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Mordfall Eisjüngling – ein „Heimatroman“ von A. W. Grill über die Abgründe der Kärntner Seele

Namengebend für diesen Kriminalroman des Kärntner Autors A. W. Grill (2015 erschienen im Malandro-Verlag) ist das wohl bekannteste Klavierwerk des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák. Die Humoreske Nr. 7 poco lento e grazioso in Ges-Dur 1894 wird zu den populärsten Klavierstücken überhaupt gezählt.
Der Roman ist bewusst als Humoreske – wie der Titel ausdrückt – angelegt. Ein Heimatroman, der bewusst den herkömmlichen Heimat-Roman dekonstruiert und aus der Masse des Klischeebehafteten angenehm hervortritt. Der in Wien lebende Autor schreibt selbst zur Erklärung in seiner Einleitung des 460 Seiten starken Druckwerks eine treffende Charakteristik:

„Es wurde eine Kriminalroman, weil er (der Verfasser) in einer kriminellen Gesellschaft lebte und lebt, die im Begehen der sieben Hauptsünden ihr Überleben sichert – wo wäre die moderne Marktwirtschaft ohne Habgier, Völlerei, Wollust, Neid, Hochmut, Zorn und Trägheit? Es wurde ein Horrorthriller, weil das eigentlich zum Fürchten ist. Eine Satire, weil der Humor das geistige Überleben sichert. Ein Lebensratgeber. Nicht weil er über das Wissen verfügt, einen Rat zu erteilen, aber weil er darum gebeten hat, dass dieser Roman dem einen oder anderen Leser einen Rat erteilen mag. Ein Katastrophenroman und nicht zuletzt ein Heimatroman.“ (Seite 9)

Die Handlung spielt in einem Dorf im tiefsten Gurktal. Eine kalte Woche im Februar. Ein unbekannter Toter im Wald. Revierinspektorin Ines Weiß von der Mordkommission Klagenfurt ermittelt vor Ort und wird dabei von dem alten Dorfpolizisten Hans Leitner unterstützt. Von „Montag“ bis „Sonntag“ ist das Werk in sieben Kapitel geteilt und diese wiederum durch Zeitangaben in Unterkapitel. Ein Glossar mit der Erklärung der Kärntner Dialektausdrücke hilft dem nicht so sattelfesten oder nicht ansässigen Leser in die nuancenreiche Sprache des südlichsten Bundeslandes von Österreich.
Verschiedene „urkärntner“ Charaktere werden detailgetreu und mit einer Hingabe zum Sarkasmus beschrieben. Die Handlungsebenen sind fein verflochten, die Figuren agieren nachvollziehbar, manchmal überraschend und unvorhersehbar. So wird es nie langweilig auf immerhin 460 Seiten. Zu den schillernden Persönlichkeiten in dieser Humoreske zählen Leitner, Debelak und auch ein mächtiger Landespolitiker, El Haraldo, den man (als Kärntenkenner) unschwer samt seinem parteipolitischen Umfeld entlarven kann.

„Dort traf er auf weitere Bürschchen, dünn wie die Flatscreens vor denen sie saßen, höchstwahrscheinlich außerstande mit Tschechows Kirschgarten irgendetwas anderes zu verbinden als einen Cherry Wodka in Rainers Bar am Monte Carlo Platz in Pörtschach. Dafür goldbraun, wie die in Schmalz herausgebackenen Mäuse seiner Schwiegermutter. Debelak ekelte sich. Das unverschämte Parfüm des Parteisekretärs stieg ihm zu Kopf.“ (Seite 164)

Unbarmherzig seziert A. W. Grill den Kärntner, die Kärntnerin schlechthin bis hin zur Lächerlichkeit. Lacher, Kopfnicken und zumindest Schmunzeln sind dem Autor sicher, sofern die Leserschaft mit Kärntner Gegebenheiten oder der Kärntner Bevölkerung vertraut ist. Große Teile des Buches sind im strengen mittelkärntner Dialekt geschrieben, ein ungewöhnliches Stilmittel, das die Lesbarkeit für Nichtkärntner erschwert, für „Nativspeaker“ aber zum Gaudium macht.
Ursprünglich wollte A. W. Grill den gesamten Roman in der Sprache der Region um Klein St. Veit, Weitensfeld, Gurk verfassen, um der Gegend seiner Kindheit, „dem wilden Gurktal“, ein Denkmal zu setzen. Einer allgemeinen Verständlichkeit geschuldet werden die Dialektdialoge sehr lebendig, aber nicht durchgehend eingesetzt.

„Klein St. Veit kam an diesem Tag groß raus. Die regionalen Medien brachten den Eisjüngling als Aufmacher und auch Restösterreich wurde ausführlich und inbrünstig über den rätselhaften Mord informiert. Die aufgrund fehlender Fakten schreiend inhaltsarmen Berichte schmückten dabei meist zwei Bilder. Eines, das den Wald zeigte, in dem das Opfer gefunden wurde und eines vom Ortskern mit der spätgotischen Kirche im Mittelpunkt. Dieses beschauliche, idyllische, friedliche, romantische Dorf wurde Schauplatz eines brutalen, furchtbaren, grausamen, blutrünstigen, bestialischen Verbrechens.“ (Seite 156)

Bald erkennen die Ermittler, dass ein Verbrechen aus der Vergangenheit aufgeklärt werden muss, um den Mordfall zu lösen. Allmählich verliert das idyllische Dorf die Maske einer Unschuld, die es in Wirklichkeit nie besaß. Alle Untiefen der Kärntner Seele werden von A. W. Grill aufgedeckt und sichtbargemacht, immer mit einer großen Portion Humor und einem Augenzwinkern der Heimat und Herkunft gegenüber.
Besonders Klagenfurt und seine Bevölkerung hat der Autor durchschaut und deckt alle Schwächen und Eitelkeiten auf. Empfehlenswert!

„In Klagenfurt wurde dieser Rausch zum Delirium. Ein Beispiel gefällig? Da baute man auf der Hundewiese nächst dem Strandbad eine Beachvolleyballarena, ließ den Pöbel gratis halbnackte Sandwürmer begaffen, die man aus allen Teilen der Welt einfliegen ließ und erklärte sich kurzerhand zum Mekka des Beachvolleyballs….Beachvolleyball, in der Skala der bekanntesten Sportarten irgendwo zwischen Tontaubenschießen und Fingerhakeln gereiht, wird als Top-Event verkauft, das aufgrund seiner vorgeblich immensen Wichtigkeit natürlich nur in Klagenfurt stattfinden kann. Und von Klagenfurt breitet sich das Virus über das ganze Land aus. In Weitensfeld feiert man ein Literaturfestival deutscher Klassiker, wenn die Karl-May Spiele anstehen und ein Türke in der Rolle des Winnetou durchs wilde Gurktal reitet, in Spittal (an der Drau) wird Hochkultur zelebriert, wenn die Komödienspiele Porcia dreihundertfünfzig Jahre alte Pointen aufwärmen. Von den wirtschaftlichen und politischen Erfolgen ganz zu schweigen. So glauben die Kärntner, insbesondere die Klagenfurter – und nur sie – dass sie die besten Liebhaber sind, den besten Schmäh führen, den meisten Alk vertragen (das könnte eventuell sogar stimmen), die wagemutigsten Politiker haben, den höchsten Lebensstandard genießen… Ist Kärnten – wie gerne von Kärntnern behauptet – die kleine Welt, in der die große Probe hält, kann man nur hoffen, dass möglichst viele Aufführungen abgesagt werden.“ (Seiten 178 – 179)

A. W. Grill

ist Kärntner und lebt derzeit mit seiner Familie in Wien. Grill schrieb Theaterstücke und Drehbücher. Zu seinen Freunden zählte der im Jahr 2000 früh verstorbene Schriftsteller Georg Timber-Trattnig. Seit 2009 schreibt Walter Grill Junior Bücher. Sein Erstlingswerk, das Doku-Drama yamamoto airlines Black Box: die großen Siege, 1996 – 2000 erschien als Sonderbeilage im Online Magazin Transporter.
„Humoreske“ ist sein erster Roman. Ein Heimatroman – wie es sich für einen selbsternannten Heimatdichter ziemt. Derzeit arbeitet er an einem weiteren Roman mit Kärntenbezug..
Da ihn die Kulturgremien der öffentlichen Stellen und privaten Stiftungen bislang nicht mit Subventionen und Preisen überschütteten, arbeitete er u. a. als Matrose, Erntehelfer, Bühnentechniker, Dramaturg, Nachtportier und – worauf er besonders stolz ist – als Eisenbahner bei den ÖBB.

http://www.heimatdichter.org/blank

http://pingeb.org/111-a-w-grill-humoreske-op-101-nr-7/

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A. W. Grill
HuMORESKE
Op. 101 Nr.7
Kriminalroman
Malandro Verlag Klagenfurt 2015
Taschenbuch
460 Seiten
Euro 18,00
ISBN: 978-3-902973-21-4

http://malandro.at/buch/humoreske-op101-nr7

https://www.youtube.com/watch?v=H3dhH5goUyE

© Foto Gabriele Russwurm-Biro

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„Wie eine Blumenwiese einwirken lassen“ – Preisverleihung des KSV-Literaturwettbewerbs 2016

Die Jury hat es immer schwer. Dieses Jahr wurden 35 Texte von Kärntner Autorinnen und Autoren zu den unterschiedlichsten Themen mit unterschiedlichen Stil- und Ausdrucksformen eingereicht. Es fällt auch Literaturexperten nicht leicht, aus dieser Menge sehr guter Texte eine Longlist von 15 Beiträgen und daraus eine Shortlist von fünf besten auszuwählen.
Die jedes Mal alternierende Jury setzte sich heuer aus den Vorstandsmitgliedern Prof. Engelbert Obernosterer (Vorsitz), Dr. Reinhard Kacianka, sowie Mag. Arnulf Ploder (Vizepräsident) zusammen.

„Gerne würde man die eingesandten Texte einfach wie eine Blumenwiese auf sich wirken lassen“, erklärt Juryvorsitzender Engelbert Obernosterer in seiner Rede am Abend der Preisverleihung des Literaturwettbewerbs des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes im Musil Literaturhaus in Klagenfurt.
„… und sich daran erfreuen, dass es noch so viel Eigenständiges, Ideenreiches im Lande gibt. Weil Buchhändler und Leser aber für eine Entscheidungshilfe dankbar sind, braucht es eine Reihung, braucht es eine Hervorhebung durch Preise.“

Seit 2002 schreibt der Kärntner SchriftstellerInnen- Verband jedes zweite Jahr einen Preis für neue Literatur aus. Heuer ist das bereits die achte Ausschreibung. Dieser Preis zählt damit nach dem Ingeborg –Bachmannpreis, der sich auf deutschsprachige internationale Beiträge spezialisiert hat, und dem Kärntner STW-Lyrik-Preis, der 2008 ins Leben gerufen wurde, zu den wichtigsten und beständigsten Wettbewerben für Gegenwartsliteratur in Kärnten.

Platz 1 (mit 2000,- Euro dotiert) erging an Greta Lauer mit ihrem Beitrag:
„Das Schicksal der Schwestern“.

Greta Lauer wurde 1990 in Klagenfurt geboren und studierte Germanistik und Philosophie in Wien. Theatererfahrungen sammelte sie u. a. an der Schaubühne am Lehninger Platz, am Berliner Ensemble, am Burgtheater Wien und am Staatsschauspiel Stuttgart. Sie schreibt Lyrik, szenische Texte und in der BELLA triste 44. Sie erhielt Reise – und Arbeitsstipendien des Bundesministeriums für Kunst und Kultur 2015. Veröffentlichungen: JENNY, manuskripte, BELLA triste , fluchtraum und erostepost. Sie lebt und arbeitet in Wien.

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Begründung aus der Laudatio von Engelbert Obernosterer:

„Ein Bericht aus einer Art Unterwelt, vorgetragen in einer ungeschönten knappen, immerzu vorwärts drängenden Sprache mit kraftvollen Bildern, die der Fantasie die nötige Freiheit gewähren und trotzdem den Leser nicht aus ihrem Bann entrinnen lassen. Besonders beeindruckt hat mich, wie konsequent die Autorin das Auftauchen an die Realität der Oberfläche verweigert und dass sie die Mächte der Unterwelt personalisiert, um sie überhaupt fassbar zu machen. Der Text zeichnet sich im Ganzen durch markante Eigenständigkeit und stilistische Sicherheit aus.“ (© Engelbert Obernosterer)

Platz 2 (dotiert mit 1000,- Euro) ging an Angelika Stallhofer für ihren Beitrag „Fünf Dinge“.
Angelika Stallhofer wurde 1983 in Villach geboren und ist in Seeboden aufgewachsen. Sie lebt und arbeitet in Wien. Sie verfügt über ein abgeschlossenes Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und Hamburg und absolvierte den Lehrgang Literarisches Schreiben am Institut für Narrative Kunst. Seit 2012 veröffentlicht sie Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften und Anthologien. Sie erhielt 2013 den dritten Platz des Kärntner Lyrikpreises und 2014 und 2016 Startstipendien für Literatur des Bundeskanzleramtes.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/angelika-stallhofer/

Bergündung aus der Laudatio von Arnulf Ploder:

„Es hat mich als Leser erstaunt zu sehen, wie anfangs zwar von den Dingen die Rede ist, der stoffliche Charakter der Leitmotive sich aber mehr und mehr auflöst im Sphärischen eines gemischten Glücks….Wie die Autorin darüber gebietet, beeindruckt. Es ist mehrmals vom Zufall die Rede, doch im sprachlichen Ausdruck selbst scheint nichts zufällig, auch nicht überkonstruiert. Nichts dergleichen. Die Geschichte ist sehr ausbalanciert, sie spricht das Kleine und das Große an, das Alltägliche und das Erhabene, das Nichtige und das Bedeutungsvolle und erzeugt dabei eine einprägsame zauberische Schwebe.“ (©Arnulf Ploder)

Platz 3 (dotiert mit 500,- Euro) bekam Paul Auer für seinen Text: „Krimschild“ zuerkannt.

Paul Auer ist in Kärnten geboren und aufgewachsen. Er studierte Kultur- und Sozialanthropologie in Wien, lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Zur Preisverleihung war er gerade in Indien. Zahlreiche Veröffentlichungen seit 2010 in Anthologien.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/paul-auer/

Begründung aus der Laudatio von Reinhard Kazianka:

„An der Schwelle zwischen Leben und Tod – so hofft der Ich-Erzähler von Paul Auer – offenbart sich Wahrheit. Dieser Wahrheit über die Weltkriegs-Vergangenheit des Großvaters nähert sich der Autor in erbarmungslos nüchterner Sprache – Prosa im wahrsten Sinn des Wortes.“ (© Reinhard Kazianka).

Der 4. Platz (Anerkennungshonorar von 250,- Euro) erging an Miriam Auer (1983 geboren in Friesach, Studium der Anglistik und Germanistik in Klagenfurt; lebt in Stossau, Arnoldstein; zahlreiche Preise und Veröffentlichungen) für ihren Beitrag: „Wegen Wes“.
http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

Der 5. Platz (Anerkennungshonorar von 250,- Euro) wurde Elke Laznia (1974 in Klagenfurt geboren, aufgewachsen in Feistritz an der Drau, lebt seit 1974 in Salzburg; zahlreiche Preise und Veröffentlichungen) für ihren Beitrag: „bin mir schon selbst nicht mehr ähnlich“.
http://pingeb.org/91-elke-laznia-kindheitswald/

Die 15 besten von der Jury ausgewählten Beiträge, inklusive der 5 Siegertexte, werden erstmals gemeinsam mit der jeweiligen Laudatio der Jurymitglieder in einer Anthologie veröffentlicht.
Diese Anthologie wird 2017 unter dem Titel „Feinheiten“ – die besten Texte des Literaturwettbewerbs des Kärntner SchriftstellerInnen-Verbandes voraussichtlich im Johannes Heyn-Verlag, Klagenfurt erscheinen.

Diese Publikation soll der Beginn einer Buch-Reihe darstellen, die alle 2 Jahre die besten Texte der Wettbewerbe des KSV veröffentlicht. Damit soll sich ein Gesamtbild der Kärntner Literaturszene ergeben und dokumentiert werden und die Tätigkeit der Kärntner Schriftstellerinnen und Schriftsteller gefördert werden.

Die bisherigen Preisträger und Preisrägerinnen waren:

2002 (Barbara Grascher),
2004 (Simone Schönett),
2006 (Jürgen Lagger),
2008 (Hugo Ramnek),
2010 (Christoph W. Bauer),
2012 (Harald Schwinger)
2014 (Anna Baar, 2. Miriam Auer, 3. Ursula Wiegele)

Gruppenfoto © Marlies Karner-Taxer
Porträtfoto Greta Lauer © Jonida Laçi

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Die Meriten des Südens – zweisprachiger Literaturwettbewerb Bleiburg

In den letzten Jahren avancierte der Bleiburger Literaturpreis zu einer traditionsreichen Veranstaltung im zweisprachigen Gebiet Südkärntens. Diese ambitionierte Initiative der Kulturabteilung der Gemeinde Bleiburg/Pliberk , organisiert von Arthur Ottowitz und Eva Verhnjak-Pikalo, findet großen Anklang in der Region und bis über die Grenzen nach Slowenien hinaus.
Zum siebenten Mal wurde um Einreichung von Prosatexten und Lyrikbeiträgen gebeten und jedes Jahr nehmen mehr Literaturinteressierte daran teil. 2016 waren es insgesamt 57 Beiträge, die eine ausgewählte achtköpfige Jury in deutsch und slowenisch jeweils für Prosa und Lyrik anonym zu bewerten hatte. Ilse Gerhardt , Michael Stöckl, Andrea Urban, Gabriele Russwurm-Biro, Mateja Rihter, Irena Oder, Martin Kuchling und Greta Jukič waren für die Beurteilung und Auswahl verantwortlich.

Ende Oktober fand im Werner Berg Museum Bleiburg/ Pliberk die feierliche Preisverleihung und Lesung der Preisträger des Literaturwettbewerbs „Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi“ statt. Unter großer Anteilnahme des Publikums wurden in den vier Kategorien (deutsch Lyrik/slowenisch Lyrik – slowenisch Prosa/ deutsch Prosa) jeweils der erste Platz ausgelobt und vorgelesen.

Jurorin Ilse Gerhardt hob den persönlichen Bezug der Lyrikpreisträgerin Anneliese Merkač-Hauser zu Bleiburg hervor und betonte „ihre poetische Kraft, die Bilder vor dem inneren Auge entstehen lassen, was ganz essentiell für die Lyrik ist.“ Jurorin Mateja Rihter charakterisierte die Poesie in slowenischer Sprache von Verena Gotthardt so, dass sie mit einem Minimum an Wörtern das Maximum an Ausdruck erreiche und diesen „aufs Wesentliche reduziert“.

Gemeinsam mit Andrea Urban, wurden von mir die deutschen Prosatexte anonym gelesen und unabhängig von einander bewertet. Wir waren uns bei der Jurybesprechung sofort über den ersten Platz einig: Mirjam Malej (Bleiburg/Pliberk) mit ihrem Text „Auf einen Schlag … Stille“

Jurybeurteilung für den Siegertext von Mirjam Malej von Gabriele Russwurm-Biro:

„Der Text gibt auf sieben Seiten Einblick in das Leben von drei verschiedenen Personen in ihren jeweils verschiedenen Lebenssituationen. Als Leser kann man die Gedanken, Wünsche und Sorgen dieser drei Protagonisten, zweier Frauen und eines Mannes, nachverfolgen. Nach jedem Absatz wechselt die Perspektive, d.h. der Leser folgt jeweils einer anderen Person in ihrem Tun und Denken.
Allen gemeinsam ist eine belastende Situation: das Pflegeheim. Subtil, empathisch, aber nicht aufdringlich oder emotional überfrachtet charakterisiert dieser Text die Gefühlszustände der Einzelnen. Daraus entsteht ein berührendes Gesamtbild.

Kurze Sätze, prägnant, eindeutig formuliert, ziehen beim Lesen in die Geschichte hinein und lassen einen bis zum Ende nicht mehr los. Jedes Wort steht an der richtigen Stelle, keines könnte man weglassen. Nach und nach erschließt sich das Schicksal einer Frau, ihres Sohnes und einer Pflegerin und wiederum deren Lebensumstände und die ihres Sohnes. Unterschiedliche Lebenssituationen, unterschiedliche Hoffnungen, unterschiedliche Wünsche. Kleine Details, genau beobachtet und aufeinander abgestimmt, fixieren das Erzählte unaufdringlich aber wirklichkeitsnah in der Gegenwart des Pflegeheims.

In dieser Erzählung geschehen nicht die großen Wunder oder die herzzerreißenden Tragödien. Sie erzählt leise – fast wie nebenbei – von einer schwierigen Lebenssituation, von einem schweren Alltag, der selten beim Namen genannt wird. Das gewählte Thema zählt eher zu den Tabuthemen unserer Zeit. Umso mutiger, dass bei diesem Text Krankheit, Hilflosigkeit, Abhängigkeit und Ausweglosigkeit beschrieben werden.“

Nachdem bei diesem Wettbewerb nur die ersten Plätze der jeweiligen Kategorie verliehen werden, bekamen die von der Jury als zweit- oder drittbesten Gereihten eine Anerkennungsurkunde für ihre herausragenden Beiträge überreicht.

PreisträgerInnen:

• 1. Platz Lyrik Deutsch / prvo mesto lirike v nemškem jeziku:
Frau/Gospa Anneliese Merkač-Hauser
• 1. Platz Prosa Deutsch / prvo mesto proze v nemškem jeziku: Frau/Gospa Mirjam Malej
• 1. Platz Lyrik Slowenisch / prvo mesto lirike v slovenskem jeziku: Frau/Gospa Verena Gotthardt
• 1. Platz Prosa Slowenisch / prvo mesto proze v slovenskem jeziku: Frau/Gospa Natalija Šimunović

Herausragender Beitrag / odlično delo:

• Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku:
o Frau/Gospa Christine Ullreich
o Frau/Gospa Isabella Krainer
o Frau/Gospa Vera Wutti-Incko, Mag.phil.
o Frau/Gospa Waltraud Merl
o Frau/Gospa Dagmar Cechak
o Herr/Gospod Mag. Gerald Eschenauer
o Frau/Gospod Annemarie Seidl

• Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku:
o Frau/Gospa Rebekka Scharf
o Frau/Gospa Manuela Gunne
o Herr/Gospod Gerhard Benigni
o Frau/Gospa Dagmar Cechak

• Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku:
o Frau/Gospa Lidija Polak
o Frau/Gospa Klavdija KIA Zbičajnik
o Herr/Gospod Mag. Ivo Ban, Prof.

• Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku:
o Frau/Gospa Ivana Hauser
o Frau/Gospa Simona Jerčič Pšeničnik
o Frau/Gospa Bojana Hudrap
o Frau/Gospa Maja Črepinšek
o Frau/Gospa Mag. Milojka B. Komprej

http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

alle Fotos © Katja Podgornik / Stadtgemeinde Bleiburg

Gruppenbild 2, von links nach rechts:
Eva Verhnjak-Pikalo, Bürgermeister Stefan Visotschnig, Mirjam Malej, Natalija Šimunović, Annelise Merkač-Hauser, Arthur Ottowitz, Verena Gotthardt, Stadtrat Markus Trampusch

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Das unberechenbare Leben anhand zehn Erzählungen: MIRÓS MÄDCHEN von Harald Schwinger

Harald Schwingers neuer Erzählband MIRÒS MÄDCHEN (Edition Meerauge, Klagenfurt 2016) gibt einen unkonventionellen Einblick in das nicht immer planmäßig verlaufende Leben von Menschen in unserem Umfeld. Wie du und ich? fragt man sich da. Die Figuren seiner Lebensgeschichten scheinen auf den ersten Blick unauffällig, wie aus dem Leben gegriffen: Pechvögel, Einzelgänger, Burnoutkandidaten, Drogenabhängige, Beziehungsgestörte… und dann eben auch ein bisschen darüber hinaus.
Eines ist allen zehn Geschichten gemeinsam: das Unvorhersehbare, die unerwarteten Wendungen, die bizarren Situationen, die spannenden Konstellationen der einzelnen Protagonisten untereinander. Alles ist mit allem verwoben. Untrennbar, unglaublich…
In diesem Band des Kärntner Schriftstellers und Journalisten wird schonungslos freigelegt, was sich hinter den Fassaden verbirgt, da fallen Masken und jede Form von Hüllen. Es brodelt in den fein gesponnenen Erzählungen nur so vor Beziehungsproblemen, Sehnsucht, Neid, Sex, Hass, Ohnmacht und Machtgelüsten….
Die Titel der einzelnen Erzählungen lassen tief in die Abgründe der menschlichen Existenz blicken und sind präzise gewählt:
Mirós Mädchen /Wenn ich Sex will, kriege ich den/ Nackt, auf dem Bauch liegend/ Und wer beschützt unsere Frauen?/ Diktatorische Landschaft/ Wer ist wo /Vorsicht mit Namen/ Ein Freund in der Stadt/ Helps/ Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging
Das Lesen eines Schwingertextes ist wie die Berührung mit einer Brennessel: Zurerst streift man ganz sanft seine schön gebauten fast lyrisch anmutenden Anfangssätze, dann wird man immer mehr hineingezogen ins turbulente und spannende Geschehen (über sensible Charakterisierungen und skurrile oder erschütternde Beschreibungen der Umstände und Gefühlslandschaften) und am Schluss fühlt man es doch: das gewisse Nachbrennen.
Schonungslos wird die Spezies Mensch freigelegt: abgründig, vielschichtig und aufregend. Jede dargestellte und feingemeißelte Existenz bleibt fragil und unergründbar. Was bleibt sind Fragen, Ahnungen… auf jeden Fall keinerlei Langeweile.
Leseprobe (aus „Diktatorische Landschaft“):

„Ich stehe am Hotelzimmer. Lehne mich nach vor, eiskalter Wind fährt mir ins Gesicht. Es riecht nach Achselschweiß. Oder nach Fußschweiß. Oder nach beidem. Und der Geruch geht nicht von mir aus. Er geht von der Landschaft aus. Es ist nicht meine, so viel ist sicher. Noch weiß ich nicht, wie oder ob ich wieder zurückfinde. Fünfter Stock. Immerhin. Das würde reichen, auf alle Fälle. Ich habe mich überschätzt. Vielleicht hat mich die Unzufriedenheit leichtsinnig gemacht, überheblich. War ich unzufrieden? Ich weiß nicht mehr. Was es auch war, es hat mich dazu verleitet, meine inneren Grenzen verschieben zu wollen. Überrascht mich das wirklich? Meine Selbstüberschätzung? Nein.“
(S 55)
Seine letzte Erzählung in diesem Prosaband „Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging“ (S 145) wurde im Jahr 2012 vom Kärntner SchriftstellerInnenverband mit dem 1. Platz beim KSV- Literaturwettbewerb für neue Literatur in Kärnten ausgezeichnet.
Der Juryvorsitzende Engelbert Obernosterer meinte dazu in seiner Laudatio:
„Seine (Schwingers) Kurzgeschichte besticht durch die Direktheit, mit der er den Leser ab dem ersten Satz packt und gnadenlos in eine tödliche Drift hinein zieht. Die Gegenkräfte, die gut gemeinten Worte, die da Brücken über das Abgründige hin zu bauen versuchen, tragen nicht recht. Hohl klingt es unter der Oberfläche der Worte und am Ende stirbt von zwei Freunden der zuerst, der gerade dabei war, eine Grabrede für seinen todkranken Freund zu konzipieren. Im Ganzen führt der Text vor, wie jäh das Unberechenbare in unsere durchgerechnete Welt einbrechen und den aus den Geleisen werfen kann, der meinte, das Steuer des Handelns fest in der Hand zu halten.“

Harald Schwinger wurde 1964 geboren, es folgte ein Studium der Anglistik, Amerikanistik und Medienkommunikation. Nun lebt er als freischaffender Journalist und Schriftsteller mit Frau und Tochter in Wernberg bei Villach und schreibt vorzugsweise Prosa, aber auch dramatische Texte und Lyrik sowie neuerdings auch Kinderliteratur (Der Schnarchesel / Osel smrčač, Drava 2016).
Schwinger ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV) und Mitbegründer des Kunstkollektivs WORT-WERK, das den experimentellen Literaturwettbewerb Die Nacht der schlechten Texte veranstaltet und u. a. die Anthologie „Best of worst“ (Edition Meerauge 2010) herausgegeben hat.
Diverse Veröffentlichungen von Kurzprosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien (u.a. in Territorien des Selbst, Anja Bohnhof/Johannes Puch, Heyn 2015, literatur trifft fokus sammlung 04: TIERE, Museum Moderner Kunst Kärnten 2013; Salz, Zeitschrift für Literatur Nr. 140, Salzburg 2010)
Prosa:
Mirós Mädchen. Erzählungen, Edition Meerauge 2016
Die Farbe des Schmerzes. Roman, Edition Meerauge 2013
Zuggeflüster. Erzählungen, Edition Meerauge 2011
Das dritte Moor. Roman, Wieser Verlag, Klagenfurt/Celovec 2006
Theaterstücke/Drehbücher (Auswahl):
ZALA, Drama in sieben Bildern / Drama v sedmih slikah, Edition Meerauge 2011 (gemeinsame Autorenschaft mit Simone Schönett, Auftragswerk für das zweisprachige teatr trotamora unter der Regie von Marjan Štikar)
Innere Liebe, Drehbuch (gemeinsame Autorenschaft mit Simone Schönett)
Auszeichnungen (Auswahl):
2016: Projektstipendium des Österreichischen Bundeskanzleramts Abteilung Kunst und Kultur
2014: Zweiter Platz beim Kärntner Lyrikpreis der STW Klagenfurt Gruppe
2012: Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für die Erzählung „Der Tag, an dem ein Toter nachts spazieren ging“

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Harald Schwinger
Mirós Mädchen
Erzählungen
152 Seiten,
bibliophiles Lesebändchen
Edition Meerauge,
Johannes Heyn-Verlag
Klagenfurt/Celovec 2016,
ISBN 978-3-7084-0577-3,
€ 21,90

www.meerauge.at

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Harald%20Schwinger_Miros%20Maedchen_Leseprobe.pdf

Ich danke der Edition Meerauge für das Rezensionsexemplar.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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Trümmer und Kamillentee – Ein BUCH 13-Literaturmontag mit Ilse Gerhardt und Siegfried Paul Gelhausen in Klagenfurt

Die allseits bekannte und geschätzte Kulturjournalistin und scharfe Kritikerin der Kärntner Kulturpolitik, Ilse Gerhardt, ist auch als Autorin aus der heimischen Literaturlandschaft nicht wegzudenken. „Feinzüngig und mit klaren Worten Stellung beziehend“, beschreibt Buch 13 Obmann Gerald Eschenauer seinen Gast an diesem „Literaturmontag“-Abend im Klagenfurter Eboardmuseum. Nach ihrer Pensionierung beginnt ihre literarische Tätigkeit. 2013 erscheint der erste Roman „Mischling“ im Verlag „Styria Premium“. Im April 2015 folgt der Erzählband „ Aus Trümmern zusammengewürfelt“ im Hermagoras Verlag zusammen mit ihrer Freundin Edith Darnhofer-Demár.
Geboren wurde Ilse Gerhardt am 14. April 1944 in St. Veit a. d. Glan, machte 1963 Matura am Humanistischen Gymnasium Klagenfurt, studierte 5 Jahre Medizin in Wien und schloss 1968 an der Lehrerbildungsanstalt Klagenfurt ihre Ausbildung ab. Danach folgten 5 Semester Lehrtätigkeit an Pflichtschulen, dann die Flucht nach Graz, wo sie 1971 bis 1975 Geschichte und Philosophie an der Grazer Universität studierte.
Seit 1974 ist sie Journalistin, angestellt bei Kärntner Tageszeitung (1975 bis 1978) und Volkszeitung (1979 bis 1990) als Leiterin der Kulturredaktion.
20 Jahre lang arbeitet sie als Kärnten-Korrespondentin der Austria Presseagentur ( Kultur), der Wiener Zeitung, der Zeitschrift Die Furche und anderen Printmedien. Beim ORF war sie als Redakteurin seit 1990 tätig und hat zahllose Radio- und Fernsehberichte auch für andere deutschsprachige Sender verfasst. Seit 1994 war sie auch parallel Ressortleiterin Kultur für die Kärntner Woche. 1994 bis 1997 war sie Jurysprecherin zum Frauenkulturpreis der SPÖ.Frauen, in den Jahren 1998 bis 1999 engagierte sie sich als Galeristin und Inhaberin einer Künstlervermittlung. 2007 bis 2009 trat sie als Präsidentin der Österr.-Israelischen Gesellschaft im Erscheinung. Sie gestaltet Kulturevents. Derzeit (seit 2012) arbeitet sie ehrenamtlich als Obfrau der IG AutorInnen Kärnten und im Vorstand des Naziopfervereins Memorial Kärnten/Koroska. Sie spricht sieben Sprachen und hat Freude daran, stets neue Sprachen zu erlernen.
Seit ihrer Pensionierung 2004 ist sie immer noch als freie Journalistin tätig (Kärntner Woche, DIE BRÜCKE), ab 2000 Organisation und Leitung von Kulturfahrten, tritt seit 20 Jahren als Interpretin von jiddischer Liedkultur auf. Seit 2008 Jurorin beim Lyrikpreis der Klagenfurter Stadtwerke.
http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/ilse-gerhardt

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Für Gerhardt ist der derzeitige Literaturbetrieb in Kärnten „das Gegenteil von befriedigend, es gibt viele talentierte heimische AutorInnen und anstatt sie zu fördern, lässt man sie einfach brach liegen“. Ein Roman ist seit zwei Jahren fertig und wartet auf einen guten Verlag. Derzeit arbeitet sie gerade an einem weiteren Roman zum Thema Mobbing an der Kärntner Tageszeitung.
Was könnte man im Literaturgeschehen ändern? Wird Ilse Gerhardt gefragt und ihre Antwort ist: „Viele Lesungen veranstalten und man sollte einen eigenen Verlag gründen, der ausschließlich Kärntner AutorInnen verlegt, aber ich bin schon 72 Jahre alt…“

Textprobe von Ilse Gerhardt aus dem Buch: „Aus Trümmern zusammengewürfelt“- Eine Kärntner Nachkriegsmischkulanz (Kurzgeschichten und Jugenderinnerungen von den beiden Kärntner Autorinnen Ilse Gerhardt und Edith Darnhofer-Demár, Hermagoras-Verlag 2015)

KONTAKTOFEN und Co
„Die Achtundsechzigerrandalen hatten sich in Berlin, Paris und Wien bereits 1965 angekündigt. In Klagenfurt machten sie sich erst 1970/71 bemerkbar.
Erst einmal traten radikale Mütter in Erscheinung. Sie schworen auf antiautoritäre Erziehung und beseitigten – nach den sittenstrengen Fünfzigerjahren – alle vorhandenen Leinen, an denen die Kinder gegängelt wurden. Dieser Laissez-faire-Stil wurde bald zur Mode. Die fortschrittlichen Mütter zogen ein in das Abbruchhaus (heute Musikschule) zwischen Stadttheater und Theatercafé, nahmen den Theaterpark ein, heute Norbert-Artner-Park, ließen ihr Kinder toben, malen und schreien und einander mit Farbe beklecksen.
Junge Intellektuelle trafen sich hier, um die Probleme der Zeit zu analysieren. Natürlich wurde nicht nur Kaffee getrunken, natürlich wurden bei dieser Gelegenheit die Diskussionen heiß und heißer. Unterdessen beschmierten die befreiten Kinder die Wände und einander und ihre latzbehosten Mütter schwärmten von freier Liebe und vom Hängendgebären…. (S 129)

Weiters las Gerhardt ihre Kindheitserinnerung eines unliebsamen Frisörbesuchs „Schönheit muss leiden“ (S 41) und die humorvolle Kategorisierung des Typus „Dame“ als Kurzgeschichte verpackt: „Nur für Damen“ (S 95).
In diesem Buch erzählen beide Autorinnen ihre Kindheitserinnerungen aus der Trümmerzeit der Vierziger- und Fünfzigerjahre in Kärnten, die von der britischen Besatzungsmacht und strengen Moralbegriffen bestimmt waren (Nachkriegsmischkulanz), und der wilden Zeit der Sechziger- und Siebzigerjahre. Amüsant und nachdenklich werden gesellschaftliche Entwicklungen in Kärnten beschrieben, die bisher literarisch und historisch noch nicht genügend aufgearbeitet wurden.

http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/aus-truemmern-zusammengewuerfelt

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Der zweite interessante Gast des Literaturabends von Buch 13 ist Siegfried Paul Gelhausen und ein Autor, der aus dem Kärntner Drautal stammt und völlig konträr zur kurzlebigen Autorenschaft agiert. Bei ihm darf sich sein literarischer Prozess entwickeln und wachsen.
Seit zwei Jahren arbeitet er an seinem autobiografischen Roman „DAS KAMILLENTEE-HAUS“, aus dem er auch eine unveröffentlichte Textstelle mit Erinnerungen an seinen Vater, der aus Deutschland stammte und in den Wirrnissen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zufällig in Irschen landete, vortrug. Sein literarischer Mentor, der ihm nahe steht, ist der aus dem Gailtal stammende Humbert-Fink-Preisträger 2016, Engelbert Obernosterer.
Wichtig als Vorbild ist für Gelhausen der Schriftsteller Bernhard C. Bünker. Der aus Kärnten stammende Autor hat sich vor allem in Dialekttexten kritisch mit seiner Heimat auseinandergesetzt. Peter Turini charakterisierte Gelhausens literarisches Werk: „Gelhausens Dorfbeschreibungen sind von düsterer Genauigkeit, von detaillierter Beobachtung scheinbar kleiner Vorkommnisse, aber daraus entsteht ein großes Bild“.

„Mit einem gewissen Alter rückt die Kindheit immer näher,“ erklärt Gelhausen seine Arbeit an seinem Roman. „Wenn aus meinen Aufzeichnungen ein Buch wird, dann würde es mich freuen, es ist mir wichtig, dass ich das ganze Erlebte niederschreiben kann, das ist meine Art von Psychotherapie. Mir ist dabei das Schreiben wichtig, damit verarbeite ich meine Kindheitserlebnisse. Wenn ich etwas schreibe, dann muss ich es selbst erlebt haben, kann nur schreiben, von was ich eine Ahnung habe. Mein Vater war für mich bis zu seinem Tod ein Fremder. Ich konnte erst nach dem Tod über den Vater schreiben, jetzt habe ich die richtige Distanz zu ihm. Außerdem habe ich immer das Gefühl, ich werde nicht fertig mit dem Text.“

Siegfried Paul Gelhausen wurde am 27. 5. 1950 geboren und wuchs im Wald und auf der Alm in Pflügen bei Irschen im Kärntner Drautal auf.
„Sechs Kilometer Schulweg zu Fuß täglich bei jeder Witterung haben mich die Natur erleben lassen wie sie heute kaum noch ein Kind kennt! Ich habe von früher Kindheit an die Arbeit und das Leben am Bauernhof in all seinen Facetten kennengelernt. Auf Grund der geografischen Lage des Heimatortes, hohe Berge im Norden und im Süden, entstand schon früh das Bedürfnis auszubrechen, einfach nur davon zu laufen…! Weil das aber nur schwer möglich war, suchte ich einen anderen Notausgang, begann zu malen und zu zeichnen,“ erzählt Gelhausen.

Als 18 Jähriger las er in der Zeitung von einer Ausstellung eines Prof. Theo BRAUN aus Wien in der Galerie zur Stadtmauer in Villach Es entstand eine tiefe Freundschaft . Monatelang durfte Gelhausen in seinem Atelier in Brunn am Gebirge mit ihm arbeiten und neue Techniken erlernen, unter anderem die der Eisenradierung. 1972 hatte er seine erste Ausstellung in der Kellergalerie des Klagenfurter Stadthaues.
1980 begann er seine literarische Tätigkeit mit Dialekt-Texten:

1982 Erste Buchveröffentlichung mit; „WETTERLEUCHTN“ Verlag Welsermühl, Oberösterreich.
1985 „MEINE WÖRTA“ Dialekt-Lyrik im FIDIBUS.
1986 „WORTE ZU STEIN“ Künstler helfen Indien. Verlag Ueberreuter / Wien
1987 Reise nach Süd-Ostasien.
Sechsmonatiger Aufenthalt in einer Bambushütte auf der Thailändischen Insel Phuket.
1988 Reise nach Südamerika.
Dreijähriger Aufenthalt in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays als Betreiber eines Österreichischen Restaurants, einem Treffpunkt deutschsprachiger Einwanderer.
In der Zeit immer wieder Ausflüge in die Nachbarländer Argentinien und Brasilien.
1990 Rückkehr nach Kärnten.
1991 entstand die FIDIBUS Sonderausgabe; „ROTER STAUB IM LILAWOLKENLAND“. Erinnerungen an Südamerika.
1993 Literaturpreis für Dialekt-Lyrik verliehen von der
Freien Akademie Feldkirchen, Kärnten.

1994 Arbeitsstipendium vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst.
Der Dialekt-Lyrikband; „MEI LONGE WONDASCHOFT ZUR SUNN“ erscheint im Verlag Carinthia, Klagenfurt.

1996 Der Komponist Dr. Günther ANTESBERGER vertont meine Dialektlyrik-Texte. Diese werden beim „Carintischen Sommer“ in Stift Ossiach uraufgeführt.

2002 Erscheint bei FIDIBUS die Sonderausgabe; „IM SCHATTEN DES MANGOBAUMES“. Ein Tagebuch über die Suche und Rückholung meiner 6 jährigen Tochter aus Paraguay, Südamerika.

2003 Ein Lyrik-Text von mir in der Buchausgabe; „KÄRNTEN LITERARISCH“ Herausgeber Klaus Amann, Verlag Drava.

2007 Fünf neue Werke meiner Lyrik-Texte, vertont von Dr. Günther ANTESBERGER werden im Wappensaal Klagenfurt vom Kammerchor Klagenfurt-Wörthersee uraufgeführt.

2012 „DAS DORF“, hochsprachliche Lyrik-Texte mit einer Rezension von Peter TURRINI.

2014 Kulturpreis der Stadt Klagenfurt im Rahmen des STW Lyrikpreises.

http://gelhausen-siegfried.page4.com/

Danke Ilse Gerhardt für das persönlich gewidmete Rezensionsexemplar des Erzählbandes: „Aus Trümmern zusammengewürfelt“ (I. Gerhardt/ E. Darnhofer-Demár), Hermagoras 2015

Alle Fotos © BUCH13 I Eschenauer

Gruppenfoto: v.li.: Siegfried Paul Gelhausen, Buch 13-Obmann Gerald Eschenauer, GAV- Kärnten Obmann Josef K. Uhl, IG-Autorinnen Autoren-Obfrau Kärnten Ilse Gerhardt

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„Kino-Kultur bewegt Kärnten“ – Horst Dieter Sihler über das Kino im 20. Jahrhundert

„Eigentlich hätte dieses Kinobuch schon in den 90er-Jahren, gegen Ende des letzten Jahrhunderts erscheinen sollen, aber eine schwere Krankheit verhinderte das. Nach Jahren aufgetaucht aus dieser bewusstlosen Zeit, aus meinem ganz persönlichen schwarzen Loch, schrieb ich im ersten Hoch – zur Überraschung aller – mein Poesiebuch AM ANFANG WAR DIE POESIE (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts) – und konnte jetzt, fast zehn Jahre später, in meinem zweiten Hoch, endlich mein Kinobuch fertigstellen“, erklärt der Kärntner Autor, Filmkritiker und Gründer der DIAGONALE Horst Dieter Sihler die Umstände, die dieses Buch entstehen ließen, in seinem Nachwort.

Sihler bewertet seine 391 Seiten Kinoliteratur als eine „subjektive, aber ehrliche Rückschau“, er sieht sich selbst nicht als Filmhistoriker, auch nicht als Filmwissenschaftler, sondern nur als einen Filmjournalisten, „einen stets neugierigen Sucher nach dem Neuen und Humanen in der Filmkunst, wo immer es auftritt“ (S 391). Wie alles für den jungen Journalisten 1969 begann, kann man auf Seite 200 nachlesen: „Kino-Kultur bewegt Kärnten“.
70 Jahre Filmgeschichte im Überblick werden in 13 Kapiteln in fesselnden Berichten nachvollziehbar gemacht: Auszüge aus Essays, Filmkritiken und Festivalberichten, die in der Presse und im ORF erschienen sind, können nun nachgelesen werden. Zwischen den Analysen eingeflochten sind immer wieder autobiographische Splitter („Nachruf auf mich selbst – Vorzutragen beim Abschiedsfest nach meinem Ableben“ S 312), das Beste aus dem „Filmtagebuch von hds“, aufgelockert durch Gedichte Sihlers, Anekdoten aus einem erlebnisreichen Journalistenleben und einer historisch wertvollen Fotogalerie zur Dokumentation. Daher kann man diese Sammlung auch als enormes zeitgeschichtliches Dokument verstehen und nachlesen, wie die Kulturpolitik mit dem Medium Film umgegangen ist: Erlebte und genau dokumentierte Filmgeschichte. Man erfährt auch von den Förderern in Graz und jenen aus Klagenfurt (Humbert Fink/ Trude Polley/ Walter Novotny) (S 292) und Sihlers Begegnung mit Christine Lavant (S 293). Diesen Überblick über 70 Jahre Kino legt man nicht kurzerhand zur Seite, es interessiert den Leser vom Anfang bis zum Ende.

Von den ersten Filmerfahrungen bei der Nazi-Wochenschau, über jugoslawische Filmvisionen, der Kamera als Waffe bis zu den heimischen Film- und Kinokämpfen deckt Sihler ein breites Spektrum ab. „Wir sind alle kleine Mephistos“ schreibt Sihler zu István Szabós Erfolgsfilm:
„MEPHISTO markiert einen Neubeginn. Die Wahl des Themas – der unpolitische Künstler, der sich zum Aushängeschild einer politischen Macht machen läßt – sichert das Interesse im Westen. Aber jede Interpretation ist naiv, die nur das Thema Künstler im Dritten Reich sieht. Szabós Schlüsselfilm über das Verhältnis des Künstlers zur Macht geht weit über die Satire von Klaus Mann hinaus. Sein MEPHISTO zielt auch auf den Künstler unter Stalin und vor allem – und das macht seine eigentliche Bedeutung aus – auch auf alle Anpassungskünstler, Kompromissler und Opportunisten in unseren westlichen Demokratien. MEPHISTO trifft auch den Kulturbetrieb im Westen und die Alibifunktion bürgerlicher Fassadenkultur. Um es mit den Worten Szabós zu sagen: MEPHISTO ist ein Grundtyp, den jedes mangelhaft funktionierende politische System für sich nutzen kann. Wir sind alle kleine MEPHISTOS.“ (S 103)

Horst Dieter Sihler: Geboren 1938 in Klagenfurt. Sihler ist bekannt als Vater der alternativen Kinoszene in Österreich, als Programmkinoleiter und als Gründer der DIAGONALE.
Ursprünglich war er Maschinenbau-Ingenieur, gleichzeitig Kulturkritiker und auch Poet, Lehrbeauftragter und Kinomacher. Filmkritiker für die regionale und überregionale Presse („Neue Zeit“, „Kleine Zeitung“, ORF, FAZ usw.). Zahlreiche Reisen zu Filmfestivals in West- und Osteuropa seit 1966.
Organisator unzähliger Filmveranstaltungen. 1977 „1. Österreichische Filmtage“ (heute „Diagonale“) in Velden gegründet, 1982 „1. Österreichische Kino-Tagung“ in Tainach/Tinje. 1979 Gründer des Vereins Alternativkino. Programmkinoleiter (Neues Volkskino Klagenfurt). Medien-Kulturpreis des Landes Kärnten 2008, Kärntner Lyrikpreis. Veröffentlichungen: Gedichte in „manuskripte“, „Frage und Formel“, „Literatur und Kritik“. „Am Anfang war die Poesie“ (Meine Gedichte des 20. Jahrhunderts, Wieser-Verlag 2009).

Blog-Foto-Cover

Horst Dieter Sihler
Mein Kino des 20. Jahrhunderts
Erlebte Filmgeschichte
Wieser Verlag,
Klagenfurt 2016
ca. 400 Seiten, gebunden,
ISBN: 978-3-99029-181-8
29,95 €

https://www.wieser-verlag.com/buch/mein-kino-des-20-jahrhunderts/

Ich danke Horst Dieter Sihler und dem Wieser-Verlag Klagenfurt für das Rezensionsexemplar.

Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen …“ – Anna Baars beeindruckender Debütroman: DIE FARBE DES GRANATAPFELS

Bei Anna Baars Debütroman „Die Farbe des Granatapfels“ (Wallstein Verlag, Göttingen 2015) geht es um eine weibliche Ich-Erzählerin, die ihre Familiengeschichte vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter erzählt und das Leben ihrer dominanten kroatischen Großmutter, der sie in Hassliebe und Abhängigkeit verbunden ist.

In dieser in rhythmischer, empathischer Sprache dargestellten Geschichte in vier Teilen geht es um Zugehörigkeit zu Muttersprache oder Vaterland, um Entfremdung, Identitätsfindung und die Zerrissenheit zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen. Es geht auch um Zwänge, Ekel und hingebungsvolle Liebe, an der sich ein Kind bis zum Erwachsenenalter stößt, um am Ende sich selbst hingebungsvoll an diese Beziehung zu klammern und die Großmutter nicht verlieren will.
Die Schauplätze ihrer eigenen Kindheit, pendelnd zwischen einer rauen, entbehrungsreichen, kargen Inselwelt in Kroatien und einer behüteten winterkalten wohlhabenden Welt in Österreich (Kärnten) bei den Eltern.

Für die besitzergreifende Großmutter NADA ist die kleine ANUSCHKA jeden Sommer ihr liebstes Kind, das sie erziehen und zurechtbiegen will nach kroatischer Art und nicht so wie die verwöhnten „Esterreicher“. Schon als Kleinkind leidet Anuschka unter den Eskapaden und Eigenarten der Großmutter, besonders unter dem ständigen Rauchen und den verdorbenen, weil aus Sparsamkeit zu lange aufgehobenen Lebensmitteln, die stets Erbrechen zur Folge haben. NADA hält das Kind mit Ängsten in Schach. Da erscheint die Hexe Baba Roga und macht den Kindern Angst. Anuschka leidet unter der Abwesenheit der Mutter – „wann kommst sie? BALD!“ und unter der Abscheu der Großmutter gegenüber ihrem Vaterland Österreich. Sie wird innerlich zerrissen, sucht Halt im Winter in Kärnten bei den Kinderfrauen, im Sommer bei NADA in Kroatien.

„Sag du mir, was ich sagen soll, wie du es immer getan hast, vielleicht erbreche ich dann mein Schweigen, weil meine Wirklichkeit so schlecht auf deine passt. Vielleicht speie ich dir dann alles Verheimlichte vor die schlecht durchbluteten Füße oder klappe meine Schädeldecke auf – mein Kopf dann ein aufgeplatzter Granatapfel, aus dem Millionen kleiner, fleischiger Kerne explodieren. Los prügle Wort für Wort aus mir!“ ( S 94)

Was nach Großmutters zähem Liebeskampf um die jeden Sommer geborgte Anuschka aussieht, stellt Identitätsfragen in den Mittelpunkt: Was ist Vaterland? Kann man zweimal Heimat spüren und sich zuhause fühlen? „Da unten“ in Kroatien feiert man noch immer den Sieg gegen die „Ibermenschen“ – die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Und macht jenen, die jetzt Touristen sind, trotzdem das Frühstück, weil sie Geld bringen und auch die Großmutter widerwillig Fremdenzimmer betreibt.

Die dichten und mit starken Ambivalenzen spielenden Textfolgen sind durchsetzt mit Aussprüchen und Weisheiten der Großmutter: Die meisten davon in Kroatisch, dadurch wird die Vehemenz unmittelbar spürbar, auch dann, wenn man nicht jedes Wort versteht.
Durch die sprachlichen Verschränkungen mit dem Kroatischen und den vielen Redensarten, die die Großmutter ihrer Anuschka einhämmert, wird diese Person genau charakterisiert und die Bindung, die das Kind zur Großmutter hat, Zeile für Zeile erfassbar gemacht. Durchbrochen sind die einzelnen Textblöcke durch Einschübe direkter Rede zwischen Großmutter (Sie) und Anuschka (ich)

„Sie: Wen liebt Nona am meisten? – Sag: Mich!
Ich: Mich.
Sie: Wer ist Nonas ganzes Glück? – Sag: Ich!
Ich: Ich!“ ( S 114)

Ein weiteres Stilmittel (besonders für das Vaterland und die „hohe Sprache“, die „Mördersprache“ dort) setzt Anna Baar ein, um Wortgruppen mehr Nachdruck zu geben: Die Zusammenziehung von Wortfolgen zu einem Ganzen, das gleichzeitig als entfremdete Worthülse optisch auftritt: „Nichtvordenkindern!“, „Dassagtmannicht“, Dastutmannicht“, „Machdasichnichtsterbe“ oder „Ichhabeesdirgleichgesagt!“.

Das erinnert an die 1908 von Rainer Maria Rilke verwendet Form des Zusammenziehens in seinem Gedicht DIE ENTFÜHRUNG aus: DER NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL. Dabei setzt Rilke im letzten Absatz dieses Stilmittel ein, um durch das Zusammenziehen bekannter Worte wie „ ich bin bei dir“ optisch die Entfremdung darzustellen:

„Sie kroch in ihren Mantelkragen
und befühlte ihr Haar, als bliebe es hier,
und hörte fremd einen Fremden sagen:
Ichbinbeidir“

http://gutenberg.spiegel.de/buch/rainer-maria-rilke-der-neuen-gedichte-anderer-teil-828/45

Auf das Drängen der Großmutter reagiert das Kind aus Trotz mit Sprachlosigkeit. Im Text wird aber gerade durch die Sprache der Großmutter (Kroatisch) die ständige Umklammerung spürbar, einerseits das Bedrängen und die Erpressungen durch ständig geforderte Liebesbeweise.

Sie: Wer ist mein Augenlicht?
Ich schweige. Zähneknirschend.
Sie dann: Sag: Ich!
Den Teufel werd ich tun.

„Nada bedauerte das Kind, so still, wie es geworden war. Nur wenn sie seiner vaterländischen Unarten überdrüssig wurde, wenn es bei Tisch zu steif saß oder eine Speise rühmte oder von Gott sprach oder allzu grüblerisch war, blies sie ihm den Rauch ins Gesicht, und wenn es sich darüber beklagte, stritt sie jede Absicht ab – Uch, das ist doch nichts!“ (S 155)

Als Anuschka herangewachsen ist, fragt sie die Großmutter nach dem Krieg und der Leser erfährt von drastischen Schicksalen während der Kriegsjahre. Seitenlang erzählt die Großmutter von Kampfhandlungen, vom Lazarett und von Beppe, dem Großvater.
Die Erzählungen sind eindrücklich geschildert, mit starken Worten verdichtet und verleihen der Frauengestalt der Großmutter plötzlich Größe durch das erfahrene Leid.

Der Literaturkritiker Stefan Gmünder, der Anna Baar 2015 zum Bachmannpreis eingeladen hatte, meinte zu seiner Autorin, dass sei ein Text, „der aufs Ganze geht“, „ein strukturell und sprachlich sehr gut und präzise gearbeiteter Text“. Die zeitgeschichtlichen Spots und Bilder in dem Text findet er „subtil und schön, ohne aufdringlich zu sein“. Auch der zweite österreichische Juror beim Bachmannpreis, Klaus Kastberger, fand Gefallen an der Stilistik des Textes. „Die präzise Art und Weise der Beschreibungen“ fand er ebenso gelungen wie, dass sich der Text auf Paradoxa einlasse. Deshalb halte er den letzten Satz der Geschichte („Denn so wie mich die Worte würgen, berausch ich mich daran.“) für „aufrichtig“.
2016 gewann ANNA BAAR den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis. Die Jurorin Barbara Frischmuth begründet ihre Bewertung folgendermaßen: „Was mir so gefällt ist, dass sie so eine direkt wirkende, sehr rhythmische Sprache verwendet – und dass sie Empathie gar nicht verleugnet.“

Die Kärntner Schriftstellerin Anna Baar wurde als Tochter eines österreichischen Vaters und einer kroatischen Mutter aus Dalmatien 1973 in Zagreb geboren und wuchs zweisprachig in Wien, Klagenfurt und auf der Insel Brač auf. Nach der Matura am Musikzweig des Stiftsgymnasiums Viktring studierte sie Publizistik, Slawistik, Theaterwissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und Klagenfurt. 2008 promovierte sie an der Universität Klagenfurt zum Dr. phil. Schon während des Studiums schrieb sie für Presse und Rundfunk. Anna Baar lebt in Klagenfurt.
Auf Einladung des Literaturkritikers Stefan Gmünder nahm Baar am Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 teil. 2016 erhielt sie den 2. Platz beim Rotahorn-Literaturpreis für ihren Debütroman.

http://steiermark.orf.at/news/stories/2794650/

Blog-Granatapfel-Cover
Anna Baar
Die Farbe des Granatapfels
Roman
Wallstein Verlag, Göttingen 2015
320 Seiten
ISBN: 978-3-8353-1765-9 (2015)
€ 20, 50

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317659-anna-baar-die-farbe-des-granatapfels.html

Alle Fotos (c) Gabriele Russwurm-Biro

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“Ich zähle die Sterne, alle, die es gibt” – ein Buch13-Leseabend im Eboardmuseum

“Literarische Räume sind wichtig für die heutige Zeit,” betont Buch 13 – Obmann Gerald Eschenauer bei der Saisoneröffnung Anfang September in Klagenfurt. Ein neuer und ungewohnter Leseort wurde eingeweiht, das Klagenfurter Eboardmuseum (Hausherr Gert Prix) in der Florian-Gröger-Straße 20 beim Messegelände. Die Literaturinitiative BUCH 13, die vor über drei Jahren gegründet wurde, um neuen und erfahrenen AutorInnen aus Kärnten eine ungezwungene Plattform und ein breites Publikum zu bieten, verfügt derzeit über drei Standorte in Villach und neben dem Eboardmuseum auch noch den Studioklub in der Rosenbergstraße in Klagenfurt. “Literatur muss frei bleiben, wir brauchen unabhängige Orte, wo wir lesen können. Wir sind niemanden gegenüber verpflichtet, am wenigsten der Politik”, so Eschenauer.

An diesem sommerlich heißen Abend wurden an einem passenden Lesetisch (Gehäuse einer Hammond Orgel), zwei sehr scheue Autoren präsentiert: Johannes Tosin und Günther G. Mörtl.

Johannes Tosin wurde 1965 in Klagenfurt geboren. Als er ein Jahr war, zog er mit seinen Eltern nach Deutschland, am längsten waren sie im Dorf Elliehausen bei Göttingen, Niedersachsen, nahe an der damaligen DDR-Grenze. Er lebt in Pörtschach am Wörthersee.
Er überrascht mit seinen Kurzgeschichten und Gedichten das Publikum durch Fiktionales, Mystisches und Trauriges. Wie seine Geschichten entstehen, kann er nicht sagen, er hat keine Lieblingsthemen. Wichtig für ihn ist es, mit der Hand zu schreiben.

„Mit 9 zog ich mit meinen Eltern und meiner Schwester für 1/2 Jahr nach Klagenfurt, dann für 4 1/2 Jahre nach Wien. Als ich 14 1/2 war zog ich wieder nach Klagenfurt, ab dem Sommer 1979. Mit 16 verließ ich mein Elternhaus und zog mit meiner späteren 1. Frau, der Mutter meiner Tochter, zusammen. Ich war wegen Geldmangels gezwungen, aus dem Gymnasium auszutreten, machte zirka 3 Jahre lang üble Jobs wie Kohleträger, Fensterputzer und Prospektverteiler (eigentlich muss man sagen, dass Kohleträger gar nicht so schlecht war – von fast jedem Haushalt Trinkgeld und Bier). Nach der Trennung von meiner 1.Frau lernte ich Bürokaufmann, machte die Buchhalterprüfung, lernte Sprachen (bis auf Englisch wieder ziemlich vergessen), absolvierte danach in Leoben, die HTL für Maschinenbau-Hüttentechnik und arbeitete parallel als Sachbearbeiter. Matura 1993, danach Verkaufsingenieur, später Wechsel in die Maschinenbauindustrie für Kunststofftechnik, Anlagen für PVC-Fenster und -Türen, Oberösterreich, Verkaufsinnendienstleiter, danach Regional Sales Manager für Fernost, dann Maschinenbau für Kabel, Oststeiermark …(andere Verkäuferjobs in anderen Bundesländern, anderen Technologien und anderen Ländern, die zu bereisen waren) … später zwei Jobs als Projektmanager für einmal Metallumschmelzung, das zweite Mal für einen Giftfilter, später ein gemischter Job.
Schreiben ist bestimmt das, was ich am besten kann. Allerdings hätte ich als Projektmensch und Personalunion aus Techniker und Kaufmann sehr viel weniger Konkurrenz, und solche Jobs sind gut bezahlt. Andererseits, wer weiß? Vielleicht hätte ich sonst auch einmal gesagt: „Ich hab da überhaupt keinen Bock mehr darauf, dauernd regulär zu arbeiten.“ Und das Schreiben hat eben den großen Vorteil, dass man dabei kreativ ist, man kann etwas ausdrücken, man kann sich für etwas einsetzen. Ich sehe auch vom Können her keinen Plafond, es geht immer noch aufwärts,” erzählt Johannes Tosin.

Aus der Lesemappe: “Neues von der Kommandobrücke” 2016 von Johannes Tosin:

Losgelöst

Er hielt nichts mehr fest,
und nichts mehr hielt ihn.
Doch endlich den Knoten entschnürt.
Entschlüsselt das Geheimnis des Kreuzes.
Aus dem Suppentopf kochend
entwich er mit dem Dampf.
Verfing sich in den Wolken.
Fiel als Regen hernieder.

Punkt

Mathematik.
Kann Sprache sein.
Geschriebene, nicht gesprochene.
„Ich habe Hunger. Ich habe Durst.“
Stellt sich überall gleich dar.
Auf der Welt.
Was heißt dann:
„Ich liebe dich“?
Welche ist dafür die Formel?
Es gibt eine, sicherlich.
Für ihren Stamm.
Und für ihre tausenden Blätter?

160 Zeichen müssen genügen.
So viele haben Platz in einer SMS.
Das wirbt um der Begehrten Gunst.
Ein Rinnsal von Worten.
Für das weite, ausgedörrte Land.
Richtig gesetzt, mag es ihr Herz berühren.
Blumen sprießen neben Rissen.
Oder das Haus wird zur Ruine.

„Dear friend.
Nice to meet you.
Glad to see you.“
Preisen an Laptops, Tablets, irgendwas.
Stummelsätze, Pidgin-English, Rechtschreibfehler.
Fängt der Spam-Filter auf.
Keines Ungebetenen Stimme gelangt an mein Ohr.

Sekündlich getaktet.
Stündlich fast die Virendefinitionen aktualisiert.
Die Programme upgedated.
Die Erinnerung ist eine Datei.
Aus Schrift, Bild und Ton.
Wird angehängt.
Wird versendet.
Öffne sie, dann bist du ich.

Der Schreiber auf dem Stein,
einsam und allein,
findet tausend Worte
für den fliegenden Vogel.
Wer sie liest,
sieht ihn vor sich,
auch des Nachts im dunklen Haus.
Den Himmel durchschneidend.
Übertragen die Sinne.

Sie liest.
Sie versteht.
Keine Angst.
Sie wird vergeben.
Zwischen Punkt und Komma steckt mein halbes Leben.


Der Sternenzähler

Ich zähle die Sterne,
alle, die es gibt.
Bei einer immensen Zahl bin ich angelangt,
und ich bin lange noch nicht fertig.
Wie viele Leben ich schon zähle, weiß ich nicht,
es müssen sehr sehr viele sein.
Ist mein Vorgänger müde, der mir gleicht aufs Herz,
nennt er mir seine letzte Zahl.
Werde ich müde, werde ich meine letzte Zahl meinem Nachfolger nennen.
Dann schlafe ich.
Wir alle sind eine einzige Person,
bestehen aus identem Genmaterial
und haben dieselben Sinneseindrücke.
Wenn unsere große Aufgabe vollbracht ist,
all die Sterne des Universums zu erfassen,
dann sterben wir alle, die, die schlafen,
und auch der Letzte, der noch tatkräftig sein mag.
Dann sterbe ich, der Sternenzähler.

Johannes Tosin veröffentlicht Kurzgeschichten und Gedichte, seitdem er regelmäßig schreibt (2005) in Zeitschriften (“Apropos”, “Tarantel” und “EULENSPIEGEL”), Anthologien (Ent(z)weihnachtet, Malandroverlag 2014; Mein Garten ,Drava Verlag 2015) und im Internet bei “Sandmeer”, “Zarathustras miese Kaschemme”, “Telepolis”,”Twilightmag”, “Das Dosierte Leben”, “Phatastikon” und “verdichtet.at”.
Er erhielt im Jahr 2010 den 1. Platz des Wettbewerbes des Hauses Sankt Martin am Autoberg, Hattersheim, Deutschland, „Wohnungslose Menschen“, mit der Kurzgeschichte „K¬DAHAM9“.
Es gibt nur selten die Gelegenheit ihn bei öffentlichen Lesungen “live” zu erleben.

http://www.sandammeer.at/homepages/tosin/tosin.htm

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

http://kaschemme.de/author/johannes-tosin/

Der zweite Autor des Abends las einen Auszug au einer Erzählung und hat aufgrund seiner Berufstätigkeit keine eigenständige Publikation, dafür ein bühnenfertiges Stück. Bei ihm überwiegt die Gesellschaftskritik in einer scharf beobachtenden sezierenden Schreibweise.

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Günther G. Mörtl wurde am 1. März 1940 in Klagenfurt geboren. Er absolvierte eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Nach beruflichen Aufenthalten in Deutschland war er von 1971 bis 1983 Österreich‐Verkaufsleiter bei Mannesmann‐Handel in Wien und auch verantwortlich für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Zeit war er auch freiberuflicher Texter für Wiener Werbeagenturen und schrieb zudem mehrere Fachartikel in namhaften Tageszeitungen wie „Kurier“, „Presse“, „Architektur und Bau“, u.v.m. Nach seiner Rückkehr nach Kärnten, 1984, war er Marketingleiter der „Kärntner Tageszeitung“. Danach bekleidete er mehrere Führungspositionen bei Kärntner Unternehmen. Später arbeitete er als freiberuflicher Journalist, für die Region Villach, bei der „Kleinen Zeitung“, bei der „Kärntner Tageszeitung“ und bei den „Kärntner Regionalmedien“, wo er von 2004 bis 2009 die Verlagsleitung des „Draustädter“ inne hatte. Nach einer kurzen Unterbrechung war er wiederum‐ von 2010 bis 2013‐ als freier Journalist für das „Kärnten‐Journal“ in Villach und für die Wirtschaftsredaktion der „Kärntner Tageszeitung“ tätig.
Mir seiner gesellschaftskritischen Kolumne „Zeigefinger“, die er für den „Draustädter“ und danach auch für das „Kärnten‐Journal“ schrieb, gelang es ihm, mit einem neuen, sehr persönlichen Stil, große Beachtung im Lesermarkt zu finden.
Den Weg, den Mörtl mit seiner Literatur geht, begleiten „Reime‐Verse‐ Gedichte‐Lyrik“, „dramatische Lyrik“, Essays, Erzählungen und sein bühnenfertiges Drama „…und alles unter einem Himmel“. Für dieses Drama sucht er interessierte Theater‐ Agenturen mit sehr guten Kontakten zu Dramaturgie und Bühne, um das Stück einem großen Publikum zugänglich zu machen.
Mörtl sieht sich‐ trotz seines „hohen Alters“ – als „junger Autor“ und verwehrt sich gegen die merkbare Diskriminierung älterer Autoren, die noch auf keine Veröffentlichungen verweisen können, wenn es um die Möglichkeit öffentlicher Präsenz‐ Lesungen, Preisverleihungen bei Literaturwettbewerben, Agentur‐Verträge, u.s.w. – geht. Er unterstützt daher die Initiative Gerald Eschenauers, von „Buch 13“, die auch bisher unbekannten Autoren, die Möglichkeit bietet, sich einer breiten, an Literatur interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

http://www.eboardmuseum.com

Das Eboardmuseum ist eine Sammlung elektronischer Tasteninstrumente. Es wurde 1987 vom Musiker, Mathematiklehrer und Techniker Gert Prix gegründet. Die ursprüngliche Sammlung war räumlich bald stark beengt. 2007 zog das Museum in eine Halle an der Südseite des Klagenfurter Messegeländes um und gilt seitdem als das größte seiner Art in Europa. Auf 1.700 m² Fläche zeigt das Eboardmuseum ca. 1.500 Exponate. Ungewöhnlich für ein Instrumentenmuseum ist, dass die ausgestellten elektronischen Orgeln nicht nur in Führungen live präsentiert werden, sondern von Besuchern auch selbst bespielt werden dürfen. Viele nehmen diese Möglichkeit gerne wahr. Wöchentlich werden Live-Konzerte veranstaltet. Der Veranstaltungsbereich ist mit Sofas möbliert und bietet Wohnzimmeratmosphäre.

Alle Fotos © BUCH13/Eschenauer

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Blog-Picknick

Literarische Kostproben „alfresco“ – ein Picknick auf der Kreuzberglwiese in Klagenfurt

Die Tradition im Freien – alfresco – zu speisen reicht bis in die Antike zurück. Das ungezwungene freie Zusammentreffen Gleichgesinnter vor ansprechender Naturkulisse ohne räumliche Grenzen mit mitgebrachten Köstlichkeiten ist ein altes, bewährtes Erfolgsrezept. Spätsommerliche Nachmittage eignen sich daher besonders dazu.
Der Kärntner SchriftstellerInnenverband lud spontan Autoren und Autorinnen zu einer Literaturveranstaltung unter dem Motto SPÄTSOMMER-LITERATUR-KOSTPROBEN auf die beliebte Kreuzberglwiese in Klagenfurt. Das einmalige Naturambiente und das perfekte stabile Spätsommerwetter lockten 18 Literatinnen und Literaten aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis des Verbandes zu einem ungezwungenen Treffen mit vollgepackten Picknickkörben und mitgebrachten neuen Texten. Die Begeisterung war groß für so ein informelles Treffen im nahezu veranstaltungsfreien Sommerloch, bei dem sich jeder Teilnehmer kurz vorstellen konnte, berichtete, woran er/sie gerade arbeite und eine kleine Kostprobe aus dem eigenen Schaffen geben konnte.

Mit Klappstühlen, Decken und reichlich vorzüglicher Jause ausgestattet fand sich die illustre Gemeinschaft auf der Spielwiese am Kreuzbergl in Klagenfurt zusammen. Nicht nur Klagenfurter, auch aus Villach waren Teilnehmer gekommen und ein Stipendiatsgast aus St. Gallen in der Schweiz, die weltreisende Schriftstellerin Monika Slamanig, die ihre Suche nach den eigenen Kärntner Wurzeln ein halbes Jahr nach Klagenfurt verschlagen hat.

https://www.woz.ch/-6220

Lyrik, Kurzprosa und Märchen wurden als Kostproben dargebracht und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen der Kärntner Kolleginnen und Kollegen.
Unter ihnen waren Arnulf Ploder, Hubert Maria Moran, Josef K. Uhl, Gerald Eschenauer, Edgar Hättich mit seiner Frau Maria Alraune Hoppe, Marlies Karner-Taxer, Sieglind Demus, Martina Kircher, Anneliese Merkac-Hauser, Dagmar Cechak, Edeltraud Pirker, Karin Prucha und Gernot Orasche.
Monika Slamanig trug ein humorvolles Gedicht zu einem roten Plastikstuhl (Eames plastic armchair – mit Rollen) vor. Mit diesem Beitrag gewann sie beim Literaturwettbewerb „Absolutely:Things – Lobreden auf Dinge“ im Rahmen des Feldkircher Lyrikpreis 2015 eine Platzierung.
Hier ein Zitat aus der Laudatio für ihr Gedicht: „Was brauchst du?“ fragt Friederike Mayröcker in ihrem Gedicht und antwortet einige Zeilen später: „…du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen …“. Um aber zu sitzen, benötigen wir einen Stuhl, einen bequemen Stuhl, und wollen wir denken und träumen, schreiben und schweigen, kann dies nicht irgendein Stuhl sein. Dann muss der Plastikstuhl her, der mit seinen sanften Rundungen einlädt, sich hinein fallen zu lassen, der die Gedanken grell-lichtrot umgarnt und so enthebt aus der Normalität der Welt. Tief liegtsitzt man in diesem Stuhl, ist fast eingewoben in seiner hohlen Beuge, ja es besteht sogar die Gefahr, in dieser lustvollen Lustbarkeit des Stuhlgenusses regelrecht zu ersaufen. Der Stuhl wird zum Objekt der erotischen Begierde, das ganze Sehnen richtet sich auf ihn, den einzigen, der die Lust bis zum Übermaß steigern kann: Die Rollen versetzen sogar die schwergewichtigste Person in einen Schwebezustand, der Körper wirbelt, schwebt frei, ebenso das Denken. Sie benötigen nichts – einen roten Plastikstuhl benötigt jeder zum Leben.

http://saumarkt.at/lyrikpreis/jugendwettbewerb/preistr%C3%A4gerinnen-absolutely-things-lobreden-auf-dinge

Josef K. Uhl, Vorsitzende der GAV-Grazer Autorinnen und Autorenversammlung Kärnten stellte seine Pläne für die nächste Nummer (achzehn) der Kärntner Literaturzeitschrift UNKE (2017) vor und Gerald Eschenauer seinen Verein zur Förderung der Gegenwartsliteratur BUCH 13.
Viele Gespräche ließen dieses Literaturpicknick zu einem kleinen, aber sehr angenehmen Ereignis werden, auf dessen Wiederholung im nächsten Sommer alle jetzt schon sehnlichst warten…

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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„Ein Stück Himmel in tiefem Blau“ – Carina Nekolnys beeindruckender Roman FINGERSPITZEN

Ein Tabu-Thema steht im Mittelpunkt des einfühlsamen und souverän verfassten Romans der österreichischen Schriftstellerin Carina Nekolny, der im Klagenfurter Johannes Heyn-Verlag/ Edition MEERAUGE 2016 erschienen ist: Das Leben mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen.
Eine Familie lebt in Oberösterreich auf dem Land und bewirtschaftet einen Hof im Nebenerwerb, der Vater ist als Maurer berufstätig, die Mutter versorgt die Kühe, den Hof und Gästezimmer. Und da sind noch zwei Buben, Thomas und Toni. Sie leben mit Kühen, Katzen mitten in Streuobstwiesen und harter Arbeit. Aber da ist noch etwas, was diese Familie zu bewältigen hat: der größere Sohn Thomas, mittlerweile 18 Jahre alt, ist taubblind. Er lebt in einer engen eigenen Welt, die seine Umgebung jeden Tag aufs Neue vor schwierige Herausforderungen stellt. Er sieht und hört nichts – aber er spürt fast alles. Er ist auf die Vertrautheit der Familienmitglieder angewiesen, auf Berührungen, auf eingelernte gewohnte Handlungsabläufe. Jedes Abweichen, jede neue Situation bringt Thomas völlig durcheinander. Der jüngere Bruder Toni ist erst zehn Jahre alt und muss in diesem Familiengefüge viel mittragen. Er muss seine Mutter unterstützen, hilft ihr bei der Stall- und Hausarbeit und betreut liebevoll den Bruder, wenn er aus der Schule kommt. Der Vater kommt meist nur an den Wochenenden nach Hause, die Mutter bricht langsam unter der physischen und psychischen Belastung zusammen. Aus reiner Verzweiflung wird das behinderte Kind stundenlang in seine Kammer eingesperrt, um es vor Verletzungen und Gefahren zu bewahren, die im Haus und im Garten lauern.
Kapitelweise wechselt die Erzählerperspektive:
Aus der Sicht des kleinen Tonis, der sich tapfer in sein Schicksal fügt und alles für die Mutter macht: Er spürt die Belastung, die sie zu tragen hat und gerät selbst in eine Abwärtsspirale. Er kämpft und spricht sich immer wieder Mut zu, verteidigt seinen Bruder, tut sein Bestes, aber läuft dabei Gefahr, sich völlig zu verausgaben. Toni spricht in der Sprache eines Zehnjährigen, er spürt, wie sehr die Mutter von seiner Hilfe abhängig ist und wird davon erdrückt. Er ändert sein Verhalten den Mitschülern und der Lehrerin gegenüber, er zieht sich zurück, er kapselt sich ab und ändert sein Verhalten außerhalb der Familie.
Aus der Sicht der Mutter, die ihren geliebten Thomas bestens versorgen will und ihn nicht in ein Heim abgeben möchte: Sie hat die Jahre übersehen und, dass Thomas ein Erwachsener geworden ist, der professionelle Hilfe braucht. Sie trägt schwer an der Last und belastet die gesamte Familie. Sie bricht letztendlich unter dieser Konstellation zusammen und klammert sich an ihren jüngeren Sohn Toni ohne den sie den Alltag nicht mehr meistern kann.
Und aus der Sicht des Vaters, der miterleben muss, wie sich die Situation mit seinem taubblinden Kind, seiner überlasteten Ehefrau und dem emotional stark eingeklemmten jüngeren Sohn immer mehr zuspitzt. Für ihn ist die Sorgepflicht für den älteren Sohn eine überfrachtete Herausforderung. Zu wenig Zeit, zu wenig Geld für einen Umbau, der auch die Wohnsituation von Thomas erleichtern würde. Er flüchtet in seinen Beruf, versucht seine Frau zu unterstützen und kann den Zusammenbruch nicht verhindern.
Auch die Lehrerin, die sich für Toni und seine Schulkarriere einsetzt, hat eine Stimme und eine Außenperspektive. Der Aufstieg ins Gymnasium würde aber bedeuten, dass Toni seine Familie verlassen muss und ins Internat kommt. Dann könnte er seiner Mutter nicht mehr am Hof und mit Thomas helfen.
Die Beschreibungen wie Menschen mit allen Sinnen mit einem Menschen mit besonderen Bedürfnissen umgehen, wie sie versuchen zu helfen, auszugleichen, eine eigene Kommunikationsform zu finden und zu unterstützen ist in diesem Roman sehr berührend und in starken einprägsamen Bildern geschildert. Der Leser lebt mit: Die Angstzustände der Mutter, die Sorgen (auch finanzielle) des Vaters und die Belastung des Volksschulkindes Toni, der gelernt hat, mit einer großen Verantwortung und unter ständiger Anspannung zu leben.
Nach 18 Jahren durchwurschteln bricht das Konstrukt zusammen und die Familie muss sich durchringen eine andere Betreuungsform zu finden, damit sich auch Thomas weiterentwickeln und eine Fingersprache lernen kann. Das fällt besonders der Mutter schwer. Das Schicksal der gesamten Familie steht auf der Kippe.
„Vielleicht hatte Thomas an den Fingerspitzen Augen“, denkt sich Toni, der sich in jede Bewegung, in jede Reaktion seines Bruders hineindenkt.
„Die Mama wird immer ganz still, wenn der Doktor aus Linz so etwas sagt. Bis ihn der Papa hinausschmeißt. Papa macht der Doktor wütend. Dann knallt er die Türen zu und schimpft. Egal ob jemand da ist oder nicht. Er schimpft einfach mit der Luft. Während die Mama ganz still wird. Nur der Thomas wird dann unruhig. Weil er spürt, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt er hin und tut sich weh und alle müssen sich um ihn kümmern. Durch das Kümmern wird alles wie sonst. Was bei uns eben normal ist. Wenn die Mama aber gar nicht wegen dem Thomas traurig ist, sondern wegen mir? Wenn sie gemerkt hat, dass ich manchmal möchte, dass der Thomas einfach weg ist. Oder wenn sie weiß, dass ich manchmal gemein zu Thomas bin.“ (Seite 99-100)
Carina Nekolny fesselt ihre Leserschaft mit eindrücklichen stark emotionalen Schilderungen. Man lebt besonders mit dem kleinen tapferen Toni mit, der sein Schicksal beschreibt und damit zurechtzukommen versucht. Seine Verlustangst, sein Streben nach der Liebe der Mutter, nach Aufmerksamkeit, seine Eifersucht, weil alles für den kranken Bruder gemacht wird und er zurückstehen muss.
Man leidet mit der unglücklichen Mutter, die die kleinen fröhlichen Momente eines Tages genießt, wenn sie überhaupt vorkommen, und nicht mehr weiß, was Unbeschwertheit heißt. Sie arbeitet hart, um nicht an die Zukunft denken zu müssen. In ihrem Handeln und ihren Denken stützt sie sich stark auf das zweite, gesunde Kind, ohne zu merken, wie Toni darunter leidet. Ihr Mann ist zu selten daheim.
Stilistisch wird man vom ersten Satz an in die Familiengeschichte hineingezogen. Die Sätze sind kurz und prägnant. Die Protagonisten sprechen offen und es tritt eine Ehrlichkeit zu Tage, die manchmal sehr hart anmutet. Man lebt sich in die Charaktere sehr gut ein, begleitet sie emotional. Die Auseinandersetzung mit einem sehr tabuisierten Thema in unserer Gesellschaft zeichnet diesen Roman aus. Wie schafft das eine Familie, wenn ein Kind besondere Bedürfnisse hat und die ganze Aufmerksamkeit beansprucht?
Der Roman FINGERSPITZEN gibt die Antwort und zeigt empathisch wie Menschen mit solchen Herausforderungen zurecht kommen und umgehen, welche Fehler sie machen, welche Lösungen sie finden.

Carina Nekolny, geboren 1963 in Linz, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Historische Anthropologie, lebt als Schriftstellerin, Redakteurin der ZeitschriftAUF und Puppenspielerin in Wien. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Dramolette, Lyrics (Kantaten, Madrigale, Wiener Lieder, Porno Lyrics, Pamphlet Poetry) sowie Kinderbücher.Die Absolventin der wiener schule für dichtung hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, wurde zu einschlägigen Festivals (z. B. Luaga & Losna 2007 und 2009) eingeladen und tritt immer wieder mit Performances auf.
Carina Nekolny ist u. a. Mitglied der IG Autorinnen Autoren, der Sisters in Crime, der Lyrikerinnengruppe wientouristinnen in.form, des Lyrikerinnenkollektivssappho.net und der kunstkolchose ahoj.
Prosa: Stimmen/Ränder. Erzählungen (2006), Yunnan. Unter südlichem Himmel (2008), Fress-Schach. Ein bulgarischer Winterkrimi (2011), Orpheus Traum.Mythologische Erzählungen (2011),Ausgleichende Gerechtigkeit. Ein Wiener Erwachsenenbildungskrimi (2012),Fremdheit und Nähe. Die erotische Mystik der süddeutschen Dominikanerinnen im Mittelalter (2013)
Auszeichnungen (Auswahl): Limburg-Preis 2003, Exil-Literaturpreis Schreiben zwischen den Kulturen und Wiener Autorenstipendium 2006, Paul-Maar-Stipendium 2008, Literaturstipendium der Stadt München (Villa Waldberta) 2013, Rom-Stipendium der österreichischen Bundesregierung 2016
FINGERSPITZEN ist der zehnte Band der Edition MEERAUGE des Klagenfurter Verlags Johannes Heyn. 99 handnummerierte und signierte Exemplare sind reserviert für das Abonnement der Reihe.
Interessenten wenden sich bitte an abonnement@edition-meerauge.at

Blog-Finger-Cover

Carina Nekolny
Fingerspitzen
Roman
Verlag Johannes Heyn
Edition Meerauge
Klagenfurt/Celovec 2016
253 Seiten
fester Einband, geripptes Surbalin,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-7084-0560-5
€ 24,90
http://www.meerauge.at/die_reihe/fingerspitzen

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Carina%20Nekolny_Fingerspitzen_Leseprobe.pdf

Ich danke dem Verlag Johannes Heyn für das Rezensionsexemplar.
Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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