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„Kino-Kultur bewegt Kärnten“ – Horst Dieter Sihler über das Kino im 20. Jahrhundert

„Eigentlich hätte dieses Kinobuch schon in den 90er-Jahren, gegen Ende des letzten Jahrhunderts erscheinen sollen, aber eine schwere Krankheit verhinderte das. Nach Jahren aufgetaucht aus dieser bewusstlosen Zeit, aus meinem ganz persönlichen schwarzen Loch, schrieb ich im ersten Hoch – zur Überraschung aller – mein Poesiebuch AM ANFANG WAR DIE POESIE (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts) – und konnte jetzt, fast zehn Jahre später, in meinem zweiten Hoch, endlich mein Kinobuch fertigstellen“, erklärt der Kärntner Autor, Filmkritiker und Gründer der DIAGONALE Horst Dieter Sihler die Umstände, die dieses Buch entstehen ließen, in seinem Nachwort.

Sihler bewertet seine 391 Seiten Kinoliteratur als eine „subjektive, aber ehrliche Rückschau“, er sieht sich selbst nicht als Filmhistoriker, auch nicht als Filmwissenschaftler, sondern nur als einen Filmjournalisten, „einen stets neugierigen Sucher nach dem Neuen und Humanen in der Filmkunst, wo immer es auftritt“ (S 391). Wie alles für den jungen Journalisten 1969 begann, kann man auf Seite 200 nachlesen: „Kino-Kultur bewegt Kärnten“.
70 Jahre Filmgeschichte im Überblick werden in 13 Kapiteln in fesselnden Berichten nachvollziehbar gemacht: Auszüge aus Essays, Filmkritiken und Festivalberichten, die in der Presse und im ORF erschienen sind, können nun nachgelesen werden. Zwischen den Analysen eingeflochten sind immer wieder autobiographische Splitter („Nachruf auf mich selbst – Vorzutragen beim Abschiedsfest nach meinem Ableben“ S 312), das Beste aus dem „Filmtagebuch von hds“, aufgelockert durch Gedichte Sihlers, Anekdoten aus einem erlebnisreichen Journalistenleben und einer historisch wertvollen Fotogalerie zur Dokumentation. Daher kann man diese Sammlung auch als enormes zeitgeschichtliches Dokument verstehen und nachlesen, wie die Kulturpolitik mit dem Medium Film umgegangen ist: Erlebte und genau dokumentierte Filmgeschichte. Man erfährt auch von den Förderern in Graz und jenen aus Klagenfurt (Humbert Fink/ Trude Polley/ Walter Novotny) (S 292) und Sihlers Begegnung mit Christine Lavant (S 293). Diesen Überblick über 70 Jahre Kino legt man nicht kurzerhand zur Seite, es interessiert den Leser vom Anfang bis zum Ende.

Von den ersten Filmerfahrungen bei der Nazi-Wochenschau, über jugoslawische Filmvisionen, der Kamera als Waffe bis zu den heimischen Film- und Kinokämpfen deckt Sihler ein breites Spektrum ab. „Wir sind alle kleine Mephistos“ schreibt Sihler zu István Szabós Erfolgsfilm:
„MEPHISTO markiert einen Neubeginn. Die Wahl des Themas – der unpolitische Künstler, der sich zum Aushängeschild einer politischen Macht machen läßt – sichert das Interesse im Westen. Aber jede Interpretation ist naiv, die nur das Thema Künstler im Dritten Reich sieht. Szabós Schlüsselfilm über das Verhältnis des Künstlers zur Macht geht weit über die Satire von Klaus Mann hinaus. Sein MEPHISTO zielt auch auf den Künstler unter Stalin und vor allem – und das macht seine eigentliche Bedeutung aus – auch auf alle Anpassungskünstler, Kompromissler und Opportunisten in unseren westlichen Demokratien. MEPHISTO trifft auch den Kulturbetrieb im Westen und die Alibifunktion bürgerlicher Fassadenkultur. Um es mit den Worten Szabós zu sagen: MEPHISTO ist ein Grundtyp, den jedes mangelhaft funktionierende politische System für sich nutzen kann. Wir sind alle kleine MEPHISTOS.“ (S 103)

Horst Dieter Sihler: Geboren 1938 in Klagenfurt. Sihler ist bekannt als Vater der alternativen Kinoszene in Österreich, als Programmkinoleiter und als Gründer der DIAGONALE.
Ursprünglich war er Maschinenbau-Ingenieur, gleichzeitig Kulturkritiker und auch Poet, Lehrbeauftragter und Kinomacher. Filmkritiker für die regionale und überregionale Presse („Neue Zeit“, „Kleine Zeitung“, ORF, FAZ usw.). Zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in West- und Osteuropa seit 1966.
Organisator unzähliger Filmveranstaltungen. 1977 „1. Österreichische Filmtage“ (heute „Diagonale“) in Velden gegründet, 1982 „1. Österreichische Kino-Tagung“ in Tainach/Tinje. 1979 Gründer des Vereins Alternativkino. Programmkinoleiter (Neues Volkskino Klagenfurt). Medien-Kulturpreis des Landes Kärnten 2008, Kärntner Lyrikpreis. Veröffentlichungen: Gedichte in „manuskripte“, „Frage und Formel“, „Literatur und Kritik“. „Am Anfang war die Poesie“ (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts, Wieser-Verlag 2009).

Blog-Foto-Cover

Horst Dieter Sihler
Mein Kino des 20. Jahrhunderts
Erlebte Filmgeschichte
Wieser Verlag,
Klagenfurt 2016
ca. 400 Seiten, gebunden,
ISBN: 978-3-99029-181-8
29,95 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/mein-kino-des-20-jahrhunderts/

Ich danke Horst Dieter Sihler und dem Wieser-Verlag Klagenfurt für das Rezensionsexemplar.

Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen …“ – Anna Baars beeindruckender Debütroman: DIE FARBE DES GRANATAPFELS

Bei Anna Baars Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ (Wallstein Verlag, Göttingen 2015) geht es um eine weibliche Ich-Erzählerin, die ihre Familiengeschichte vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter erzählt und das Leben ihrer dominanten kroatischen Großmutter, der sie in Hassliebe und Abhängigkeit verbunden ist.

In dieser in rhythmischer, empathischer Sprache dargestellten Geschichte in vier Teilen geht es um Zugehörigkeit zu Muttersprache oder Vaterland, um Entfremdung, Identitätsfindung und die Zerrissenheit zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen. Es geht auch um Zwänge, Ekel und hingebungsvolle Liebe, an der sich ein Kind bis zum Erwachsenenalter stößt, um am Ende sich selbst hingebungsvoll an diese Beziehung zu klammern und die Großmutter nicht verlieren will.
Die Schauplätze ihrer eigenen Kindheit, pendelnd zwischen einer rauen, entbehrungsreichen, kargen Inselwelt in Kroatien und einer behüteten winterkalten wohlhabenden Welt in Österreich (Kärnten) bei den Eltern.

Für die besitzergreifende Großmutter NADA ist die kleine ANUSCHKA jeden Sommer ihr liebstes Kind, das sie erziehen und zurechtbiegen will nach kroatischer Art und nicht so wie die verwöhnten „Esterreicher“. Schon als Kleinkind leidet Anuschka unter den Eskapaden und Eigenarten der Großmutter, besonders unter dem ständigen Rauchen und den verdorbenen, weil aus Sparsamkeit zu lange aufgehobenen Lebensmitteln, die stets Erbrechen zur Folge haben. NADA hält das Kind mit Ängsten in Schach. Da erscheint die Hexe Baba Roga und macht den Kindern Angst. Anuschka leidet unter der Abwesenheit der Mutter – „wann kommst sie? BALD!“ und unter der Abscheu der Großmutter gegenüber ihrem Vaterland Österreich. Sie wird innerlich zerrissen, sucht Halt im Winter in Kärnten bei den Kinderfrauen, im Sommer bei NADA in Kroatien.

„Sag du mir, was ich sagen soll, wie du es immer getan hast, vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen, weil meine Wirklichkeit so schlecht auf deine passt. Vielleicht speie ich dir dann alles Verheimlichte vor die schlecht durchbluteten Füße oder klappe meine Schädeldecke auf – mein Kopf dann ein aufgeplatzter Granatapfel, aus dem Millionen kleiner, fleischiger Kerne explodieren. Los prügle Wort für Wort aus mir!“ ( S 94)

Was nach Großmutters zähem Liebeskampf um die jeden Sommer geborgte Anuschka aussieht, stellt Identitätsfragen in den Mittelpunkt: Was ist Vaterland? Kann man zweimal Heimat spüren und sich zuhause fühlen? „Da unten“ in Kroatien feiert man noch immer den Sieg gegen die „Ibermenschen“ – die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und macht jenen, die jetzt Touristen sind, trotzdem das Frühstück, weil sie Geld bringen und auch die Großmutter widerwillig Fremdenzimmer betreibt.

Die dichten und mit starken Ambivalenzen spielenden Textfolgen sind durchsetzt mit Aussprüchen und Weisheiten der Großmutter: Die meisten davon in Kroatisch, dadurch wird die Vehemenz unmittelbar spürbar, auch dann, wenn man nicht jedes Wort versteht.
Durch die sprachlichen Verschränkungen mit dem Kroatischen und den vielen Redensarten, die die Großmutter ihrer Anuschka einhämmert, wird diese Person genau charakterisiert und die Bindung, die das Kind zur Großmutter hat, Zeile für Zeile erfassbar gemacht. Durchbrochen sind die einzelnen Textblöcke durch Einschübe direkter Rede zwischen Großmutter (Sie) und Anuschka (ich)

„Sie: Wen liebt Nona am meisten? – Sag: Mich!
Ich: Mich.
Sie: Wer ist Nonas ganzes Glück? – Sag: Ich!
Ich: Ich!“ ( S 114)

Ein weiteres Stilmittel (besonders für das Vaterland und die „hohe Sprache“, die „Mördersprache“ dort) setzt Anna Baar ein, um Wortgruppen mehr Nachdruck zu geben: Die Zusammenziehung von Wortfolgen zu einem Ganzen, das gleichzeitig als entfremdete Worthülse optisch auftritt: „Nichtvordenkindern!“, „Dassagtmannicht“, Dastutmannicht“, „Machdasichnichtsterbe“ oder „Ichhabeesdirgleichgesagt!“.

Das erinnert an die 1908 von Rainer Maria Rilke verwendet Form des Zusammenziehens in seinem Gedicht DIE ENTFÜHRUNG aus: DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. Dabei setzt Rilke im letzten Absatz dieses Stilmittel ein, um durch das Zusammenziehen bekannter Worte wie „ ich bin bei dir“ optisch die Entfremdung darzustellen:

„Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-der-neuen-gedichte-anderer-teil-828/45

Auf das Drängen der Großmutter reagiert das Kind aus Trotz mit Sprachlosigkeit. Im Text wird aber gerade durch die Sprache der Großmutter (Kroatisch) die ständige Umklammerung spürbar, einerseits das Bedrängen und die Erpressungen durch ständig geforderte Liebesbeweise.

Sie: Wer ist mein Augenlicht?
Ich schweige. Zähneknirschend.
Sie dann: Sag: Ich!
Den Teufel werd ich tun.

„Nada bedauerte das Kind, so still, wie es geworden war. Nur wenn sie seiner vaterländischen Unarten überdrüssig wurde, wenn es bei Tisch zu steif saß oder eine Speise rühmte oder von Gott sprach oder allzu grüblerisch war, blies sie ihm den Rauch ins Gesicht, und wenn es sich darüber beklagte, stritt sie jede Absicht ab – Uch, das ist doch nichts!“ (S 155)

Als Anuschka herangewachsen ist, fragt sie die Großmutter nach dem Krieg und der Leser erfährt von drastischen Schicksalen während der Kriegsjahre. Seitenlang erzählt die Großmutter von Kampfhandlungen, vom Lazarett und von Beppe, dem Großvater.
Die Erzählungen sind eindrücklich geschildert, mit starken Worten verdichtet und verleihen der Frauengestalt der Großmutter plötzlich Größe durch das erfahrene Leid.

Der Literaturkritiker Stefan Gmünder, der Anna Baar 2015 zum Bachmannpreis eingeladen hatte, meinte zu seiner Autorin, dass sei ein Text, „der aufs Ganze geht“, „ein strukturell und sprachlich sehr gut und präzise gearbeiteter Text“. Die zeitgeschichtlichen Spots und Bilder in dem Text findet er „subtil und schön, ohne aufdringlich zu sein“. Auch der zweite österreichische Juror beim Bachmannpreis, Klaus Kastberger, fand Gefallen an der Stilistik des Textes. „Die präzise Art und Weise der Beschreibungen“ fand er ebenso gelungen wie, dass sich der Text auf Paradoxa einlasse. Deshalb halte er den letzten Satz der Geschichte („Denn so wie mich die Worte würgen, berausch ich mich daran.“) für „aufrichtig“.
2016 gewann ANNA BAAR den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis. Die Jurorin Barbara Frischmuth begründet ihre Bewertung folgendermaßen: „Was mir so gefällt ist, dass sie so eine direkt wirkende, sehr rhythmische Sprache verwendet – und dass sie Empathie gar nicht verleugnet.“

Die Kärntner Schriftstellerin Anna Baar wurde als Tochter eines österreichischen Vaters und einer kroatischen Mutter aus Dalmatien 1973 in Zagreb geboren und wuchs zweisprachig in Wien, Klagenfurt und auf der Insel Brač auf. Nach der Matura am Musikzweig des Stiftsgymnasiums Viktring studierte sie Publizistik, Slawistik, Theaterwissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. 2008 promovierte sie an der Universität Klagenfurt zum Dr. phil. Schon während des Studiums schrieb sie für Presse und Rundfunk. Anna Baar lebt in Klagenfurt.
Auf Einladung des Literaturkritikers Stefan Gmünder nahm Baar am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil. 2016 erhielt sie den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis für ihren Debütroman.

http://steiermark.orf.at/news/stories/2794650/

Blog-Granatapfel-Cover
Anna Baar
Die Farbe des Granatapfels
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2015
320 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1765-9 (2015)
€ 20, 50

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317659-anna-baar-die-farbe-des-granatapfels.html

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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“Ich zähle die Sterne, alle, die es gibt” – ein Buch13-Leseabend im Eboardmuseum

“Literarische Räume sind wichtig für die heutige Zeit,” betont Buch 13 – Obmann Gerald Eschenauer bei der Saisoneröffnung Anfang September in Klagenfurt. Ein neuer und ungewohnter Leseort wurde eingeweiht, das Klagenfurter Eboardmuseum (Hausherr Gert Prix) in der Florian-Gröger-Straße 20 beim Messegelände. Die Literaturinitiative BUCH 13, die vor über drei Jahren gegründet wurde, um neuen und erfahrenen AutorInnen aus Kärnten eine ungezwungene Plattform und ein breites Publikum zu bieten, verfügt derzeit über drei Standorte in Villach und neben dem Eboardmuseum auch noch den Studioklub in der Rosenbergstraße in Klagenfurt. “Literatur muss frei bleiben, wir brauchen unabhängige Orte, wo wir lesen können. Wir sind niemanden gegenüber verpflichtet, am wenigsten der Politik”, so Eschenauer.

An diesem sommerlich heißen Abend wurden an einem passenden Lesetisch (Gehäuse einer Hammond Orgel), zwei sehr scheue Autoren präsentiert: Johannes Tosin und Günther G. Mörtl.

Johannes Tosin wurde 1965 in Klagenfurt geboren. Als er ein Jahr war, zog er mit seinen Eltern nach Deutschland, am längsten waren sie im Dorf Elliehausen bei Göttingen, Niedersachsen, nahe an der damaligen DDR-Grenze. Er lebt in Pörtschach am Wörthersee.
Er überrascht mit seinen Kurzgeschichten und Gedichten das Publikum durch Fiktionales, Mystisches und Trauriges. Wie seine Geschichten entstehen, kann er nicht sagen, er hat keine Lieblingsthemen. Wichtig für ihn ist es, mit der Hand zu schreiben.

„Mit 9 zog ich mit meinen Eltern und meiner Schwester für 1/2 Jahr nach Klagenfurt, dann für 4 1/2 Jahre nach Wien. Als ich 14 1/2 war zog ich wieder nach Klagenfurt, ab dem Sommer 1979. Mit 16 verließ ich mein Elternhaus und zog mit meiner späteren 1. Frau, der Mutter meiner Tochter, zusammen. Ich war wegen Geldmangels gezwungen, aus dem Gymnasium auszutreten, machte zirka 3 Jahre lang üble Jobs wie Kohleträger, Fensterputzer und Prospektverteiler (eigentlich muss man sagen, dass Kohleträger gar nicht so schlecht war – von fast jedem Haushalt Trinkgeld und Bier). Nach der Trennung von meiner 1.Frau lernte ich Bürokaufmann, machte die Buchhalterprüfung, lernte Sprachen (bis auf Englisch wieder ziemlich vergessen), absolvierte danach in Leoben, die HTL für Maschinenbau-Hüttentechnik und arbeitete parallel als Sachbearbeiter. Matura 1993, danach Verkaufsingenieur, später Wechsel in die Maschinenbauindustrie für Kunststofftechnik, Anlagen für PVC-Fenster und -Türen, Oberösterreich, Verkaufsinnendienstleiter, danach Regional Sales Manager für Fernost, dann Maschinenbau für Kabel, Oststeiermark …(andere Verkäuferjobs in anderen Bundesländern, anderen Technologien und anderen Ländern, die zu bereisen waren) … später zwei Jobs als Projektmanager für einmal Metallumschmelzung, das zweite Mal für einen Giftfilter, später ein gemischter Job.
Schreiben ist bestimmt das, was ich am besten kann. Allerdings hätte ich als Projektmensch und Personalunion aus Techniker und Kaufmann sehr viel weniger Konkurrenz, und solche Jobs sind gut bezahlt. Andererseits, wer weiß? Vielleicht hätte ich sonst auch einmal gesagt: „Ich hab da überhaupt keinen Bock mehr darauf, dauernd regulär zu arbeiten.“ Und das Schreiben hat eben den großen Vorteil, dass man dabei kreativ ist, man kann etwas ausdrücken, man kann sich für etwas einsetzen. Ich sehe auch vom Können her keinen Plafond, es geht immer noch aufwärts,” erzählt Johannes Tosin.

Aus der Lesemappe: “Neues von der Kommandobrücke” 2016 von Johannes Tosin:

Losgelöst

Er hielt nichts mehr fest,
und nichts mehr hielt ihn.
Doch endlich den Knoten entschnürt.
Entschlüsselt das Geheimnis des Kreuzes.
Aus dem Suppentopf kochend
entwich er mit dem Dampf.
Verfing sich in den Wolken.
Fiel als Regen hernieder.

Punkt

Mathematik.
Kann Sprache sein.
Geschriebene, nicht gesprochene.
„Ich habe Hunger. Ich habe Durst.“
Stellt sich überall gleich dar.
Auf der Welt.
Was heißt dann:
„Ich liebe dich“?
Welche ist dafür die Formel?
Es gibt eine, sicherlich.
Für ihren Stamm.
Und für ihre tausenden Blätter?

160 Zeichen müssen genügen.
So viele haben Platz in einer SMS.
Das wirbt um der Begehrten Gunst.
Ein Rinnsal von Worten.
Für das weite, ausgedörrte Land.
Richtig gesetzt, mag es ihr Herz berühren.
Blumen sprießen neben Rissen.
Oder das Haus wird zur Ruine.

„Dear friend.
Nice to meet you.
Glad to see you.“
Preisen an Laptops, Tablets, irgendwas.
Stummelsätze, Pidgin-English, Rechtschreibfehler.
Fängt der Spam-Filter auf.
Keines Ungebetenen Stimme gelangt an mein Ohr.

Sekündlich getaktet.
Stündlich fast die Virendefinitionen aktualisiert.
Die Programme upgedated.
Die Erinnerung ist eine Datei.
Aus Schrift, Bild und Ton.
Wird angehängt.
Wird versendet.
Öffne sie, dann bist du ich.

Der Schreiber auf dem Stein,
einsam und allein,
findet tausend Worte
für den fliegenden Vogel.
Wer sie liest,
sieht ihn vor sich,
auch des Nachts im dunklen Haus.
Den Himmel durchschneidend.
Übertragen die Sinne.

Sie liest.
Sie versteht.
Keine Angst.
Sie wird vergeben.
Zwischen Punkt und Komma steckt mein halbes Leben.


Der Sternenzähler

Ich zähle die Sterne,
alle, die es gibt.
Bei einer immensen Zahl bin ich angelangt,
und ich bin lange noch nicht fertig.
Wie viele Leben ich schon zähle, weiß ich nicht,
es müssen sehr sehr viele sein.
Ist mein Vorgänger müde, der mir gleicht aufs Herz,
nennt er mir seine letzte Zahl.
Werde ich müde, werde ich meine letzte Zahl meinem Nachfolger nennen.
Dann schlafe ich.
Wir alle sind eine einzige Person,
bestehen aus identem Genmaterial
und haben dieselben Sinneseindrücke.
Wenn unsere große Aufgabe vollbracht ist,
all die Sterne des Universums zu erfassen,
dann sterben wir alle, die, die schlafen,
und auch der Letzte, der noch tatkräftig sein mag.
Dann sterbe ich, der Sternenzähler.

Johannes Tosin veröffentlicht Kurzgeschichten und Gedichte, seitdem er regelmäßig schreibt (2005) in Zeitschriften (“Apropos”, “Tarantel” und “EULENSPIEGEL”), Anthologien (Ent(z)weihnachtet, Malandroverlag 2014; Mein Garten ,Drava Verlag 2015) und im Internet bei “Sandmeer”, “Zarathustras miese Kaschemme”, “Telepolis”,”Twilightmag”, “Das Dosierte Leben”, “Phatastikon” und “verdichtet.at”.
Er erhielt im Jahr 2010 den 1. Platz des Wettbewerbes des Hauses Sankt Martin am Autoberg, Hattersheim, Deutschland, „Wohnungslose Menschen“, mit der Kurzgeschichte „K¬DAHAM9“.
Es gibt nur selten die Gelegenheit ihn bei öffentlichen Lesungen “live” zu erleben.

http://www.sandammeer.at/homepages/tosin/tosin.htm

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

http://kaschemme.de/author/johannes-tosin/

Der zweite Autor des Abends las einen Auszug au einer Erzählung und hat aufgrund seiner Berufstätigkeit keine eigenständige Publikation, dafür ein bühnenfertiges Stück. Bei ihm überwiegt die Gesellschaftskritik in einer scharf beobachtenden sezierenden Schreibweise.

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Günther G. Mörtl wurde am 1. März 1940 in Klagenfurt geboren. Er absolvierte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Nach beruflichen Aufenthalten in Deutschland war er von 1971 bis 1983 Österreich‐Verkaufsleiter bei Mannesmann‐Handel in Wien und auch verantwortlich für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Zeit war er auch freiberuflicher Texter für Wiener Werbeagenturen und schrieb zudem mehrere Fachartikel in namhaften Tageszeitungen wie „Kurier“, „Presse“, „Architektur und Bau“, u.v.m. Nach seiner Rückkehr nach Kärnten, 1984, war er Marketingleiter der „Kärntner Tageszeitung“. Danach bekleidete er mehrere Führungspositionen bei Kärntner Unternehmen. Später arbeitete er als freiberuflicher Journalist, für die Region Villach, bei der „Kleinen Zeitung“, bei der „Kärntner Tageszeitung“ und bei den „Kärntner Regionalmedien“, wo er von 2004 bis 2009 die Verlagsleitung des „Draustädter“ inne hatte. Nach einer kurzen Unterbrechung war er wiederum‐ von 2010 bis 2013‐ als freier Journalist für das „Kärnten‐Journal“ in Villach und für die Wirtschaftsredaktion der „Kärntner Tageszeitung“ tätig.
Mir seiner gesellschaftskritischen Kolumne „Zeigefinger“, die er für den „Draustädter“ und danach auch für das „Kärnten‐Journal“ schrieb, gelang es ihm, mit einem neuen, sehr persönlichen Stil, große Beachtung im Lesermarkt zu finden.
Den Weg, den Mörtl mit seiner Literatur geht, begleiten „Reime‐Verse‐ Gedichte‐Lyrik“, „dramatische Lyrik“, Essays, Erzählungen und sein bühnenfertiges Drama „…und alles unter einem Himmel“. Für dieses Drama sucht er interessierte Theater‐ Agenturen mit sehr guten Kontakten zu Dramaturgie und Bühne, um das Stück einem großen Publikum zugänglich zu machen.
Mörtl sieht sich‐ trotz seines „hohen Alters“ – als „junger Autor“ und verwehrt sich gegen die merkbare Diskriminierung älterer Autoren, die noch auf keine Veröffentlichungen verweisen können, wenn es um die Möglichkeit öffentlicher Präsenz‐ Lesungen, Preisverleihungen bei Literaturwettbewerben, Agentur‐Verträge, u.s.w. – geht. Er unterstützt daher die Initiative Gerald Eschenauers, von „Buch 13“, die auch bisher unbekannten Autoren, die Möglichkeit bietet, sich einer breiten, an Literatur interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

http://www.eboardmuseum.com

Das Eboardmuseum ist eine Sammlung elektronischer Tasteninstrumente. Es wurde 1987 vom Musiker, Mathematiklehrer und Techniker Gert Prix gegründet. Die ursprüngliche Sammlung war räumlich bald stark beengt. 2007 zog das Museum in eine Halle an der Südseite des Klagenfurter Messegeländes um und gilt seitdem als das größte seiner Art in Europa. Auf 1.700 m² Fläche zeigt das Eboardmuseum ca. 1.500 Exponate. Ungewöhnlich für ein Instrumentenmuseum ist, dass die ausgestellten elektronischen Orgeln nicht nur in Führungen live präsentiert werden, sondern von Besuchern auch selbst bespielt werden dürfen. Viele nehmen diese Möglichkeit gerne wahr. Wöchentlich werden Live-Konzerte veranstaltet. Der Veranstaltungsbereich ist mit Sofas möbliert und bietet Wohnzimmeratmosphäre.

Alle Fotos © BUCH13/Eschenauer

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Blog-Picknick

Literarische Kostproben „alfresco“ – ein Picknick auf der Kreuzberglwiese in Klagenfurt

Die Tradition im Freien – alfresco – zu speisen reicht bis in die Antike zurück. Das ungezwungene freie Zusammentreffen Gleichgesinnter vor ansprechender Naturkulisse ohne räumliche Grenzen mit mitgebrachten Köstlichkeiten ist ein altes, bewährtes Erfolgsrezept. Spätsommerliche Nachmittage eignen sich daher besonders dazu.
Der Kärntner SchriftstellerInnenverband lud spontan Autoren und Autorinnen zu einer Literaturveranstaltung unter dem Motto SPÄTSOMMER-LITERATUR-KOSTPROBEN auf die beliebte Kreuzberglwiese in Klagenfurt. Das einmalige Naturambiente und das perfekte stabile Spätsommerwetter lockten 18 Literatinnen und Literaten aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis des Verbandes zu einem ungezwungenen Treffen mit vollgepackten Picknickkörben und mitgebrachten neuen Texten. Die Begeisterung war groß für so ein informelles Treffen im nahezu veranstaltungsfreien Sommerloch, bei dem sich jeder Teilnehmer kurz vorstellen konnte, berichtete, woran er/sie gerade arbeite und eine kleine Kostprobe aus dem eigenen Schaffen geben konnte.

Mit Klappstühlen, Decken und reichlich vorzüglicher Jause ausgestattet fand sich die illustre Gemeinschaft auf der Spielwiese am Kreuzbergl in Klagenfurt zusammen. Nicht nur Klagenfurter, auch aus Villach waren Teilnehmer gekommen und ein Stipendiatsgast aus St. Gallen in der Schweiz, die weltreisende Schriftstellerin Monika Slamanig, die ihre Suche nach den eigenen Kärntner Wurzeln ein halbes Jahr nach Klagenfurt verschlagen hat.

https://www.woz.ch/-6220

Lyrik, Kurzprosa und Märchen wurden als Kostproben dargebracht und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen der Kärntner Kolleginnen und Kollegen.
Unter ihnen waren Arnulf Ploder, Hubert Maria Moran, Josef K. Uhl, Gerald Eschenauer, Edgar Hättich mit seiner Frau Maria Alraune Hoppe, Marlies Karner-Taxer, Sieglind Demus, Martina Kircher, Anneliese Merkac-Hauser, Dagmar Cechak, Edeltraud Pirker, Karin Prucha und Gernot Orasche.
Monika Slamanig trug ein humorvolles Gedicht zu einem roten Plastikstuhl (Eames plastic armchair – mit Rollen) vor. Mit diesem Beitrag gewann sie beim Literaturwettbewerb „Absolutely:Things – Lobreden auf Dinge“ im Rahmen des Feldkircher Lyrikpreis 2015 eine Platzierung.
Hier ein Zitat aus der Laudatio für ihr Gedicht: „Was brauchst du?“ fragt Friederike Mayröcker in ihrem Gedicht und antwortet einige Zeilen später: „…du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen …“. Um aber zu sitzen, benötigen wir einen Stuhl, einen bequemen Stuhl, und wollen wir denken und träumen, schreiben und schweigen, kann dies nicht irgendein Stuhl sein. Dann muss der Plastikstuhl her, der mit seinen sanften Rundungen einlädt, sich hinein fallen zu lassen, der die Gedanken grell-lichtrot umgarnt und so enthebt aus der Normalität der Welt. Tief liegtsitzt man in diesem Stuhl, ist fast eingewoben in seiner hohlen Beuge, ja es besteht sogar die Gefahr, in dieser lustvollen Lustbarkeit des Stuhlgenusses regelrecht zu ersaufen. Der Stuhl wird zum Objekt der erotischen Begierde, das ganze Sehnen richtet sich auf ihn, den einzigen, der die Lust bis zum Übermaß steigern kann: Die Rollen versetzen sogar die schwergewichtigste Person in einen Schwebezustand, der Körper wirbelt, schwebt frei, ebenso das Denken. Sie benötigen nichts – einen roten Plastikstuhl benötigt jeder zum Leben.

http://saumarkt.at/lyrikpreis/jugendwettbewerb/preistr%C3%A4gerinnen-absolutely-things-lobreden-auf-dinge

Josef K. Uhl, Vorsitzende der GAV-Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Kärnten stellte seine Pläne für die nächste Nummer (achzehn) der Kärntner Literaturzeitschrift UNKE (2017) vor und Gerald Eschenauer seinen Verein zur Förderung der Gegenwartsliteratur BUCH 13.
Viele Gespräche ließen dieses Literaturpicknick zu einem kleinen, aber sehr angenehmen Ereignis werden, auf dessen Wiederholung im nächsten Sommer alle jetzt schon sehnlichst warten…

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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„Ein Stück Himmel in tiefem Blau“ – Carina Nekolnys beeindruckender Roman FINGERSPITZEN

Ein Tabu-Thema steht im Mittelpunkt des einfühlsamen und souverän verfassten Romans der österreichischen Schriftstellerin Carina Nekolny, der im Klagenfurter Johannes Heyn-Verlag/ Edition MEERAUGE 2016 erschienen ist: Das Leben mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen.
Eine Familie lebt in Oberösterreich auf dem Land und bewirtschaftet einen Hof im Nebenerwerb, der Vater ist als Maurer berufstätig, die Mutter versorgt die Kühe, den Hof und Gästezimmer. Und da sind noch zwei Buben, Thomas und Toni. Sie leben mit Kühen, Katzen mitten in Streuobstwiesen und harter Arbeit. Aber da ist noch etwas, was diese Familie zu bewältigen hat: der größere Sohn Thomas, mittlerweile 18 Jahre alt, ist taubblind. Er lebt in einer engen eigenen Welt, die seine Umgebung jeden Tag aufs Neue vor schwierige Herausforderungen stellt. Er sieht und hört nichts – aber er spürt fast alles. Er ist auf die Vertrautheit der Familienmitglieder angewiesen, auf Berührungen, auf eingelernte gewohnte Handlungsabläufe. Jedes Abweichen, jede neue Situation bringt Thomas völlig durcheinander. Der jüngere Bruder Toni ist erst zehn Jahre alt und muss in diesem Familiengefüge viel mittragen. Er muss seine Mutter unterstützen, hilft ihr bei der Stall- und Hausarbeit und betreut liebevoll den Bruder, wenn er aus der Schule kommt. Der Vater kommt meist nur an den Wochenenden nach Hause, die Mutter bricht langsam unter der physischen und psychischen Belastung zusammen. Aus reiner Verzweiflung wird das behinderte Kind stundenlang in seine Kammer eingesperrt, um es vor Verletzungen und Gefahren zu bewahren, die im Haus und im Garten lauern.
Kapitelweise wechselt die Erzählerperspektive:
Aus der Sicht des kleinen Tonis, der sich tapfer in sein Schicksal fügt und alles für die Mutter macht: Er spürt die Belastung, die sie zu tragen hat und gerät selbst in eine Abwärtsspirale. Er kämpft und spricht sich immer wieder Mut zu, verteidigt seinen Bruder, tut sein Bestes, aber läuft dabei Gefahr, sich völlig zu verausgaben. Toni spricht in der Sprache eines Zehnjährigen, er spürt, wie sehr die Mutter von seiner Hilfe abhängig ist und wird davon erdrückt. Er ändert sein Verhalten den Mitschülern und der Lehrerin gegenüber, er zieht sich zurück, er kapselt sich ab und ändert sein Verhalten außerhalb der Familie.
Aus der Sicht der Mutter, die ihren geliebten Thomas bestens versorgen will und ihn nicht in ein Heim abgeben möchte: Sie hat die Jahre übersehen und, dass Thomas ein Erwachsener geworden ist, der professionelle Hilfe braucht. Sie trägt schwer an der Last und belastet die gesamte Familie. Sie bricht letztendlich unter dieser Konstellation zusammen und klammert sich an ihren jüngeren Sohn Toni ohne den sie den Alltag nicht mehr meistern kann.
Und aus der Sicht des Vaters, der miterleben muss, wie sich die Situation mit seinem taubblinden Kind, seiner überlasteten Ehefrau und dem emotional stark eingeklemmten jüngeren Sohn immer mehr zuspitzt. Für ihn ist die Sorgepflicht für den älteren Sohn eine überfrachtete Herausforderung. Zu wenig Zeit, zu wenig Geld für einen Umbau, der auch die Wohnsituation von Thomas erleichtern würde. Er flüchtet in seinen Beruf, versucht seine Frau zu unterstützen und kann den Zusammenbruch nicht verhindern.
Auch die Lehrerin, die sich für Toni und seine Schulkarriere einsetzt, hat eine Stimme und eine Außenperspektive. Der Aufstieg ins Gymnasium würde aber bedeuten, dass Toni seine Familie verlassen muss und ins Internat kommt. Dann könnte er seiner Mutter nicht mehr am Hof und mit Thomas helfen.
Die Beschreibungen wie Menschen mit allen Sinnen mit einem Menschen mit besonderen Bedürfnissen umgehen, wie sie versuchen zu helfen, auszugleichen, eine eigene Kommunikationsform zu finden und zu unterstützen ist in diesem Roman sehr berührend und in starken einprägsamen Bildern geschildert. Der Leser lebt mit: Die Angstzustände der Mutter, die Sorgen (auch finanzielle) des Vaters und die Belastung des Volksschulkindes Toni, der gelernt hat, mit einer großen Verantwortung und unter ständiger Anspannung zu leben.
Nach 18 Jahren durchwurschteln bricht das Konstrukt zusammen und die Familie muss sich durchringen eine andere Betreuungsform zu finden, damit sich auch Thomas weiterentwickeln und eine Fingersprache lernen kann. Das fällt besonders der Mutter schwer. Das Schicksal der gesamten Familie steht auf der Kippe.
„Vielleicht hatte Thomas an den Fingerspitzen Augen“, denkt sich Toni, der sich in jede Bewegung, in jede Reaktion seines Bruders hineindenkt.
„Die Mama wird immer ganz still, wenn der Doktor aus Linz so etwas sagt. Bis ihn der Papa hinausschmeißt. Papa macht der Doktor wütend. Dann knallt er die Türen zu und schimpft. Egal ob jemand da ist oder nicht. Er schimpft einfach mit der Luft. Während die Mama ganz still wird. Nur der Thomas wird dann unruhig. Weil er spürt, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt er hin und tut sich weh und alle müssen sich um ihn kümmern. Durch das Kümmern wird alles wie sonst. Was bei uns eben normal ist. Wenn die Mama aber gar nicht wegen dem Thomas traurig ist, sondern wegen mir? Wenn sie gemerkt hat, dass ich manchmal möchte, dass der Thomas einfach weg ist. Oder wenn sie weiß, dass ich manchmal gemein zu Thomas bin.“ (Seite 99-100)
Carina Nekolny fesselt ihre Leserschaft mit eindrücklichen stark emotionalen Schilderungen. Man lebt besonders mit dem kleinen tapferen Toni mit, der sein Schicksal beschreibt und damit zurechtzukommen versucht. Seine Verlustangst, sein Streben nach der Liebe der Mutter, nach Aufmerksamkeit, seine Eifersucht, weil alles für den kranken Bruder gemacht wird und er zurückstehen muss.
Man leidet mit der unglücklichen Mutter, die die kleinen fröhlichen Momente eines Tages genießt, wenn sie überhaupt vorkommen, und nicht mehr weiß, was Unbeschwertheit heißt. Sie arbeitet hart, um nicht an die Zukunft denken zu müssen. In ihrem Handeln und ihren Denken stützt sie sich stark auf das zweite, gesunde Kind, ohne zu merken, wie Toni darunter leidet. Ihr Mann ist zu selten daheim.
Stilistisch wird man vom ersten Satz an in die Familiengeschichte hineingezogen. Die Sätze sind kurz und prägnant. Die Protagonisten sprechen offen und es tritt eine Ehrlichkeit zu Tage, die manchmal sehr hart anmutet. Man lebt sich in die Charaktere sehr gut ein, begleitet sie emotional. Die Auseinandersetzung mit einem sehr tabuisierten Thema in unserer Gesellschaft zeichnet diesen Roman aus. Wie schafft das eine Familie, wenn ein Kind besondere Bedürfnisse hat und die ganze Aufmerksamkeit beansprucht?
Der Roman FINGERSPITZEN gibt die Antwort und zeigt empathisch wie Menschen mit solchen Herausforderungen zurecht kommen und umgehen, welche Fehler sie machen, welche Lösungen sie finden.

Carina Nekolny, geboren 1963 in Linz, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Historische Anthropologie, lebt als Schriftstellerin, Redakteurin der ZeitschriftAUF und Puppenspielerin in Wien. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Dramolette, Lyrics (Kantaten, Madrigale, Wiener Lieder, Porno Lyrics, Pamphlet Poetry) sowie Kinderbücher.Die Absolventin der wiener schule für dichtung hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, wurde zu einschlägigen Festivals (z. B. Luaga & Losna 2007 und 2009) eingeladen und tritt immer wieder mit Performances auf.
Carina Nekolny ist u. a. Mitglied der IG Autorinnen Autoren, der Sisters in Crime, der Lyrikerinnengruppe wientouristinnen in.form, des Lyrikerinnenkollektivssappho.net und der kunstkolchose ahoj.
Prosa: Stimmen/Ränder. Erzählungen (2006), Yunnan. Unter südlichem Himmel (2008), Fress-Schach. Ein bulgarischer Winterkrimi (2011), Orpheus Traum.Mythologische Erzählungen (2011),Ausgleichende Gerechtigkeit. Ein Wiener Erwachsenenbildungskrimi (2012),Fremdheit und Nähe. Die erotische Mystik der süddeutschen Dominikanerinnen im Mittelalter (2013)
Auszeichnungen (Auswahl): Limburg-Preis 2003, Exil-Literaturpreis Schreiben zwischen den Kulturen und Wiener Autorenstipendium 2006, Paul-Maar-Stipendium 2008, Literaturstipendium der Stadt München (Villa Waldberta) 2013, Rom-Stipendium der österreichischen Bundesregierung 2016
FINGERSPITZEN ist der zehnte Band der Edition MEERAUGE des Klagenfurter Verlags Johannes Heyn. 99 handnummerierte und signierte Exemplare sind reserviert für das Abonnement der Reihe.
Interessenten wenden sich bitte an abonnement@edition-meerauge.at

Blog-Finger-Cover

Carina Nekolny
Fingerspitzen
Roman
Verlag Johannes Heyn
Edition Meerauge
Klagenfurt/Celovec 2016
253 Seiten
fester Einband, geripptes Surbalin,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-7084-0560-5
€ 24,90
http://www.meerauge.at/die_reihe/fingerspitzen

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Carina%20Nekolny_Fingerspitzen_Leseprobe.pdf

Ich danke dem Verlag Johannes Heyn für das Rezensionsexemplar.
Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Bis ans Ende der Welt – Berichte prominenter Kärntner von Katharina Springer

„Bereits in meiner Kindheit faszinierten mich Geschichten der Großeltern über den Krieg, über das Leben ´früher und vor allem von Reisen“, erklärt die Autorin und Biografin Katharina Springer zu ihrem Buch MIT DEM FAHRRAD NACH ROM ein außergewöhnlicher „Reiseführer“, der in die Erlebniswelt bekannter Persönlichkeiten führt. Behutsam dokumentiert von der Kärntner Autorin, die damit den Startschuss zu ihrer literarischen Laufbahn tätigte. 110 Fotografien, zum Teil sehr aussagekräftige Porträts des Klagenfurter Fotografen Bernhard Horst, der Katharina Springer zu ihren Interviewpartnern begleitete, zum anderen historische Fotografien, Dokumentations- und Erinnerungsbilder der einzelnen Prominenten von ihren erstaunlichen Reisen.

Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom. Reiseberichte prominenter Kärntner“ ist im November 2009 im Carinthia Verlag Klagenfurt erschienen und liegt jetzt rechtzeitig zur Sommerferienzeit als ergänzte und aktualisierte ZWEITAUFLAGE in Paperback und Hardcover (Morawa Lesezirkel 2016) vor.

Es lohnt sich mit Katharina Springer in 12 sehr lebendig erzählte Lebens- und Reisegeschichten von gut bekannten Kärntnerinnen und Kärntnern einzutauchen und sich zu (erstaunlichen) fernen und ausgefallenen Reisezielen entführen zu lassen.
Auf 196 Seiten gelangt die Leserschaft mit Paula Putzi nach Rom, dem Klagenfurt Altbürgermeister Leopold Guggenberger nach Amerika, mit der schillernden Schauspielgröße Adrienne Pokorny nach Paris, mit dem Abenteurer und Großwildjäger Hellmuth Reichel sen. nach Bhutan.
Sehr interessant sind auch die Berichte von Carina Harrer, die Frau der Bergsteigerlegende Heinrich Harrer aus Knappenberg, dem Expeditionisten Bobby Ehrlich und der beliebten Schauspielerin Heidelinde Weis.

Theo Kelz, berühmt durch die Transplantation seiner beiden Hände im Jahr 2000, fuhr mit seinem Motorrad rund um die Welt, die Schriftstellerin Maria Pink nach Äthiopien und Paul Springer erzählte von seinem ersten Reisebus. Weitere Reportagen beschäftigen sich mit dem „Nichtverreisenwollen“ von Helga-Duffek-Kopper und mit den Musikreisen von der Kärntner-Lied-Legende Gretl Komposch.

Die Autorin und Biografin erzählt, wie es zu diesem, ihren ersten Buch kam: „Im Jahr 2002 lernte ich eine nette ältere Dame kennen, die mir erzählte, dass sie 1936 mit dem Fahrrad nach Rom gefahren ist. Zusammen mit einer Freundin unternahm sie eine unglaublich mutige Reise, die ich festhalten wollte. Im Jahr 2008 führte ich dann elf weitere Interviews mit prominenten Kärntnerinnen und Kärntnern, die mir ihre ganz persönlichen Reisen aus der Vergangenheit schilderten.“

Jedes Kapitel startet mit einer Kurzbeschreibung des Interviewten, danach folgen die Berichte im typischen Denk-, Sprach- und Schreibstil der jeweiligen Persönlichkeiten, einfühlsam, flüssig und nicht beschönigend.
Die zahlreichen historisch interessanten Fotos sind als Dokumentationsmaterial von unschätzbarem Wert und runden den Gesamteindruck ab. Die historisch-dokumentarische Bedeutung dieser Reiseaufzeichnungen stellt sich schon nach den wenigen Jahren seit der Ersterscheinung 2009 dar.

Leseprobe aus dem Kapitel „Auf der Fährte des Blue Sheep“ von Hellmuth Reichel sen. (Seite 63-65): „Es war auf unserer ersten Reise, als uns Prinz Namgyal Wangchuck am Abend zu einem besonderen Fest im Inneren des Dzong (Klosterburg) abholte. Wie alle Bhutanesen trug er an diesem Tag seine Tracht mit einem Schwert und einem wallenden orangen Tuch über der Schulter, wie es seinem Stand entsprach. Auch wir waren festlich gekleidet, als wir das eisenbeschlagene Tor und die königliche Leibwache passierten. Die Klosterburg war von innen noch beeindruckender als von außen, denn viele dieser Dzongs haben wir auf der Fahrt hierher schon passiert. In jedem Tal, an den strategisch günstigen Orten stehen diese Wehrburgen, die ältesten aus dem 13. Jahrhundert. Sie sind Zentren der Verwaltung und der Religion und haben die tibetischen und chinesischen Invasoren über Jahrhunderte davon abgehalten, dieses Land einzunehmen. ….“

Katharina Springer
Sie wurde 1975 in Villach geboren und arbeitete in einem Reisebüro vor ihrem Publizistikstudium in Klagenfurt. Seit 2006 ist sie freie Journalistin und Autorin für verschiedene Magazine in Kärnten und Deutschland tätig.
Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom“ erschien 2009 im Carinthia Verlag. 2010 folgte „Lebensbilder. Porträts von 90 Politikerinnen aus Kärnten“ (Drava Verlag). Etliche Artikel in Anthologien beim Memoiren Verlag Bauschke, zudem bei den Verlagen Hermagoras und Drava. Seit 2010 ist sie als Ghostwriterin tätig und hat etliche Biografien und Chroniken verfasst. Außerdem arbeitet sie als Schreibtrainerin und als Buchcoach von der Privatbiografie für den Familienkreis bis hin zur Veröffentlichung im großen Stile. Seit 2015 bringt sie auch Gemeindechroniken heraus.

www.diebiografin.com

Blog-Cover-Springer

Katharina Springer
Mit dem Fahrrad nach Rom.
Reiseberichte prominenter Kärntner
196 Seiten
110 Fotografien in SW
Verlag Morawa Lesezirkel Wien
ISBN: 978-3-99057-121-7 (Paperback)
19.90 €
ISBN: 978-3-99057-122-4 (Hardcover)
24,90 €
https://publish-books.tredition.de/mymorawa/Customer/ProductList.aspx?PageMethod=OpenBibliography&userId=5171&userRoleId=1

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke Katharina Springer und dem Morawa-Verlag für das Rezensionsexemplar

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„Gedichte senden / an all die Engel“ Manfred Poschs lyrisches Vermächtnis

In den letzten Junitagen 2016 kurz vor dem Tod des Klagenfurter Journalisten und Lyrikers Manfred Posch erschien im Hermagoras Verlag Klagenfurt sein Vermächtnis an die Lyrikwelt Kärntens. In „Letzte Silben“ veröffentlichte Posch auf 144 Seiten seine letzten Haiku-Gedichte, die der strengen japanischen Silbenreihung 5-7-5 folgen. Als erklärendes Element sind den Haiku da und dort erläuternde Fußnoten beigestellt, um den Hintergrund und die Bedeutungsebene der einzelnen Begriffe erfassbar zu machen – eine interessante Erweiterung der reinen Lyrikebene um die der Information und kulturwissenschaftlichen Ergänzung. Das war das Anliegen des umfassend gebildeten und interessierten Autors und Chefredakteurs einer bekannten Kärntner Tageszeitung (KTZ), die vor zwei Jahren eingestellt werden musste.

Eine weitere Ergänzung bilden die Fotografien, die auf Wunsch des Autors seinem Haiku-Korpus beigefügt wurden. Wie bereits in seinem ersten Haiku-Band „Milchstraßenschimmer“, der 2015 im Wolfverlag erschienen ist, folgen die Fotos von Gabriele Russwurm-Biro den Themen der Kapitel.

Alois Brandstetter, Schriftsteller und langjähriger Vertrauter Poschs, schreibt in seinem Vorwort zu diesem Band: „Manfred Poschs „Letzte Silben“ sind ein Haiku-Gebirge, ein Gebirgszug, eine poetische Milchstraße, ein Sternenhaufen, ein Konglomerat von Natur- und Bildungserlebnissen, Erlesenem im doppelten Wortsinn, Erlebtem und Erfahrenem. Und auch Erfahrung bewahrt in Poschs Fall ihren tiefen Sinn, wo er doch die Welt bereist hat und auf tausend Gipfeln gestanden ist… Das letzte Kapitel, das dem ganzen Unternehmen den Namen gibt, deutet auf etwas lebensgeschichtlich Definitives, testamentarisch Abschließendes und Ernstes hin.“

Günter Schmidauer, ebenfalls ein guter Freund, verfasste das Nachwort „Die Rückkehr des Manfred Posch“, indem er ihn als einen „homme de lettres“ charakterisiert.

Das Vorausahnen des Todes, die unausweichliche Tatsache der Unheilbarkeit, Trugbilder und Halluzinationen, hervorgerufen durch Medikamente, haben in der späten Lyrik Poschs ergreifend Niederschlag gefunden. Die einzelnen Kapitel spiegeln die Stationen und Leidenschaften des Autors wider: „Sphären“ verweist auf seine Hingabe zur Astronomie und der Himmelsbeobachtung, „Gebirge“ auf seine Liebe und Verbundenheit zu den Bergwelten. Das Kapitel „Klagenfurt“ ist seiner Heimatstadt gewidmet, die Gedichte im Abschnitt „Notturno“ beschäftigen sich mit Tod und Sterben. In „Trugbilder“ wird das Phänomen Halluzination beleuchtet und „Letzte Silben“, das letzte Kapitel und das gesamte Werk, hat er als Requiem seiner geliebten Familie gewidmet.

Als Motto für seine lyrische Tätigkeit, die ihm gerade in den letzten Jahren, auch als Juryvorsitzender des „Kärntner Lyrikpreises STW Klagenfurt“ besonders viel Freude bereitet hat, könnte folgendes Haiku gelten:

GEDICHTE SENDEN
AN DIE SONNE DIE STERNE
AN ALL DIE ENGEL

(© Manfred Posch)

Blog-Porträt-Posch

Manfred Posch: Geboren 1943 in Wien, wuchs er in Klagenfurt auf, wo er auch seine gesamte erfolgreiche journalistische Berufszeit verbrachte. Sein erster Lyrikband erschien 1963. Als junger Dichter war er in renommierten Anthologien präsent. Er galt in den sechziger und siebziger Jahren als große Kärntner Zukunftshoffnung in der Lyrik. Während seiner Berufszeit entstanden mehrere Bücher über die Kärntner Chor- und Volkstumsszene. Einige seiner Werke sind dem Alpinismus gewidmet. 1000 Gipfel hat er bezwungen und war der Bergwelt mit Leib und Seele zugetan.

Weit über 40 Jahre währte seine journalistische bzw. Redaktionstätigkeit im Kultur-, Kärnten- und Politikressort. Vielen von uns war er als versierter Chefredakteur der Kärntner Tageszeitung (2001 – 2006) väterlicher Freund und Vorbild in beruflicher wie menschlicher Hinsicht.

Gleichzeitig engagierte er sich in der Erwachsenenbildung mit zahlreichen Führungen als langjähriger Obmann der Astronomischen Vereinigung Kärntens und Leiter der Sternwarte Klagenfurt. Für sein himmelskundliches Wirken wurde er von der Internationalen Astronomischen Union ausgezeichnet. Das an der Harvard University geführte Minor Planet Center benannte einen 1991 entdeckten Asteroiden 1991 RC3 nach Posch (32821). Dieser läuft innerhalb des sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindlichen Asteroidengürtels um die Sonne. Der Himmelskörper ist vermutlich zwischen vier und sechs Kilometer groß.

Posch bekam das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Kärnten, weiters den Professorentitel von der Republik Österreich verliehen und wurde mit einem der höchsten päpstlichen Orden (Ritter vom Heiligen Papst Silvester) ausgezeichnet. Seit 2008 stand er als Vorsitzender der Jury des „Kärntner Lyrikpreises der STW Klagenfurt“ vor und übernahm diese Aufgabe jedes Mal mit großer Leidenschaft. Er setzte alles daran, dass aus Kärnten ein „Land der Lyrik“ werde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Posch

„Ich hatte ein sehr schönes Leben“, betonte Manfred Posch ohne mit seinem Schicksal zu hadern in einem seiner letzten Gespräche kurz vor seinem Tod. Er war trotz seiner schweren Krankheit bis zu seinem Ableben am 1. Juli 2016 noch voller literarischer Pläne und voller Tatendrang. Mit dem Erscheinen des Lyrikbandes „letzte Silben“ Ende Juni ging sein letzter Wunsch in Erfüllung.

Bllog-Posch-Cover

Manfred Posch
Letzte Silben
HAIKU
Mit Fotografien von Gabriele Russwurm-Biro
Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec
144 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-7086-0921-8
23 €
http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/letzte-silben

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Literatur muss atmen – Nachbetrachtungen zum Wettlesen 2016 in Klagenfurt

Weil Literatur auch atmen muss, blickt jedes Jahr Ende Juni – Anfang Juli die Literaturwelt auf eine kleine Stadt namens Klagenfurt im Süden Österreichs und holt tief Luft. Der sommerhitzige Termin wurde vor 40 Jahren von den Begründern des Preises Humbert Fink und Ernst Willner nicht etwa deswegen gewählt, damit die Teilnehmer nach 4 Tagen Wettlesen vom schönen Wörthersee und vom Ferienambiente überzeugt wieder mit verklärten Erinnerungen an eine wunderbare Location zurückfahren, sondern, weil die in Klagenfurt geborene Dichterin Ingeborg Bachmann am 25. Juni Geburtstag feiert (diesmal ihren 90.). Ihre bevorzugten Städte, in denen sie lange Jahre lebte und arbeitete, waren Rom und Wien und eigentlich nicht die Kleinstadt, in der sie ihre Jugend verbracht hatte (und in der sie 1973 begraben wurde). An K., wie sie Klagenfurt– ihre Heimatstat – nannte, ließ sie nicht viel Gutes – trotz allem blickt die deutschsprachige Literaturwelt zu Sommerbeginn nach Klagenfurt und auf die „Lokalheilige“ wie Jury-Vorsitzender Hubert Winkels Ingeborg Bachmann bezeichnete.
http://www.lesenmitlinks.de/gastbeitrag-heimo-strempfl-ueber-bachmann-und-klagenfurt/

Nun atmet nicht nur das ORF-Theater in Klagenfurt große Literatur während der wenigen Tage des Bachmannwettbewerbs, sondern die gesamte Stadt. Sie bemüht sich „mitzuhalten“- optisch, organisatorisch, veranstaltungstechnisch. Eine große Sache für diese Stadt, will sie sich doch in diesen Wettbewerbstagen als „Literaturhauptstadt Europas“ bewähren, wie die Bürgermeisterin stets behauptet, und es das restliche Jahr nicht schafft, in Lethargie fällt und das besagte „Dichterdorf“ bleibt bis, ja bis zu den nächsten Tagen der deutschsprachigen Literatur („tddl“).
„Klagenfurt“ ist dennoch in den letzten 40 Jahren zum Schlagwort der Literaturszene geworden, zählt doch dieser Preis zu den bedeutendsten Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Geadelt ist, wer „Bachmannpreisträger“ oder „Bachmannpreisträgerin“ auf seine Visitenkarte oder in seine Bio schreiben kann. Dieses Prädikat wird auch überall genannt, getoppt nur durch „Büchnerpreisträger/-in“. Damit erreicht man dann maximale Beachtung, mehr geht gar nicht. Ein literarischer Karriereschub.
Mit diesen Ansprüchen stülpt sich der geadelte Literaturbetrieb einmal jährlich über die Provinzstadt Klagenfurt, welche durch ORF/3Sat-Übertragungen und Medienberichte hofft auch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken (Umwegrentabilität).
Man könnte Klagenfurt auch als Außenstelle von Berlin, sehen in den sommerlichen Süden verrückt, kommen doch viele Besucher und Teilnehmer (sowie 16 der 40 Preisträger) aus Berlin. Im Schnitt geht alle 2 bis 3 Jahre der Bachmannpreis nach Berlin, so ist es auch 2016.
„Wettlesen“ oder auch „Wettsingen“ genannt, egal, übrig bleibt der starke Impuls von Literatur und die Anteilnahme über die Landesgrenzen hinweg. Literatur atmet einen kurzen Sommerhauch lang.

Diesmal war der Wettbewerb sehr international angelegt und dokumentiert eindrucksvoll die Liebe zur deutschen Sprache von Literaten und Literatinnen, die nicht deutscher Muttersprache sind. Das ist nichts Neues beim Bachmannpreis. Globalität und der damit verbundene unterschiedliche Kulturhintergrund beleben die deutschsprachige Literatur und damit auch die Themen.

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Inhaltlich oder formal Riskantes und künstlerische Wagnisse, wie sie der Schriftsteller und langjährige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen in seiner Eröffnungsrede zum 40. Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis einforderte, waren unter den 14 qualitativ sehr unterschiedlichen Einreichungen allerdings nicht zu finden.
Manchmal kam die Frage auf, wie der eine oder andere Text überhaupt in die Auswahl zu diesem hochdotierten Literaturpreis kommen konnte. Spinnen betonte aber die verantwortungsvolle Auswahl und schilderte die Leiden, die ein Juror zu bestehen habe, wenn es um Klagenfurt ginge. „Mythos, Scherz, Erfolg und Amt“ lautet der Titel seiner Rede:

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2779963/

Letztendlich fand auch dieses Jahr die hochkarätige und seriös bemühte Jury die richtigen Preisträger und Preisträgerinnen: Die in London geborene Berlinerin Sharon Dodua Otoo gewann mit ihrem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« den von der Stadt Klagenfurt ausgerichteten 25.000 Euro Hauptpreis. Am Beginn der Juryabstimmung war von einer Übereinstimmung nicht die Rede. Fast jeder Juror/Jurorin nannte einen anderen Namen. Otoo setzte sich erst in der 2. Stichwahl gegen Marko Dinić durch. In ihrem preisgekrönten Text erzählt sie mit viel Charme von einem an einem weichen Frühstücksei scheiternden Frühstück. Sie dreht dabei die erzählerische Perspektive und lässt den Leser das Geschehen aus Sicht des nicht hart werden wollenden Eis beobachten.
Jurorin Hildegard Elisabeth Keller sah in diesem Text eine »Persiflage auf Loriots Ei-Nummer mit hintergründigem Charme«, mit dem sie zeige, »dass der Bachmannpreis auch im 40. Jahr noch neuen Stimmen eine Bühne verleihen kann«. Für FAZ-Literaturchefin Sandra Kegel, die Otoo nach Klagenfurt eingeladen hatte, war diese »unangestrengte Satire über einen typisch deutschen Alltag, in dem ein noch weiches Ei die Regie in der Küche übernimmt«.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773423/

In der Stichwahl für den mit 10.000 Euro Preisgeld verbundenen Kelag-Preis setzte sich der Schweizer Autor Dieter Zwicky in der Stichwahl knapp gegen den Serben Marko Dinić durch. Auf verschmitzte Weise erinnerte die Erzählform des Schweizers an Robert Walser und ließ das Publikum staunen. „Idylle oder schon Apokalypse?“ fragte sich Juror Klaus Kastberger.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773434/

Nicht zuletzt zeigte sich die Jury auch von der großen sprachlichen Kunstfertigkeit der Berliner Autorin Julia Wolf beeindruckt, die mit »Walter Nowak bleibt liegen« den 3sat-Preis sowie 7.500 Euro Preisgeld gewann. Beruhigend, dass auch ein klassisch gebauter Text, der sich in die Tradition der Literaturgeschichte eingliedern lässt, reüssieren konnte. Die Geschichte über eine durch das Wasser eines Schwimmbades kraulende »Mannmaschine« sei ein Text, der durch vielfache Lektüre tiefer wird, sagte der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels. Er habe erst im Nachhinein festgestellt, dass er die ideale Gegenerzählung zu Ingeborg Bachmanns »Undine geht« sei.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773431/

Den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis gewann die Wiener Jungautorin Stefanie Sargnagel mit ihrem Text »Penne vom Kika«. Die schillernde Persönlichkeit wurde schon im Vorfeld heftig vom Feuilleton beschrieben und gelobt, sozusagen ein Hype vor dem herbeigesehnten Hype inszeniert. Ihre gewollt provokante Berühmtheit hat sie einer Fangemeinde mit (kolportierten) 30.000 Facebook-Usern zu verdanken, die an ihren Lippen hängen und ihr beim Internet-Voting für den Publikumspreis kräftig unter die Arme griffen. Ihr Text über das Schreiben des Bachmanntextes und die Langeweile darüber löste bei der Jury unterschiedliche Reaktionen aus und kam gar nicht auf die Shortlist. Mit dem BKS-Publikumspreis ist auch ein halbes Jahr Stipendium als Stadtschreiberin in Klagenfurt verbunden. Es ist abzuwarten, ob Stefanie Sargnagel an der Kleinstadt Gefallen finden wird oder ob sie als echtes Wiener Großstadtkind an der Provinzialität verzweifeln wird.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773426/

Abschließend ist zu bemerken, dass sich eher die Texte durchsetzen konnten, die mit Charme und Humor die Zuhörer und Jurymitglieder für sich einnehmen konnten. Ob es „Betrunkene Bäume“ (Ada Dorian) betrifft, „Penne vom Kika“ (Stefanie Sargnagel) oder „Mein Freund Harvey“ (Selim Özdogan).
Letztendlich gewann der feine und unkonventionelle Humor der Britin Otoo, die mit ihrer großen Familie in Berlin lebt, mit einer „kleinbürgerlichen“ Geschichte und deutschem Sittenbild aus der Perspektive eines Frühstückeis („Wer will schon ein Ei sein?“).
Die übrigen Texte litten unter zu viel Bedeutsamkeit und waren daher der Jury „too much“ und dem Publikum oft gar nicht zugänglich.

Nun verfällt der wohlgelittene Austragungsort Klagenfurt nach der Abreise der Literaturkritiker und Prosabegeisterten wieder in den literarischen Dornröschenschlaf. Die Stadt ist (seit Jahren) pleite und muss in Sachen Literaturförderungen sparen, da sie ja nächstes Jahr beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettlesen 2017, auf das wir uns alle wirklich freuen, wieder ihre Stellung als „Europäische Literaturhaupstadt“ beweisen muss…..

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro
Logo © ORF/ Landesstudio Kärnten/ Bachmannpreis 2016

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„wir spielen auf zeit“ – Ludwig Lahers Lyrik

Der Roman-Schriftsteller und Lyriker LUDWIG LAHER ist gemeinsam mit Friederike Kretzen und Julia Schoch heuer als Tutor beim 20. Literaturkurs Klagenfurt vom 26. bis 29. Juni im Vorfeld des 40. Bachmann Wettbewerbs tätig.

http://www.musilmuseum.at/index.php?p=klagenfurter-literaturkurs

Als Germanist beschäftigt er sich intensiv mit der Sprachform, was er als Lyriker unter Beweis stellt. In seinem neuen Gedichtband WAS HÄLT MICH, 2015 im Wallsteinverlag erschienen, gibt er auf 80 Seiten Einblick in sein lyrisches Werk.
Seine insgesamt 67 Gedichte sind kurz und prägnant und Ergebnis eines Abstraktionsprozesses mit einem gewissen Hang zur Askese in der Wortwahl. Die einzelnen Gedichte sind reduziert, verdichtet und formal sehr streng ausgebildet. Es bleibt aber genug Interpretationsspielraum. Aufschreie, Bitten, schwebende Assoziationen, Liebesgedichte und auch Politisches. Weitere Themen sind Selbstreflexion, Sprache und Schreiben, Gesellschaft und Natur.
Bei seiner Lesung im Mai aus diesem bibliophil gestalteten Bändchen im Musilhaus Klagenfurt wurden die Gedichte parallel zum Vortrag an der Wand projiziert, um damit auch die grafische Qualität erfassbar zu machen. Eine sehr gute Unterstützung optisch der Lyrik zu folgen und die strenge Formalität gleichzeitig zu sehen und zu hören.

Laher ist hauptsächlich als Autor dokumentarisch-kritischer Romane in sozialpolitisch engagierter Form aufgetreten. So schrieb er in seinem Roman „Bitter“ (2014) über einen NS-Massenmörder. Politisches fehlt auch in seiner Lyrik nicht, steht aber in diesem Band nicht im Vordergrund. Klare Botschaften begleiten den Leser bei den Gedichten Lahers.

Im Klappentext heißt es: „Neben seinen Romanen hat Ludwig Laher immer Gedichte geschrieben; vielleicht als eine Art Gegengewicht zum strengen, oft dem Dokumentarischen nahen Erzählen. In seinen Gedichten nimmt er die Sprache beim Wort und ihre Bestandteile auseinander, dreht sie und verdreht sie und macht so immer neue unerwartete Sinnschichten sichtbar. Kurz und konzentriert sind die meisten Gedichte, (Selbst-)Vergewisserungen, (Selbst-)Infragestellungen, Einladungen zu gemeinsamem Nachdenken und Nachspüren.“

wir spielen auf zeit
lösen probleme auf
geduldigem papier
wo ein schlagwort
wie geschmiert das
andere gibt und
die rechnungen
auf den wirt gehen
oder aufgehen
ohne den wirt


wegen nichts
auf der flucht
vor niemanden

und trotzdem
auf der flucht
nirgendwohin

(© Ludwig Laher)
Frauke Kühn (Beirat des Literatur Netzwerks Vorarlberg) klassifiziert sein lyrisches Werk so: “Ludwig Lahers Gedichte offenbaren sprachspielerische Spannungsfelder, von denen Impulse des Widerspruchs, der Überraschung und Bedeutungsvielfalt ausgehen.“

Ludwig Laher wurde 1955 geboren und studierte in Salzburg Germanistik, Anglistik und klassische Philologie. Ab 1979 arbeitete er als Lehrer, Übersetzer und Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik, Essays, Hörspielen, Drehbüchern.
Seit 1998 ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig und lebt in St. Pantaleon im Grenzbereich Salzburg/Bayern/ Oberösterreich und in Wien. Übersetzungen seiner Bücher erschienen auf Englisch, Französisch, Japanisch Kroatisch und Spanisch.
Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. 2011 wurde er für den deutschen Buchpreis nominiert. 2016 Empfehlungsliste für den Evangelischen Buchpreis.
Laher ist Vorstandsmitglied der IG- Autorinnen Autoren in Wien und Tutor beim Literaturkurs Klagenfurt 2016.

In der Woche von 11.bis 16. Juli 2016 wird Ludwig Laher täglich vor dem Morgenjournal um 6.55 Uhr in Ö1 GEDANKEN FÜR DEN TAG beisteuern. Unter dem Motto BEIM WORT GENOMMEN geht er einzelnen Begriffen auf den Grund.
http://www.ludwig-laher.com/index2.htm

Ludwig Laher
was hält mich
Gedichte
Wallstein Verlag 2015
80 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-8353-1738-3 (2015)
€ 19,50

Blog-Cover-Laher

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317383-ludwig-laher-was-haelt-mich.html

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Sternstunden beim Schwimmen und Märchenerzählen – Bernd Sibitz und Del Vede zu Gast beim Literaturmontag in Klagenfurt

Zum 24. Mal fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literaturmontag“ von BUCH 13 unter der Leitung von Gerald Eschenauer eine Lesung mit zwei bekannten Autoren aus Kärnten in den Räumlichkeiten der Katholischen Hochschülerschaft (KHG) Klagenfurt statt. Bernd Sibitz führte das Publikum in seine gesellschaftskritische Kurzgeschichtenwelt, Del Vede in seine romantische und aufregende Kärntner Märchenwelt.

http://www.buch13.at/termine/

BERND SIBITZ

Ein scharfer Blick aufs Wesentliche charakterisiert seine pointierten Kurzgeschichten, im Mittelpunkt steht das Bürgertum, gesellschaftliche Themen , die kritisch beleuchtet werden. Geschichten wie über „A schöne Kur“ oder das Sinnieren über das Schwimmen („Bernd´s Sternstunden beim Schwimmen“) sind klassische Ingredienzien, die das Leben eines Bankers ausmachen. Aber auch „Wenn Reiche immer reicher werden“, „Italiens akademisches Proletariat“ und „Unser Bibione“ sind Themen, mit denen sich Bernd Sibitz literarisch auseinandergesetzt hat.

Dr. Bernd Sibitz wurde 1944 in Pernitz in Niederösterreich geboren und kam im zarten Alter von 14 Tagen nach Klagenfurt, wo er bis zum 21. Lebensjahr aufgewachsen ist.
Nach der HAK (Handelsakademie) arbeitete er bei der Kärntner Sparkasse, dabei „stolpert man über die Bürgerlichkeit“, erklärt Sibitz mit einem Augenzwinkern. In Wien studierte er Welthandel an der WU. Eine Zeit lang konnte er auch in Bologna an der John Hopkins Universität verbringen. Als PR-Profi wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Seine literarischen Texte erschienen ua. in der Literaturzeitschrift WESPENNEST, Fernsehspiele wurden im ORF und ein Beitrag bei den Wiener Festwochen aufgeführt („Turkey“/ Ensembletheater Wien). Seit fünf Jahren ist Bernd Sibitz wieder zurück in Klagenfurt und beschäftigt sich mit Literatur.
Zu seinem 70. Geburtstag ist 2014 ein Buch mit gesammelten Werken erschienen, eine etwas andere Biografie mit dem Titel: „Panik in St. Ruprecht und anderswo. Beobachtetes, Erlebtes, Beschriebenes von Bernd Sibitz“, Heyn Verlag Klagenfurt 2014,

Sein Freund und Klassenkamerad aus der HAK Klagenfurt, Peter Turrini, hat ihm die Beschäftigung mit der Literatur empfohlen und ihm Folgendes ans Herz gelegt:

„Ich habe vor einigen Jahrzehnten Deine literarische Arbeit kennengelernt und Dich damals ermuntert, weiterzumachen. Ich kann diese Ermunterung heute nur wiederholen, auch wenn wir beide uns inzwischen im Pensionsalter befinden. Für die Literatur gilt kein Alter, sondern nur die Bereitschaft, sich anzustrengen, ja zu quälen“ (Peter Turrini).

Sibitz sagt im Vorwort seines Buches: “Literatur ist ein ständiger Begleiter und eine Kraft, die Mut macht, stolz zu sein auf das, was man schon alles erreicht, überstanden, durchgemacht hat. Sie verlangt nach mehr, nach neuen Taten, Worten, Eindrücken nach NAHRUNG, nach zu Wort gebrachten neuen Erlebnissen.“

http://pingeb.org/82-bernd-sibitz-panik-in-st-ruprecht-und-anderswo/

Aus seinem Buch las er den Beitrag:
SPORT REGIERT DIE WELT von Bernd Sibitz

Früher hieß es GELD REGIERT DIE WELT. Diese alte Binsenweisheit verliert zunehmend an Bedeutung und ist auf dem besten Wege, ganz in Vergessenheit zu geraten.
Sport regiert die Welt! Ja, da stecken Dynamik, Energie und Lebensfreude drin! Ich meine hier nicht die täglichen Sportübertragungen in öffentlichen und privaten Fernseh- und Radioanstalten, sondern das immer stärker werdende, den Alltag unterwandernde Phänomen: BEWEGUNG HEISST LEBEN, wirbt ein Fitnesscenter: MEHR BEWEGUNG HEISST GESUNDES LEBEN, propagiert eine Vital-Lebensmittellinie, und ich sage: SICH SCHNELL BEWEGEN HEISST TURBO-MEGA-GEILES LEBEN!
Sie müssen sich morgens nur in einer U-Bahnstation gegen den Strom der sich bewegenden Menschenmassen bewegen, und schon spüren Sie geballte sportliche Energie. Jeder ist von seinem privaten Personal-Trainer (ob live aus dem Fitnesscenter kommend, auf DVD oder via Radio oder TV, ganz egal) optimal auf den Gegner, Mitspieler, Kontrahenten – kurz: jene Person, die gerade im Weg steht – eingestellt. Hoch motiviert wird hier um jeden Zentimeter gekämpft (gedribbelt), freie Räume genützt („das Spiel gelesen“), die Pässe kommen natürlich an, soll heißen hier geht es um Zeitgutschriften, Straßenbahn-, U-Bahnverbindungen, die noch erreicht werden wollen – Coffee to go wird noch ergattert und das Briochekipferl (mit oder ohne Marmelade) ist endlich an der Reihe eingepackt zu werden (den Verkäuferinnen sollte man wieder Kopfrechnen beibringen), zum Wechselgeld nachzählen hat man keine Zeit mehr.

Die Industrie hat die Zeichen der Zeit natürlich längst erkannt und dementsprechend reagiert: Nicht mehr der Business-Look-Anzug, das weiße Hemd, Manschettenknöpfe, Krawatte und handgenähte Maßschuhe trägt der Mann von Welt/ die Frau mit Karriere, sondern sportliches Outfit ist in …….

(aus: Panik in St. Ruprecht und anderswo. Beobachtetes, Erlebtes, Beschriebenes von Bernd Sibitz, Heyn Verlag Klagenfurt 2014, Seite 186)

DEL VEDE

Er führt seinen Geburtsnamen VEDERNJAK auf einen Bewohner der „Bezirkshauptmannschaft“ VIRUNUM, den etruskischen Eingeweidebeschauer AVLE (latinisiert AULUS) VEDERNA zurück. In den 70ern und 80ern organisierte er mit wenigen Mitstreitern einen literarischen Aufbruch in Kärnten mit der Förderung von schreibenden Schülern wie Alfred Goubran, Janko Ferk, Maja Haderlap, Fabjan Hafner, der Mitarbeit von Autoren wie Ernst Alexander Rauter, Valentin Polansek, Florjan Lipuš, Erich Fried, Elfriede Jelinek, Alfred Kolleritsch, Wolfgang Bauer, Kurt Falk). Zum Start gründete er den Kulturstammtisch beim Scanzoni, der sich an Humbert Fink und den Kärntner Literaturverhältnissen rieb, brachte bei Mladje den Lyrikband „Meine Beschäftigung mit dem weichen Kärntner Unterleib“ heraus.

Er musste als Verfemter den Start des legendären Literaturkaffees mit der Österreichischen Hochschülerschaft, dem Herausgeber der UNKE Josef K. Uhl und Peter Rauter breit aufstellen, was ein Glück war und zu großer Lebendigkeit führte. Beinahe plötzlich gab es in Kärnten 13 literarische Zeitschriften, Literatursymposien und herzhaften literarischen Aktivismus der damals jungen Autoren. Die Rettung der Stadtimmobilie Reitschulgasse 4 (dem späteren Europahaus) vor dem Abriss, die zu einer Klagenfurter Variante des Forum Stadtpark in Graz führen sollte, hatte die Stilllegung des Literaturkaffees als Voraussetzung, begann er mit den Mitstreitern Peter Rauter und Hans Triebnig, dauerte 9 Monate und war die größte Kärntner Hausbesetzung (60 Aktivisten, darunter Gert Jonke und Peter Turrini) vom 23. Juni 1979 bis zum 21. März 1980. Aus den 60 von ihm organisierten Veranstaltungen am Lagerfeuer, dem „Vorfrühling“, formte er als Geschäftsführer das „festival der österreichischen Literatur – kärntner frühling/ koroska vigred“, dem die Literaturwissenschaft (Klaus Amann u.a.) Gleichrangigkeit mit dem Bachmann-Bewerb zuschrieb. Partnerschaftliche Auftritte von Größen und unbekannten Talenten, Projektförderungen statt Preisgerangel. Legendär wurden Auftritte etwa von Elfriede Jelinek, die ihr Honorar für Talente weitergab und 1984 vom Magistrat konfiszierte Plakatständer wie alle anderen Teilnehmer als Demo zum Neuen Platz trug. Für die IG Autoren/Innen redigierte Del Vede eine Literaturbeilage für Kärntner Autoren in der Kärntner Landeszeitung. Aus dem Literaturkaffee wurde ein Institut zur Förderung von Literatur und Kommunikation. In „Die Brücke“, „Salz“, „Sterz“, „Die Unke“, „Mladje“, u.a. publizierte er Prosa und Lyrik. Ihm wurde der Theodor-Körner-Förderpreis, das Österreichische Staatsstipendium für Literatur, ein Fernsehspielpreis u.a. Auszeichnungen zugesprochen.

Nach journalistischer Tätigkeit in der KTZ und in der VZ trat Del Vede als Märchenerzähler auf und erfand und leitete neben Aufführungen in vielen Schulen große Aktionen wie den Zauberwald am Rauschelesee, den „Klagenfurter Sagenzauber“ im Auftrag des Stadtmarketings oder Stückaufführungen der Pegasusreiter in der Klagenfurter Messehalle (2500 Zuschauer) und in der Steiermark. . .


DIE GROSSE SCHLANGE
Auszug aus einem Kapitel einer Saga von Del Vede

„Was läuft bei dir“ fragt Justinian, der zur Zeit nicht Nek genannt werden will. Er nimmt Anlauf und springt im fahlen Licht unterhalb von Mlince über den Mühlbach auf mich zu. Im Flug in den Pedalen stehend streckt er eine Hand weit aus und sieht mit blitzenden Zähnen an sich herab. Erst als er mit dem Fahrrad krachend aufsetzt, hält er die Lenkstange mit beiden Fäusten fest.
„Gut, oder? Ich bin auf dem Rad der Beste von uns und am Ball auch. Und ich bin immer noch der Beste und der Schönste in unserer Klasse. Er schrammt dicht an mir vorbei, um mich rückwärts zu zwingen, ich gebe nicht nach. Er erwischt mich am Oberarm, dass es uns beinahe beide umwirft. Mich durch-zuckt ein Brennen. Ihm verreißt es das Lenkrad. Er drückt es gerade noch zurecht.
„Und stärker als Du bin ich auch. Er schaut verlegen an mir vorbei. Und dann lacht er. Ich auch. Mit diesem Grinsen kriegt er jeden wohin er will. Er weiß das.
„Doch du bist mein Freund, Kleiner. Vergessen?“
„Und ich bin der Anführer. Vergessen?“
„Ich bin von Zuhause weg, das kennt man ja. Aber du auch. Was läuft bei dir schief? Hast du was zu futtern mit?“
Justinian greift nach meiner Jause. „Du glaubst es nicht, wenn ich an Abenden wie heute zuhause bleibe, kenne ich mich selbst nicht mehr. Ich kann keinen Gedanken festhalten. Aus jedem wird eine Bewegung, ein Schlag mit meinen Krallen, obwohl die noch nicht zu sehen sind, ein Zubeißen. Etwas geschieht mit mir. Die anderen dürften mich so nicht sehen. Also haue ich mich gerade noch rechtzeitig über die Häuser. Mein Kopf dehnt sich und schwillt an. Mein ganzer Körper streckt sich. Das tut weh, sag ich dir. Gleich schaue ich, der Schönste in der Klasse, zum Fürchten aus. Ich kann mich nicht aufrecht halten und falle auf alle Viere. Mühselig lerne ich dahin zu kriechen. Ich stinke wie ein Furz und bekomme keine Türe auf und all das. Ich muss alles niederreißen. Das mag der neue Freund meiner Mutter aber gar nicht, obwohl er ganz nett sein kann. Ich bin etwas anderes, etwas, wovor ich mich selbst fürchte. Ich muss mich verstecken, verkriechen und verhungern oder nachts mit knurrendem Magen durch unsere Glina schwimmen und nach lebenden Fröschen, Fischen und sowas schnappen und fressen. Stell dir vor, ich, der beste Sportler, muss mit diesem Körper das Schwimmen und Zuschnappen üben. Ich bin so unbeholfen, dass ich fast nichts erwische…..

(© Del Vede 2016)

Alle Fotos © BUCH13 I Eschenauer

http://www.verlagheyn.at

Ich danke Bernd Sibitz für das Rezensionsexemlar seiner Biografie
„Panik in St. Ruprecht und anderswo“
Verlag Heyn Klagenfurt 2014
ISBN 978-3-7084-0543-8
208 Seiten

Ich danke ebenso dem Märchenerzähler Del Vede für die Erlaubnis einen Auszug aus seiner bisher unveröffentlichten Saga zu veröffentlichen.

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