destabilisierung zeigen wird!“

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Für Peter Kaiser „ist das eine Muss-Lektüre, wenn man Verteilungspolitik betreiben will.“ Die Ungleichheit wächst stündlich, die Schere zwischen arm und reich wird immer größer, eine radikale Entwertung von Arbeit und Leistung geht damit einher. Das alles wirkt automatisch radikal destabilisierend. Bei Piketty kommt am Ende klar heraus, dass es möglich ist, die Dinge zu ändern. Dabei muss die Politik die Vorherrschaft über die Ökonomie haben. „Über das Tabu VERMÖGEN zu reden, ist schon fast ein Verbrechen – noch schlimmer ist es bei der Erbschaftssteuer (mit all ihren Mythen – obwohl man weiß, dass es ins Verderben führt)“, erklärt Kaiser, der in seiner politischen Funktion auch bei den Verhandlungen zur Steuerreform eingebunden war. „Wenn wir uns als Kulturkontinent sehen, dann müssen wir Handlungen setzen“, so Kaiser. Es gäbe viele Möglichkeiten Transaktionssteuern und andere Vermögenssteuern und damit auch politisch global regulierende Strukturen einzusetzen, die diese Ungleichheit regeln könnten – nur derzeit gibt es in der EU keine Bereitschaft. Daher ist die Bewusstmachung dieses Problems (durch dieses Buch!) so wichtig, denn die Lage ist nicht hoffnungslos!
http://www.capital.de/meinungen/ungleichheit-das-neue-mega-thema-2273.html
Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Irgendwann wird man traurig vom Warten “ – WINTERS GARTEN von Valerie Fritsch– eine Rezension

Die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch hat mit ihrem zweiten Roman WINTERS GARTEN, (Suhrkamp 2015), viel Aufmerksamkeit durch ihre melodische, ausdrucksstarke Sprache erregt. Sie ist der Shootingstar der österreichischen Literaturszene schlechthin.
Die sympathische Schriftstellerin ist 1989 in Graz geboren und studierte an der Akademie für angewandte Photographie. Sie arbeitet als Autorin (Prosa und Lyrik) und gleichzeitig als Fotokünstlerin, ist viel und gerne auf Reisen in fernen Ländern, das spürt man auch in ihrem Roman. Ihre enge Beziehung zur Bildsprache, zu einem drastisch symbolischen Ausdruck, lässt sich in ihrem Text nachspüren. Virtuos und sinnlich, voller lebendiger Eindrücke und Gefühle, genaue Beobachtungen – auf einen Blick eindeutig identifizierbar, aber auch voller Verzweiflung.

In dem 154 Seiten langen Roman WINTERS GARTEN beschreibt die Autorin in acht Kapiteln lyrisch bewegt die Geschichte von Anton Winter. Im 1. Kapitel taucht man in einen Idealgarten als Rückzugsort ein, eine Idylle einer Jugend schlechthin mit allen Details einer glücklichen Kindheit. Ein Seelengarten voller Geborgenheit, mit Großmutter und Großvater. Die Fülle der Natur und das Entdecken einer wunderbaren Welt stehen im Mittelpunkt des kleinen aufgeweckten Buben.
„Für Anton Winter war die Kindheit vollgestopft mit hohen Gräsern und Teerosen und grünen Äpfeln in den Bäumen, die man den ganzen Sommer über so begehrlich ansah, dass sie irgendwann schüchtern erröteten“ (Seite 11). Im 2. Kapitel ist Anton erwachsen und lebt als einsamer Vogelzüchter in der Stadt, „dünn vor Sorge“ wie die übrigen Bewohner dieser beängstigenden Umgebung in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Die Welt steht kurz vor der Apokalypse und es gibt kein Entrinnen. „Man wurde blind über Nacht. Es wurde schwarz vor dem inneren Auge. Wer träumte, sah nichts mehr, und statt der Bilder drängten sich Töne in den Schlaf, wuchsen sich aus zu einer Kakophonie markerschütternder Laute, die den Menschen im Schädel hallten und die Ohren betäubten“ (Seite 41). Im 3. Kapitel lernt Anton mit 42 Jahren Friderike kennen und erstmals lernt er zu lieben. Wer sie war bleibt ein Rätsel. Sie stürzen sich in eine aussichtslose Liebe ohne Zukunft mit all ihren sakralen Augenblicken und den menschlichen, fast tierischen. „Während draußen die Welt in tausend Stücke fiel, schliefen die Menschen miteinander, weil sie nichts anderes anzufangen wussten mit ihren heilgebliebenen Körpern, als sie zusammenzukleben zwischen all den Scherben.“ (Seite 60). Weiter geht es im Kapitel 5 mit dem Gebärhaus, in dem Friderike arbeitet. Anton ist dort Totengräber.

Jeder Satz bei Valerie Fritsch ist schlüssig und gibt das Große und Ganze wieder. Die Gegensatzpaare Leben und Tod, Tag und Nacht, Grauen und Schönheit werden lyrisch und klangvoll aufbereitet. Prosa voller Todessehnsucht und Weltuntergangsstimmung. Man könnte den Text auch Singen, sosehr nimmt die Satzmelodie und der Sprachrhythmus den Leser ein. Eine Wortkomposition, eine Klangreise in die Tiefen des Textes. „Den einsamsten aller Planeten hat mein Großvater die Erde genannt, weil hier jeder für sich allein kämpft und jeder für etwas stirbt, für das man so gerne leben würde“ ( Seite 70).

Die junge Autorin hat 2015 sehr erfolgreich am 39. Bachmann-Wettbewerb teilgenommen. (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2709005/).
Ihr Text „Das Bein“, eine Erzählung über einen ehemaligen Tänzer, der den Verlust seines Beines nie überwinden konnte, wurde mit dem zweiten Preis (KELAG-Preis) und vom Publikum zum besten Text gewählt. Klagenfurt steht einmal im Jahr im Mittelpunkt der deutschsprachigen Literaturszene. 2016 wird vom 29. Juni bis 3. Juli das Jubiläum 40 Jahre Bachmann-Preis (http://bachmannpreis.orf.at/stories/2746380/)
gefeiert und an die vielen überragenden Preisträger erinnert, wie auch die beiden Kärntner Schriftsteller Gert Jonke (1977) und Maja Haderlap (2011), die den begehrten Preis gewonnen haben.
Valerie Fritschs Sicht auf dieses Wettlesen ist allerdings sehr ambivalent: „Das waren absonderliche Tage an einem absonderlichen Ort. In dieser kleinen Provinz, wo sich dann alles um Literatur dreht oder zu drehen glaubt. Und ständig darüber geredet wird. Das ist ein Literaturtribunal in der Öffentlichkeit“, bemerkt sie in ihrem Interview mit Eva Straka in der Ausgabe 4/ 2015 des Kultur-Magazins PORTRAIT S 53 (http://magazin-portrait.at). Literatur mache eben schon nach ein paar Tagen sehr müde, besonders, wenn man auf der Präsentierscheibe stehe, so Fritsch.
Ihr Roman WINTERS GARTEN macht nicht müde und fasziniert den Leser, der sich auf ihre wundersame Welt einlässt.

Eine Übersicht über ihre Werke und einen Eindruck von ihren Fotos erlangt man auf ihrer eigenen Homepage http://valeriefritsch.at/index.php?id=werkeusgezeichnet
Die Autorin erhielt zahlreiche Stipendien und Förderpreise.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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Valerie Fritsch
Winters Garten
Roman,
154 Seiten
ISBN: 978-3-518-42471-1
Suhrkamp 2015
€ 17,50

http://www.suhrkamp.de/buecher/winters_garten-valerie_fritsch_42471.html

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„Jeder Satz sitzt!“- Interview mit Miriam H. Auer

Auszeichnungen und Preise begleiten den Weg der jungen Sprachkünstlerin Miriam H. Auer in den letzten Jahren. Zuletzt wurde ihr im Dezember 2015 der Förderungspreis des Landes Kärntens für Literatur zugesprochen. „Jeder Satz sitzt!“ ist ein Zitat aus der umfassenden Buchrezension des Privatdozenten an den Klagenfurter Universität, Walter Fanta, über den Debütroman Miriam Auers Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle. (Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, 2014).
Fanta charakterisiert die junge Kärntner Autorin mit einem „zum Äußersten getriebenen Assoziationen-Reichtum einer Sprachkunst, die kein Wortspiel auslässt, aber nicht um des reinen Experiments willen, sondern stets in Fühlung mit einer erzählten Geschichte, in der es an Hand eines sozialen Mikrokosmos um alles geht, um die ramponierte, aber unzerstörbare menschliche Existenz.“
Auch der Vorsitzende des Fachbeirates für Literatur des Kärntner Kulturgremiums, Fabjan Hafner, hält zu den Texten der Autorin fest: „Miriam H. Auer gelingt es mit sprachbegeistertem Überschwang die zutiefst österreichische Tradition des lustvollen Um- und Ausschweifens in eine äußerst fruchtbare Beziehung zu den neueren Errungenschaften der amerikanischen Literatur zu setzen; ihr ganz eigener kühner Mix des Nächst- und Fernstliegenden erweist sich als bislang unbekannte, durch und durch beglückende Lektüreerfahrung.“

Wie muss man sich Miriam Auer als Menschen denken? Leidenschaftlich oder ironisch, zurückgezogen oder überschwänglich?
Wie wahrscheinlich für uns alle, ist das nicht leicht zu beantworten, so viel passiert in jedem Menschen, und das meine ich nicht nur biologisch. ☺ Doch ich denke, es ist in etwa so: Ich bin ein leidenschaftlich ironischer, zurückgezogener Mensch, (nicht immer nur) im Verborgenen kindlich begeistert, aber auch so manches Mal entgeistert, von der Welt, überschwänglich in schönen Stunden, sichtbar oft nur für meine engsten Vertrauten. Nahe am Wasser gebaut, aber nicht nur, weil hinter unserem Haus ein Bach und dahinter ein Fluss fließen, sondern auch wegen des Mitgefühls, das ich an mir liebe, das mir aber auch weh tut. Und im Gegensatz zum Igel im Laubhaufen, überwintert es nicht nur in meinem schriftstellerischen Blätterwald. Es hat das ganze Jahr Saison und es treibt mich an, zeigt mir jeden Tag, jede Nacht, dass ich schreiben muss, wenn ich etwas ändern will. Dass ich schreiben darf, leben darf, in Frieden. Und das ist ein unsagbar großes Geschenk.


Beherrschen Wortspiele und Querdenken auch Ihren Alltag?

Wenn man idiomatische Redewendungen hernimmt – und wortwörtlich – entstehen schiefe, unterhaltsame Bilder, das macht den Alltag schon ab und zu einfacher, für den Moment. Ich liebe es aber ebenso deswegen schräg, gehe selten den geraden Weg, weil man auf Umwegen einfach mehr sieht. Hinzuschauen, den Ernst hinter dem Spaß und den Spaß hinter dem Ernst genau anzuschauen, bereichert ein Menschenleben. Wenn man querdenkt, passiert man unmittelbar auch alle Eventualitäten und wägt sie ab. Man sieht die, denen man helfen will. Man ist traurig, rafft sich aber bald auf und weiß, was zu tun ist. Eine Hand reichen, Gehör schenken, Worte widmen. Und all das, wofür schreiben nicht genug ist. Aber es ist ein Anfang. Ein Umweg vielleicht, aber trotzdem noch ein Weg. Für mich der richtige. Denn wenn wir NEBEL im Spiegel lesen, können wir darin auch das LEBEN erkennen.


Nehmen Sie das Leben von der spielerischen Seite?

Meistens nehme ich das Leben ernst, ernst für meine intensiv und ungewöhnlich eingefärbte, ja farbwechselnde, Gefühlswelt, an der auch Expressionisten schwer zu malen gehabt hätten. Die muss man erst einmal in Bilder übersetzen können … Aber ich versuche, die farbenfrohe Finsternis in mir das Wortspiel des Lebens gegen mein inneres Kind nicht gewinnen zu lassen. Innere Kinder weinen nicht nach außen hin … Aber sie brauchen Trost in dieser Welt. Meine Angst, doch vor allem mein Wunsch, mit meinem Schreiben Empathie zu fördern, zu positiven Einfühlungsvermögensverhältnissen zu gelangen, liegen darin begründet. Mehr oder minder milder Aktivismus und Aktionismus stehen in und zwischen den Zeilen. Schwarzer Humor hilft mir, wenn ich nicht weiter weiß, wenn mir wahre Worte, die ich schreibe, zu sehr wehtun. Ich filtere sie dann durch ein dunkleres Wortspiel, damit ich weniger weinen muss. Aber das ist eine Notfallmaßnahme. Wir müssen in der Wahrheit leben. Was bringt es da, sie stets in Euphemismen zu tunken?
Wer mich aber schon in Farbe und mit Ton erlebt hat, weiß, dass ich auch oft und gerne lache und witzle, Hauptelement von Miriams Audiokommentar. Meine Kopfkinovorstellungen kommen immer im Director’s Cut. Jeder ist haupteditierend in seinem Text. Meine Liebe zur Satire, zur Ironie, die helfen mir dabei sehr. Und gegen Lachkrämpfe braucht man keine Medikamente.

Was interessiert Sie an Literatur?
Ganz klar: als Schriftstellerin Schrift und die Welt in Frage stellen zu können. Das tue ich mit Leidenschaft. Ich bemühe mich, auch wenn es meinem Nachtschlaf abträglich ist, die Krisenherde dieser Welt nicht zu scheuen und ins Feuer zu schauen, bis meine Augen brennen. Wenn man im Schreiben in den Schuhen anderer zu gehen versucht, läuft man nicht Gefahr, auf großem Fuß zu leben. Es waren immer schon die literarischen Werke, die nach oben, unten, nach allen Seiten geschaut haben, auf jene am Rande, ohne jemals irgendjemanden oder irgendetwas von oben herab zu betrachten, die mich bewegt haben. Auch die im wahrsten Sinne des Wortes bewegten und zugleich emotional bewegenden Bilder der Sprache faszinieren mich, vor meinem inneren Auge sehe ich Filme, wenn ich schreibe, alles kommt zu mir in traum- und albtraumhafter Klarheit. Manchmal brauche ich das Wort, um die Bilder zu verkleiden, damit sie weniger erschrecken. Oder ich nehme mir Worte, um verborgenen Zauber sichtbar zu machen.

Warum wählt man die Kunstform Literatur oder wird man von der Literatur erwählt?
Literatur ist ein Teil des Menschen, der ich heute bin, war immer da in meinem Werden. Wenn ich schreibe, denke ich in Bildern, wenn ich male und zeichne, denke ich in Geschichten, mir fallen Gedichtzeilen und Melodien ein, die ich dann wiederum aufschreibe. Vielleicht hat eine kleine Literatur, eine von vielen wunderbaren da draußen, meine anderen Förmchen des kreativen Ausdrucks irgendwann damals an der Hand, bunt von Fingerfarben, genommen und zu ihnen gesagt: „Kümmern wir uns um die Miriam. Sie traut sich nicht, sich als Künstlerin zu bezeichnen. Bleiben wir bei ihr, bis sie den Mut hat.“ Und bis heute sitzen sie mit mir am Schreibtisch (oder am Bett), über dem Zeichenblock, mit mir am verstimmten Klavier, mit mir am Tisch bei Löwenzahnsalat. Essen mit mir Spaghetti mit Tomatensoße mit dem ganzen Gesicht, machen Schneeengel auch im Matsch, sind meine inneren Kinder, die mich dazu anregen, zu tun, was mich für Momente zufrieden und glücklich macht, wann immer es irgendwie geht. Vielleicht mögen sie es mit und bei mir, weil sie mich kennen, so gut wie sonst nur meine Familie und meine engsten Freund*innen.

Ist der erste Satz am schwierigsten oder ist das Ende einer Geschichte die wahre Herausforderung beim Schreiben für Sie?
Titel und erste Sätze kommen zuerst, überfallen mich in manchmal ungünstigen Augenblicken, beim Haarewaschen, beim Zu-viele-heiße-Suppenteller-auf-einmal-zum-Tisch-tragen. Wenn die Scherben aufgekehrt sind, schreibe ich die Eingebungen dann auf. Wenn die Haare trocken sind, schreibe ich weiter. Der Film läuft in mir. Die größte Herausforderung ist es, ihn manchmal zu pausieren. Zu korrigieren und zu kürzen, bevor die Buchstabensuppe überkocht. Und zum Ende hin, da hadere ich ab und zu mit den Alternativen. Werden Menschen gesund, wenn es in der Wirklichkeit unmöglich wäre? Werden Kinder glücklich, wenn die menschliche (hier als Synonym für ‚unmenschliche‘ zu lesende) Wirklichkeit ihnen eigentlich keine Chance ließe? Werden Antiheld*innen und Tiere geliebt, selbst wenn die Realität ihnen schon alles genommen hätte? Sobald ich am Ende bin, zumindest im übertragenen Sinn, weiß ich genau, warum ich wieder schreibe. Für die Leute, für mich, für die ohne Stimme (Menschen und Tiere) für das Einfühlungsvermögen, das einige in den Keller gesperrt haben. Für die, die sich trauen, es zu befreien, und die viel mehr sind, als man glaubt … Und dann gäbe es in der Geschichte schon wieder einiges zu kürzen. Aber ich mache es nicht. Kein Kürzen beim Träumen.


Was planen Sie literarisch für 2016?

Für dieses Jahr wünsche ich mir, gesund die beiden begonnenen Manuskripte für mein zweites und drittes Buch fertigzustellen. Es wird auch mehr Illustrationen geben. Mein Lyrik-Zyklus UNSCHÄRFE ERKENNT NUR DAS SCHÖNSTE darf – Memo von mir(iam) an mich! – auch gerne vollendet werden, da ich für den Herbst dessen Vertonung plane. Also wird das Literaturjahr für mich bestimmt sein von vielen Kürzungsversuchen und letztlich etwas zu langen Wortschöpfungen auf den endgültigen Seiten. ☺


Kurzbiografie: Miriam H. Auer

Geboren 1983 in Friesach, Studium der Anglistik und Germanistik, Dissertation „Poetry in Motion and Emotion“ und Doktoratsstudium als Dr.in phil. 2015 abgeschlossen. Lehrt seit 2014 am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
Auer schreibt Lyrik, sprachspielerische Prosa, Lesedramen/kurze Theaterstücke und Songtexte. Kürzere Texte sind in verschiedenen Literatur- und Kulturzeitschriften (u. a. Die Brücke, Fidibus, die Anstalten) erschienen, die »Umnachtungsnovelle« Hinter der Zeit (2014) ist ihr Buchdebut.

Preise und Förderungen:
• 2013 Siegerin beim zweisprachigen Wettbewerb Kärnten wortwörtlich!/Koroška v besedi! der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk mit der Kurzgeschichte Bäume ernten.
• 2014 zweiter Platz beim Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für neue Literatur.
• 2014/2015 zweimal Platz 5 bei Kärntner Lyrikpreis
• 2015 Platz 3 beim Jurybewerb des Wiener Werkstattpreises
• 2015 Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten

Porträt: http://pingeb.org/73-miriam-h-auer-hinter-der-zeit/

Bücher:
Hinter der Zeit. Umnachtungsnovelle. Klagenfurt: Edition Meerauge, Verlag Johannes Heyn, 2014. http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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„Lyrik boomt“ – Verleihung des 8. Kärntner Lyrikpreises

Die kleine Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt kann seit einigen Jahren gleich mit zwei Literatur-Fixsternen pro Jahr auftrumpfen: Beide Veranstaltungen zählen zu den „Highlights“ der Kultur in Kärnten in Bezug auf Geschriebenes. Im Juli finden seit 1977 die Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater statt – der international beachtete und renommierte „Bachmannpreis“ zu Ehren der großen Dichterin Ingeborg Bachmann. Jeweils Anfang Dezember wird seit acht Jahren auch die Gattung Lyrik preisgekrönt und mittels einer anonymen sechsköpfigen Jury bewertet. 2015 befanden sich unter den 170 Teilnehmern und Teilnehmerinnen (gebürtig aus Kärnten) auch viele, die in Übersee und außerhalb Kärntens leben.

Am 3. Dezember 2015 erfolgte die feierliche Übergabe des „8. Kärntner Lyrikpreises der Stadtwerke Klagenfurt Gruppe“ im Klagenfurter ORF-Theater an die Autorin, Journalistin und Fotografin Gabriele Russwurm-Biro. „Gerade in schwierigen Zeiten mit drückenden Schulden und harten Sparmaßnahmen in Kärnten darf man nicht überall den Rotstift ansetzen – etwa bei der Kultur! Deshalb bauen wir weiterhin auf gefühlvolle Literatur, kritische Verse und die Macht der Wörter!“, erklärte Stadtwerke-Vorstand und Rilke-Fan Romed Karré am Abend der Preisverleihung in der Kärntner Landeshauptstadt. Karré bezeichnete den Lyrikpreis für deutsche und slowenische Autoren als „erfolgreichen kleinen Bruder des Bachmann-Wettbewerbs“.
Gastgeberin ORF-Landesdirektorin Karin Bernhard verwies auf Kultur-Aktivitäten des Kärntner Landesstudios und bundesweit ausgestrahlte Beiträge „in Sachen Kultur“.

Jury-Vorsitzender Manfred Posch dankte den Klagenfurter Stadtwerken für ihr vorbildliches Engagement für eine ganz besondere Literaturgattung mit folgenden Worten:

„Lyrik boomt: Die Poetry-Slam-Welle beispielsweise schwappt von Kontinent zu Kontinent, wogt erfrischend schäumend auch in Kärnten. Vor wenigen Jahren ging der Literatur-Nobelpreis an einen Lyriker. Lyrik findet sich im Alltag und längst auch in der Werbung. Schauen Sie sich beispielsweise das Projekt Babelsprech an, eine Vernetzung junger Lyriker aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Unter dieser Adresse präsentieren poetisierende Autoren erstaunliche lyrische Vielfalt und Qualität.

Die renommierte Wochenzeitschrift „Die Zeit“ hat den Babelsprech-Poeten unlängst wohlmeinende Beachtung geschenkt, sich mit dem Verzicht der Autoren auf „feste und vorgegebene Strukturen“ beschäftigt. Und erlauben Sie, dass ich jetzt die aktuelle „Kärntner Lyrikpreis-Siegerin“, Gabriele Russwurm-Biró, erwähne: Auch sie folgt diesem Verzichts- und Brechungstrend, dieser Absage ans Formale, legt wunderbar poetische Gebilde vor. Ich gratuliere dir, liebe Gabriele, als Vorsitzender der Jury herzlichst zum 1. Preis. Verdient hast du ihn NICHT! Verdienste erwirbt man, was irgendwie mit Profanem, mit Diesseitigem zusammenhängt. Du hast dir diesen Preis, diese Seelen-, diese Herzensergießung ERDICHTET.“

Und weiter: „Die Jury hatte auch diesmal viel zu tun. Es galt, 170 Einsendung zu sichten, zu beurteilen, zu prüfen, zu gewichten. Sie müssen wissen, dass der Jury keine Namen, keine Autorenidentitäten vorliegen. Wir, also die Juroren, müssen sich mit den Nummern der Einsendungen begnügen. Nachdem nun aber längst alles geklärt ist, wir zur Preisüberreichung schreiten, darf ich verraten, dass die Nummer 110, also Gabriele Russwurm-Biros Geheimsignatur, vier von sechs Jurymitglidern schon beim ersten Durchgang vorne hatten. Ich danke den Jurymitgliedern für deren verantwortungsvolles und kenntnisreiches Wirken.“

Der Anerkennungspreis für sein Lebenswerk gestiftet von der Kulturabteilung des Landes Kärnten ging an den Klagenfurter Autor Alexander Widner. Jurymitglied Ilse Gerhardt hob in der Laudatio die lesenswerten Werke des Geehrten hervor. Ebenfalls für seine umfangreichen Leistungen „in Sachen Literatur“ wurde der Klagenfurter „Kulturarbeiter“ Josef K. Uhl geehrt. Er erhielt von Kulturreferentin Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz den Preis der Landeshauptstadt Klagenfurt. Manfred Posch wies dabei auf die zahlreichen Kulturveranstaltungen hin, die UNKE-Gründer Josef K. Uhl in den letzten Jahrzehnten auf die Beine gestellt hat und auf seinen Gedichtband Rock`n Roll des Herzens.

Alexander Widner
Alexander Widner
Josef K. Uhl
Josef K. Uhl

Die sechs ersten Plätze des Lyrikwettbewerbes gingen an folgende Lyrikerinnen:

1. Gabriele Russwurm-Biro aus Klagenfurt: Autorin, Journalistin und Fotografin: studierte Kunstgeschichte und veröffentlichte bereits zwei Kinderbücher und drei themenbezogene Anthologien (Literatur-Fotobände) mit Kärntner Schriftstellern.
2. Elisabeth Hafner, Lehrerin an der Schule für Sozialberufe 2 in Klagenfurt
3. Waltraud More, Lehrerin aus Seeboden
4. Barbara Juch, in Wien lebende Regieassistentin (Preis der PosterService GmbH)
5. Miriam H. Auer, Lektorin am Institut für Anglistik Universität Klagenfurt, aus Arnoldstein (Preis der Kraftwerkserrichtungs- und Betriebsgesellschaft)
6. Susanne Axmann, Trainerin aus St. Donat (Sternenpreis des Planetariums)

Die weiteren Anerkennungspreise gingen an Erik Adam aus Klagenfurt, Verena Gotthard aus Klagenfurt, Vera Wutti-Incko aus Ferlach, Rebekka Scharf aus Klagenfurt, Angelika Stallhofer aus Seeboden und Christine Tidl aus Seeboden.
Insgesamt wurden Geldpreise im Gesamtwert von 12.000,- € vergeben.

Die Lyrikpreis-Jury: Vorsitzender Prof. Manfred Posch, Schriftsteller und Büchnerpreisträger Dr. h.c. Josef Winkler, Mag. Katharina Herzmansky, Ilse Gerhardt, Dr. Richard Götz, Dr. Günter Schmidauer und Dr. Harald Raffer (ohne Stimmrecht). Der „Kärntner Lyrikpreis der STW Gruppe“ wurde selbst bereits drei Mal mit dem Maecenas ausgezeichnet.

Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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