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„Ein Stück Himmel in tiefem Blau“ – Carina Nekolnys beeindruckender Roman FINGERSPITZEN

Ein Tabu-Thema steht im Mittelpunkt des einfühlsamen und souverän verfassten Romans der österreichischen Schriftstellerin Carina Nekolny, der im Klagenfurter Johannes Heyn-Verlag/ Edition MEERAUGE 2016 erschienen ist: Das Leben mit einem Kind mit besonderen Bedürfnissen.
Eine Familie lebt in Oberösterreich auf dem Land und bewirtschaftet einen Hof im Nebenerwerb, der Vater ist als Maurer berufstätig, die Mutter versorgt die Kühe, den Hof und Gästezimmer. Und da sind noch zwei Buben, Thomas und Toni. Sie leben mit Kühen, Katzen mitten in Streuobstwiesen und harter Arbeit. Aber da ist noch etwas, was diese Familie zu bewältigen hat: der größere Sohn Thomas, mittlerweile 18 Jahre alt, ist taubblind. Er lebt in einer engen eigenen Welt, die seine Umgebung jeden Tag aufs Neue vor schwierige Herausforderungen stellt. Er sieht und hört nichts – aber er spürt fast alles. Er ist auf die Vertrautheit der Familienmitglieder angewiesen, auf Berührungen, auf eingelernte gewohnte Handlungsabläufe. Jedes Abweichen, jede neue Situation bringt Thomas völlig durcheinander. Der jüngere Bruder Toni ist erst zehn Jahre alt und muss in diesem Familiengefüge viel mittragen. Er muss seine Mutter unterstützen, hilft ihr bei der Stall- und Hausarbeit und betreut liebevoll den Bruder, wenn er aus der Schule kommt. Der Vater kommt meist nur an den Wochenenden nach Hause, die Mutter bricht langsam unter der physischen und psychischen Belastung zusammen. Aus reiner Verzweiflung wird das behinderte Kind stundenlang in seine Kammer eingesperrt, um es vor Verletzungen und Gefahren zu bewahren, die im Haus und im Garten lauern.
Kapitelweise wechselt die Erzählerperspektive:
Aus der Sicht des kleinen Tonis, der sich tapfer in sein Schicksal fügt und alles für die Mutter macht: Er spürt die Belastung, die sie zu tragen hat und gerät selbst in eine Abwärtsspirale. Er kämpft und spricht sich immer wieder Mut zu, verteidigt seinen Bruder, tut sein Bestes, aber läuft dabei Gefahr, sich völlig zu verausgaben. Toni spricht in der Sprache eines Zehnjährigen, er spürt, wie sehr die Mutter von seiner Hilfe abhängig ist und wird davon erdrückt. Er ändert sein Verhalten den Mitschülern und der Lehrerin gegenüber, er zieht sich zurück, er kapselt sich ab und ändert sein Verhalten außerhalb der Familie.
Aus der Sicht der Mutter, die ihren geliebten Thomas bestens versorgen will und ihn nicht in ein Heim abgeben möchte: Sie hat die Jahre übersehen und, dass Thomas ein Erwachsener geworden ist, der professionelle Hilfe braucht. Sie trägt schwer an der Last und belastet die gesamte Familie. Sie bricht letztendlich unter dieser Konstellation zusammen und klammert sich an ihren jüngeren Sohn Toni ohne den sie den Alltag nicht mehr meistern kann.
Und aus der Sicht des Vaters, der miterleben muss, wie sich die Situation mit seinem taubblinden Kind, seiner überlasteten Ehefrau und dem emotional stark eingeklemmten jüngeren Sohn immer mehr zuspitzt. Für ihn ist die Sorgepflicht für den älteren Sohn eine überfrachtete Herausforderung. Zu wenig Zeit, zu wenig Geld für einen Umbau, der auch die Wohnsituation von Thomas erleichtern würde. Er flüchtet in seinen Beruf, versucht seine Frau zu unterstützen und kann den Zusammenbruch nicht verhindern.
Auch die Lehrerin, die sich für Toni und seine Schulkarriere einsetzt, hat eine Stimme und eine Außenperspektive. Der Aufstieg ins Gymnasium würde aber bedeuten, dass Toni seine Familie verlassen muss und ins Internat kommt. Dann könnte er seiner Mutter nicht mehr am Hof und mit Thomas helfen.
Die Beschreibungen wie Menschen mit allen Sinnen mit einem Menschen mit besonderen Bedürfnissen umgehen, wie sie versuchen zu helfen, auszugleichen, eine eigene Kommunikationsform zu finden und zu unterstützen ist in diesem Roman sehr berührend und in starken einprägsamen Bildern geschildert. Der Leser lebt mit: Die Angstzustände der Mutter, die Sorgen (auch finanzielle) des Vaters und die Belastung des Volksschulkindes Toni, der gelernt hat, mit einer großen Verantwortung und unter ständiger Anspannung zu leben.
Nach 18 Jahren durchwurschteln bricht das Konstrukt zusammen und die Familie muss sich durchringen eine andere Betreuungsform zu finden, damit sich auch Thomas weiterentwickeln und eine Fingersprache lernen kann. Das fällt besonders der Mutter schwer. Das Schicksal der gesamten Familie steht auf der Kippe.
„Vielleicht hatte Thomas an den Fingerspitzen Augen“, denkt sich Toni, der sich in jede Bewegung, in jede Reaktion seines Bruders hineindenkt.
„Die Mama wird immer ganz still, wenn der Doktor aus Linz so etwas sagt. Bis ihn der Papa hinausschmeißt. Papa macht der Doktor wütend. Dann knallt er die Türen zu und schimpft. Egal ob jemand da ist oder nicht. Er schimpft einfach mit der Luft. Während die Mama ganz still wird. Nur der Thomas wird dann unruhig. Weil er spürt, dass etwas nicht stimmt. Dann fällt er hin und tut sich weh und alle müssen sich um ihn kümmern. Durch das Kümmern wird alles wie sonst. Was bei uns eben normal ist. Wenn die Mama aber gar nicht wegen dem Thomas traurig ist, sondern wegen mir? Wenn sie gemerkt hat, dass ich manchmal möchte, dass der Thomas einfach weg ist. Oder wenn sie weiß, dass ich manchmal gemein zu Thomas bin.“ (Seite 99-100)
Carina Nekolny fesselt ihre Leserschaft mit eindrücklichen stark emotionalen Schilderungen. Man lebt besonders mit dem kleinen tapferen Toni mit, der sein Schicksal beschreibt und damit zurechtzukommen versucht. Seine Verlustangst, sein Streben nach der Liebe der Mutter, nach Aufmerksamkeit, seine Eifersucht, weil alles für den kranken Bruder gemacht wird und er zurückstehen muss.
Man leidet mit der unglücklichen Mutter, die die kleinen fröhlichen Momente eines Tages genießt, wenn sie überhaupt vorkommen, und nicht mehr weiß, was Unbeschwertheit heißt. Sie arbeitet hart, um nicht an die Zukunft denken zu müssen. In ihrem Handeln und ihren Denken stützt sie sich stark auf das zweite, gesunde Kind, ohne zu merken, wie Toni darunter leidet. Ihr Mann ist zu selten daheim.
Stilistisch wird man vom ersten Satz an in die Familiengeschichte hineingezogen. Die Sätze sind kurz und prägnant. Die Protagonisten sprechen offen und es tritt eine Ehrlichkeit zu Tage, die manchmal sehr hart anmutet. Man lebt sich in die Charaktere sehr gut ein, begleitet sie emotional. Die Auseinandersetzung mit einem sehr tabuisierten Thema in unserer Gesellschaft zeichnet diesen Roman aus. Wie schafft das eine Familie, wenn ein Kind besondere Bedürfnisse hat und die ganze Aufmerksamkeit beansprucht?
Der Roman FINGERSPITZEN gibt die Antwort und zeigt empathisch wie Menschen mit solchen Herausforderungen zurecht kommen und umgehen, welche Fehler sie machen, welche Lösungen sie finden.

Carina Nekolny, geboren 1963 in Linz, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Historische Anthropologie, lebt als Schriftstellerin, Redakteurin der ZeitschriftAUF und Puppenspielerin in Wien. Sie schreibt Prosa, Hörspiele, Dramolette, Lyrics (Kantaten, Madrigale, Wiener Lieder, Porno Lyrics, Pamphlet Poetry) sowie Kinderbücher.Die Absolventin der wiener schule für dichtung hat in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien publiziert, wurde zu einschlägigen Festivals (z. B. Luaga & Losna 2007 und 2009) eingeladen und tritt immer wieder mit Performances auf.
Carina Nekolny ist u. a. Mitglied der IG Autorinnen Autoren, der Sisters in Crime, der Lyrikerinnengruppe wientouristinnen in.form, des Lyrikerinnenkollektivssappho.net und der kunstkolchose ahoj.
Prosa: Stimmen/Ränder. Erzählungen (2006), Yunnan. Unter südlichem Himmel (2008), Fress-Schach. Ein bulgarischer Winterkrimi (2011), Orpheus Traum.Mythologische Erzählungen (2011),Ausgleichende Gerechtigkeit. Ein Wiener Erwachsenenbildungskrimi (2012),Fremdheit und Nähe. Die erotische Mystik der süddeutschen Dominikanerinnen im Mittelalter (2013)
Auszeichnungen (Auswahl): Limburg-Preis 2003, Exil-Literaturpreis Schreiben zwischen den Kulturen und Wiener Autorenstipendium 2006, Paul-Maar-Stipendium 2008, Literaturstipendium der Stadt München (Villa Waldberta) 2013, Rom-Stipendium der österreichischen Bundesregierung 2016
FINGERSPITZEN ist der zehnte Band der Edition MEERAUGE des Klagenfurter Verlags Johannes Heyn. 99 handnummerierte und signierte Exemplare sind reserviert für das Abonnement der Reihe.
Interessenten wenden sich bitte an abonnement@edition-meerauge.at

Blog-Finger-Cover

Carina Nekolny
Fingerspitzen
Roman
Verlag Johannes Heyn
Edition Meerauge
Klagenfurt/Celovec 2016
253 Seiten
fester Einband, geripptes Surbalin,
Lesebändchen
ISBN: 978-3-7084-0560-5
€ 24,90
http://www.meerauge.at/die_reihe/fingerspitzen

http://www.meerauge.at/assets/files/Leseproben%20PDF/Carina%20Nekolny_Fingerspitzen_Leseprobe.pdf

Ich danke dem Verlag Johannes Heyn für das Rezensionsexemplar.
Alles Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Bis ans Ende der Welt – Berichte prominenter Kärntner von Katharina Springer

„Bereits in meiner Kindheit faszinierten mich Geschichten der Großeltern über den Krieg, über das Leben ´früher und vor allem von Reisen“, erklärt die Autorin und Biografin Katharina Springer zu ihrem Buch MIT DEM FAHRRAD NACH ROM ein außergewöhnlicher „Reiseführer“, der in die Erlebniswelt bekannter Persönlichkeiten führt. Behutsam dokumentiert von der Kärntner Autorin, die damit den Startschuss zu ihrer literarischen Laufbahn tätigte. 110 Fotografien, zum Teil sehr aussagekräftige Porträts des Klagenfurter Fotografen Bernhard Horst, der Katharina Springer zu ihren Interviewpartnern begleitete, zum anderen historische Fotografien, Dokumentations- und Erinnerungsbilder der einzelnen Prominenten von ihren erstaunlichen Reisen.

Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom. Reiseberichte prominenter Kärntner“ ist im November 2009 im Carinthia Verlag Klagenfurt erschienen und liegt jetzt rechtzeitig zur Sommerferienzeit als ergänzte und aktualisierte ZWEITAUFLAGE in Paperback und Hardcover (Morawa Lesezirkel 2016) vor.

Es lohnt sich mit Katharina Springer in 12 sehr lebendig erzählte Lebens- und Reisegeschichten von gut bekannten Kärntnerinnen und Kärntnern einzutauchen und sich zu (erstaunlichen) fernen und ausgefallenen Reisezielen entführen zu lassen.
Auf 196 Seiten gelangt die Leserschaft mit Paula Putzi nach Rom, dem Klagenfurt Altbürgermeister Leopold Guggenberger nach Amerika, mit der schillernden Schauspielgröße Adrienne Pokorny nach Paris, mit dem Abenteurer und Großwildjäger Hellmuth Reichel sen. nach Bhutan.
Sehr interessant sind auch die Berichte von Carina Harrer, die Frau der Bergsteigerlegende Heinrich Harrer aus Knappenberg, dem Expeditionisten Bobby Ehrlich und der beliebten Schauspielerin Heidelinde Weis.

Theo Kelz, berühmt durch die Transplantation seiner beiden Hände im Jahr 2000, fuhr mit seinem Motorrad rund um die Welt, die Schriftstellerin Maria Pink nach Äthiopien und Paul Springer erzählte von seinem ersten Reisebus. Weitere Reportagen beschäftigen sich mit dem „Nichtverreisenwollen“ von Helga-Duffek-Kopper und mit den Musikreisen von der Kärntner-Lied-Legende Gretl Komposch.

Die Autorin und Biografin erzählt, wie es zu diesem, ihren ersten Buch kam: „Im Jahr 2002 lernte ich eine nette ältere Dame kennen, die mir erzählte, dass sie 1936 mit dem Fahrrad nach Rom gefahren ist. Zusammen mit einer Freundin unternahm sie eine unglaublich mutige Reise, die ich festhalten wollte. Im Jahr 2008 führte ich dann elf weitere Interviews mit prominenten Kärntnerinnen und Kärntnern, die mir ihre ganz persönlichen Reisen aus der Vergangenheit schilderten.“

Jedes Kapitel startet mit einer Kurzbeschreibung des Interviewten, danach folgen die Berichte im typischen Denk-, Sprach- und Schreibstil der jeweiligen Persönlichkeiten, einfühlsam, flüssig und nicht beschönigend.
Die zahlreichen historisch interessanten Fotos sind als Dokumentationsmaterial von unschätzbarem Wert und runden den Gesamteindruck ab. Die historisch-dokumentarische Bedeutung dieser Reiseaufzeichnungen stellt sich schon nach den wenigen Jahren seit der Ersterscheinung 2009 dar.

Leseprobe aus dem Kapitel „Auf der Fährte des Blue Sheep“ von Hellmuth Reichel sen. (Seite 63-65): „Es war auf unserer ersten Reise, als uns Prinz Namgyal Wangchuck am Abend zu einem besonderen Fest im Inneren des Dzong (Klosterburg) abholte. Wie alle Bhutanesen trug er an diesem Tag seine Tracht mit einem Schwert und einem wallenden orangen Tuch über der Schulter, wie es seinem Stand entsprach. Auch wir waren festlich gekleidet, als wir das eisenbeschlagene Tor und die königliche Leibwache passierten. Die Klosterburg war von innen noch beeindruckender als von außen, denn viele dieser Dzongs haben wir auf der Fahrt hierher schon passiert. In jedem Tal, an den strategisch günstigen Orten stehen diese Wehrburgen, die ältesten aus dem 13. Jahrhundert. Sie sind Zentren der Verwaltung und der Religion und haben die tibetischen und chinesischen Invasoren über Jahrhunderte davon abgehalten, dieses Land einzunehmen. ….“

Katharina Springer
Sie wurde 1975 in Villach geboren und arbeitete in einem Reisebüro vor ihrem Publizistikstudium in Klagenfurt. Seit 2006 ist sie freie Journalistin und Autorin für verschiedene Magazine in Kärnten und Deutschland tätig.
Ihr erstes Buch „Mit dem Fahrrad nach Rom“ erschien 2009 im Carinthia Verlag. 2010 folgte „Lebensbilder. Porträts von 90 Politikerinnen aus Kärnten“ (Drava Verlag). Etliche Artikel in Anthologien beim Memoiren Verlag Bauschke, zudem bei den Verlagen Hermagoras und Drava. Seit 2010 ist sie als Ghostwriterin tätig und hat etliche Biografien und Chroniken verfasst. Außerdem arbeitet sie als Schreibtrainerin und als Buchcoach von der Privatbiografie für den Familienkreis bis hin zur Veröffentlichung im großen Stile. Seit 2015 bringt sie auch Gemeindechroniken heraus.

www.diebiografin.com

Blog-Cover-Springer

Katharina Springer
Mit dem Fahrrad nach Rom.
Reiseberichte prominenter Kärntner
196 Seiten
110 Fotografien in SW
Verlag Morawa Lesezirkel Wien
ISBN: 978-3-99057-121-7 (Paperback)
19.90 €
ISBN: 978-3-99057-122-4 (Hardcover)
24,90 €
https://publish-books.tredition.de/mymorawa/Customer/ProductList.aspx?PageMethod=OpenBibliography&userId=5171&userRoleId=1

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

Ich danke Katharina Springer und dem Morawa-Verlag für das Rezensionsexemplar

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„Gedichte senden / an all die Engel“ Manfred Poschs lyrisches Vermächtnis

In den letzten Junitagen 2016 kurz vor dem Tod des Klagenfurter Journalisten und Lyrikers Manfred Posch erschien im Hermagoras Verlag Klagenfurt sein Vermächtnis an die Lyrikwelt Kärntens. In „Letzte Silben“ veröffentlichte Posch auf 144 Seiten seine letzten Haiku-Gedichte, die der strengen japanischen Silbenreihung 5-7-5 folgen. Als erklärendes Element sind den Haiku da und dort erläuternde Fußnoten beigestellt, um den Hintergrund und die Bedeutungsebene der einzelnen Begriffe erfassbar zu machen – eine interessante Erweiterung der reinen Lyrikebene um die der Information und kulturwissenschaftlichen Ergänzung. Das war das Anliegen des umfassend gebildeten und interessierten Autors und Chefredakteurs einer bekannten Kärntner Tageszeitung (KTZ), die vor zwei Jahren eingestellt werden musste.

Eine weitere Ergänzung bilden die Fotografien, die auf Wunsch des Autors seinem Haiku-Korpus beigefügt wurden. Wie bereits in seinem ersten Haiku-Band „Milchstraßenschimmer“, der 2015 im Wolfverlag erschienen ist, folgen die Fotos von Gabriele Russwurm-Biro den Themen der Kapitel.

Alois Brandstetter, Schriftsteller und langjähriger Vertrauter Poschs, schreibt in seinem Vorwort zu diesem Band: „Manfred Poschs „Letzte Silben“ sind ein Haiku-Gebirge, ein Gebirgszug, eine poetische Milchstraße, ein Sternenhaufen, ein Konglomerat von Natur- und Bildungserlebnissen, Erlesenem im doppelten Wortsinn, Erlebtem und Erfahrenem. Und auch Erfahrung bewahrt in Poschs Fall ihren tiefen Sinn, wo er doch die Welt bereist hat und auf tausend Gipfeln gestanden ist… Das letzte Kapitel, das dem ganzen Unternehmen den Namen gibt, deutet auf etwas lebensgeschichtlich Definitives, testamentarisch Abschließendes und Ernstes hin.“

Günter Schmidauer, ebenfalls ein guter Freund, verfasste das Nachwort „Die Rückkehr des Manfred Posch“, indem er ihn als einen „homme de lettres“ charakterisiert.

Das Vorausahnen des Todes, die unausweichliche Tatsache der Unheilbarkeit, Trugbilder und Halluzinationen, hervorgerufen durch Medikamente, haben in der späten Lyrik Poschs ergreifend Niederschlag gefunden. Die einzelnen Kapitel spiegeln die Stationen und Leidenschaften des Autors wider: „Sphären“ verweist auf seine Hingabe zur Astronomie und der Himmelsbeobachtung, „Gebirge“ auf seine Liebe und Verbundenheit zu den Bergwelten. Das Kapitel „Klagenfurt“ ist seiner Heimatstadt gewidmet, die Gedichte im Abschnitt „Notturno“ beschäftigen sich mit Tod und Sterben. In „Trugbilder“ wird das Phänomen Halluzination beleuchtet und „Letzte Silben“, das letzte Kapitel und das gesamte Werk, hat er als Requiem seiner geliebten Familie gewidmet.

Als Motto für seine lyrische Tätigkeit, die ihm gerade in den letzten Jahren, auch als Juryvorsitzender des „Kärntner Lyrikpreises STW Klagenfurt“ besonders viel Freude bereitet hat, könnte folgendes Haiku gelten:

GEDICHTE SENDEN
AN DIE SONNE DIE STERNE
AN ALL DIE ENGEL

(© Manfred Posch)

Blog-Porträt-Posch

Manfred Posch: Geboren 1943 in Wien, wuchs er in Klagenfurt auf, wo er auch seine gesamte erfolgreiche journalistische Berufszeit verbrachte. Sein erster Lyrikband erschien 1963. Als junger Dichter war er in renommierten Anthologien präsent. Er galt in den sechziger und siebziger Jahren als große Kärntner Zukunftshoffnung in der Lyrik. Während seiner Berufszeit entstanden mehrere Bücher über die Kärntner Chor- und Volkstumsszene. Einige seiner Werke sind dem Alpinismus gewidmet. 1000 Gipfel hat er bezwungen und war der Bergwelt mit Leib und Seele zugetan.

Weit über 40 Jahre währte seine journalistische bzw. Redaktionstätigkeit im Kultur-, Kärnten- und Politikressort. Vielen von uns war er als versierter Chefredakteur der Kärntner Tageszeitung (2001 – 2006) väterlicher Freund und Vorbild in beruflicher wie menschlicher Hinsicht.

Gleichzeitig engagierte er sich in der Erwachsenenbildung mit zahlreichen Führungen als langjähriger Obmann der Astronomischen Vereinigung Kärntens und Leiter der Sternwarte Klagenfurt. Für sein himmelskundliches Wirken wurde er von der Internationalen Astronomischen Union ausgezeichnet. Das an der Harvard University geführte Minor Planet Center benannte einen 1991 entdeckten Asteroiden 1991 RC3 nach Posch (32821). Dieser läuft innerhalb des sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindlichen Asteroidengürtels um die Sonne. Der Himmelskörper ist vermutlich zwischen vier und sechs Kilometer groß.

Posch bekam das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Kärnten, weiters den Professorentitel von der Republik Österreich verliehen und wurde mit einem der höchsten päpstlichen Orden (Ritter vom Heiligen Papst Silvester) ausgezeichnet. Seit 2008 stand er als Vorsitzender der Jury des „Kärntner Lyrikpreises der STW Klagenfurt“ vor und übernahm diese Aufgabe jedes Mal mit großer Leidenschaft. Er setzte alles daran, dass aus Kärnten ein „Land der Lyrik“ werde.

https://de.wikipedia.org/wiki/Manfred_Posch

„Ich hatte ein sehr schönes Leben“, betonte Manfred Posch ohne mit seinem Schicksal zu hadern in einem seiner letzten Gespräche kurz vor seinem Tod. Er war trotz seiner schweren Krankheit bis zu seinem Ableben am 1. Juli 2016 noch voller literarischer Pläne und voller Tatendrang. Mit dem Erscheinen des Lyrikbandes „letzte Silben“ Ende Juni ging sein letzter Wunsch in Erfüllung.

Bllog-Posch-Cover

Manfred Posch
Letzte Silben
HAIKU
Mit Fotografien von Gabriele Russwurm-Biro
Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec
144 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-7086-0921-8
23 €
http://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/letzte-silben

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Literatur muss atmen – Nachbetrachtungen zum Wettlesen 2016 in Klagenfurt

Weil Literatur auch atmen muss, blickt jedes Jahr Ende Juni – Anfang Juli die Literaturwelt auf eine kleine Stadt namens Klagenfurt im Süden Österreichs und holt tief Luft. Der sommerhitzige Termin wurde vor 40 Jahren von den Begründern des Preises Humbert Fink und Ernst Willner nicht etwa deswegen gewählt, damit die Teilnehmer nach 4 Tagen Wettlesen vom schönen Wörthersee und vom Ferienambiente überzeugt wieder mit verklärten Erinnerungen an eine wunderbare Location zurückfahren, sondern, weil die in Klagenfurt geborene Dichterin Ingeborg Bachmann am 25. Juni Geburtstag feiert (diesmal ihren 90.). Ihre bevorzugten Städte, in denen sie lange Jahre lebte und arbeitete, waren Rom und Wien und eigentlich nicht die Kleinstadt, in der sie ihre Jugend verbracht hatte (und in der sie 1973 begraben wurde). An K., wie sie Klagenfurt– ihre Heimatstat – nannte, ließ sie nicht viel Gutes – trotz allem blickt die deutschsprachige Literaturwelt zu Sommerbeginn nach Klagenfurt und auf die „Lokalheilige“ wie Jury-Vorsitzender Hubert Winkels Ingeborg Bachmann bezeichnete.
http://www.lesenmitlinks.de/gastbeitrag-heimo-strempfl-ueber-bachmann-und-klagenfurt/

Nun atmet nicht nur das ORF-Theater in Klagenfurt große Literatur während der wenigen Tage des Bachmannwettbewerbs, sondern die gesamte Stadt. Sie bemüht sich „mitzuhalten“- optisch, organisatorisch, veranstaltungstechnisch. Eine große Sache für diese Stadt, will sie sich doch in diesen Wettbewerbstagen als „Literaturhauptstadt Europas“ bewähren, wie die Bürgermeisterin stets behauptet, und es das restliche Jahr nicht schafft, in Lethargie fällt und das besagte „Dichterdorf“ bleibt bis, ja bis zu den nächsten Tagen der deutschsprachigen Literatur („tddl“).
„Klagenfurt“ ist dennoch in den letzten 40 Jahren zum Schlagwort der Literaturszene geworden, zählt doch dieser Preis zu den bedeutendsten Auszeichnungen im deutschen Sprachraum. Geadelt ist, wer „Bachmannpreisträger“ oder „Bachmannpreisträgerin“ auf seine Visitenkarte oder in seine Bio schreiben kann. Dieses Prädikat wird auch überall genannt, getoppt nur durch „Büchnerpreisträger/-in“. Damit erreicht man dann maximale Beachtung, mehr geht gar nicht. Ein literarischer Karriereschub.
Mit diesen Ansprüchen stülpt sich der geadelte Literaturbetrieb einmal jährlich über die Provinzstadt Klagenfurt, welche durch ORF/3Sat-Übertragungen und Medienberichte hofft auch in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken (Umwegrentabilität).
Man könnte Klagenfurt auch als Außenstelle von Berlin, sehen in den sommerlichen Süden verrückt, kommen doch viele Besucher und Teilnehmer (sowie 16 der 40 Preisträger) aus Berlin. Im Schnitt geht alle 2 bis 3 Jahre der Bachmannpreis nach Berlin, so ist es auch 2016.
„Wettlesen“ oder auch „Wettsingen“ genannt, egal, übrig bleibt der starke Impuls von Literatur und die Anteilnahme über die Landesgrenzen hinweg. Literatur atmet einen kurzen Sommerhauch lang.

Diesmal war der Wettbewerb sehr international angelegt und dokumentiert eindrucksvoll die Liebe zur deutschen Sprache von Literaten und Literatinnen, die nicht deutscher Muttersprache sind. Das ist nichts Neues beim Bachmannpreis. Globalität und der damit verbundene unterschiedliche Kulturhintergrund beleben die deutschsprachige Literatur und damit auch die Themen.

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Inhaltlich oder formal Riskantes und künstlerische Wagnisse, wie sie der Schriftsteller und langjährige Juryvorsitzende Burkhard Spinnen in seiner Eröffnungsrede zum 40. Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis einforderte, waren unter den 14 qualitativ sehr unterschiedlichen Einreichungen allerdings nicht zu finden.
Manchmal kam die Frage auf, wie der eine oder andere Text überhaupt in die Auswahl zu diesem hochdotierten Literaturpreis kommen konnte. Spinnen betonte aber die verantwortungsvolle Auswahl und schilderte die Leiden, die ein Juror zu bestehen habe, wenn es um Klagenfurt ginge. „Mythos, Scherz, Erfolg und Amt“ lautet der Titel seiner Rede:

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2779963/

Letztendlich fand auch dieses Jahr die hochkarätige und seriös bemühte Jury die richtigen Preisträger und Preisträgerinnen: Die in London geborene Berlinerin Sharon Dodua Otoo gewann mit ihrem Text »Herr Gröttrup setzt sich hin« den von der Stadt Klagenfurt ausgerichteten 25.000 Euro Hauptpreis. Am Beginn der Juryabstimmung war von einer Übereinstimmung nicht die Rede. Fast jeder Juror/Jurorin nannte einen anderen Namen. Otoo setzte sich erst in der 2. Stichwahl gegen Marko Dinić durch. In ihrem preisgekrönten Text erzählt sie mit viel Charme von einem an einem weichen Frühstücksei scheiternden Frühstück. Sie dreht dabei die erzählerische Perspektive und lässt den Leser das Geschehen aus Sicht des nicht hart werden wollenden Eis beobachten.
Jurorin Hildegard Elisabeth Keller sah in diesem Text eine »Persiflage auf Loriots Ei-Nummer mit hintergründigem Charme«, mit dem sie zeige, »dass der Bachmannpreis auch im 40. Jahr noch neuen Stimmen eine Bühne verleihen kann«. Für FAZ-Literaturchefin Sandra Kegel, die Otoo nach Klagenfurt eingeladen hatte, war diese »unangestrengte Satire über einen typisch deutschen Alltag, in dem ein noch weiches Ei die Regie in der Küche übernimmt«.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773423/

In der Stichwahl für den mit 10.000 Euro Preisgeld verbundenen Kelag-Preis setzte sich der Schweizer Autor Dieter Zwicky in der Stichwahl knapp gegen den Serben Marko Dinić durch. Auf verschmitzte Weise erinnerte die Erzählform des Schweizers an Robert Walser und ließ das Publikum staunen. „Idylle oder schon Apokalypse?“ fragte sich Juror Klaus Kastberger.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773434/

Nicht zuletzt zeigte sich die Jury auch von der großen sprachlichen Kunstfertigkeit der Berliner Autorin Julia Wolf beeindruckt, die mit »Walter Nowak bleibt liegen« den 3sat-Preis sowie 7.500 Euro Preisgeld gewann. Beruhigend, dass auch ein klassisch gebauter Text, der sich in die Tradition der Literaturgeschichte eingliedern lässt, reüssieren konnte. Die Geschichte über eine durch das Wasser eines Schwimmbades kraulende »Mannmaschine« sei ein Text, der durch vielfache Lektüre tiefer wird, sagte der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels. Er habe erst im Nachhinein festgestellt, dass er die ideale Gegenerzählung zu Ingeborg Bachmanns »Undine geht« sei.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773431/

Den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis gewann die Wiener Jungautorin Stefanie Sargnagel mit ihrem Text »Penne vom Kika«. Die schillernde Persönlichkeit wurde schon im Vorfeld heftig vom Feuilleton beschrieben und gelobt, sozusagen ein Hype vor dem herbeigesehnten Hype inszeniert. Ihre gewollt provokante Berühmtheit hat sie einer Fangemeinde mit (kolportierten) 30.000 Facebook-Usern zu verdanken, die an ihren Lippen hängen und ihr beim Internet-Voting für den Publikumspreis kräftig unter die Arme griffen. Ihr Text über das Schreiben des Bachmanntextes und die Langeweile darüber löste bei der Jury unterschiedliche Reaktionen aus und kam gar nicht auf die Shortlist. Mit dem BKS-Publikumspreis ist auch ein halbes Jahr Stipendium als Stadtschreiberin in Klagenfurt verbunden. Es ist abzuwarten, ob Stefanie Sargnagel an der Kleinstadt Gefallen finden wird oder ob sie als echtes Wiener Großstadtkind an der Provinzialität verzweifeln wird.

http://bachmannpreis.orf.at/stories/2773426/

Abschließend ist zu bemerken, dass sich eher die Texte durchsetzen konnten, die mit Charme und Humor die Zuhörer und Jurymitglieder für sich einnehmen konnten. Ob es „Betrunkene Bäume“ (Ada Dorian) betrifft, „Penne vom Kika“ (Stefanie Sargnagel) oder „Mein Freund Harvey“ (Selim Özdogan).
Letztendlich gewann der feine und unkonventionelle Humor der Britin Otoo, die mit ihrer großen Familie in Berlin lebt, mit einer „kleinbürgerlichen“ Geschichte und deutschem Sittenbild aus der Perspektive eines Frühstückeis („Wer will schon ein Ei sein?“).
Die übrigen Texte litten unter zu viel Bedeutsamkeit und waren daher der Jury „too much“ und dem Publikum oft gar nicht zugänglich.

Nun verfällt der wohlgelittene Austragungsort Klagenfurt nach der Abreise der Literaturkritiker und Prosabegeisterten wieder in den literarischen Dornröschenschlaf. Die Stadt ist (seit Jahren) pleite und muss in Sachen Literaturförderungen sparen, da sie ja nächstes Jahr beim 41. Ingeborg-Bachmann-Wettlesen 2017, auf das wir uns alle wirklich freuen, wieder ihre Stellung als „Europäische Literaturhaupstadt“ beweisen muss…..

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro
Logo © ORF/ Landesstudio Kärnten/ Bachmannpreis 2016

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„wir spielen auf zeit“ – Ludwig Lahers Lyrik

Der Roman-Schriftsteller und Lyriker LUDWIG LAHER ist gemeinsam mit Friederike Kretzen und Julia Schoch heuer als Tutor beim 20. Literaturkurs Klagenfurt vom 26. bis 29. Juni im Vorfeld des 40. Bachmann Wettbewerbs tätig.

http://www.musilmuseum.at/index.php?p=klagenfurter-literaturkurs

Als Germanist beschäftigt er sich intensiv mit der Sprachform, was er als Lyriker unter Beweis stellt. In seinem neuen Gedichtband WAS HÄLT MICH, 2015 im Wallsteinverlag erschienen, gibt er auf 80 Seiten Einblick in sein lyrisches Werk.
Seine insgesamt 67 Gedichte sind kurz und prägnant und Ergebnis eines Abstraktionsprozesses mit einem gewissen Hang zur Askese in der Wortwahl. Die einzelnen Gedichte sind reduziert, verdichtet und formal sehr streng ausgebildet. Es bleibt aber genug Interpretationsspielraum. Aufschreie, Bitten, schwebende Assoziationen, Liebesgedichte und auch Politisches. Weitere Themen sind Selbstreflexion, Sprache und Schreiben, Gesellschaft und Natur.
Bei seiner Lesung im Mai aus diesem bibliophil gestalteten Bändchen im Musilhaus Klagenfurt wurden die Gedichte parallel zum Vortrag an der Wand projiziert, um damit auch die grafische Qualität erfassbar zu machen. Eine sehr gute Unterstützung optisch der Lyrik zu folgen und die strenge Formalität gleichzeitig zu sehen und zu hören.

Laher ist hauptsächlich als Autor dokumentarisch-kritischer Romane in sozialpolitisch engagierter Form aufgetreten. So schrieb er in seinem Roman „Bitter“ (2014) über einen NS-Massenmörder. Politisches fehlt auch in seiner Lyrik nicht, steht aber in diesem Band nicht im Vordergrund. Klare Botschaften begleiten den Leser bei den Gedichten Lahers.

Im Klappentext heißt es: „Neben seinen Romanen hat Ludwig Laher immer Gedichte geschrieben; vielleicht als eine Art Gegengewicht zum strengen, oft dem Dokumentarischen nahen Erzählen. In seinen Gedichten nimmt er die Sprache beim Wort und ihre Bestandteile auseinander, dreht sie und verdreht sie und macht so immer neue unerwartete Sinnschichten sichtbar. Kurz und konzentriert sind die meisten Gedichte, (Selbst-)Vergewisserungen, (Selbst-)Infragestellungen, Einladungen zu gemeinsamem Nachdenken und Nachspüren.“

wir spielen auf zeit
lösen probleme auf
geduldigem papier
wo ein schlagwort
wie geschmiert das
andere gibt und
die rechnungen
auf den wirt gehen
oder aufgehen
ohne den wirt


wegen nichts
auf der flucht
vor niemanden

und trotzdem
auf der flucht
nirgendwohin

(© Ludwig Laher)
Frauke Kühn (Beirat des Literatur Netzwerks Vorarlberg) klassifiziert sein lyrisches Werk so: “Ludwig Lahers Gedichte offenbaren sprachspielerische Spannungsfelder, von denen Impulse des Widerspruchs, der Überraschung und Bedeutungsvielfalt ausgehen.“

Ludwig Laher wurde 1955 geboren und studierte in Salzburg Germanistik, Anglistik und klassische Philologie. Ab 1979 arbeitete er als Lehrer, Übersetzer und Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik, Essays, Hörspielen, Drehbüchern.
Seit 1998 ist er hauptberuflich als freier Schriftsteller tätig und lebt in St. Pantaleon im Grenzbereich Salzburg/Bayern/ Oberösterreich und in Wien. Übersetzungen seiner Bücher erschienen auf Englisch, Französisch, Japanisch Kroatisch und Spanisch.
Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Stipendien. 2011 wurde er für den deutschen Buchpreis nominiert. 2016 Empfehlungsliste für den Evangelischen Buchpreis.
Laher ist Vorstandsmitglied der IG- Autorinnen Autoren in Wien und Tutor beim Literaturkurs Klagenfurt 2016.

In der Woche von 11.bis 16. Juli 2016 wird Ludwig Laher täglich vor dem Morgenjournal um 6.55 Uhr in Ö1 GEDANKEN FÜR DEN TAG beisteuern. Unter dem Motto BEIM WORT GENOMMEN geht er einzelnen Begriffen auf den Grund.
http://www.ludwig-laher.com/index2.htm

Ludwig Laher
was hält mich
Gedichte
Wallstein Verlag 2015
80 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-8353-1738-3 (2015)
€ 19,50

Blog-Cover-Laher

http://www.wallstein-verlag.de/9783835317383-ludwig-laher-was-haelt-mich.html

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Sternstunden beim Schwimmen und Märchenerzählen – Bernd Sibitz und Del Vede zu Gast beim Literaturmontag in Klagenfurt

Zum 24. Mal fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Literaturmontag“ von BUCH 13 unter der Leitung von Gerald Eschenauer eine Lesung mit zwei bekannten Autoren aus Kärnten in den Räumlichkeiten der Katholischen Hochschülerschaft (KHG) Klagenfurt statt. Bernd Sibitz führte das Publikum in seine gesellschaftskritische Kurzgeschichtenwelt, Del Vede in seine romantische und aufregende Kärntner Märchenwelt.

http://www.buch13.at/termine/

BERND SIBITZ

Ein scharfer Blick aufs Wesentliche charakterisiert seine pointierten Kurzgeschichten, im Mittelpunkt steht das Bürgertum, gesellschaftliche Themen , die kritisch beleuchtet werden. Geschichten wie über „A schöne Kur“ oder das Sinnieren über das Schwimmen („Bernd´s Sternstunden beim Schwimmen“) sind klassische Ingredienzien, die das Leben eines Bankers ausmachen. Aber auch „Wenn Reiche immer reicher werden“, „Italiens akademisches Proletariat“ und „Unser Bibione“ sind Themen, mit denen sich Bernd Sibitz literarisch auseinandergesetzt hat.

Dr. Bernd Sibitz wurde 1944 in Pernitz in Niederösterreich geboren und kam im zarten Alter von 14 Tagen nach Klagenfurt, wo er bis zum 21. Lebensjahr aufgewachsen ist.
Nach der HAK (Handelsakademie) arbeitete er bei der Kärntner Sparkasse, dabei „stolpert man über die Bürgerlichkeit“, erklärt Sibitz mit einem Augenzwinkern. In Wien studierte er Welthandel an der WU. Eine Zeit lang konnte er auch in Bologna an der John Hopkins Universität verbringen. Als PR-Profi wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Seine literarischen Texte erschienen ua. in der Literaturzeitschrift WESPENNEST, Fernsehspiele wurden im ORF und ein Beitrag bei den Wiener Festwochen aufgeführt („Turkey“/ Ensembletheater Wien). Seit fünf Jahren ist Bernd Sibitz wieder zurück in Klagenfurt und beschäftigt sich mit Literatur.
Zu seinem 70. Geburtstag ist 2014 ein Buch mit gesammelten Werken erschienen, eine etwas andere Biografie mit dem Titel: „Panik in St. Ruprecht und anderswo. Beobachtetes, Erlebtes, Beschriebenes von Bernd Sibitz“, Heyn Verlag Klagenfurt 2014,

Sein Freund und Klassenkamerad aus der HAK Klagenfurt, Peter Turrini, hat ihm die Beschäftigung mit der Literatur empfohlen und ihm Folgendes ans Herz gelegt:

„Ich habe vor einigen Jahrzehnten Deine literarische Arbeit kennengelernt und Dich damals ermuntert, weiterzumachen. Ich kann diese Ermunterung heute nur wiederholen, auch wenn wir beide uns inzwischen im Pensionsalter befinden. Für die Literatur gilt kein Alter, sondern nur die Bereitschaft, sich anzustrengen, ja zu quälen“ (Peter Turrini).

Sibitz sagt im Vorwort seines Buches: “Literatur ist ein ständiger Begleiter und eine Kraft, die Mut macht, stolz zu sein auf das, was man schon alles erreicht, überstanden, durchgemacht hat. Sie verlangt nach mehr, nach neuen Taten, Worten, Eindrücken nach NAHRUNG, nach zu Wort gebrachten neuen Erlebnissen.“

http://pingeb.org/82-bernd-sibitz-panik-in-st-ruprecht-und-anderswo/

Aus seinem Buch las er den Beitrag:
SPORT REGIERT DIE WELT von Bernd Sibitz

Früher hieß es GELD REGIERT DIE WELT. Diese alte Binsenweisheit verliert zunehmend an Bedeutung und ist auf dem besten Wege, ganz in Vergessenheit zu geraten.
Sport regiert die Welt! Ja, da stecken Dynamik, Energie und Lebensfreude drin! Ich meine hier nicht die täglichen Sportübertragungen in öffentlichen und privaten Fernseh- und Radioanstalten, sondern das immer stärker werdende, den Alltag unterwandernde Phänomen: BEWEGUNG HEISST LEBEN, wirbt ein Fitnesscenter: MEHR BEWEGUNG HEISST GESUNDES LEBEN, propagiert eine Vital-Lebensmittellinie, und ich sage: SICH SCHNELL BEWEGEN HEISST TURBO-MEGA-GEILES LEBEN!
Sie müssen sich morgens nur in einer U-Bahnstation gegen den Strom der sich bewegenden Menschenmassen bewegen, und schon spüren Sie geballte sportliche Energie. Jeder ist von seinem privaten Personal-Trainer (ob live aus dem Fitnesscenter kommend, auf DVD oder via Radio oder TV, ganz egal) optimal auf den Gegner, Mitspieler, Kontrahenten – kurz: jene Person, die gerade im Weg steht – eingestellt. Hoch motiviert wird hier um jeden Zentimeter gekämpft (gedribbelt), freie Räume genützt („das Spiel gelesen“), die Pässe kommen natürlich an, soll heißen hier geht es um Zeitgutschriften, Straßenbahn-, U-Bahnverbindungen, die noch erreicht werden wollen – Coffee to go wird noch ergattert und das Briochekipferl (mit oder ohne Marmelade) ist endlich an der Reihe eingepackt zu werden (den Verkäuferinnen sollte man wieder Kopfrechnen beibringen), zum Wechselgeld nachzählen hat man keine Zeit mehr.

Die Industrie hat die Zeichen der Zeit natürlich längst erkannt und dementsprechend reagiert: Nicht mehr der Business-Look-Anzug, das weiße Hemd, Manschettenknöpfe, Krawatte und handgenähte Maßschuhe trägt der Mann von Welt/ die Frau mit Karriere, sondern sportliches Outfit ist in …….

(aus: Panik in St. Ruprecht und anderswo. Beobachtetes, Erlebtes, Beschriebenes von Bernd Sibitz, Heyn Verlag Klagenfurt 2014, Seite 186)

DEL VEDE

Er führt seinen Geburtsnamen VEDERNJAK auf einen Bewohner der „Bezirkshauptmannschaft“ VIRUNUM, den etruskischen Eingeweidebeschauer AVLE (latinisiert AULUS) VEDERNA zurück. In den 70ern und 80ern organisierte er mit wenigen Mitstreitern einen literarischen Aufbruch in Kärnten mit der Förderung von schreibenden Schülern wie Alfred Goubran, Janko Ferk, Maja Haderlap, Fabjan Hafner, der Mitarbeit von Autoren wie Ernst Alexander Rauter, Valentin Polansek, Florjan Lipuš, Erich Fried, Elfriede Jelinek, Alfred Kolleritsch, Wolfgang Bauer, Kurt Falk). Zum Start gründete er den Kulturstammtisch beim Scanzoni, der sich an Humbert Fink und den Kärntner Literaturverhältnissen rieb, brachte bei Mladje den Lyrikband „Meine Beschäftigung mit dem weichen Kärntner Unterleib“ heraus.

Er musste als Verfemter den Start des legendären Literaturkaffees mit der Österreichischen Hochschülerschaft, dem Herausgeber der UNKE Josef K. Uhl und Peter Rauter breit aufstellen, was ein Glück war und zu großer Lebendigkeit führte. Beinahe plötzlich gab es in Kärnten 13 literarische Zeitschriften, Literatursymposien und herzhaften literarischen Aktivismus der damals jungen Autoren. Die Rettung der Stadtimmobilie Reitschulgasse 4 (dem späteren Europahaus) vor dem Abriss, die zu einer Klagenfurter Variante des Forum Stadtpark in Graz führen sollte, hatte die Stilllegung des Literaturkaffees als Voraussetzung, begann er mit den Mitstreitern Peter Rauter und Hans Triebnig, dauerte 9 Monate und war die größte Kärntner Hausbesetzung (60 Aktivisten, darunter Gert Jonke und Peter Turrini) vom 23. Juni 1979 bis zum 21. März 1980. Aus den 60 von ihm organisierten Veranstaltungen am Lagerfeuer, dem „Vorfrühling“, formte er als Geschäftsführer das „festival der österreichischen Literatur – kärntner frühling/ koroska vigred“, dem die Literaturwissenschaft (Klaus Amann u.a.) Gleichrangigkeit mit dem Bachmann-Bewerb zuschrieb. Partnerschaftliche Auftritte von Größen und unbekannten Talenten, Projektförderungen statt Preisgerangel. Legendär wurden Auftritte etwa von Elfriede Jelinek, die ihr Honorar für Talente weitergab und 1984 vom Magistrat konfiszierte Plakatständer wie alle anderen Teilnehmer als Demo zum Neuen Platz trug. Für die IG Autoren/Innen redigierte Del Vede eine Literaturbeilage für Kärntner Autoren in der Kärntner Landeszeitung. Aus dem Literaturkaffee wurde ein Institut zur Förderung von Literatur und Kommunikation. In „Die Brücke“, „Salz“, „Sterz“, „Die Unke“, „Mladje“, u.a. publizierte er Prosa und Lyrik. Ihm wurde der Theodor-Körner-Förderpreis, das Österreichische Staatsstipendium für Literatur, ein Fernsehspielpreis u.a. Auszeichnungen zugesprochen.

Nach journalistischer Tätigkeit in der KTZ und in der VZ trat Del Vede als Märchenerzähler auf und erfand und leitete neben Aufführungen in vielen Schulen große Aktionen wie den Zauberwald am Rauschelesee, den „Klagenfurter Sagenzauber“ im Auftrag des Stadtmarketings oder Stückaufführungen der Pegasusreiter in der Klagenfurter Messehalle (2500 Zuschauer) und in der Steiermark. . .


DIE GROSSE SCHLANGE
Auszug aus einem Kapitel einer Saga von Del Vede

„Was läuft bei dir“ fragt Justinian, der zur Zeit nicht Nek genannt werden will. Er nimmt Anlauf und springt im fahlen Licht unterhalb von Mlince über den Mühlbach auf mich zu. Im Flug in den Pedalen stehend streckt er eine Hand weit aus und sieht mit blitzenden Zähnen an sich herab. Erst als er mit dem Fahrrad krachend aufsetzt, hält er die Lenkstange mit beiden Fäusten fest.
„Gut, oder? Ich bin auf dem Rad der Beste von uns und am Ball auch. Und ich bin immer noch der Beste und der Schönste in unserer Klasse. Er schrammt dicht an mir vorbei, um mich rückwärts zu zwingen, ich gebe nicht nach. Er erwischt mich am Oberarm, dass es uns beinahe beide umwirft. Mich durch-zuckt ein Brennen. Ihm verreißt es das Lenkrad. Er drückt es gerade noch zurecht.
„Und stärker als Du bin ich auch. Er schaut verlegen an mir vorbei. Und dann lacht er. Ich auch. Mit diesem Grinsen kriegt er jeden wohin er will. Er weiß das.
„Doch du bist mein Freund, Kleiner. Vergessen?“
„Und ich bin der Anführer. Vergessen?“
„Ich bin von Zuhause weg, das kennt man ja. Aber du auch. Was läuft bei dir schief? Hast du was zu futtern mit?“
Justinian greift nach meiner Jause. „Du glaubst es nicht, wenn ich an Abenden wie heute zuhause bleibe, kenne ich mich selbst nicht mehr. Ich kann keinen Gedanken festhalten. Aus jedem wird eine Bewegung, ein Schlag mit meinen Krallen, obwohl die noch nicht zu sehen sind, ein Zubeißen. Etwas geschieht mit mir. Die anderen dürften mich so nicht sehen. Also haue ich mich gerade noch rechtzeitig über die Häuser. Mein Kopf dehnt sich und schwillt an. Mein ganzer Körper streckt sich. Das tut weh, sag ich dir. Gleich schaue ich, der Schönste in der Klasse, zum Fürchten aus. Ich kann mich nicht aufrecht halten und falle auf alle Viere. Mühselig lerne ich dahin zu kriechen. Ich stinke wie ein Furz und bekomme keine Türe auf und all das. Ich muss alles niederreißen. Das mag der neue Freund meiner Mutter aber gar nicht, obwohl er ganz nett sein kann. Ich bin etwas anderes, etwas, wovor ich mich selbst fürchte. Ich muss mich verstecken, verkriechen und verhungern oder nachts mit knurrendem Magen durch unsere Glina schwimmen und nach lebenden Fröschen, Fischen und sowas schnappen und fressen. Stell dir vor, ich, der beste Sportler, muss mit diesem Körper das Schwimmen und Zuschnappen üben. Ich bin so unbeholfen, dass ich fast nichts erwische…..

(© Del Vede 2016)

Alle Fotos © BUCH13 I Eschenauer

http://www.verlagheyn.at

Ich danke Bernd Sibitz für das Rezensionsexemlar seiner Biografie
„Panik in St. Ruprecht und anderswo“
Verlag Heyn Klagenfurt 2014
ISBN 978-3-7084-0543-8
208 Seiten

Ich danke ebenso dem Märchenerzähler Del Vede für die Erlaubnis einen Auszug aus seiner bisher unveröffentlichten Saga zu veröffentlichen.

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Blog-Pörtschach-Schreiberlinge

„Leih mir dein Ohr!“ – Veranstaltung MKT und Freunde lesen am Wörthersee

SOMMER UND ANDERE GEFÜHLE war das Motto der Veranstaltung Marlies Karner-Taxer und Freunde lesen Anfang Juni im Strandcasino Werzer am Wörthersee. Fünf Frauen dieser Literatur-Arbeitsgruppe, die sich unter der Leitung von Marlies Karner-Taxer zu einer Frühsommer-Lesung zusammengefunden hatten, gaben in ihr literarisches Schaffen Einblick. Im Mittelpunkt stand der Sommer, der Bogen spannte sich von Lyrik bis zur Prosa, von Gedichten zu Kurzgeschichten, Momentaufnahmen und Naturimpressionen. Innere Befindlichkeiten und äußere Eindrücke wurden von den Autorinnen verarbeitet und in einer literarischen Form dem Publikum zugänglich gemacht. Es stecken sehr viele tiefe Empfindungen und Lebenserfahrung in den Werken, die zum Großteil noch unveröffentlicht sind.

Helga DREXLER

Sie steht mit beiden Beinen mitten im Leben, verwurzelt durch ihre Beschäftigung in der Erwachsenenbildung, die auch ihre Berufung ist.
Das Spiel mit Worten, der achtsame Umgang mit der Sprache, die unerschöpfliche Möglichkeit, Gedankenspinnereien, die Phantasiereisen ihrer Seele mit anderen zu teilen, fasziniert und inspiriert sie seit ihrer Jugend. In emotionalen Ausnahmesituationen ist das Schreiben ihr Ventil, ihr Befreiungsschrei und gleichermaßen ihre Kraftquelle, ihre Rüstung.

Textprobe
„Leih mir dein Ohr, folge mir, lass dich entführen; verzaubern von Buchstaben, die noch in der Luft hängen, den sprunghaften Gedanken ein Bild zu geben versuchen, sich in Silben finden, auflösen, zu Worten formatieren um tänzelnde Ideen in schwingende Sätze und mitreißende Melodien zu verwandeln.
Betrachte meine Bilder und lass dich durch die Magie der Worte in dein ganz persönliches Erleben, deine Zauberwelt entführen.“ (© Helga Drexler)

Gertraud HOLZFEIND

Schon als Kind hat sie alles verschlungen, was ihr an Lesestoff unterkam: Von Reader’s Digest über Karl May, von Shakespeare bis Raimund. Mit 15 entdeckte sie Hermann Hesse, Thomas Mann und Bert Brecht – sie waren eine Offenbarung.
Ihre ersten Gedichte schrieb sie an ihre erste große Liebe, fein säuberlich getippt und gebunden. Vor wenigen Jahren erfuhr sie, dass er sie immer noch hat.
Regelmäßig zu schreiben begann sie erst vor einigen Jahren, seit neben dem Beruf nicht mehr Familie und Haushalt ihr Leben bestimmen, sondern ihre Freizeit wieder zunehmend ihr gehört.

Textprobe
„Es ist ein verstörendes Gefühl, das ihr Leben beherrscht. Es stammt aus einer Zeit vor ihrer Erinnerung, bevor ihr Verstand beginnen konnte, Dingen und Ereignissen im Erinnern nach und nach ihre Schärfe zu nehmen. Sie steht in ihrem Gitterbett mit zur Tür gestreckten Armen und schluchzt und ruft nach ihrer Mutter, der Allmächtigen. Sie weiß nicht, was sie falsch gemacht hat und will nur eines, dass die Mutter wieder gut ist. Aber die ist unerreichbar und die Ohnmacht hat Zeit, sich in ihr auszubreiten und eine tiefe Spur zu hinterlassen. Dass die Mutter irgendwann wieder das Zimmer betritt und ihr Mädchen, das jetzt brav sein will, in die Arme nimmt, ist schon nicht mehr wichtig. Die Verwandlung hat stattgefunden.“
(Auszug aus einer gerade entstehenden Erzählung) (© Gertraud Holzfeind)

Marlies KARNER-TAXER

Bereits in jungen Jahren hat es ihr unglaublich viel Spaß gemacht, ihre Geschichten zu Papier zu bringen. Zehn Jahre lang war das Schreiben journalistisch zu ihrem Brotberuf geworden, erst 2013 hatte sie begonnen, literarisch zu schreiben.
Kurzgeschichten, Lyrik und der Text für ein Kärntner Begräbnislied (vertont von Sabine Krammer) sind inzwischen entstanden, die sie immer wieder gerne bei Lesungen vorträgt.

Textprobe
„Stille umfängt mich. Ruhe breitet sich aus in meinem Herz.
Die Spiegelung der Sonne im Wasser erhellt noch ein wenig den nahenden Abend. Ich lächle.
Am Ufer taucht die große Trauerweide ihre Finger in den See, grad so, als wollte sie die Sonne noch eine kleine Weile aufhalten.
Wohltuende Ruhe umfängt mich. Ich atme tief ein. Und aus …“ (© Marlies Karner –Taxer)
Sie las ihre Texte zu Landschafts- und Naturfotografien von den Fotografen Pleschberger und Taxer.

Anneliese MERKAČ-HAUSER

Geboren und aufgewachsen in Wels (OÖ), Studium der Musikpädagogik und Germanistik in Salzburg. Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Gymnasien und Musikschulen in Salzburg und seit 1982 in Klagenfurt/Viktring (Instrumentalmusik Klavier).
Ab 1993 Beginn des lyrischen Schreibens im Autorinnenverein „scribaria“.
2011 Herausgabe des Buches „Samt und Leinen“ im Fran Verlag. Veröffentlichungen in den jährlichen Anthologien von „scribaria“.

Die Autorin wünscht keine Textprobe weiter zu geben …

Karin PRUCHA

Die Autorin mit slowenischen, tschechischen und rumänischen Wurzeln ist vielseitig begabt. Neben Coaching, Moderation, unternehmerischem, politischem und journalistischem Engagement sind ihr auch der Flamenco-Tanz und die Energetik wichtig.
Der Bruch der Ehe führte 2009 zur intensiven Wiederbeschäftigung mit ihrer literarischen und künstlerischen Arbeit.
Die erste Gemeinschaftslesung war am 12.12.12 im Klagenfurter Musilhaus, veranstaltet von der Grazer AutorInnenversammlung (GAV) und der IG AutorInnen. Die erste Einzellesung erfolgte 2014 auf Einladung der Klagenfurter Gruppe. Seither nahm sie an vielen weiteren Lesungen teil und arbeitet kontinuierlich an Lyrik, Kurzgeschichten und einem Roman.

Textprobe
„Es war einmal ein kleines Mädchen, das tanzte so gern. Stundenlang übte es vor dem Spiegel, Drehungen, Armbewegungen, schnelle Schritte, tiefe Blicke, und wurde nicht müde. Die Mutter sah gern zu, sie freute sich. Der Vater schlug zu, wenn sie zu euphorisch wurde. Als das Mädchen laufen lernte, lernte sie auch das Davonlaufen. Sie lief in den Spiegel und versank in ihren eigenen Räumen. Wenn draußen der Krieg tobte um ihren Körper, saß ihre Seele geschützt zwischen den Wänden und tanzte. Ihre Bewegungen wurden immer geschmeidiger, und ihre Blicke immer stolzer. Sie drehte sich in ihrem Reich und ihr Körper wuchs mit ihren Wünschen.“ Aus: „Die Parabel vom kleinen Mädchen und den Zwischenwänden der Seele“ (© Karin Prucha)

Mit viel Einfühlungsvermögen und Hingabe umrahmten Jasmin DANIEL und Leonie FUGGER auf ihren Harfen die Texte und entführten die Zuhörer in eine Zauberwelt.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären“ – DER TROST DES NACHTHIMMELS – Dževad Karahasans Roman als dreiteiliges Erzähl-Epos

Der neueste Roman des bosnischen Schriftstellers Dzevad Karahasan mit dem Titel DER TROST DES NACHTHIMMELS (erschienen im Suhrkamp Verlag Berlin 2016) spielt im alten Persien in Stadt Isfahan im 11. Jahrhundert. Im Mittelpunkt dieses Epos steht der Hofastronom Omar Chayyan, eine historische Persönlichkeit (1048–1131) zu Diensten des Sultans am Hof von Isfahan.
Deswegen ist der Roman aber noch lange kein historischer im herkömmlichen Sinne, aber auch keine Biografie des Hofastronomen. Der Roman geht darüber hinaus, sprengt die üblichen Grenzen, erweitert sich zu einem literarischen Universum.

Mit diesen Sätzen beginnt Dževad Karahasan seine Romantrilogie:
„Es gibt Tage, die besser nicht angebrochen wären. Aber wenn sie schon anbrechen müssen, wenn der Anbruch eines jeden Tages unabwendbar ist, müsste es eine Möglichkeit geben, den Tag, den man ganz gewiss nicht braucht, zu meiden, etwa indem man gar nicht erst aufwacht oder ihm sonstwie fernbleibt…“ (S 9).

Zehn Jahre hat der Schriftsteller an diesem Werk gearbeitet und unglaublich viele Detailszenen zu einem epischen Ganzen verwoben. Chayyan, als zentrale Figur und roter Faden, der sich durch die drei Teile des Romans hindurchzieht, ist Poet und Astronom und ein hoch angesehener Mann, ein HAKIM, ein Gelehrter, ein Mensch, der in vielen Gebieten bewandert ist wie das umfangreiche und sehr aufschlussreiche Glossar den Leser belehrt und sein Wissen über das alte Persien erweitert.

Karahasan ist ein Meister der Erzählkunst und knüpft viele Handlungsfäden zusammen zu einem Gesamtwerk. Im Teil I des vielschichtigen Romans DER SAMEN DES TODES wird Omar Chayyan mit dem Giftmord am Vater seines besten Freundes konfrontiert. Der Harem, die Konstruktion dieses Haushalts, die Traditionen, alles verdichtet sich in diesem Familiendrama, in das Omar hineinstößt und nachgräbt – und auch die Lösung findet, die ihm gar nicht lieb ist und ihn letztendlich belastet. Der Roman beginnt also wie ein Krimi, das allein wäre aber zu wenig, um das Werk zu charakterisieren. Omar Chayyam hatte am Hof des Sultans unter der Obhut des gelehrten Wesirs Nizam al-Mulk die Aufgabe ein Observatorium einzurichten und den Kalender zu reformieren. Der Nachthimmel begleitet die Hauptfigur daher ein Leben lang:

„…nachts beobachteten sie gemeinsam den Himmel. Aber es gab nicht mehr das, was er, Chayyam den Trost des Nachthimmels genannt hatte. Wenn du den Nachthimmel lange genug beobachtest, begreifst du, dass jeder Stern allein und unendlich weit vom nächsten entfernt ist, aber dass sie alle einem Gesetz unterliegen und dass dieses Gesetz ihre Einsamkeit aufhebt. Es verbindet, stellt Beziehungen zwischen ihnen her, es beginnt ein Gespräch unter ihnen, selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. So muss es auch mit den Menschen sein, hatten er und Musaffer philosophiert. Wir sind tatsächlich allein und jeder für sich, aber wir wissen, dass es ein Gesetz gibt, das uns verbindet, weil wir ihm alle unterliegen.“ (S 155)

Im zweiten Teil DER DUFT DER ANGST wird dem Leser ein ganzes, orientalisches Universum erschlossen mit wunderbaren Detailschilderungen, aber auch furchtbaren Grausamkeiten bis ins Detail beschrieben, die politische Dimension des 11. Jahrhunderts in Persien rückt ins Bild: Die Karmaten, eine radikalisierte Volksgruppe, die das Seldschukenreich bedrohen, stellen den Anfang des Zerfalls dar, falsche Ratgeber, Intriganten, Krieg und Folter. Der Sultan lehnt die Gründung eines Nachrichtendienstes zur Bekämpfung innerer und äußerer Feinde ab – ein folgenschwerer Fehler für das angreifbar gewordene Reich. Es kommt zu Ermordungen, Säuberungen, mysteriösen Todesfällen. Eine Terrororganisation , angeführt von einem ehemaligen Freund Chayyams, trägt zum Verfall des Reiches bei und versetzt die Bevölkerung in Angst.

Der angesehene und einflussreiche Sufi Abu Said tritt als das „Gewissen“ seiner Zeit auf und gibt Einblicke in Glauben und Religion, den philosophischen Aspekt des Romans.
„… der Mensch wurde um des Gedächtnisses willen erschaffen, damit er das Gedächtnis der Welt sei, rief Abu Said nach einer längeren erwartungsvollen Pause triumphierend aus. Kein vernünftiger Mensch sollte sich beklagen, dass ihn der Fluss oder der Tisch nicht im Gedächtnis behalten haben, weil der Mensch da ist, um etwas im Gedächtnis zu behalten, nicht sie. Könnte ein Quittenbaum dieses Jahr Frucht bringen, wenn er die letztjährige im Gedächtnis hätte? Könnte er Blätter treiben, wenn er jedem Blatt vom letzten Jahr seinen Platz bewahren wollte?“ (S 363)

Im dritten Teil BEKENNTNISSE AUS DER ASCHE ist Omar ein alter Mann ohne Familie und trifft auf einen jungen Bosnier, Vukac, der ihm dient und ihn verehrt und Omars Lebensgeschichte aufschreibt – ihn bis zum letzten Atemzug liebevoll begleitet. Mit einem Bekenntnis von Vukac, der wieder in seine bosnische Heimat zurückkehrt, endet der Roman und mit einer Herausgeberfiktion über die im Jahr 1200 verfasste Handschrift über Chayyams Leben, die 1992 in der Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina in Sarajewo im Folge des Jugoslawienkrieges verbrannte.

Karahasan beschreibt in vielen Handlungssträngen vom Niedergang eines Staates, vom Aufkeimes des Fundamentalismus, vom Zerfall geordneter Strukturen und von der Wissenschaft im 11. Jahrhundert.
Die Darstellung der handelnden Personen ist eindrücklich und zeitlos, auch seine Hingabe an die (beinahe altpersische) Erzählkunst nimmt den Leser voll in Beschlag und macht das Erzählen zum wichtigsten Thema in diesem Roman. Der Zauber altorientalischer Märchen schwingt mit, Schönheit und Grausamkeit liegen eng beieinander.

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren ist ein grandioser Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuchs der Aussiedlung (1993) und seiner beiden Romane Schahrijârs Ring (1997) und Sara und Serafina (2000). Für den Essayband „Das Buch der Gärten“wurde er 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Karahasan lebt in Graz und Sarajevo.
Auf der Flucht vor dem Jugoslawienkrieg in Bosnien-Herzegowina kam Karahasan nach Kärnten, wo er auf den Theatermacher Herbert Gantschacher von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater traf.

http://www.suhrkamp.de/autoren/dzevad_karahasan_2324.html

Literatur.Report/Kärnten bat den Leiter von ARBOS, Regisseur und Intendant Herbert Gantschacher, um die Wiedergabe seiner Erlebnisse und seiner Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Karahasan, der auch für Kärnten durch seine nachhaltige literarische Tätigkeit als Dramaturg und Dramatiker besondere Bedeutung bekommen hat:

Gantschacher schreibt: „Als ich 1993 die Inszenierung der Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ von Viktor Ullmann in der Originalfassung des Komponisten als Österreichische Erstaufführung vorbereitete, tobte in Bosnien-Herzegowina der Krieg. Um des Überlebens willen fasste der damalige Dekan der Akademie der Szenischen Künste in Sarajevo und Dichter Dževad Karahasan den Entschluss, aus Sarajevo zu fliehen. In Klagenfurt angekommen traf ich ihn vor Probenbeginn zu Ullmanns Oper, damals sah ich zum ersten Mal Menschen auf der Flucht, der mit nichts als seiner Feder in der Tasche den Gräueln des Krieges entkommen ist. Karahasan ist seit damals Dramaturg und Dramatiker für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater. Karahasan und ich entwickelten jenes Spielkonzept für Ullmanns Oper, die dann von 1993 bis 2001 in Österreich, Tschechien, Schweden, Deutschland, Kanada und den USA gespielt worden ist. Dabei kam es zu mehreren denkwürdigen und geschichtsträchtigen Erstaufführungen, 1993 in Prag im Národní Památník unter Anwesenheit des ersten Tod-Darstellers aus Theresienstadt, Karel Berman. Die Inszenierung wurde 1993 Musiktheateraufführung des Jahres in der Tschechischen Republik. Am 23.Mai 1995 ist Theresienstadt 51 Jahre nach der Generalprobe erstmals die Ullmanns Oper am Ort der Fertigstellung von Libretto und Musik durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater gespielt worden. In weiterer Folge kam es zu Erstaufführungen von Ullmanns Oper in der Originalfassung des Komponisten in Schweden (Kulturhuset in Stockholm), in Kanada (National Arts Centre in Ottawa) und in den USA (United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C.). Die Ullmann-Rezeption und Wiederentdeckung der Originalfassung der Oper Ullmanns aus Theresienstadt ist weltweit auch der Tatsache geschuldet, dass ich gemeinsam mit Karahasan dieses Spielkonzept entwickelt habe, das dem Werk Ullmanns seinen Respekt zollt.
2014 kam es zur Neuinszenierung von Ullmanns Oper „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ als Puppentheater wiederum mit Karahasan als Dramaturgen und der Weiterentwicklung des szenischen Konzeptes. Diese Inszenierung ist nun Teil des Viktor Ullmann Projektes geworden, das in Kombination von Ausstellung und Vorstellung 2015 im Clam-Gallas Palais des Prager Stadtarchivs wiederum international Kärnten kulturell Bedeutung verschafft. Die Inszenierungen der Ullmannschen Musiktheaterwerke aus Theresienstadt, nämlich „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ und „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ durch ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater sind Kärntens bedeutendste internationale künstlerische Präsenz geworden, die nun bis Australien führen, denn das Radio der Australian Broadcasting Company hat Ullmanns Oper in der Aufnahme von ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater australienweit einem breiteren Publikum bekannt gemacht.
Karahasan ist somit Teil des bedeutendsten künstlerischen Projektes aus Kärnten, das nun seit Jahrzehnten weltweit für Kärnten für Aufsehen und Ansehen sorgt.
Als Dramaturg hat Karahasan seit 1993 an folgenden Produktionen gearbeitet:
Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ 1993
Herbert Lauermann „Das Ehepaar“ 1995/Viktor Ullmann „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ 1996/Viktor Ullmann „Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung“ Inszenierung für Puppentheater 2014-2019
Als Autor hat Karahasan für ARBOS – Gesellschaft folgende Stücke geschrieben, die auch uraufgeführt worden sind:
„Al-Mukaffa“ 1994 /„Der Gesang der Narren von Europa“ 1994/„Der entrückte Engel“ 1995 (auch als Hörspiel für das Radioprogramm Ö 1)/„Das Konzert der Vögel“ 1997/„Babylon oder Die Reise der schönen Jutte“ 1999/„Die Fremden“ 2001/„UROBOS: Project Time“ 2001/„Schnee und Tod“ 2002/„Am Rande der Wüste“ 2003/„Eine alte orientalische Fabel“ 2004/„Die einen und die anderen“ 2005/„Gastmahl“ 2005/„Die Landkarten der Schatten“ 2011/„Prinzip Gabriel“ 2014/ Dazu kommen noch zwei Klassikerbearbeitungen durch Karahasan für ARBOS – Gesellschaft für Musik und Theater: „Der Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin 2005/ „Woyzeck“ von Georg Büchner 2007 (©Herbert Gantschacher 2016)
http://www.arbos.at/web_tv/kategorie_1.html

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Dževad Karahasan
Der Trost des Nachthimmels
Roman
Aus dem Bosnischen von
Katharina Wolf-Grießhaber
Gebunden,
724 Seiten
Suhrkamp-Verlag Berlin
ISBN 978-3-518-42531-2
€ 27,70
http://www.suhrkamp.de/buecher/der_trost_des_nachthimmels-dzevad_karahasan_42531.html

http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518425312.pdf


Ich danke Herbert Gantschacher für die Verfassung und Genehmigung zur Veröffentlichung seines Textes zur Tätigkeit und Bedeutung Dževad Karahasan als Dramatiker und Autor in Kärnten.

Ich danke dem Suhrkamp Insel Verlag für das Rezensionsexemplar.

Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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Von der Poetik des Mäanders – Laudatio zum Humbert-Fink-Preis 2016 an Engelbert Obernosterer von Katharina Herzmansky

„Eine charakteristische Linie in meinem Lebenslauf sehe ich darin, dass es mich, den Bauernbuben, kaum dass ich mich umschauen konnte, aus den Geleisen des Bäuerlichen gekippt hat. Ernstlich gewillt, das Beste aus dem minderen Ausgangsmaterial zu machen, strebte ich sogar den Priesterberuf an. Zu meiner eigenen Überraschung aber geriet ich so gründlich vom dorthin führenden Weg ab, dass ich mir den Hochwürden in die Haare schmieren konnte und mich mit einer kleinen Richtungsänderung ins pädagogische Metier hinein rettete. Leider habe ich auch als Pädagoge nie ganz begriffen, was eines Pädagogen ist. Immerzu ritt mich der Teufel: einmal links weg, einmal im gestreckten Galopp auf einen Abgrund zu, am öftesten aber hinaus ins unerkundete Gelände der Literatur.“

Schöner und treffender kann man Engelbert Obernosterers Lebensverlauf, der auch mit seinem literarischen Streben und Drängen, mit der Poetik seiner Texte in eins fällt, nicht darstellen. Die Stelle stammt aus der bislang jüngsten Publikation des Autors, aus dem im Vorjahr erschienenen Buch Der Kampf mit dem Engel.

Es ist keine so leichte Aufgabe, über jemanden zu sprechen, der selbst wenige Worte braucht, um viel zu sagen. Und es ist ein sinnwidriges Unterfangen, das Werk eines Autors zu schematisieren und zu systematisieren, dem es gerade darum geht, das Gesehene, Erschaute, Erlebte, das Geschriebene eben nicht in ein regulierendes Korsett oder Raster zu zwängen, sondern die Dinge sich frei entwickeln zu lassen. Engelbert Obernosterer weiter im Kampf mit dem Engel:

„Nun, da ich mich ihr [der Literatur] in aller Ruhe widmen kann, ergeht es mir beim Versuch, etwas geradlinig zu erzählen, ähnlich: Was in mir vorgeht, drängt mich vom geplanten Verlauf ab, hinaus gegen das Formlose, so dass, was ich erzählen wollte, ein von den Mächten des Zufalls bestimmtes Mäandern wird, das an den Verlauf des das Tal durchziehenden Flusses erinnert, bevor er reguliert worden ist.“

Daran möchte ich denken, geschätzte Damen und Herren, lieber Engelbert, wenn ich im Folgenden versuche, meinen Gedanken über Engelbert Obernosterer und seine literarische Welt möglichst freien Lauf zu lassen und dabei doch auf meiner Ansicht nach Wesentliches seiner Textwelt zu sprechen zu kommen.

Standort

Charakteristisch für viele der Werke Engelbert Obernosterers ist eine Bestimmung des eigenen Standorts, der Position des Erzähler-Ichs und der sich daraus ergebenden Perspektive. Das ist oft ein Blick aus dem Fenster, auf das Nachbarhaus oder die Einfahrt zum Nachbarhaus beispielsweise, auf einen Berghang, auf den Schreib- oder Küchentisch und das ist immer wieder auch ein Blick in den Spiegel.

Es handelt sich dabei zuallererst um ein Sich-in-Beziehung-Setzten zur Welt, zu einem Gegenüber, um ein Verorten der eigenen Person aus einem Zustand der Unsicherheit bzw. des Undefinierten, Diffusen auch Formlosen heraus, etwa wie aus dem Schlaf, wenn das Auge sich erst einstellen und die Dinge fokussieren muss, wenn sich sowohl der eigene Mensch erst wieder zusammensetzen und Gestalt annehmen als auch die oft noch als schummrig oder flimmernd erscheinende Umwelt wieder in eine Form bringen muss.

Es sind wunderbare Textstellen, die Engelbert Obernoster in diesem Zusammenhang geschaffen hat, und es wäre vergnüglich und lohnenswert, sie einmal nacheinander aufzufädeln und zu lesen: wie noch nicht geputzte Brillen den Erzähler „mit den Vorgängen einer ländlichen Ortschaft verschmieren“, wie es in Grün heißt, wie eine „Herde von Häusern“ in „einem flimmernden Grau verschummert“ und zuletzt „mitsamt seinen Eigenbrötlern und Wichtigtuereien im blauen Dunst aufgeht“ (Das grüne Brett vor meinem Kopf), wie die „Lichtkeile“ eines Berghang sich im Auge des Betrachters „zu einem Bild beruhigen“ (Ortsbestimmung) oder wie, zuletzt in Der Kampf mit dem Engel, die Verrichtungen einer Frühstückszeremonie eine Rekonstruktion und Vergewisserung der eigenen Person, letztlich einen Begriff vom neuen Tag und vom Dasein bedeuten.

Was da – wie überhaupt alles bei Engelbert Obernosterer – scheinbar so beiläufig daherkommt, so alltäglich wie der morgendliche Kaffee und die Zeitung, ist im Grunde immer auch aufs höchste philosophisch. Nichts weniger als Fragen der Beziehung zwischen Ich und Welt, von Wahrnehmbarkeit und Mitteilbarkeit der Wirklichkeit, Ordnung und Unordnung, Form und ihrer Auflösung, letztlich auch nichts weniger als der Vorgang des Schöpferischen, des Form-Gebens durch die Sprache, aber auch der Vorgang des Deformiert-Werdens, der verletzenden und verstümmelnden Schubladisierung der Dinge durch das Benennen und die Begriffe, wird hier auf äußerst sympathische, nonchalante und ironisch-witzige Form verhandelt. – Wobei bei Obernosterer nicht klar auszumachen ist, ob am Anfang das Wort oder das Bild steht; vieles spricht für einen visuellen Zugang, für das Bild, das zur Sprache wird, einiges aber auch für das Wort, das aus einer diffusen Ursuppe heraus erst Bilder formen kann. Letztlich bleibt die Frage nach der Kommunizierbarkeit der Welt und ihrer Erscheinungen bei Engelbert Obernosterer in einer eigentümlichen Schwebe.

So wie sich Wort und Bild die Waage halten, bleiben Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung in einer nicht aufzulösenden schwebenden Beziehung. In seiner allerersten Buchveröffentlichung, Ortsbestimmung aus dem Jahr 1975, in der Autor die Verortung, die Bestimmung des Verhältnisses von Erzähler und seinem Erzählgegenstand zum übergeordneten Thema macht, heißt es:

„Es ist einmal ein Dorf. Etwas abseits von Ort und Zeit liegt es in der Ebene, die ich mein Niveau nennen möchte. Etwas ragt darüber hinaus. Der Kirchturm ists, wenn ich genauer hinsehe. Wegwärts ragt er, um mit seiner Spitze doch wieder auf mich herüber zu deuten.“

Der klassische Obernosterer ist von Anfang an da; erlauben Sie mir hier ein paar Abschweifungen, ein paar Abstecher ins Textgelände. Am Beginn steht die Verfremdung eines Märchenanfangs: „Es war einmal ein Dorf.“ Das zentrale Sujet wird ausgestellt. Dem Raum-Zeit-Gefüge gleichermaßen enthoben, begibt sich ein Ich-Erzähler mit ihm auf ein Erzählniveau. Fast wie ein Maler oder ein Fotograf, der seine Staffelei bzw. sein Stativ aufstellt, nähert er sich an. Augenfällig ist denn auch die bildnerische, die grafisch-geometrische Herangehensweise. Mit wenigen Strichen wird auf eine Horizontale eine Vertikale, auf die Ebene ein Kirchturm gesetzt, werden verschiedene Punkte bezeichnet, die zu einem mehrdimensionalen Bezugsraum verbunden werden können. In dem von ihm errichteten Liniennetz bleibt der Erzähler mit einbezogen, manchmal auch verfangen, so sehr er auch versucht, Distanz zu halten. Wir haben es gehört, der Kirchturm ragt wegwärts und weist doch auf ihn zurück. Und weiter in der Ortsbestimmung:

„Von Spannungen verbogen und unruhig zeigt sich das Gelände, bis die ersten Worte gesetzt werden. Die Furchen auf den Äckern graben sich in meine Stirne, während ich über die selbstverständlichen Verrichtungen der Pflüger nachdenke. Ich bin mit meiner gefurchten Stirne ziemlich allein. Über das Pflügen an sich läßt sichs nicht nachdenken. Man kann allenfalls eine Zeitlang hinter einem Pfluge hertrotten, um schließlich doch gewahren zu müssen, daß man sich vom ersten der gesehenen Pflüge, dem einzig wahren Pflug, mit jedem Schritt weiter entfernt hat und jetzt auf einem fremden Acker steht.“

Augenfällig ist auch die Semiotisierung der Umgebung, der Zeichencharakter, den der Autor den Dingen verleiht. Die Oberfläche verweist auf Inneres verwiesen, die Struktur der Landschaft auf die Struktur des Gemüts. In einer kargen Welt, wo für Gefühle wenige bis keine Worte vorhanden sind, lässt Engelbert Obernosterer seit jeher die Dinge sprechen. Die Sprache als Mittel der Kommunikation ist in diesem Falle das, was den Erzähler von den anderen, was den Gedankenpflüger von den Pflügern der Äcker, trennt.

Das Gefühl, auf einem fremden Acker zu stehen, wird Engelbert Obernosterer nie verlassen. Es wird die Position eines außenstehenden Beobachters und damit auch den kritischen, scharfen und satirischen Blick, insbesondere auch auf die Schwächen und Missstände seiner Umgebung, ermöglichen. Es wird aber auch einen melancholischen Ton in sein vordergründig heiter-satirisches Erzählen bringen, spürbar als eine Verhaltenheit, als ein Zurücknehmen der eigenen Person, eigentlich die gesamte Schreibbiografie hindurch. In Mythos Lesachtal, 2005 und also 30 Jahre nach der Ortsbestimmung erschienen, ist zu lesen:

„Ein sehr beredter Berghang eigentlich, in den sich der Hof meiner Eltern eingenistet hat. Jedes Mal wenn ich ins Tal fahre, winkt er mir schon von weitem zu mit seinen Ackerstreifen und Wiesenfahnen. Ich möge mir für ihn Zeit nehmen, er hätte mir viel zu sagen, gestikuliert er mir aufgeregt entgegen. Aber wie viele Leute aus dem Tal, die etwas auf dem Herzen haben, letztlich nur steife Schultern bekommen und nichts herausbringen, bleibt auch das Gelände meiner Kindheit steif vor Sprachlosigkeit.“

Diesem Gefühl von der Distanz und Unerreichbarkeit verdanken wir letztlich die unaufhörliche Suche, die unablässige Annäherung an den Hang der Kindheit und damit das Schreiben, verdanken wir die Literatur des Engelbert Obernosterer, verdanken wir eine Darstellung eines Tales und seiner Menschen, die genau, liebevoll und kritisch zugleich ist, verdanken wir die schönsten, wahrhaftigsten, weil ungeschönten sprachlichen Bilder, die es über diese Welt gibt, über das Mähen beispielsweise, über die ländliche Arbeit, über das Kindsein am Land, über die Alten, über die Zeremonien, über Weltlichkeit und Geistlichkeit, über die Magie der früheren Zeit und über das Verlorengehen des Magischen, über die inneren und äußeren Veränderungen durch den Tourismus, durch den sogenannten Fortschritt, über das Häuselbauen, über das Eheleben, über den Schulbetrieb, den Literaturbetrieb, über das Wetter und seinen Einfluss auf die Menschen, über ihre Kleidung, über alles – nichts ist diesem Blick zu wenig, zu minder.

Es sind Weltenstücke des Alltäglichen, die diese Literatur ausmachen. Und damit kommen wir zur charakteristischen Erzählform des Engelbert Obernosterer, der Prosa-Miniatur. Die Fähigkeit, in reduzierten sprachlichen Bildern ganze Welten zu fassen, in Erzählkernen ganze Geschichten anzulegen, nicht im Gedicht, sondern in der Prosa wohlgemerkt, ist einzigartig in der österreichischen Gegenwartsliteratur, soweit ich sie überblicke. Engelbert Obernosterer entwickelt sie von Anfang an, bedingt, wie ausgeführt, durch den genauen Blick aufs Nahe- und Nächstliegende, bedingt durch das Ausschnitthafte dieses Blicks. Und er treibt diese Form auf die Spitze, treibt die Miniaturen in Richtung Auflösung. Dass alles Welt ist, nicht nur die Weite, das hat kein anderer so eindrücklich klar gemacht, und dass der Mythos im Alltäglichen und im Erzählen darüber begründet liegt, wohl außer Engelbert Obernosterer nur noch Roland Barthes.

Dynamik

Neben der Welthaltigkeit im Kleinen fasziniert eine weitere Eigenschaft der Texte Engelbert Obernosterers, die man ebenfalls gar nicht so leicht zu fassen kriegt. Es ist eine den Texten innewohnende Dynamik, eine dem Schreiben eigene Bewegung, ein Drängen, das immer auch über den Text bzw. die jeweilige Textstelle hinausweist. Wenn wir uns die eingangs zitierte Stelle, den komprimierten Lebenslauf, in Erinnerung rufen, und damit zum Anfang zurückkehren, so ist das pure erzählte Bewegung. Von Linien und Verläufen ist die Rede, von vorgegebenen Geleisen und Bahnen und von einem, der daraus kippt, vom Weg abkommt, und zwar weil ihn, wie er schreibt, der Teufel reitet oder Mächte des Zufalls bestimmen, der entweder weit über das Ziel hinausschießt oder kurz davor das Ruder herumreißt, auf einen Abgrund zusteuert oder ins offene, unerkundete Gelände (der Literatur) hinaus.

In so gut wie allen Texten Engelbert Obernosterers haben wir es mit einem Autor bzw. einem Erzähler zu tun, der, nachdem er sich einmal kurz verortet hat, auch schon wieder unterwegs ist, physisch und in Gedanken auf Erkundung, im umliegenden Gelände, und diese Bewegung auch zum Thema macht. Wenn man sich die umfriedeten Weltenstücke des Engelbert Obernosterer genauer ansieht, so sind sie auch nie geschlossen, meist führt ein Weg, eine Straße hinaus, aus der Einfahrt, vom Feld weg, aus dem Dorf, aus dem Tal hinaus. Auch das wäre eine wunderschöne Miniaturen-Kette, die Stellen über Fahrten ins oder aus dem Lesachtal hinaus aneinanderreiht! Zudem handelt es sich bei dem Textgelände Engelbert Obernosterers stets um zumindest doppelbödiges Terrain, und es scheint, als sei darin eine Art innere Tektonik wirksam, die den, der dieses Terrain betritt, wenn schon nicht aus der Bahn wirft, so zumindest kurz stolpern oder innehalten lässt. „Meinem Wesen entspricht eher das Zweirad“, so Engelbert Obernosterer in Das grüne Brett vor meinem Kopf. „Was mehr als zwei Räder hat, scheint mir auch, was mehr als zwei Beine hat, zu sehr dem Boden verhaftet. Am Zweirad fasziniert mich, dass es den Boden lediglich an zwei Punkten berührt, zwei möglichst kleinen Punkten, und das nur, um sich davon abzustoßen.“

Die dynamische Erzählperspektive, die mit Leichtigkeit, manchmal auch mit einer gewissen Holprigkeit, mit Heiterkeit und Witz einhergeht, bedingt nicht zuletzt auch eine filmische Komponente und ist kennzeichnend für den „Zeilenwanderer“, den „Flurwärter“ Engelbert Obernosterer, wie er sich bzw. sein Erzähler-Ich auch selbst bezeichnet hat. In dieser Dynamik kommt eine Widerständigkeit zum Ausdruck, ein ständiges sich Abstoßen, Sich-nicht-festmachen und festnageln-Lassen. Daher kommen auch die geistigen Bocksprünge, daher kommt auch das Bild vom Leben wie vom Erzählen als einem Fluss, und zwar der wilden, alten Gail vor ihrer Regulierung.

Lieber Engelbert, ich mach hier Schluss; bleib du in Bewegung, unterwegs, widerständig, drahtig, teilnahmsvoll, das wünsch ich dir und das wünsch ich uns: noch viele Gedanken, Geistelblitze, noch viele, viele Zeilen – herzliche Gratulation zum Humbert-Fink-Literaturpreis!

© Katharina Herzmansky

Ich danke Mag. Katharina Herzmansky für die Erlaubnis ihre Laudatio als Gastbeitrag in meinem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Foto (c) Gabriele Russwurm-Biro

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KSV-Antrittslesung-Mai-2016

„Ich zeige dir das Meer“ – Antrittslesungen des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes

Zweimal im Jahr präsentiert der Kärntner SchriftstellerInnenverband im Rahmen von Lesungen die neu aufgenommenen Mitglieder einer breiteren interessierten Öffentlichkeit in Klagenfurt. An diesem Abend Mitte Mai konnte man vier sogenannte Antrittslesungen im Musilhaus in der Bahnhofstraße anhören und miterleben: Sieglind Demus, Ingeborg Ruth Lané, Miriam H. Auer und Mario Oppelmayer lasen aus ihren neuen Werken und gaben somit Einblick in ihr Schaffen.

Die Kärntner Schriftstellerin Sieglind Demus ist Text- und Fotojournalistin und verfasst seit 2011 als freiberufliche Autorin literarische Texte. Nach Aufenthalten in Ägypten, Asien, Uganda und Deutschland lebt sie seit Jänner 2013 in Villach. 2012 erhielt sie den Allgemeinen Literaturpreis der Klagenfurter Gruppe. In den Jahren 2013, 2014 und 2015 war sie Preisträgerin beim Literaturwettbewerb „WortReich“ (Kärntner Bildungswerk/Marktgemeinde Finkenstein).

http://www.bildungswerk-ktn.at/fileadmin/bilder/aktuelles/WortReich_2015_Textsammlung_web.pdf

Für 2015 bekam sie vom Bundeskanzleramt zwei Arbeitsstipendien. Sie hat an folgenden literarischen Projekten teilgenommen: „Begegnungen – können Dein leben verändern oder auch nicht“, „Und die Liebe?“, „Horror vacui“ und „Himmelangst“. Einige Texte sind in Anthologien und Literaturzeitschriften (FIDIBUS) gedruckt und werden oft bei Video-/ Foto-/Literatur- Performances in Österreich multimedial umgesetzt. Ihre Texte wurden in Englisch und Italienisch übersetzt und sind auch auf ihrer Homepage zum Teil veröffentlicht:

http://www.sieglinde-demus.de/texte.html

Bei der Antrittslesung brachte sie den bisher noch unveröffentlichten Text DER GESANG DER ZIKADEN zum ersten Mal vor Publikum zu Gehör, der folgendermaßen beginnt:

Der Gesang der Zikaden

Im Herbst sah er diesen Film im Fernsehen. Schneebedeckte Bergpanoramen wechselten sich mit hügeligen Wiesen ab, die Soča grub sich in Schroffen. Die Kamera schwenkte zu idyllischen Bergdörfern, bevor sie einem Weg durch den blühenden Karst folgte — bis in der Ferne silbern glitzernd das Meer auftauchte, verschmolzen mit dem Horizont. „Irgendwann Karli“, er lachte, klatschte mit der flachen Hand aufmunternd auf das Bein seines Sohnes, „irgendwann machen wir beide das gemeinsam. Du und ich. Wir gehen bis zum Meer!«
Zu Weihnachten, als er registrierte, dass er seinem Kind wieder nicht genug geben konnte, versprach er ihm ins Ohr: »Weißt du was Karli, wir gehen nicht irgendwann. Wir gehen diesen Sommer. Wir gehen über die Grenzen. Ich zeige dir das Meer.« … …(© Sieglind Demus)

Ingeborg Lané wurde 1946 in Wien geboren, wo sie bis 2008 mit Ihrem Mann lebte. Danach fand sie in Villach ein neues Zuhause. Sie wurde gleich nach ihrer Geburt „verschenkt“. Mit zwölf Jahren erfuhr sie durch Zufall von fremden Menschen, dass sie ein Pflegekind war. Nach diesem seelischen Schock, der sehr lange anhielt, erfuhr sie am Vormundschaftsgericht bei der Einreichung der Genehmigung für ihre Hochzeit, dass sie noch drei Geschwister hat. Von Zeit zu Zeit über Jahrzehnte versuchte sie diese ausfindig zu machen. Das Daten¬schutzgesetz verhinderte jedoch dies. Es blieb ein Kampf zwischen Aufgeben und Weitersuchen, gegen Bürokratie und Beamtenburg. Schließlich startete sie 2010 mit 64 Jahren einen letzten Versuch, um ihre zwei Brüder und eine Schwester zu finden. Schwierige Recherchen, Durchhaltevermögen und der Wille, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen brachten sie an ihre Grenzen. Diese aufregende Suche über 50 Jahre führte sie bis nach Gran Canaria, wo sie letztendlich zum Ziel gelangte.
Ihre Autobiografie war so spannend, dass Ingeborg R. Lané vom öster¬reichischen und deutschen Fernsehen interviewt und ihr Schicksal in diversen Zeitungen sowie im Radio erzählt wurde. Darauf hin animierte man sie mehrfach zum Schreiben ihrer Lebensgeschichte. Im November 2014 erschien dann das Buch mit dem Titel „Unbekannte Geschwister/Mein langer Weg zu Euch“. Es erzählt die Geschichte einer Kindheit in der Nachkriegszeit in Wien, ein „verschenktes“ Kind, das seiner Wurzeln beraubt wurde und seinen Weg findet. Ein Buch über Mütter, Geschwisterliebe und das Verzeihen, aber auch zum Nachdenken für Adoptiv¬- und Pflegeeltern.
http://www.lgil.at/index.php/mnu-leseproben/mnu-kap2
Sie las bei der Antrittslesung mehrere Textproben aus ihrer Autobiografie und brachte das Publikum zum Staunen mit den zahlreichen Details:
„Wien, Vormundschaftsgericht, März 1964:
Es hieß noch einige bürokratische Hürden vor der Eheschließung zu überwinden: Wir erfuhren beim Jugendamt, dass die nächste große Schwierigkeit darin bestand, dass ich nicht adoptiert war, sondern als Pflegekind die Bewilligung meiner leiblichen Mutter für die Heirat brauchte. Dieser Canossagang blieb mir erspart, da ich bei der Jugendfürsorge erfuhr, dass meine leibliche Mutter schon 1962 verstorben war und ich dadurch einen amtlichen Vormund hatte – mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Zu diesem Zeitpunkt hasste ich meine leibliche Mutter so sehr, dass ich sie weder sehen, noch sprechen hätte wollen…..“ (© Ingeborg R. Lané)

Als dritte Schriftstellerin präsentierte sich Miriam H. Auer mit Lyrik.

Sie wird 1983 in Friesach geboren, wächst in Arnoldstein auf. Träumt vom Schreiben, kann im Kindergarten lesen. Zeichnet, spielt Instrumente, schreibt bis heute Lieder. Seit sie Stifte halten kann, zeichnet sie auch. Miriam Auer besucht das Peraugymnasium in Villach, schaut oft aus dem Fenster … Maturiert. Studiert. Wird 2015 mit Auszeichnung zur Dr.in phil. promoviert. Ihre Dissertation trägt den Titel Poetry in Motion and Emotion. Literarisch versucht sie sich früh, schriebt Lyrik, Lesedramen, Kurz- und Langprosa.

Miriam Auer traut sich aber erst 2012 mit ihren Texten an die größere Öffentlichkeit. Von 2013 bis 2014 arbeitet sie an ihrem ersten Buch HINTER DER ZEIT, das Ende Oktober 2014 in der Edition Meerauge/Verlag Heyn publiziert wird, das gefällt, polarisiert, verwirrt, aber bestimmt zum Denken anregt.

http://www.meerauge.at/ausser_der_reihe_specials/hinter-der-zeit-umnachtungsnovelle

2013 gewinnt sie den zweisprachigen Literaturwettbewerb von Bleiburg „Kärnten wortwörtlich/ Koroška v besedi“
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

2014 wird sie zweite beim Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes. 2015 erhält sie den Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten und findet den Mut, neben ihrer Tätigkeit als Lehrende am Institut für Anglistik der Universität Klagenfurt, auch als freie Schriftstellerin zu leben und zu arbeiten. Für Miriam Auer, die sich auch stark für Menschen- und Tierrechte engagiert, gibt es kaum Schöneres.
Ihr zweiter Roman mit dem Titel KNOCHENFISCHE wird im Spätherbst 2016 erscheinen. Sie las im Rahmen der Vorstellung neuer Mitglieder des SchriftstellerInnenverbandes Gedichte aus dem Zyklus SCHAU MEIN INNERSTES OHNE MESSER AN.

Daraus ist hier das Gedicht HARTES WASSER nachzulesen:

Hartes Wasser

Nach dem Desserttraum weinen Nieren Steine, unmystisch fern von
Osterinseln, wie im Albtraum zerbricht die Herzblume, der man das
Porzellan gar nicht angesehen hat. Kalk wusste Spuren im Kelch zu
ziehen, die mein Mund aus Scherben liest wenn sonst niemand
mehr mit Zähnen trinkt, Pinsel in Lippenbögen ein neues Bild erschweigen.
Tage klingen noch nach Mensch. Das Leben hören, wenig
verstehen, humorlos zum Schießen sein, Kanonenspatzen
um uns herum. Jemand kommt von ungefähr. Flammt an beiden
Enden. Kerzenmenschen – doppelt vom Aussterben bedroht.
Schwarzer Kreis, Neumond und Altlast. Entwurzelte Leute
und Bäume überholen uns. Hier im Sturmwind, alle Argumente
haltlos. Auch Finsternis reist mit Lichtgeschwindigkeit. Über die
Nulllinie taumeln, Zielwasser. Ausgelesene Gesichts-Bücher.
Und wenn sie nicht…

Neue Zeiten wie Messer, Luft zum Schneiden. Und hier noch
das Kunstunwetter: Wolkenbruch in Gips. Frieden als Utopie.
Liebesleiter hinauf zu ihm, doch Wartezeiten. Mut zum Wort
unterm Messer. Zittern nur noch Espen erlaubt. Welker
Rittersporn, kaum Lanzelot.

Asche tanzt durch einsam winkende Hände. Makabres Fleischorigami
in weltfremden Kriegen, immerfort, Liebkind mein, immer fort sein. Steine
unbekannter Herkunft in Körpern, innere Kinder weinen nicht, traumtrunken
schmieden Schläfer unbeugsame Zellen. Arme Haut wird Milch, fett genug
zum Brennen, Feuer im Frühstück. Ich kann tagträumen wie im Schlaf. So gut.

Öl gepresst aus kalten Schulterblättern. Innere Kinder, ein tieferer Chor,
Wetterleuchten im Marianengraben. Ausgetrunken, der Traum für den Tag.
Tiere und innere Kinder weinen nicht nach außen hin.

Verlorene Zeit in Gegenwart, der Mond scheint sonnenhungrig. Ligusterschwärmer.
Erinnerte Hüften, in Memphis geblieben. Hounddog und Ladybird.
Am Berg auf dem Teller ausgebissene Zähne. Hard Rock. Tiefer gestimmt. Klangperlen
hinter den Meeresspiegeln. Vor Lebensdurst aufgedrehter
Wundwasserhahn.
Denk doch: Hartes Wasser einfach erweichen. Das Leben, ein Windspiel.
Aufatmen.
(© Miriam H. Auer)

Als letzter in der Reihe der Neuvorstellung an diesem Abend im Musil-Haus las Mario Oppelmayer aus seinem neuen im Jänner 2016 entstandenen Gedichtzyklus mit stark autobiografischen Zügen.
„Mario Oppelmayer geht schon auf die 60 zu, hat aber erst gerade die Phase des „Berufsjugendlichen“ glücklich zum Ausklingen gebracht. Aufgewachsen in Kärnten, trieb er allerhand, aber nichts wirklich Rechtes oder Bleibendes, bis er psychisch krank wurde. Das war eine Art Erlösung, da brach ein mächtiger Affekt durch, der etwas später die Schreibhemmung löschte. Zuerst als Manisch-Depressiver auffällig, wurde er danach in den einschlägigen kulturellen Kreisen von Klagenfurt als Trinker am Rande mitgeschleift, geduldet und stigmatisiert, kaum glaublich, dass während dieser ruinösen Zeit ein so umfangreiches lyrisches Werk entstehen konnte.
Als das Stigma nicht mehr zu verkraften war, floh er nach Graz, lebte drei Wochen auf der Straße und lieferte sich danach in eine psychologisch betreute Wohngemeinschaft ein. Das hat ihn nicht nur gerettet, er trinkt nicht mehr, es hat ihn auch sehr konkret tiefer in den Buddhismus hineingeführt, aus dem er von keiner weltlichen Macht mehr abgeführt werden kann. Die Flucht nach Graz hat ihm das große mächtige Tor Identität geöffnet, das Stigma ist innerlich schon fast zerbrochen, der Schreibfluss konstant und qualifiziert. Er ist knapp davor, Schüler eines buddhistischen Meditationslehrers zu werden, ist noch Single und hasst Kärnten nicht, obwohl es ihm da recht dreckig, verlassen und todesnah gegangen war.“ ( autobiografische Beschreibung, © Mario Oppelmayer)

Musikalisch wurde der Abend von Ján Kubis am Akkordeon virtuos begleitet. Auch den ersten Beitrag DER GESANG DER ZIKADEN von Sieglind Demus hat Kubis mit seinen Klängen unterstrichen und klanglich zur Geltung gebracht.

Foto © Gabriele Russwurm-BIro

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