Ein Fest der DichterInnen auf dem Prešernov trg in Ljublijana – die dritte Dichterfahrt aus Klagenfurt feiert mit den Nachbarn den Welttag der Poesie

Mit der Kraft der Schreibfeder jedes Einzelnen der (bisher) drei Dutzend Künstler, die mit Ljubljana in Dialog treten wollen, sollen die auftürmenden Barrieren zwischen den beiden Städten endlich abgebaut werden. Die Künstler, die sich KAUS/a; Kärntner Autoren Solidarität in Aktion nennen, wollen auf ihre Art eine Partnerschaft zwischen Kärnten und Slowenien herbei schreiben.

Am Welttag der Poesie machte sich wieder eine Dichterinnen- und Dichtergruppe auf, um in Ljubljana gemeinsam mit den slowenischsprachigen KünstlerkollegInnen zu feiern.

Weltenwandern (Auszug) ( von © Monika Grill)
Und die Reise geht weiter. Worte verknüpfen sich, ziehen mich vorwärts, in die Zukunft, ziehen mich rückwärts, in die Vergangenheit. Beschreiben eine Welt, die es nicht mehr gibt, die aber noch immer in mir lebt. Beschreiben ein Ich, das ich nicht mehr bin und das doch in mir zuhause ist. Sie halten sich nicht an die Gesetzmäßigkeiten der Zeit, meine Worte.
Buchstabe reiht sich an Buchstabe, eine Tintenschlange, die sich in den Schwanz beisst und den Kreis der Undendlichkeit formt. The circle of infinity. Der Lebenskreis, der Ewigkeitskreis.
 
Ein Blumenkranz aus Worten, aus Maiglöckchen, Margeriten, Veilchen, Flieder, zusammengebunden, aufs Haar gelegt, in die Stirn gedrückt.
Ich rieche Sommer, Frühling. Summer. Spring. Autumn.
Der Herbst kommt, die Blüten verwelken, fallen zu Boden, verwehen im Wind.
 
Ich suche nach den verlorenen Worten, hier, in der Ewigkeitsgasse, unter dem ehemaligen Klopfsteinpflaster, im Wasser des Alserbaches, der in Betonröhren gezwängt vom Wienerwald träumt, und von den unzähligen Fischen, die sich einst unter dem Wiener Nachthimmel tummelten, der schwarz sein sollte, sternenbesät. Aber es nicht mehr ist.
 
Ich schau hinauf.  Erinnere mich.
Sky sage ich, und der Himmel öffnet sich und wird eins mit dem Weltraum.  Ich sage heaven, und wir sitzen unter einer Kuppel aus Blau, von der die Gestirne wie Lampen hängen und die Welt beleuchten, die eine Scheibe ist. Ich gehe an die Grenzen, überschreite limits, stoße an borders. Ich bin 32, thirty two, ich fliege nach Mexiko, um nach einem Österreichbesuch über Tijuana einreißen zu können. Illegal. Illegal immigrant. (© Monika Grill)

Ljubljana (von © Karin Prucha)

Die drei Wege führen nicht zum See, sondern über den Fluss, der der Stadt den Namen gab. Ljubljanica, der heilige Fluss der sieben Namen, unterirdisch kommend aus dem Karst, fließt er glänzend grün durch Ljubljana.

Das prägt die Stadt, was für eine fließende Stadt, in jedem Sinne, die ich mit meinen dichtenden KollegInnen am Tag der Poesie am 21. März besuche. Wir kommen mit dem Dichterbus, und erobern uns die Stadt zu Fuß. Ich kenne Ljubljana schon über 30 Jahre, welche Veränderung zum Lebendigen, zur Farbe, zum Genießen zu spüren ist. Über dem Marktplatz neben dem Fluss liegt der Duft von gebratenem Fisch, dem wir nicht widerstehen können. Die Buntheit von Obst und Gemüse lockt direkt daneben, die vielen Menschen, die Heiterkeit. Wir flanieren durch die Altstadt, zur Gänze autofrei und Fußgängerzone. Elektrische kleine Busse bringen einen weiter, wenn die Füße nicht mehr wollen. Die Architektur der alten Gebäude beeindruckt wie die vielen großzügigen Plätze und Parks, die ein Gefühl von Freiheit vermitteln.
2016 wurde Ljubljana als grüne Hauptstadt Europas ausgezeichnet, und das bestätigt den eigenen Eindruck, die vielen Bäume, in den letzten Jahren tausende neu gesetzte, lassen durchatmen. Die Stadt ist in Bewegung, auch kulturell, an der glitzernden Ljubljanica entlangschlendern, von einem Lokal zum andern, von einer Galerie zur anderen, die schon zartgrünen Frühlingsäste wehen im Wind, der grüne Drache begrüßt uns auf unserem Weg. Das Wappentier ein Drache wie in Klagenfurt, im Moor um Ljubljana lebend.

Der Sage nach wurde Ljubljana vom griechischen Argonautenhelden Jason gegründet, auf der Flucht mit dem geraubten Goldenen Vlies verirrt von der Ljubljanica mitgenommen und beim Drachen gelandet.

Wir landen wieder an der Tromostovje, den Drei Brücken, vor Jahrhunderten war dies eine der wichtigsten Wegkreuzungen in Europa, von Nord nach Süd, von Ost nach West. Der slowenische Architekt Jože Plečnik hat die Brücke vor 85 Jahren um die zwei kleineren Fußgängerbrücken erweitert und die Pappeln anpflanzen lassen, es ist derselbe, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien zahlreiche Bauten und Plätze mitgestaltet hat. Die Drei Brücken führen direkt zum Prešernov trg, dem Platz des slowenischen Nationaldichters France Prešeren. Vor 185 Jahren lebte er eine Zeitlang in Klagenfurt, nachdem er in Wien studiert hatte. Unsere Region ist miteinander verbunden, durch die Geschichte, durch die Gegenwart, durch die Menschen.

Nun wird es Zeit für unsere Lesung, aber wir müssen uns gedulden, heute, am Tag der Poesie, lesen hier auch junge slowenische LyrikerInnen. Auf dem Denkmal sitzend, lauschen wir ihnen. Das Lauschen in Ljubljana, wie viel man hört, wahrnimmt, sieht, wenn man diese Stadt durchquert. Geliebte Stadt, die andere Erklärung für den Namen Ljubljana, wie stimmig. Bald sollten weitere Begegnungen folgen mit unseren slowenisch dichtenden KollegInnen, aus Kärnten/ Koroška, und aus Ljubljana.

Die Verbindung zwischen Klagenfurt/ Celovec und Ljubljana/ Laibach mit dem Alpen-Adria-Bus sollte nicht abreißen, es sind unsere Nachbarn, sie sprechen dieselbe Sprache wie wir, wie die slowenischen Landsleute in Kärnten, Landessprache. Schön wäre, die kulturelle Vielfalt am Abend erleben zu können, die letzte Busrückfahrt um 17 Uhr ist einfach viel zu früh. Wer weiß, was aus unseren Dichterfahrten noch alles entstehen wird! (© Karin Prucha)

https://www.visitljubljana.com/en/visitors/stories/how-architect-joze-plecnik-shaped-ljubljana-to-become-the-city-with-a-green-soul/?utm_source=FB&utm_campaign=blog&utm_content=plecnik

Vom Gedichtaufsagen und anderen Gerüchen (von © Marlies Karner-Taxer)
 
Schon von klein an hatte ich das besondere Talent, Gedichte rasch zu lernen und auch gut aufsagen zu können. So verschaffte mir mein Vater die ersten Auftritte, um die ich nie gebeten hatte und die ich dennoch in meiner verehrenden Liebe zu ihm ohne Murren absolvierte. Ich war etwa elf, zwölf Jahre alt. Ob Muttertagsfeier, Altenfahrt oder Frühlingsfest für Senioren – mir wurde in der Früh der Zettel mit dem Gedicht in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, es bis mittags oder nachmittags zu können.
  
Am schlimmsten war für mich der Gang durch den Saal. Beim auf-die-Bühne-gehen blieb ich noch relativ verschont, aber der Weg zurück war jedes Mal eine Tortur. So schön aufgesagt, riefen die alten Frauen, zogen mich beim Vorbeigehen an sich, drückten mich an ihren Busen und ein Busserl auf meine Wange.
 
Eine nach der anderen ließ es sich nicht entgehen, ein junges, zartes Körperchen an sich zu drücken und endlich wieder einmal zu einer Umarmung, einer Berührung mit einem warmen Körper zu kommen.
 
Jedes Mal dachte ich, an der aufgestauten Liebe und dem intensiven Geruch nach Urin zu ersticken. (© Marlies Karner-Taxer)

Ein Fest für die Poesie ( von Willi Wolschner)

Am Welttag der Poesie, 21.März 2017, kommen wir zum Denkmal von France Prešeren und Hunderte Menschen bevölkern den Platz. Der Slowenische Rundfunk und das lokale Fernsehen mit einer Reporterin und einem Kameramann sind vor Ort und nehmen eine Literatur-Veranstaltung auf.

Es wird eine öffentliche Lyrik-Lesung abgehalten, deren Teilnehmer ganz junge Dichterinnen und Dichter sind. Sie stehen vor dem Denkmal, vor dem Microfonständer und vor ihnen eine Menge Interessierte.

Einer der lesenden jungen Dichter liest seinen Text von seinem I-phone, was wirklich sehr lustig aussieht.

Leider verstehe ich die Texte nicht, aber ich nehme mir vor die wichtigsten Vokabel vom Slowenischen zu lernen. Viele der vorlesenden Dichterinnen sind auf Fotos festgehalten (Es sind tatsächlich zu 90 % junge Frauen). Eine haben wir vor der Lesung kennengelernt: Ana Makuc mit ihrem Lyrikband „Ljubica Rolanda Barthesa“ (2015) mit Gedichten zu großen historischen Frauengestalten. Sie freut sich ebenso wie wir „Gleichgesinnte“ zu treffen. Und es sind wirklich viele….. (© Willi Wolschner)

https://www.dnevnik.si/1042750422/kultura/knjiga/intervju-z-veronikino-nagrajenko-pesnico-ano-makuc-v-moji-poeziji-ima-zenska-lastno-zeljo

Die Sonne der Nacht (von © Del Vede)

Legen sich die Menschen zum Schlafen nieder,
geschieht etwas mit ihnen.
Manche sind so still und ruhig,
jetzt sind sie Bäume und erinnern sich ihrer Wurzeln.
Andere erstarren zu Stein.
Wieder andere erinnern sich,
einmal ganz bestimmt,
eine Quelle gewesen zu sein,
und sie kehren zurück.
Manche singen wie ein Büschel Gras im Nachtwind,
und es mangelt an nichts.
Andere treibt es ins Wasser fort und fort,
und sie halten niemals mehr inne.
Wieder andere breiten die Arme aus,
um die Erde zu umarmen.
Es liegt niemand an ihrer Seite.

© Del Vede 2017

alle Fotos © russwurm-photography/ w. wolschner
Bildtitel: vor dem Prešeren-Denkmal Lesung mit: (hinten v. li.) Heide Tanzmeister, Karin Prucha, Monika Grill, (stehend) Del Vede, (vorne): Gabriele Russwurm-Biro und Marlies Karner Taxer.
Porträt: Junge slowenische Dichterin: Ana Makuc

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Zu Füßen des Dichters – Die Stadt nicht aus den Augen lassen – Marathon in der Klasse M 70 – Zweite Dichterfahrt nach Ljubljana der KAUS/A

Die Stadt nicht aus den Augen lassen war das Motto der zweiten Dichter- und Dichterinnenfahrt nach Ljubljana organisiert von der Kärntner Autorengemeinschaft KAUS/a im Rahmen des Projektes LAIBACH – WIR KOMMEN! Zur Überwindung der Grenzen zwischen Nachbarländern – Mitte März.
Wir wollen einander besser verstehen – ein wahrer Marathon nimmt da seinen Anfang. Ljubljana ist nicht weit von Klagenfurt, und es hilft wahrscheinlich wenig, immer nur von den guten – oder weniger guten – kulturellen Nachbarschaftsbeziehungen zu den Slowenen zu reden, man muss hinfahren und dort vor Ort Literatur aus Kärnten präsentieren. So möchten wir einen Dialog ins Leben rufen – ganz ohne Politik – nur auf Literatur basierend und dem Willen auf eine grenzenlose Verständigung.
Strahlendes Wetter begleitete die hoch motivierte Dichtergruppe auf ihren Wegen zur Erkundung der Metropole an den Ufern der Ljubljanica. Diesmal stand die Dichterpersönlichkeit France Prešeren im Mittelpunkt, viele Details aus seinem Leben kamen ans Licht – für einen Augenblick.
„Es ist der Beginn der Erkundung einer wunderschönen Stadt in unserer Nachbarschaft. Während man durch die Stadt wandert, erliegt man sehr schnell ihrem Charme. Das quirlige Leben, die vielen jungen Manschen, die vielen liebevoll gestalteten Läden und Cafés erfreuen das Auge. Daneben atmet auch überall die wechselvolle Geschichte dieser alten Stadt. Wie eine lebendige Ader durchzieht auch ein Fluss diese Stadt. An den Uferpromenaden unzählige volle Cafés und Gaststätten, die auf das von der Sonne glitzernde Wasser schauen. Verzaubert sitzt man bei einem Glas Wein und beobachtet die Leute…“ (Willi Wolschner)
Zu Füßen des Dichters (Christine Tidl)
„Zu Füßen des Dichters, seiner Liebe zu Lulija und den Geschichten seiner Stadt begegne ich den vielen jungen Menschen bei Sonnenschein an den Ufern der Ljubljanica. Über die Drachenbrücke hinein in die Altstadt. Strahlend blau der Himmel über barocken Fassaden. Micha, der Zeitungsverkäufer, überrascht mit Witz und spricht meine Sprache. Ein kluger Beobachter der Fremden, die, so wie ich, in dem gemütlichen Café Platz genommen haben. Buntes Treiben drüben am Markt.
Die Frau beim Gemüsestand greift in den Bottich. Eine Handvoll saurer Rüben. Kein Wort zwischen uns. Wir kennen uns nicht. Sie zeigt hin auf den Preis. Wir lächeln uns zu als wären wir alte Bekannte. „Koroška?“ die Frage an mich. In den weichen Lauten, dem Singsang der Sprache schwingt sanft die Melodie meiner Heimat. Ich nicke „Celovec!“ Da lachen wir beide. (©Christine Tidl, März 2017)
Reisen
Wollen
Köpfe
weiten
Gedanken
Können
Worte
Finden
Lieder
Öffnen
Herzen (©Christine Tidl, März 2017)

Im Augenblick (Del Vede)
Vom Kirchturm herabgesehen, auf den nie jemand aufsteigt und die Arme ausbreitet, scheinen diese Häuser ihrer Klobigkeit und ihrer Fassaden leid zu sein, und sie brechen auf – irgendwohin. Etwas Vergessenes erfasst sie von Neuem. Manchmal träumt diese Stadt und ihre Häuser summen und singen und begehren auf. Sie laufen dir über den Weg. All diese jungen Leute in Ljubljana, die hoffen, sich noch heute zu verlieben. Die durch Gassen zappeln und lärmen, dass sie nicht wahrnehmen, wann dieser Augenblick eintritt. Nur einer. Und doch der Erste von vielen. Sie sind von sich selbst und von ihrer Suche überwältigt und halten nicht inne, wenn er endlich eingetroffen ist. Sie gehorchen ihm nicht und der Augenblick streicht an ihnen vorüber. Es wirbeln und wehen so viele durch die leeren Gassen und müssen vergehen. Doch die Häuser haben ein Einsehen und kehren zurück.
Wird ein Augenblick festgehallten, folgt ihm, manchmal, ein nächster augenzwinkernd, noch einer und immer mehr. So sehr wünscht sich ein jeder von ihnen zu bleiben und gedehnt zu werden. Zu einer langen Jahreszeit. So sehr, dass er mit einem jeden vorliebnimmt. Sogar mit dir.
(Nachdem sich Koordinator und Literaturliebhaber Willi Wolschner, der nur auf See vollkommen glücklich ist, an den Häusern von Ljubljana sattgesehen hat, und an der Anmut und Schönheit der Frauen, die diese Stadt bevölkern, blickt er zur Muse des France Prešeren empor, die über dem Hauptplatz schwebt, und greift nach diesem Text. Er kniet sich auf die Stufen des Prešeren-Denkmals, liest vor und lässt die Stadt nicht aus den Augen.)
Mein Laibacher Marathon (Benno Linzer)
„Seit 55 Jahren laufe ich Wettkämpfe, davon fast 300 Marathonbewerbe. Heute dehnt sich vor mir ein Marathon, dessen Strecke ich nicht kenne. Meine Mitläufer sind Dichterinnen, Dichter und Büchernarren. Das kann nicht gut gehen. Dass mir dieser Grenzmarathon alles abverlangt, erkenne ich bereits beim Warmlaufen im Café Angelina neben der Klagenfurt Arbeiterkammer vor dem Bussteig 16 beim Alpe-Adria-Bus. Die anderen trinken Kaffee, scherzen und reden sich warm, laufen aber nicht. Im Bus werden mir plötzlich Grenzen erklärt, in deren Nähe wir gelangen oder überqueren. Die Grenzen der Stadt St. Ruprecht, die des Dorfes Otoce, dieses Inseldorfes mit 18 slowenischen und nur zwei deutschen Hausnamen, na und? das zum Stadtteil Waidmannsdorf wurde. Also daher kommt die Bezeichnung Siebenhügel, nicht von Rom. Die ehemalige Moorgrenze im Kärntner Abwehrkampf. Die Grenze, die man gegenüber Eindringlingen zog, die man vom Turm auf Strasisce, dem Wachtplatz, heute Straschitz mit drei slowenischen Hausnamen, im Blick behielt.
Und noch mehr Grenzen der Wahrnehmung gibt es bis zu den Kosute, den Hirschkühen, wie die Karawanken zuvor genannt wurden. Die letzte Kuh, die „Kosuta“, gibt es ja noch. Dagegen kann ich im Grenzbus der AlpeAdria-Linie nicht anrennen, obwohl es mich als gebürtigen Wolfsberger für 40 Jahre als Gastarbeiter nach Bayern verschlagen hat, blieb ich hier verankert. Dort wurde ich 37 Mal bayrischer Meister. Auf den Laufstrecken musste ich sogar gegen Wildschweine anrennen, während mich dieser Bus mühelos über all diese Grenzen rollt. Bei der Autobusna Postaja geht es wieder nicht los, weshalb ich meinen Mitläufern über die Sportlerehrung in Wien zum Endstand 2016 berichte. Erster Platz in der Klasse M 70 (siebzigjährige Männer). Im Wettkampf mit allen, insgesamt 11.632 Läufern, allen jüngeren eingeschlossen, erreichte ich den 47. Platz.
Auf dem Weg zum Begrüßungskaffee im Union in der Miklosiceva fordere ich die anderen heraus: 6000 Kilometer laufe ich ungefähr im Jahr – und Ihr, meine Lieben? Viermal absolvierte ich bereits 100-Kilometer-Läufe – und Ihr? Die längste Strecke lässt mich 164 Kilometer lang nicht los. Da läufst du auch nachts, und Ihr? Bei diesem Marathon laufen wir gemeinsam und sprechen mit allen, die wir treffen, bis sich alle besser verstehen. Wir wollen nicht ein jeder für sich und vor den anderen gewinnen. Wir wollen einander besser verstehen!“

Der Feuervogel / ENGELSCHREI (DEL Vede)
Ich bin das Licht, das gut ist, weil es böse ist.
Du läufst ihm davon und entkommst ihm doch nicht.
Suche nicht.
Du erblickst nur einmal: mich!
Ich entzünde, was gerade ist.
Ich verbrenne, was einmal war.
Damit alles endlich gewesen ist.
Brenne, brenne Gegenwart.
Sie ist nicht mein Ort.
Sie ist nichts.
Das gilt auch für dich.
Im Lichte meiner Aufmerksamkeit verglüht dein Licht.
Suche mich nicht.
Ich fand dich schon lange. (© Del Vede 2017)

Für diesen Text, einem Engelschrei, betätigte sich Christine Tidl als Vorleserin. Sie trug ihn als Vorschau auf ein Literaturcafé LITERANA KAVARNA in Klagenfurt und in Ljubljana vor, welches einige Dichterinnen und Dichter der KÄRNTNER AUTORENSOLIDARITÄT in Aktion KAUS/a vorbereiten und am liebsten mit Unterstützung des Kärntner Kunstvereins durchführen möchten.
Foto © Gabriele Russwurm-Biro
Bildtitel: AutorInnengruppe vor der Abfahrt in Klagenfurt /Busbahnhof: Benno Linzer, Willi Wolschner, Christine Tidl und Organisator Del Vede (v. li.)

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Frauenzimmer – Ein literarischer Reigen von IG-Autorinnen Kärnten zum Internationalen Frauentag

Zum traditionellen Literatur-Event im Klagenfurter Musilhaus lud am Internationalen Weltfrauentag (8. März 2017) die engagierte Obfrau der IG-Autorinnen Autoren Kärnten, Ilse Gerhardt, 14 Kärntner Literatinnen (IG-Autorinnen) zum Lesemarathon. Thema des Abends war selbstverständlich ein weibliches, egal in welcher Art und Weise, erlaub ist, was gefällt und den Literatinnen auf der Seele liegt. Dafür standen knappe 5 Minuten zur Verfügung. Frauen machen Frauenliteratur und Frauenthemen zum Inhalt dieses Abends.

Begonnen hat den weiblichen Literaturreigen die wohl jüngste Kärntner Autorin, die 15-jährige Irina Antesberger. Sie las einen spannenden, sehr bewegten und heiteren Ausschnitt über Eigenheiten von Primadonnen und anderen Theaterereignissen aus ihrem Debütroman „Wenn der Vorhang fällt“ (Memorien-Verlag, 2016).

http://www.kleinezeitung.at/kaernten/kaerntnerdestages/5151856/Kaerntnerin-des-Tages_Irina-Maria-Antesberger_Eine-vielseitige

Ausnahmetalent Rebekka Scharf aus St. Stefan im Lavanttal trug ihren starken Text mit bedrückenden Kindheitserinnerungen sehr beeindruckend vor. „Einmal Eselsbank – immer Eselsbank“ über Ausgrenzung im Kindesalter.

Danach folgte die Geschichte über den Hirtenjungen Tajos von Autorin Christine Tidl aus Seeboden vor dem Hintergrund eines ihr besonders lieben Themas: Afrika und die Massai.
Sie ist Mitglied des Verbandes Steirischer Autoren, Mitglied der Dichterstein Gemeinschaft Zammelsberg, und der Christine Lavant-Gesellschaft. Zahlreiche Veröffentlichungen ua. der erste eigene Lyrikband „und meine Träume schreib ich in den Wind“

Gisela Unterberger aus Hermagor las Gedichte vor, die als lyrische Milieustudien eines Lebens angelegt waren. Sie ist Mitglied des Kärntner SchriftstellerInnen-Verbandes.

Die zweisprachige Literatin Luise Ruhdorfer aus Finkenstein veröffentlicht wissenschaftliche und literarische Texte in Deutsch und Slowenisch. Sie las aus ihrer Studienchronik über Schicksale frühverstorbener Frauen, die ihre Kinder zurücklassen haben.

Die Lyrikerin und Literaturwissenschaftlerin Betty Quast aus St. Veit an der Glan las aus ihrem Lyrikband „Endzeit“, der kurz vor der Veröffentlichung steht, Gedichte aus der Sammlung Marzahn (Erinnerungen aus der Hochhaussiedlung in Berlin) „vom Leben in den Wracks der Moderne“. Sie ist als Vorstandsmitglied des Kärntner SchriftstellerInnen-Verbandes Mitorganisatorin des Alpen-Adria-Symposiums des KSV in Gmünd, das heuer Mitte Oktober stattfinden wird, und betreut und baut die Kontakte zwischen den Literaturgesellschaften und Interessensverbänden in Tirol, Südtirol und Osttirol auf.

http://literatur.report/berichte/leih-mir-dein-ohr-lesung-der-kaerntner-schreiberlinge-am-woerthersee/

Dagmar Cechak aus Klagenfurt präsentierte ihren lyrisch gehaltenen Prosatext „Schneeblut“ mit sanften Stimmungsbildern und anschließend eine kurze kritische Darstellung über die männliche Eitelkeit, die das Publikum zum Schmunzeln brachte…

Die aktuelle Kärntner Lyrikpreisträgerin der STW-Klagenfurt, Monika Grill, aus Viktring bei Klagenfurt, trug sehr pointiert eine Hommage zum Weltfrauentag vor über die verschiedenen Tage und ihre Widmungen – Alltägliches und Besonderes – und mitreißend. Sie engagiert sich als Schriftführerin im Vorstand der IG-Autorinnen Autoren –Kärnten und verbrachte 30 Jahre in den USA (Kentucky). Seit ihrer Rückkehr 2010 widmet sie sich ganz konzentriert der Schriftstellerei.
http://kaernten.orf.at/news/stories/2810425/
http://www.monikagrill.com/v

Danach las die Klagenfurter Autorin Eva Possnig eine Erzählung vor, die ein Bestandteil ihres unveröffentlichten Romans „Sechs Farben einer Stadt“ ist. Sie hat sich überwiegend der Prosa und feinen nuancierten Erzählform verschrieben.

Die aktuelle Preisträgerin des zweisprachigen Kärntner Literaturwettbewerbes von Bleiburg „Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi“ für Lyrik (2016), Anneliese Merkac-Hauser, las neue Gedichte und aus ihrem Lyrikband „Samt und Leinen“ (Fran-Verlag, Klagenfurt 2011). Sie ist Mitglied der Autorinnengruppe scribaria und zaubert starke Bilder mit ihrer verknappten lyrischen Sprachkunst.

http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

Maria Alraune Hoppe fesselte das überwiegend weibliche und sehr aufmerksame Publikum an diesem Abend mit einem beeindruckend experimentellen Text: „Wenn Frau im Zimmer fraut… “ Ihre intellektuellen virtuosen Wortspiele mit Witz und Ironie tragen den Text über alle Gendergrenzen spielend und mit einem Augenzwinkern hinweg. Eine beachtliche und mutige Leistung! Der richtige Beitrag zum Internationalen Frauentag.

Die Lyrikerin Karin Prucha, die auch in Klagenfurt lebt, stellte Seelenbilder in den Raum, die in Traumwelten wegtriften. In den fünf Gedichten standen Frauen und ihre Gefühlswelten im Mittelpunkt. Prucha hat sich auch der Theaterwelt verschrieben und arbeitet als Regieassistentin bei verschiedensten Produktionen in Kärnten.

Als letzte Protagonistin der „Frauenzimmer“ war Elisabeth Christof auf dem Podest mit einem Prosatext “Die Entrümpelung“ und einem nachdenklich stimmenden Gedicht „Einsamkeit“ zu hören. Sie machte bei der Aktion „SchmutzkübelK… Eine Intervention I Kunst:Politik“ (Drava 2013) mit dem Gedicht „Klagenfurt“ mit. Christof schloss den literarischen Reigen der Frauenzimmer – bis nächstes Jahr.

Gruppenbild mit Damen: Von links, vorne sitzend, die Autorinnen Karin Prucha, Eva Possnig, Betty Quast mit Junior und Maria Alraune Hoppe. Hinten stehend: Elisabeth Christof, Monika Grill, Irina Antesberger, Luise Ruhdorfer, Marlies Karner-Taxer, Christine Tidl, Anneliese Merkac-Hauser, Dagmar Cechak, Ilse Gerhardt ( IG-Obfrau), Rebekka Scharf und Gisela Unterberger.“>Gruppenbild mit Damen: Von links, vorne sitzend, die Autorinnen Karin Prucha, Eva Possnig, Betty Quast mit Junior und Maria Alraune Hoppe. Hinten stehend: Elisabeth Christof, Monika Grill, Irina Antesberger, Luise Ruhdorfer, Marlies Karner-Taxer, Christine Tidl, Anneliese Merkac-Hauser, Dagmar Cechak, Ilse Gerhardt ( IG-Obfrau), Rebekka Scharf und Gisela Unterberger

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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Wir sind grenzenlos! CEZ MEJA! LJUBLJANA, WIR KOMMEN! Wir erforschen dich! Wir sprechen mit dir! UND DU? Literatur-Aktion zur Belebung nachbarschaftlicher Beziehungen über die Grenzen hinweg

Grenzen überschreiten, literarisch einander näher kommen. Unter diesem Motto fuhr Dienstag, 7. März 2017 eine erste Gruppe von Kärntner AutorInnen und OrganisatorInnen mit dem Linienbus der „Alpeadrialine“ über den Loibl in die benachbarte Metropole Ljubljana. SchriftstellerInnen unterschiedlicher Ausrichtung und Prägung wollen mit diesem Literatur-Reise-Projekt ab März das Gemeinsame der Kulturen entdecken, erforschen, darüber sprechen und berichten.

„Wir sind ein Vorauskommando. Wir fahren wieder. Und andere werden auch fahren. Wir bringen uns selbst mit, was wir sind. Wir sprechen mit jedem in Laibach, wir streifen durch die Gassen, WIR WOLLEN ES WISSEN….
Wir sind neugierig, richtig wissbegierig, wir sind kritisch, wir beobachten, wir schreiben alles auf. Wir wollen herausfinden, was wir mit unseren südlichen Nachbarn gemeinsam haben und was uns trennt. Jeder von uns wird das naturgemäß anders sehen und anders angehen,“ betont Del Vede Projektleiter und Initiator dieser Literatur Aktion LJUBLJANA WIR KOMMEN! CEZ MEJA! UND DU?

Die von der neuen AutorInnengemeinschaft KAUS/a (Kärntner AutorInnen Solidarität/ Aktion zur Aktivierung der Literaturszene) ab März organisierten Themenfahrten vom Klagenfurter Busbahnhof aus beinhalten Lesungen, moderierte Interviews während der Fahrt und öffentliche Statements in Ljubljana auf dem zentralen Knotenpunkt, dem Prešeren-Platz mitten in der Altstadt.

Die erste Lesung – gedacht als Initialzündung für die gesamte Literatur-Aktion – wurde erfolgreich von drei Kärntner DichterInnen (Sieglind Demus, Gabriele Russwurm-Biro und Del Vede) auf den Stufen des Prešeren-Denkmals mitten im Getümmel der belebten historischen Altstadt Ljubljanas abgehalten und fotografisch dokumentiert.

Jeder Mitreisende ist nun aufgerufen, sein Ljubljana –Tagebuch zu schreiben: Eindrücke, Beobachtungen, Stimmungen, Erinnerungen, Gedanken, Aufrufe. LAIBACH in 300 Zeilen
„Laibach in 300 Zeilen, in 100 Zeilen oder in 13 Zeilen, das wird die Essenz sein von unserer Expedition mit Bleistift und Papier über den Loibl und auf und ab in den alten Gassen von Ljubljana“ (Del Vede)

Unsere schriftlich literarischen Eindrücke erscheinen überall, wo der Aktion Zugang ermöglicht wird und auf einem geplanten eigenen Blog. Bezwecken soll diese Literatur-Aktion ab März 2017, dass wir einen interkulturellen Dialog mit unserem südlichen Nachbarn eröffnen, um den künstlerisch literarischen Austausch zu beleben und die gegenseitige Inspiration der benachbarten Kultur-Städte anzukurbeln. Begegnung und Entdeckung stehen im Mittelpunkt.

„Deine Texte und meine Musik gehören zusammen! Davon überzeugte mich Lado Jakša, Multiinstrumentalist und Multilinguist aus Ljubljana vor zwei Jahren. Als dritte Ebene kam für uns die Fotographie dazu. Seitdem arbeiten wir mit großer Freude gemeinsam.
Selbstverständlich unterstütze ich alle Möglichkeiten von Begegnungen mit unseren slowenischen Nachbarn. Mich bereichern sie.
Längst schon sollte es diese „zwei Seiten“ nicht mehr geben. Für viele ist der Austausch so selbstverständlich, wie das Miteinander. Meinen Anteil daran möchte ich gerne beitragen.“ (©Sieglind Demus)

„In einer direkten Linie von hier nach dort. Im Bus. Über die Berge. Warum nicht? Warum nicht Laibach? Warum nicht „die dort unten“ kennenlernen? Werden uns sicherlich ähnlich sein in ihren Wünschen, ihren Ängsten, ihrer Menschlichkeit… und die Stadt…. soll ein Traum sein, ein südländischer Traum, ein europäischer Traum… warum also nicht hinfahren – schauen und spüren und darüber schreiben? Das Ticket reservieren und los geht’s…. freu mich! (Monika Grill)

„Ja, ja, ich muss nach Laibach, ich muss immer wieder nach Ljubljana, in die Großstadt näher als Wien. Dort ist ein Cousin meiner Mutter, den mein Vater vor den Nazis gerettet hat, zuhause. Dort sind die schönsten Lindwürmer zuhause! Die Lindwürmer an der Brücke, die mich ¬– anders als der Klagenfurter Lindwurm ¬– jedes Mal, immer wenn ich dort bin, auf einen Flug über diese besondere Stadt am Fluss Ljubljanica, am Laibachfluss, fortragen.“ (Edith Darnhofer-Demár)

TeilnehmerInnen der ersten Exkursion waren die Kärntner AutorInnen Sieglind Demus (Villach), Willi Wolschner (Koordinator), Gabriele Russwurm-Biro (Planung)
und Del Vede (Initiator und Projektleiter) und Heide Tanzmeister:

„Ich lasse diese fremd gebliebene, so nahe Stadt, auf mich wirken. Die Widerstände, die sich zwischen diesen beiden Städten auftürmen, werden mit Sprachfetzen, Landschaften und noch mehr Bildern fortgewischt. Also mach doch langsam, Grenze, mach langsam, Abschied. Du bist bald fort und ich bleibe auch nicht für immer – Es wird kein Wort zu viel sein, das ist mein Expeditionsziel. Sobald mein Ljubljana auf 30 starke Sätze verdichtet ist, weiß ich, dass es ein langer Tag gewesen sein muss, der nicht spurlos bleibt.“ (©Del Vede)

„Es ist jetzt an der Zeit nach Ljubljana zu fahren und sich klar darüber zu werden, dass das Zusammenwachsen beider Nachbarländer trotz vieler Widerstände auf beiden Seiten endlich in Gang kommt “ (Willi Wolschner)

Weitere organisierte Literatur-Expeditionsfahrten von Klagenfurt nach Ljubljana mit Kärntner Autorinnen und Autoren werden zu bestimmten Terminen im März folgen
(u.a. mit Univ. Prof. Dr. Heinz-Dieter Pohl – Forschungsbus, Linguistik).
Literaturfahrten: Gerhard Ruiss, Edith Darnhofer-Demár, Monika Grill, Marlies Karner-Taxer, Gernot Ragger, Ingram Hartinger, Monika Slamanig (artist in residence 2016/St. Gallen – Klagenfurt), Karin Prucha, Gerald Eschenauer u.v.a.m.

Treffpunkt: im März 2017, 9020 Klagenfurt,
AK-Portal, am Busbahnhof 9:00 Uhr
Abfahrt: 9:30 Uhr,
Rückkehr Klagenfurt BHf: 18:49 Uhr
Anmeldungen: Kärnten Bus GmbH
tel: 0463/931 800,

www.alpeadrialine.com

Fotos © Sieglind Demus, Gabriele Russwurm-Biro und Willi Wolschner

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„Literatur ist gefordert wie selten zuvor“ – IG- Autorinnen Autoren Generalversammlung

Die IG Autorinnen Autoren Österreich luden Ende Februar ihre Delegierten aus den Bundesländern zur Generalversammlung nach Wien. Geschäftsführer Gerhard Ruiss, Ludwig Laher und Präsidentin Renate Welsh gestalteten zwei informative Versammlungs- und Diskussionstage mit tiefgreifenden Grundsatzthemen und Anliegen für alle, die mit Literatur, Schreiben und Lesen zu tun haben.

Als Präambel zu den Beschlüssen der Generalversammlung wurde folgender Text von Renate Welsh und Ludwig Laher ausformuliert und einstimmig beschlossen:

„Wozu Literatur?
Mauern, Zäune, Abgrenzung, Nationalismus, Protektionismus – einfache Lösungen, deren Unbrauchbarkeit sich mehrfach erwiesen hat.
Eine radikal reduzierte Sprache, aggressiv, verächtlich machend, selbstherrlich, wehleidig, voll wirklicher Lügen, die sich als alternative Wahrheiten tarnen.
Das Schüren von Feindbildern und Angstmacherei verhindern konstruktive Auseinandersetzung und führen zur Akzeptanz autoritärer Strukturen.
Literatur steht für differenzierte Wahrnehmung, Abwägung und Gestaltung, für das Sichtbarwerden von Widersprüchen und Herausfordern zu eigenständigen Urteilen.
Literatur ist gefordert wie selten zuvor. Literatur ist nötig wie selten zuvor.“

Hauptthema war u.a. die Kritik an der Bildungspolitik, die in der letzten Zeit in Österreich falsch zu laufen scheint, sollen doch – um nur ein Beispiel zu nennen – laut Vorschlag von Bundeskanzler Christian Kern die Gratisschulbücher durch Laptops in den Klassen ersetzt werden. (sic!). Die Bildungspolitik gehe zu Lasten des Unterrichts, das viel gepriesene Modulsystem in den Oberstufen beschränke jede Art von Akzenten und wirke einschränkend. Immer lauter werden daher die Stimmen, die einen qualifizierten Deutschunterricht fordern. Daher wurde auch von der GV die Forderung aufgestellt, den Begriff „Deutsch“ des Lehrfaches in „Deutsch und Literatur“ umzubenennen, damit die Bedeutung des Faches von dem reinen Spracherwerb auf die Literaturgeschichte und Entwicklung ausgeweitet und festgeschrieben werde. „Lust an der Literatur“ solle auf verschiedenen Ebenen gefördert werden: Besonders wichtig sind altersgerechte Texte in Buchform, die bereits in der Volksschule gelesen und diskutiert werden sollten. Dabei sollte nicht vergessen werden, die Öffentliche Hand in die Pflicht zu nehmen.
Die Präsidentin der IG Autorinnen Autoren, Renate Welsh, bringt es exakt auf den Punkt: „Alles, was der Literatur Raum wegnimmt, ist bedenklich für die Demokratiepolitik!“.
Leben in der Sprache sei eben nicht nur die reine Verständigung, Literatur müsse daher im Angebot gehalten werden. Die Schule sollte eben nicht allein die Fähigkeiten, sondern die Bedeutung als Mensch und die Würdigung jedes Einzelnen vermitteln.

Über die IG-Projekte berichtete Gerhard Ruiss: Zu den Großprojekten zählt die Funkhaus- Anthologie der IG, zu der alle Autorinnen und Autoren in Österreich aufgerufen werden, einen halbseitigen Beitrag zu leisten, der in einem Geschenkband für Politiker veröffentlicht werden wird. Weitere Projekte sind die Teilnahme an den Buchmessen Leipzig, Frankfurt und Buch Wien mit dem Liveprogramm LITERADIO (Buch- und Themenpräsentationen). Der Vertrag mit den Bedingungen der IG- Österreich läuft bis 2018.
Herausgegeben wird 4 x im Jahr die Informationszeitschrift „Autorensolidarität“, die mit einer Übersicht von Stipendien und Preisen einen sehr guten Überblick für österreichische Ausschreibungen bietet. Zudem werden den registrierten Mitgliedern Rundmails gesendet und jährlich ein Katalog über österreichische Neuerscheinungen erstellt (DIE LITERTUR der österreichischen Kunst,- Kultur- und Autorenverlage).

Die IG organisiert Proteste und verfasst Resolutionen, um die oft aussichtslose Stellung von Kunst, Kultur und Literatur zu unterstützen. Aktuell wird ein Aufruf der IG verbreitet, der das Investorenprojekt am Wiener Heumarkt (1030 Wien) stoppen soll.:

„Das Ringstraßenareal mit seinem weltweit einzigartigen Wechsel zwischen freien Flächen und repräsentativen Bauten soll für spekulative Neubauten geöffnet werden. Im Kernbereich des Welterbes, direkt am Wiener Heumarkt, zwischen dem Wiener Konzerthaus und dem Wiener Stadtpark , soll ein Luxuswohnturm entstehen…“ Letztendlich wäre das dann ein Startsignal für einen Ausverkauf der gesamten Ringstraßenanlage und führte zu einer Aufhebung des UNECO- Welterbe-Status von ganz Wien. Für wen wird da eigentlich gebaut? Für die Wiener und Wienerinnen sicher nicht. Gefordert wird daher der sofortige Stopp des Umwidmungsverfahren, Einhaltung der UNESCO-Auflagen und die freie Zugänglichkeit um das Gelände des Wiener Eislaufvereins.

Die IG nimmt kritisch Stellung zur sogenannten „Medienförderung neu“:
„Die IG Autorinnen Autoren nimmt mit Verwunderung zur Kenntnis, dass Medienförderungen in Zukunft ohne andere „Qualitätsnachweise“ als Beschäftigungszahlen und dergleichen vorgenommen werden sollen.“ Die IG weist darauf hin, dass Qualität auch bedeuten muss, was wie in den Zeitungen steht und fordert als Mindeststandard für Förderungswürdigkeit eines Mediums nicht nur die Zweckgebundenheit der Förderung an die Zahl der journalistischen Arbeitsplätze, sondern zumindest auch an die Existenz einer hauseigenen Qualitätskontrolle durch Korrektorate und Schlussredakteure.

Weiters wurde eine Stellungnahme zur geplanten Urheberrechtsnovelle verfasst, der die Generalversammlung einstimmig zugestimmt hat. Dabei geht es in erster Linie um „faire Verträge mit Urhebern und ausübenden Künstlern über die Vergütung“.

Die Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren (IG Autorinnen Autoren) wurde 1971 als gemeinsame Verhandlungsdelegation österreichischer Schriftstellerverbände gegründet und 1981 als eigenständige Organisation mit derzeit rund 3.800 Mitgliedern und 70 Mitgliederverbänden neu aufgebaut.
http://www.literaturhaus.at/index.php?id=6541

Kontakt: IG Autorinnen Autoren Seidengasse 13, A-1070 Wien
Tel: +43/(0)1/526 20 44-13 (Gerhard Ruiss: DW -35)

Foto © Gabriele Russwurm-Biro, Geschäftsführer Gerhard Ruiss und Präsidentin Renate Welsh im Literaturhaus Wien auf dem Podium der GV-Tagung in Wien

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Lob auf Antonio Fian – Laudatio zur Verleihung des Würdigungspreises Literatur des Landes Kärnten 2016 von Elmar Lenhart

„Es freut mich mit Antonio Fian einen Autor ausgezeichnet zu sehen, der sowohl ein vielseitiges Werk vorzuweisen hat, wie auch einen unverkennbaren Stil, der in sehr verschiedenen Gattungen und Genres zur Anwendung kommt. Hier ist ein Versuch einer sehr kurzen Charakterisierung seines Oeuvres:

Seine Literatur ist geprägt von der Lust am Wort- und Sprachspiel, von der Variation des Tons und der Sprechweisen. Seine Literatur ist außerdem extrovertiert, wendet sich direkt an den Lesenden und enthält auch in der Prosa immer eine Spur von einem dialogischen Prinzip, das Kontakt hält mit den Lesenden und deren Lebenswelt.
Die häufigsten Themen sind denn auch Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse, das Soziale und das Politische, eine Art von Auseinandersetzung, die nicht im Elfenbeinturm stattfindet und die – das finde ich bei den gegenwärtigen Trends bemerkenswert, – nicht den Autor selbst und seine Befindlichkeit zum vorzüglichen Thema seiner Literatur macht, sondern den Blick nach außen richtet und der Bewertung einer eigenen Wahrnehmung vertraut. Und deshalb mag für Antonio Fian das gelten, was Benjamin über Kraus geschrieben hat: „der Gegenstand wuchs ihm unter den Händen“. Die Assoziation kommt, denke ich, nicht von ungefähr, denn vieles aus Fians Werk steht in der Österreichischen, Krausschen Tradition der Ironie.
Antonio Fian kennt man als Autor, der schon einmal als streitbar und doch auch als still bezeichnet wurde, als einen, dessen Kritik nuanciert, meist in Literatur und Metapher verpackt daherkommt, der Stellung bezieht, ohne zu polemisieren und lieber Umwege geht als unzulässig zu vereinfachen.
Vor allem ist er ein Meister der kurzen Formen, die in wenigen Sätzen viel sagen. In den Erzählungen sind mitunter kafkaeske Angst und Horror-Szenarien verhandelt, Einsamkeit und Entsetzen. Der Blick für das Wesentliche ist dabei ein hilfreiches Scharnier um vertraute Wunschvorstellungen auszuhebeln. Zu meinen Lieblingserzählbänden gehört deshalb der Band Einöde. Draußen, Tag.
Seine Gedichte sind mir ebenso lieb. Sie behandeln deutlicher als die anderen Texte die Bereiche des Privaten. Und auch hier trifft man auf Formenreichtum. Vom Sonett bis zum Laut- und dem graphischen Gedicht reicht das Repertoire. Im Gegensatz dazu stehen die Hörspiele, insbesondere die, die er zusammen mit Werner Kofler verfasst hat, im Zeichen des lauten Zynismus. Es dominiert das Sprachspiel, das Autoreferentielle, das „bis zur Kenntlichkeit verzerren“. Verbrechen, Psychiatrie und Rassismus sind hier die großen Themen die in ihrem metadiskursiven Rahmen keine Fluchtmöglichkeit in falsche Verklärung gewähren.

In seinen Aufsätzen beweist Fian einen besonderen Blick für Phänomene, die von der Literaturkritik bisweilen übersehen werden. Er bringt uns zu Bewusstsein, welche Rolle der Schriftsteller im Diskurs ausübt und fügt sich gleichzeitig in diese Rolle ein. Es gibt ein Sehen nach dem Blick betitelt sich ein Aufsatzband und an dieser Maxime scheinen mir die Texte gemessen zu sein. Bezeichnenderweise ist der titelgebende Aufsatz selbst eine Überschreitung der Gattungsgrenzen, er spaziert leichtfüßig ins dramatisch-visuelle. Das ist oft zu beobachten und herausragendes Kennzeichen von Fians Literatur insbesondere der Gattung, der er zu besonderer Popularität verholfen hat.
Mit der Erfindung des Dramoletts ist ihm etwas Besonderes gelungen. Hier wandelt man zwischen den Kunstformen und fühlt sich doch nicht fremd. Das Dramolett scheint eine Brücke zu bauen zwischen dem Theater und der bildenden Kunst mit den Mitteln der Literatur. Wenn ich das kurz erklären dürfte: Auftritt und Dialog erwecken eine dynamische Erzählsituation, die sich in einem weiteren Schritt in ein Still, ein Bild verwandelt. Mit Ausnahme von Wolfgang Bauer, dessen Mikrodramen mit den Dramoletten zwar nicht vergleichbar sind aber eben doch auch zu den Minidramen gezählt werden, hat es meines Wissens niemand im deutschsprachigen Raum unternommen diese kurze Form so weit auszuarbeiten, dass sie all diese Möglichkeiten entwickelt. Lassen Sie mich als Beispiel nur eine Serie herausgreifen, die das illustriert:
Wenn die beiden in die Jahre gekommenen Nachwuchsvolleyballer, der kunstsinnige namenlose Sportler und sein Freund Imme an den Ufern des Wörtersees stehen, noch dazu am Steg des Strandbads zur Unzeit, so scheint ihr Dialog in ein Bild gegossen, das von Caspar David Friedrich stammen könnte. Man könnte den Titel „zwei Männer in Betrachtung des Wörtersees“ wählen. Wir stehen als Lesende gemeinsam mit diesen beiden ein wenig tragischen Figuren vor diesem Panorama. Das Wort „valossen“ bleibt unhörbar und steht auch nicht geschrieben. Fians Verdienst ist es hier allen Nicht-Kärntnern wie mir mit diesen Texten ein Fenster zum Mysterium der Kärntner Melancholie zu öffnen: Das Zaudern, das im Widerspruch zum Sportland steht, das Panoramatische, das vor der kleinen Tragikomödie verschwimmt, die Assoziation mit dem großen, wortreichen Immanuel und die minimalsprachliche Geste seines Kärntner Namensträgers.
Mir scheint, dass Fian in der Art wie er diese Form der Komik erzeugt dem amerikanischen Cartoonisten Gary Larson nahesteht, handelt es sich doch um eine Komik, die oft von der Setzung eines einzigen Details abhängt, davon, dass, wie im erwähnten Beispiel innerhalb einer großen Szene, die aneinander reibenden Gegensätze nur diskret angedeutet werden dürfen um Wirkung zu entfalten. Das ist eine große Kunst, wenn sie gelingt.
Wir erleben in Antonio Fians Werk die Entfaltung der Satire und des literarischen Zynismus, von dem Albert Drach bekanntlich gesagt hat, dass er ein Anwendungsfall der Ironie sei. Mit diesen Mitteln ist die Aufmerksamkeit auf das Alltägliche und das darin einbrechende Politische gerichtet, der Blick auf das Wesentliche im gesellschaftlichen und politischen Handeln. Auch wenn das dem Autor vielleicht jetzt nicht gefallen wird: Ich empfinde Antonio Fians Texte als Kommentar zur Wirklichkeit und Unterstützung bei der Wahrnehmung derselben. Er tut damit das, was von Schriftstellern oft geradezu gefordert wird und er macht es gut. Vielen Dank und herzliche Gratulation zu diesem Preis.“

© Mag. Dr. Elmar Lenhart, Kärntner Literaturarchiv am 15. Dezember 2016 in Ossiach zur Preisverleihung.

Ich danke den Autor für die Erlaubnis die Laudatio als Gastbeitrag veröffentlichen zu dürfen.

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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„Alles, was ich in mir vorgefunden habe…“ – Das blaue Dingsda – Literaturminiaturen von Engelbert Obernosterer

„In dieses Buch habe ich alles hineingerettet, was ich an Einsichten, Ehrlichkeit, Gründlichkeit und Unerschrockenheit in mir vorgefunden habe. Nun ist das Projekt abgeschlossen und liegt in Form von bedrucktem Papier ruhig auf dem Tisch. Schon deswegen, weil, was einmal unfassbar war, hier fassbar geworden ist, ist es ein gutes Buch. Darüber hinaus verdient es auch deswegen gut genannt zu werden, weil das in Auflösung Begriffene hier noch einmal zum Stillstand gezwungen ist.“ Mit diesen seinen eigenen (Schluss)Worten begründet der Kärntner Schriftsteller Engelbert Obernosterer den neu vorgelegten Band mit Miniaturen DAS BLAUE DINGSDA (2016 Kitab-Verlag Klagenfurt).
Auf 153 Seiten führt uns Obernosterer, der Ende Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, in vielen kleinen Episoden in das Reich seiner Erzählkunst und lässt den Leser an seiner Gailtaler Welt teilhaben. Zwei Jahre hat er an diesem Manuskript gearbeitet und meint resümierend zu seinem Werk: „Wohl kaum zu erwarten, dass in Hinkunft noch einmal etwas Neues in mich eindringen wird. Von den häuslichen Obliegenheiten nach ihren Erfordernissen von einem Gegenstand zum anderen geschoben, spüre ich: Es ist nichts als nackte Zeit, was da an die Stelle des Schreibens tritt, nichts als Sekunden und Minuten!“ (S 151)
Der Leserschaft treten kurze Texte, Einfälle, Gedanken, Anmerkungen, Kurzgeschichten, Anekdoten in diesem Buch entgegen, lebhaft und mit viel Humor beschrieben. Die kleinen Dinge des Lebens sind da im „blauen Dingsda“ verewigt, die sich still verhalten und kaum zu bewegen scheinen, die aber genaue Beobachtungen und Regungen der Mitmenschen, der Umgebung, des Alltäglichen, Gedanken aus der Kindheit widerspiegeln. Einmal aus der Perspektive des Ich-Erzählers, einmal aus der Sicht des beobachtenden Allwissenden. Das Dörfliche, die Gegensätze der Charaktere, unvermutete Wendungen und die Liebe zum Unaufgeregten machen diese Erzählungen interessant.
„Hier, wo früher einmal der Dorfbrunnen gestanden ist und daneben ein paar Sitzgelegenheiten aus ungefügen Lärchenstämmen vor sich hingemodert haben, hätte laut einem Wahlversprechen der stimmenstärksten Partei eine neue Sitzgruppe aus massiven Lärchenholz aufgestellt werden sollen, natürlich nur für den Fall, dass sie den Bürgermeistersessel erringt….“ (S 37)
Die Lebensformen aus der unmittelbaren Umgebung des Schriftstellers im Gailtal werden reflektiert und zu literarischen Betrachtungen verarbeitet. Nicht zum ersten Mal setzt Obernosterer so seiner Heimat ein Denkmal, macht nachdenklich, neugierig und lässt oft ein Schmunzeln aufsteigen.
„Bei meiner Ankunft auf der Welt in einer vor Aufregung überhitzen Bauernstube, wie ich mir vorstelle, sträubte ich mich gegen alles, was da war. Ungut fühlte es sich an, rau, einmal zu heiß, dann wieder zu kalt. Ich plärrte aus vollem Hals. Die Welt entsprach nicht meinen Bedürfnissen. Ich wollte sie anders haben, freundlicher, mir gänzlich zugetan….“ (S 35)

Der Schriftsteller selbst betrachtet diesen Band als sein letztes Werk: „Das Ordnen gelingt mir nicht mehr wie früher; einzelne Texte wollen sich nicht fügen, machen Anstalten, ihrer eigenen Wege zu gehen, reißen aus, verabschieden sich und das ohne jede Manier! Das hätten sie früher nicht gewagt! Die letzten rufen mir zurück: War nett, Sie kennengelernt zu haben, Herr Obernosterer! Dann höre ich nur noch ihr sarkastisches Gelächter im Wald. „ (S 5)

Und wahrlich: nach dem Lesen der Lektüre hat man das Gefühl, Engelbert Obernosterer ein Stückchen näher kennengelernt zu haben! Mit seiner Akribie, Detailverliebtheit, mit seinem Humor und seiner Ironie. Ein Stückchen Gailtal, ein Abbild Kärntens an den steilen Berghängen gelegen. Wir sind für die Einblicke in seine Erinnerungen und die Schilderung seiner Umgebung sehr dankbar, weil es uns so vorkommt, als könnten wir so ein Stückchen Weg gemeinsam gehen!

Prof. h.c. Engelbert Obernosterer
Er wurde am 28.12. 1936 als jüngstes von sieben Kindern eines Bergbauern in Sankt Lorenzen im Lesachtal in Kärnten geboren. Er besuchte das konfessionelle Gymnasium Tanzenberg bei Klagenfurt (Internat). Nach dem Studium der Germanistik und Geschichte in Wien arbeitete er ab 1965 als Volks- und Hauptschullehrer, ab 1975 AHS-Kunsterzieher in Hermagor im Gailtal.
1974 erhielt er den Förderungspreis des Landes Kärnten für Literatur, 1977 das österreichische Staatsstipendium für Literatur.
1975 erschien sein Heimatroman „Ortsbestimmung“ (Wien-München), 1980 die Kurzgeschichten „Der senkrechte Kilometer“ enthalten „Studien zum Landleben“ – die sich kritisch mit den Begleiterscheinungen des Fremdenverkehrs auseinandersetzen und auch in Filmszenen umgesetzt wurden -, 1988 „Am Zaun der Welt“, 1990 der Roman „Die Bewirtschaftung des Herrn R.“ und 1993 der Roman „Verlandungen“.
In die Kategorie der satirisch-kritischen Heimatliteratur fällt auch das Buch „Vom Ende der Steinhocker“ (1998) sowie „Grün. Eine Verstrickung“ (2001).
Die Werk-Ausgabe im kitab-Verlag in Klagenfurt begann mit der Miniaturensammlung „Die Mäher und die Grasausreißer“ (2002) und „Bodenproben“ (2003). 2004 veröffentlichte er das Theaterstück „Paolo Santonino“, das in Dellach im Gailtal uraufgeführt wurde. 2005 setzte er seiner Heimat in seinem Buch „Mythos Lesachtal“ ein Denkmal. Danach folgten noch viele Werke im kitab-Verlag.
Zuletzt: 2015 „Der Kampf der Engel“ und „Das grüne Brett vor meinem Kopf“

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Engelbert Obernosterer
Das blaue Dingsda
Miniaturen
Cover: Mag. Herbert Brunner
155 Seiten
kitab-Verlag Klagenfurt-Wien 2016
ISBN 978-3-902878-75-5

http://www.kitab-verlag.com/webshop/pg3.html

https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=108373436

Ich danke Engelbert Obernosterer für die Zurverfügungstellung des Rezensionsexemplars.

Alle Fotos © Gabriele Russwurm-Biro

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„Weihnachtswunderkerzenschein“ im Schloss Krastowitz – eine kleine feine Adventlesung mit Miniaturen und Lyrik

MKT und Freunde luden zur Advent- und Weihnachts-Lesung ins Schloss Krastowitz bei Klagenfurt. MKT steht für Marlies Karner-Taxer, die zusammen mit befreundeten Autoren und Autorinnen einen besinnlichen, aber auch fröhlichen Abend gestaltete.

Advent, die stillste Zeit im Jahr?
Bei dieser Lesung kam das Geruhsame, Leise und Feine zur Geltung. Aber auch das Schräge, Ungewohnte, Aufrüttelnde, Sozialkritische. Folgende Kärntner Autor*innen lasen Miniaturen und kurze Gedichte zum Thema Weihnachten:

Gerhard BENIGNI, Gertraud HOLZFEIND, Marlies KARNER-TAXER, Anna Maria LIPPITZ, Gabriele RUSSWURM-BIRÓ, Hannes WENDTLANDT. Die musikalische Umrahmung des Abends gestaltete CHL (Christian Lehner) Gesang, Gitarre – diesmal solo.

http://kultur-arbeiter.at/?page_id=8

Anna Maria Lippitz
Sie trug sensibel gestaltete Gedichte vor. Sie wurde 1969 in Griffen/Kärnten geboren und ist Absolventin der Landwirtschaftlichen Fachschule Eberndorf,
geprüfte Beraterin für Effektive Mikroorganismen. Sie absolvierte die Ausbildung in Familiensystemdiagnostik bei Annegret Braun Meera, Mentorin für Frauen, und ist Regionsbetreuerin Wolfsberg im Tauschkreis Kärnten.
Außerdem zählt sie zu den Gründungsmitgliedern der „Kärntner Schreiberlinge“ im Jahr 2013.
Sie schreibt vorwiegend Lyrik in Hochsprache und Kärntner Mundart, 2013 Besuch einer Schreibwerkstatt bei Anita Arneitz .
Erste Veröffentlichung 1986 bei der Ausstellung „Jungendliche Talente“ in Griffen . Veröffentlichung in Anthologien des Katholischen Schriftstellerverbandes und des Novum Verlages „text cocktail mix 2016“ Sommer-Anthologie, ISBN: 978-3-99048-651-1

http://www.novumverlag.com/buecher/belletristik/sonstiges-allerlei/text-cocktail-mix-2016.html


Textprobe (aus text cocktail mix 2016, Seite 236)

„Abgründe?
Irre wirre ich mich durch das Wirrwarr, das sich dennoch nach meinem Leben anfühlt. Entwirre ich es gerade oder verwirrt es mich noch mehr? Planlos lebe ich in den Tag hinein, in die Nacht. Mir im Genicke das Wissen – das GE-Wissen – das eh – schon wissen – die Probleme macht…..“ (© Anna Maria Lippitz)

Gertraud Holzfeind
Schon als Kind hat sie alles verschlungen, was ihr an Lesestoff unterkam: Von Reader’s Digest über Karl May, von Shakespeare bis Raimund. Mit 15 entdeckte sie Hermann Hesse, Thomas Mann und Bert Brecht – sie waren eine Offenbarung.
Ihre ersten Gedichte schrieb sie an ihre erste große Liebe, fein säuberlich getippt und gebunden. Vor wenigen Jahren erfuhr sie, dass er sie immer noch hat.
Regelmäßig zu schreiben begann sie erst vor einigen Jahren, seit neben dem Beruf nicht mehr Familie und Haushalt ihr Leben bestimmen, sondern ihre Freizeit wieder zunehmend ihr gehört.

Marlies Karner-Taxer
Das Schreiben begleitet sie schon sehr lange durch ihr Leben. Bereits in jungen Jahren hat es ihr unglaublich viel Spaß gemacht, ihre Fantasien zu Papier zu bringen. Nachdem das Schreiben bei Kärntner Printmedien zehn Jahre lang ihr Brotberuf war hatte sie begonnen, intensiv literarisch zu schreiben. Sie probiert alles aus: Von Lyrik über Krimis, von Märchen über
Weihnachtsgeschichten, vom Text für ein Kärntnerlied zu Kurzgeschichten mit Tiefgang. Heute ist sie bei pointierten und sozialkritischen Prosa- und Lyrik-Texten angelangt. Besonders humorige Beziehungsgeschichten aus Kärnten mag sie sehr. Für einen Kärntner Historienoman steckt sie mitten in den Recherchen.
An diesem Adventleseabend trug sie eine autobiografische Kurzgeschichte vor „Papas Akkordeon“ und eine Geschichte zum Schmunzeln…..

Gemeinsam mit Karin Ch. Taferner hatte sie die Idee, die Schreibgruppe der „Kärntner Schreiberlinge“ zu gründen, bei dem sich 12 Autor*innen alle 14 Tage zum aktiven Schreiben treffen und einander wertschätzendes Feedback geben.
Beim ÖBB-Schreibwettbewerb „LiteraTour am Zug 2014“ erreichte sie unter 180 Autor*innen den beachtlichen 16. Platz. Ihre humorige Kurzgeschichte über eine Zugfahrt ist in der ÖBB-Anthologie im Oktober 2014 erschienen und an jedem Bahnhof in Österreich erhältlich.
Seit 2016 ist sie Generalsekretärin des Kärntner SchriftstellerInnen-Verbandes und organisiert Lesungen und Literaturveranstaltungen.

Gabriele Russwurm-Biro
http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/gabriele-russwurm-biro/
Ich las eine Weihnachtsgeschichte mit Sozialkritik. Armut und Sorge in einer hellerleuchteten Weihnachtswunder-Kitsch-Welt des Konsums.
„Sorge tragen.
Mit einer kindlichen Freude verließ sie ihre Wohnung, als es am späten Vormittag zu schneien begonnen hatte – Bewegung erwärmt, durchblutet, hebt die Laune… heute ist Heiliger Abend.
Sie ging mit dem Gefühl, vielleicht nicht wieder nachhause zu kommen. Das dachte sie sich in letzter Zeit immer öfter: nicht mehr nachhause kommen. Das war ein erlösender Gedanke, der Enge zu entfliehen. Das hatte sie sich als Kind oft gewünscht, erhofft: einmal nicht mehr nachhause kommen müssen… Aber wo sollte sie Unterschlupf finden? Sie konnte nicht ständig durch die Straßen laufen. Sie war immer auf der Suche. Sie bummelte so dahin, ging von Geschäft zu Geschäft und betrachtete die luxusschweren Dekorationen, die vielen, vielen vorbereiteten Geschenke, und summte mit der Weihnachtsmusik aus den Lautsprechern mit. Wie lange konnte sie so träumen? Wann sperrten die Geschäfte? Alle wollten Weihnachten feiern. Jeder strebte nachhause, nur sie nicht….“ (© Gabriele Russwurm-Biro).

Hannes Wendtlandt
Er wurde in Wels/OÖ geboren und ist in Klosterneuburg/NÖ und Wien aufgewachsen. Er lebt (mit Unterbrechungen) seit 1978 in Klagenfurt. Erste literarische Gehversuche als Gymnasiast (ua. Aufführung eines Stückes im Rahmen der Jugendtheaterwoche in Klagenfurt, Förderungspreisträger Ebentaler Literaturpreis). Er studierte Germanistik, Anglistik und PPP. Er engagiert sich als Mitglied in mehreren Bands, als Kunsthandwerker, freier Journalist, Autor, Werbetexter, Übersetzer, Songwriter und vieles mehr.
Publikationen in mehreren Anthologien und Literaturzeitschriften,
zwei Lyrikbände:
„Ich hab’s der Parkbank anvertraut“ (ISBN-13: 978-3735793829). Dieser Band bietet einen kleinen, bunten Querschnitt durch Hannes Wendtlandts feinfühlige Lyrik aus mehr als 30 Schaffensjahren. Die Gedichte erzählen von den Höhen und Niederungen des Lebens, sind heiter und nachdenklich. Seine Gedichte punkten durch Authentizität und Unmittelbarkeit.

https://www.amazon.de/Ich-habs-Parkbank-anvertraut-Jahrzehnten/dp/3735793827
Und: „Auf hartem Land“ (ISBN-13: 978-3734768989).
http://www.mitgiftler.at/de/publikationen/auf-hartem-land
Daraus las er bei der Weihnachtslesung im Schloss Krastowitz folgendes Gedicht:

Auf hartem Land

Ich bestelle mein Feld
Auf Boden, der nichts trägt.
Auf hartem Land.
Ich nähre mich von Hoffnung,
Sie ist das Brot des Herzens.

Ich säe mein Lächeln
Auf steinernen, kargen Grund.
Auf hartes Land.
Doch wenn es aufgeht und gedeiht,
werde ich satt ernten.

Meine Liebe ist eine reife Frucht,
Gepflückt will sie nun werden.
Bevor sie fällt
Und vergeht.
Auf hartem Land.

(© Hannes Wendtlandt)

Den humorigen Abschluss des Abends gestaltete der Villacher Autor Gerhard Benigni mit einer seiner prägnanten Weihnachtskurzgeschichten:
Gerhard Benigni
Er wurde 1973 in Villach geboren und lebt, arbeitet und schreibt auch heute noch dort. Zahlreiche seiner Texte wurden bereits in namhaften Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Seine erste Sammlung von Kurzgeschichten „Fertigteilparkettboden. Im Niedrigenergiereihenhaus.“ (Malandro-Verlag Klagenfurt) ist Anfang 2015 erschienen, sein zweites Buch „Der Usambaraveilchenstreichler auf dem Weg zum Südpol“ erschien im April 2016 bei SchriftStella/ Villach. Mittlerweile verfügt Benigini über eine große Fangemeinde und tritt bei vielen Lesungen vor sein Publikum.
Zur Adventlesung las Benigni seinen prämierten Text: „Wunschzettelwirtschaft. Im Weihnachtswunderkerzenschein.“ Für diese weihnachtliche Kurzgeschichte mit vielen Pointen und Wortspielen erhielt er im September 2016 den zweiten Platz des Schreibwettbewerbs des Magazins „buchjournal.de“ (in der Ausgabe buchjournal fünf 2016 wurde der Text abgedruckt.)
Hier zum Nachlesen:
http://www.buchjournal.de/1234517/

http://www.gerhardbenignialleineistdochvielzukurzalshomepagename.at/

Gruppenfoto: von links: Gerhard Benigni, Anna Maria Lippitz, Hannes Wendtlandt, Gertraud Holzfeind, Gabriele Russwurm-Biró, CHL Christian Lehner; Marlies Karner-Taxer, vorne

Foto© Robert Madrian/KK

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Lyrische Sprachkonstruktionen führten zum Sieg – 9. Kärntner Lyrikpreis an Monika Grill verliehen

„Ich habe erst jetzt so richtig realisiert, dass wirklich ich diese tolle Auszeichnung erhalten
habe!“, erklärte freudig die Autorin Monika Grill, als ihr feierlich im ORF-Theater im Rahmen des Literaturfestes der „Kärntner Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt Gruppe“ überreicht wurde. Für die in Viktring/ Klagenfurt lebende Autorin bedeutet dieser mit 4.000 Euro dotierte Preis „einen enormen Ansporn für weitere lyrische Sprachkreationen“.
„Man muss eben ein wenig ver- rückt sein, um Schriftstellerin zu werden, abseits der üblichen
Wege und Normen.“ Die gelernte Therapeutin, die über 30 Jahre in den Vereinigten
Staaten lebte, trat dort mit der Poetryszene in regen Kontakt. Sie experimentiert daher gerne mit Wörtern und Versformen.

http://www.monikagrill.com/

Blog-Preis-Layrik-Porträt

Messerscharf
auf dem weg nach süden
immer wieder
die scharfe klinge
der züge
immer wieder
zwei fronten
in erde und staub
vernarbt
immer wieder
grünumschlungen
träume von
fischen
treibholz
segelbooten nach trieste
guiseppe zigaina
der auf alten müllhalden
die knochen
der hunde und katzen
zu brennenden buchstaben
fügt
das alphabet der lagune von grado schilfgrün
meeresblau
möwenweiß (© Monika Grill)

Über den mit 1.500 Euro dotierten zweiten Platz freute sich die in Wien und Berlin lebende Ferlacher Künstlerin Barbara Juch (Jahrgang 1988).
Der dritte Platz (800 Euro) ging an den ebenfalls in Wien beheimateten Klagenfurter Mag.
Wolfgang Oertl (Jahrgang 1962). Er unterrichtet an der Graphischen Bundeslehranstalt.
Einige seiner Schüler waren überraschend aus Wien angereist, damit sie „ihrem“
Professor vor Ort gratulieren konnten. Platz vier (500 Euro der PosterService GmbH,
PSG) ging an die Klagenfurter Marketingleiterin Mag. Sonja Steger.
Platz fünf (500 Euro der KEG) konnte die in Wien lebende Kärntner Übersetzerin Mag. Susanne Müller-Posch, Leiterin der Literaturwerkstätte für Kinder und Jugendliche in der Bundeshauptstadt, für sich entscheiden. Über Platz sechs (300 Euro) freute sich der slowenische Dichter und Redakteur Vincenc Gotthardt aus Klagenfurt. Für ihn war der Preis eine echte Überraschung. Sein jüngerer Bruder hatte heimlich für ihn die Gedichte eingesandt.
Diese sechs Preisträger trugen Gedichte aus den eingesandten Werken vor.

Anerkennungspreise erhielten: Dr. Miriam Auer aus Arnoldstein, Dr. Bianca Kos aus
Klagenfurt, die in Salzburg lebende Kärntnerin Mag. Elke Laznia, der Klagenfurter Mag.
Arnulf Ploder, der in Wien arbeitende Kärntner Mag. Dr. Walter Pobaschnig und der
ebenfalls in der Bundeshauptstadt lebende gebürtige Spittaler Musiker Walter Pucher.
Die Jury zeichnete auch zwei renommierte Kärntner Schriftsteller für ihr Lebenswerk aus:
Der renommierte Schriftsteller Univ. Prof. Dr. Alois Brandstetter erhielt den mit 3.000 Euro dotierten Preis des Landes Kärnten. Brandstetter bedankte sich mit einer pointierten Rede:

Blog-Preis-Bild-1

Applaus oder:
Wir leben im Zeitalter des Kritizismus
„Aus gegebenem Anlass“ einige Überlegungen zum Beifall, auf den Künstler „wie auf das tägliche Brot“ angewiesen sind. Der Beifall, die Zustimmung und der „Zuspruch“ äußern sich bei den reproduzierenden Künstlern, den Schauspielern etwa, im Applaus nach der Vorstellung, jenem Lärm, der der Etymologie des Wortes entsprechend, durch Händeklatschen erzeugt wird (lat. applaudo applausi.) Die Theaterleute zählen die sogenannten „Vorhänge“, die durch „stürmischen“, „frenetischen“ und „anhaltenden“, „nicht enden wollenden“ Applaus des Publikums erzwungen werden. „Appläuse“ heißt der entsprechende ironische Plural… Der „enden wollende Applaus“, der bezeichnender Weise auch „ Achtungsapplaus“ oder „Anstandsapplaus“ genannte Beifall, der „wohlwollende“, der „höfliche“, oder gar der gänzlich ausbleibende, schmerzt und beleidigt den Mimen, bereitet ihm Kummer. Und weil, mit Nietzsche gesprochen, alle Lust Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit will, kann als Erschwernis und besondere Bosheit des Schicksals der Komödianten gelten: „Und ihren Ruhm bewahrt kein dauernd Werk. Schwer ist die Kunst, vergänglich ist ihr Preis. Die Nachwelt flicht dem Mimen keine Kränze. Drum muss er geizen…“ (Schiller, Wallensteins Lager). Schwieriger als Ruhm ist also Nachruhm zu erreichen… Jeder Beifall ebbt einmal ab und verstummt…Hinterlässt allenfalls Spuren in Zeitungarchiven…Es bleibt bestenfalls eine blasse Erinnerung an Ruhmestaten… Dem entspricht der sprichwörtlich gewordene melancholische Seufzer des Schauspielers im Altersheim: Mich hätten sie sehen sollen! Man kann davon ausgehen, daß ein Künstler, nicht nur ein Schauspieler, jeder Künstler, Maler, Schriftsteller, Musiker, Filmemacher sich selbst belügt, wenn er sich als immun gegenüber Beifall behauptet. Robert Jungbluth sei applaudiert, er hat das Vorhangverbot des Burgtheaters aufgehoben…Manchen ist notfalls auch „Beifall aus der falschen Ecke“ nicht unwillkommen. Angeblich gibt es auch gedungene Claqueure…Manche haben sogar eine sogenannte Fangemeinde…Der Beifallverächter, der Anerkennungsmuffel soll bei Sigmund Freud nachlesen: Der Anerkennungstrieb ist stärker als der Geschlechtstrieb. Und der ist schon schwer genug zu unterdrücken! Wer wie weiland Klaus Kinski („Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“, Erinnerungen) mit seiner Libido protzt, befriedigt, „selbstbefriedigt“ also simultan beide Triebe… Freilich, auch die Bescheidenheit ist nicht unverdächtig: Johann Wolfgang von Goethe: „Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat“ (aus einem Gedicht „Rechenschaft“)… „Erfolg ist keine Kategorie vor Gott“, heißt es bei Georges Bernanos. Das tröstet aber nur die kleine Gemeinde der Frommen. Die Frömmigkeit in der Kunst ist immer in Gefahr zu Frömmelei zu verkommen…
Die schreibende Zunft, die Schriftsteller sind erpicht auf potente Verlage, auf gute Besprechungen in renommierten Medien, auf hohe Auflagen und auf Spitzenplätze auf Bestsellerlisten, und , was uns heute zusammengeführt hat, auf Preise…Es gibt freilich unter den Schriftstellern eine merkwürdige Aversion gegen Preisverleihungsfeiern. Die Überreichung des Preises ist für Schriftsteller oft eine schwer zu nehmende Hürde…Josef Winkler wollte sich nicht vom damaligen Landeshauptmann von Kärnten dekorieren und mit ihm fotografieren lassen…Der Maler und Objektkünstler Cornelius Kolig hat den Kulturpreis des Landes Kärnten im Jahr 2006 nicht aus den Händen des Landeshauptmannes entgegennehmen wollen und einen eigens für die Verleihung konstruierten Apparat, eine Prothese oder Greifzange eingesetzt, um den 15.000-Euro-Scheck zu übernehmen… Elfriede Jelinek hat ihr Fernbleiben in Stockholm mit ihrer Neurose begründet. Gerade ist ja wieder von einem die Rede, der sich den Nobelpreis beim schwedischen König nicht abholen will… Vielleicht kommt die Aversion gegen Preisverleihungsfeiern auch daher, dass sich bei diesen Veranstaltungen die Vertreter jener Institute, die das Preisgeld stiften, und die Juroren, ausgiebig mitfeiern lassen… Nicht unterschätzen soll man auch die Missgunst und den Neid der „Mitbewerber“…Es gibt einen Text von Franz Kafka, den man allen Missgünstigen, aber auch allen stolzen Preisträgern vorlesen und unterschreiben lassen sollte: Zum Nachdenken für Herrenreiter.
Es ist im digitalen Zeitalter, in dem wir leben, so leicht geworden und man könnte auch sagen so verführerisch, Beifall oder Missfallen zu äußern. Wir leben im Zeitalter des Kritizismus. Alles wird bewertet, mit 4 oder 5 Hauben für Restaurants, Sterne für Hotels oder Plus- und Minuspunkte für Filme…Es wird weniger seriös kritisiert als oberflächlich „bekrittelt“… Die Zahlen der Aufrufe zu Beiträgen auf Youtube oder Sites werden automatisch registriert und ergeben eine Art permanenter Volksabstimmung wie auch die Quoten des Fernsehens… Es gibt einen Button LIKE, einen anderen GEFÄLLT MIR und es gibt den Smiley, der einem schmeichelt, und es gibt die leicht zu bewerkstellende Meinungskundgabe durch Postings und Kommentare. Die Hand mit dem Daumen nach unten oder oben ist ein Erbe aus der Antike. So haben die Verantwortlichen bei den Gladiatorenkämpfen im Kolosseum zum Tod verurteilt oder begnadigt…Leserbriefe sind verglichen mit den digitalen Schnellschüssen und lapidaren Invektiven im Internet dagegen geradezu eine ehrwürdige demokratische Institution. Die Leichtigkeit verführt in millionenfachen Fällen zu Leichtfertigkeit, wenn Wutbürger im anonymen Raum des Internet von ihrem gut geheizten Wohnzimmer aus hässliche und eiskalte Botschaften und Kommentare absetzen. Was wir heute erleben und vor uns sehen, hätte sich Kafka nicht träumen lassen, auch George Orwell („1984“), der Prophet der Literatur, hat das jetzt und heute Aktuelle und Mögliche, ja Praktizierte, etwa den Einsatz von Drohnen nicht prognostiziert. Es gibt die Sittenkommission der Metternich-Zeit, die in die Schlafzimmer der Bürger geschaut – und auf Ordnung gesehen hat, nicht mehr, aber die Obrigkeit und die kapitalistische Wirtschaft haben einfachere Möglichkeiten der „Einschau“ und „Überwachung“. Kafkas Parabel „In der Strafkolonie“ wird zu Recht als eine „Ansage“ und visionäre Vorwegnahme der industriellen Brutalitäten der Nazis gerühmt, aber die Grausamkeiten der Jetztzeit in vielen Teilen der Welt übertreffen alles Dagewesene noch womöglich. Apokalypse now. Abgesehen von den brachialen und martialischen Kriegen findet ein Gemetzel, ein Weltkrieg der Wörter, der „Wortgefechte“ in den elektronischen Medien statt. Shitstorms jagen wie Tornados oder Wirbelstürme durch den Äther… Kein Ende, kein Schlusspunkt, kein Friedensschluss in Sicht…“ Dankesrede von © Alois Brandstetter.

Stadträtin Ruth Feistritzer übergab Gerard Kanduth, ehemaliger langjähriger Präsident des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes und Autor mehrerer Lyrikbände, den Preis der Landeshauptstadt in der Höhe von 1.500 Euro.

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Preis der Stadt Klagenfurt 2016: Gerard Kanduth (Laudatio von Katharina Herzmansky)
„Der Preis der Stadt Klagenfurt wird heuer an eine Persönlichkeit verliehen, die sich im literarischen Leben in Kärnten und darüber hinaus, im Alpen-Adria-Raum, in besonderer und vielfacher Weise verdient gemacht hat. Und das in ebenso eindrücklicher und nachdrücklicher wie bescheidener Form. Ihn einen großen Stillen zu nennen, wäre allein nicht zutreffend, dazu hat er sich zu prononciert geäußert, im Gedicht, in der Erzählung, im kultur- und gesellschaftspolitischen Kommentar hat er Stellung bezogen, aber eben nicht sozusagen serienmäßig und sich bei jeder Gelegenheit in den medialen Vordergrund drängend, sondern sparsam, wohl dosiert und daher umso wirkungsvoller.

Gleichwohl er, neben zahlreichen Einzelveröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, fünf Bücher veröffentlicht hat – vier Lyriksammlungen und einen Prosaband – gilt es den Autor Gerard Kanduth vielfach erst zu entdecken, ist in der öffentlichen Wahrnehmung der Richter und langjährige Präsident des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes stärker wahrnehmbar. Das mag nicht zuletzt mit der Verantwortung und dem Gewicht, die solche Ämter mit sich bringen, zu tun haben.

14 Jahre lang, von 2002 bis zum Anfang dieses Jahres war Gerard Kanduth Präsident des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes. Das ist eine lange Zeit, und Gerard Kanduth hat, wie es seiner Wesensart entspricht, seine Energien und Kräfte in die eigentliche, in die inhaltliche und auch mitunter mühevolle, aber notwendige „zwischenmenschliche“ Vereinsarbeit investiert, gute Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen und den Verband nach innen und außen geöffnet. Nicht nur die Zahl der Mitglieder insgesamt ist deutlich angewachsen, der Verein wurde zunehmend weiblicher und jünger. Mit den alternierend veranstalteten Alpen-Adria-Literatursymposium in Gmünd und dem Preis des Kärntner SchriftstellerInnenverbandes für neue Literatur wurden unter der Präsidentschaft Kanduths zudem zwei Veranstaltung ins Leben gerufen, die sich fest im literarischen Leben der Region verankert haben: das Symposium in Gmünd als mehrtägiger Austausch zwischen den Literaturen der Nachbarländer Österreich, Italien und Slowenien, und der Literaturpreis, übrigens erst letzte Woche vergeben, als jenes Seismogramm, das Texte aufstrebender, ästhetisch anspruchsvoll und ernsthaft arbeitender Autorinnen und Autoren ausfindig macht und nicht selten am Beginn einer literarischen Karriere steht. Auch hier gilt: Kontinuität, Beharrlichkeit, Qualität vor Quantität und öffentlich-medialer Inszenierung.
Durch den Alltag und die Arbeit hindurch, durch deren Dickicht und Absurditäten, führt der Weg zu Gerard Kanduths eigenem Schreiben. „im hafen: worte bilden / die kette / meines ankers // ich werfe ihn aus / weil ich / hierbleiben / möchte“ (Entsprechungen, 1999). Es geht auch darum, Ausgleich, Freiraum zu schaffen, für den Blick, die Seele, den Geist und die Gedanken, um so zum Wesentlichen vorzudringen. Dieser Prozess ist spürbar und nachvollziehbar in Gerard Kanduths Texten und nimmt uns Leserinnen und Leser mit zum Kern der Dinge. Führt uns Konzentrate von Wirklichkeit vor Augen, die uns zuweilen verstören, zuweilen gehörig zum Lachen und in jedem Fall zum Nachdenken bringen. „nichts / hilft mir mehr / beim schreiben / als eine graue / wolke / voller schnee“, heißt es in dem Gedicht optimal (Der Wal auf der Festplatte, 2000), und wir spüren förmlich das Durchatmen, das Leerwerden, das notwendig ist, um für neue Gedanken und eine neue Formen Platz zu schaffen.

Bis so reduzierte Gedichte wie das eben gehörte entstehen können, ist es meist ein weiterer Weg. Mit dem Verfassen von Gedichten hat Gerard Kanduth bereits eigentlich als Volksschüler in Kötschach begonnen, als Gymnasiast am Neusprachlichen Gymnasium in Lienz erstellt er mit den ersten erlernten Englischvokabeln bereits experimentelle Texte. Als Gerard Kanduth seine ersten Kurzgeschichten in der Kärntner Volkszeitung und – nota bene – in der Presse veröffentlicht, ist er gerade einmal vierzehn, fünfzehn Jahre alt.

Mitte der 1970er-Jahre schickt er 17-jährig einen surrealistischen Text über eine am Fenster vorbeifliegende Kuh an den Literarischen Arbeitskreis, einen Zirkel, den Alois Brandstetter an der damaligen Universität für Bildungswissenschaften in Klagenfurt ins Leben gerufen hat. Der junge Autor aus dem Oberen Gailtal wird nicht nur zu einer Lesung an die Universität eingeladen, sein Text wird auch in den Schreibarbeiten, der Zeitschrift des Kreises, veröffentlicht! Lektoriert wird er, wie die erhaltene Korrespondenz zeigt, vom damals 22-jährigen Josef Winkler. Man begegnet sich im Leben immer mindestens zweimal, heißt es, schön, dass sich hier Kreise schließen bzw. Wege in dieser Form wieder kreuzen, Alois Brandstetter und Gerard Kanduth heute gemeinsam geehrt werden.

Einer Geschichte über die Militärzeit in Villach, im Vorjahr in einer Anthologie der Reihe Europa erlesen im Wieser-Verlag erschienen, ist zu entnehmen, dass Gerard Kanduth als Präsenzdiener sprachlich-literarische Ambitionen hatte; während des Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Wien tritt die Beschäftigung mit Literatur seiner eigenen Aussage zufolge in den Hintergrund. Vordergründig in den Hintergrund, muss man wohl ergänzen, denn die Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt und Sprache des Rechts sowie die Befassung mit Fragen der Gerechtigkeit sollen für die später wieder aufgenommene literarische Tätigkeit von großer Bedeutung sein.

Es war wiederum Alois Brandstetter, der in einer Besprechung von Gerard Kanduths erstem, 1999 erschienenen Lyrikband Entsprechungen auf den epigrammatischen Charakter der Gedichte hingewiesen hat, auf ihre Nähe zum Sinn- und Spruchgedicht, aber auch zum Haiku. Und Alois Brandstetter hat auch die soziale und humanistische Grundhaltung herausgestrichen. „lass ihn / liegen / sagte sie // vielleicht / hat er / aids“, heißt es in dem Gedicht passanten in Kanduths zweitem Gedichtband Der Wal auf der Festplatte (2000). Knapper und eindrücklicher kann man Stigmatisierung und Ausgrenzung kaum formulieren.

Es wäre schön, an dieser Stelle eine Reihe von Gedichten des Autors zu hören; ich hoffe, Sie haben auch anhand der wenigen Beispiele einen Eindruck gewonnen. Einen Eindruck von der Reduziertheit der Sprache, von der Verbindung von Natur und Geist, von Stadt und Land, wenn man auch will, auch von der eigentümlichen Balance von Schwere und Leichtigkeit, von Behutsamkeit, Sensibilität und Wucht, die diese Texte ausmachen.

Und von dem offenen Ausklang, der mich besonders für die Gedichte einnimmt. Obwohl, wie bereits ausgeführt wurde, die Nähe zum Epigramm, zum Aphorismus – Fabjan Hafner verweist in seinem Vorwort zum Band Vice Versa (2012) darauf – und auch zur Sentenz gegeben ist, bleibt das Urteil letztlich offen, wird die Entscheidung nicht gefällt, führt die Sprache Gerard Kanduths in jene Zwischenräume des menschlichen Lebens, die weder durch Paragraphen noch durch künstliche Intelligenz erfasst und reglementiert werden können.

computerfrage: „soll dieses / schöne gedicht / wirklich / in den papierkorb / verschoben / werden // ja“
word fragt nochmals: „soll dieser gelungene text wirklich / gelöscht werden // ich weiß nicht“

Lieber Gerard, diese Entscheidung sei dir abgenommen und sie lautet eindeutig: Nein! Nicht löschen! Herzliche Gratulation!“ (© Katharina Herzmansky)

Insgesamt wurden Preisgelder in der Höhe von über 12.000 Euro vergeben.
Für die beachtliche musikalische Begleitung sorgte der Klagenfurter Perkussionist und Klangkünstler Klaus Lippitsch.
www.klauslippitsch.com

STW-Vorständin Mag. Sabrina Schütz-Oberländer zeigte sich erfreut, dass auch
heuer wieder über 240 Autorinnen und Autoren in deutscher oder slowenischer Sprache
am Literaturwettbewerb teilgenommen hätten. STW-Vorstand Mag. Clemens
Aigner sprach von „gesellschaftlichen Verpflichtungen der Stadtwerke“, zu denen auch der
„Kärntner Lyrikpreis“ zählt.
Dieser gilt bereits als Fixstern im österreichischen Kulturgeschehen und wurde selbst schon dreimal ausgezeichnet – mit dem Maecenas in Wien und Ossiach. Nächstes Jahr feiert der Preis sein 10-Jahr-Jubiläum.

Die unabhängige Jury bestehend aus: Vorsitzender Dr. Günter Schmidauer, Büchnerpeisträger
Dr. h. c. Josef Winkler, Mag. Katharina Herzmansky, Ilse Gerhardt, Mag. Dr. Richard Götz und STW-Unternehmenssprecher Harald Raffer (ohne Stimmrecht).

Bildtexte:

Gruppenbild mit Siegern (v. l.): Moderator STW-Unternehmenssprecher Dr. Harald Raffer, STW-Vorständin Mag. Sabrina Schütz-Oberländer, Mag. Wolfgang Oertl (3. Platz), die glückliche Siegerin Monika Grill mit ihrer Glas-Trophäe, Barbara Juch (2. Platz) und STW-Vorstand Mag. Clemens Aigner. Der „Kärntner Lyrikpreis der Stadtwerke Klagenfurt Gruppe“ wurde heuer bereits zum neunten Mal verliehen.

Bild 2: Ehrung für sein Lebenswerk: Der Landtagsabgeordnete Mag. Markus Malle (li) überreichte dem Schriftsteller Univ. Prof. Dr. Alois Brandstetter den Ehrenpreis des Landes.

Bild 3: Die Klagenfurter Stadträtin Ruth Feistritzer übergab dem Klagenfurter Dr. Gerard Kanduth (ehemaliger Präsident des Kärntner Schriftstellerverbandes) den Preis der Landeshauptstadt

Fotos © Konitsch/STW KLAGENFURT/ KK
Porträtfoto (c) Hannes Pacheiner/KK

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Mordfall Eisjüngling – ein „Heimatroman“ von A. W. Grill über die Abgründe der Kärntner Seele

Namengebend für diesen Kriminalroman des Kärntner Autors A. W. Grill (2015 erschienen im Malandro-Verlag) ist das wohl bekannteste Klavierwerk des böhmischen Komponisten Antonín Dvořák. Die Humoreske Nr. 7 poco lento e grazioso in Ges-Dur 1894 wird zu den populärsten Klavierstücken überhaupt gezählt.
Der Roman ist bewusst als Humoreske – wie der Titel ausdrückt – angelegt. Ein Heimatroman, der bewusst den herkömmlichen Heimat-Roman dekonstruiert und aus der Masse des Klischeebehafteten angenehm hervortritt. Der in Wien lebende Autor schreibt selbst zur Erklärung in seiner Einleitung des 460 Seiten starken Druckwerks eine treffende Charakteristik:

„Es wurde eine Kriminalroman, weil er (der Verfasser) in einer kriminellen Gesellschaft lebte und lebt, die im Begehen der sieben Hauptsünden ihr Überleben sichert – wo wäre die moderne Marktwirtschaft ohne Habgier, Völlerei, Wollust, Neid, Hochmut, Zorn und Trägheit? Es wurde ein Horrorthriller, weil das eigentlich zum Fürchten ist. Eine Satire, weil der Humor das geistige Überleben sichert. Ein Lebensratgeber. Nicht weil er über das Wissen verfügt, einen Rat zu erteilen, aber weil er darum gebeten hat, dass dieser Roman dem einen oder anderen Leser einen Rat erteilen mag. Ein Katastrophenroman und nicht zuletzt ein Heimatroman.“ (Seite 9)

Die Handlung spielt in einem Dorf im tiefsten Gurktal. Eine kalte Woche im Februar. Ein unbekannter Toter im Wald. Revierinspektorin Ines Weiß von der Mordkommission Klagenfurt ermittelt vor Ort und wird dabei von dem alten Dorfpolizisten Hans Leitner unterstützt. Von „Montag“ bis „Sonntag“ ist das Werk in sieben Kapitel geteilt und diese wiederum durch Zeitangaben in Unterkapitel. Ein Glossar mit der Erklärung der Kärntner Dialektausdrücke hilft dem nicht so sattelfesten oder nicht ansässigen Leser in die nuancenreiche Sprache des südlichsten Bundeslandes von Österreich.
Verschiedene „urkärntner“ Charaktere werden detailgetreu und mit einer Hingabe zum Sarkasmus beschrieben. Die Handlungsebenen sind fein verflochten, die Figuren agieren nachvollziehbar, manchmal überraschend und unvorhersehbar. So wird es nie langweilig auf immerhin 460 Seiten. Zu den schillernden Persönlichkeiten in dieser Humoreske zählen Leitner, Debelak und auch ein mächtiger Landespolitiker, El Haraldo, den man (als Kärntenkenner) unschwer samt seinem parteipolitischen Umfeld entlarven kann.

„Dort traf er auf weitere Bürschchen, dünn wie die Flatscreens vor denen sie saßen, höchstwahrscheinlich außerstande mit Tschechows Kirschgarten irgendetwas anderes zu verbinden als einen Cherry Wodka in Rainers Bar am Monte Carlo Platz in Pörtschach. Dafür goldbraun, wie die in Schmalz herausgebackenen Mäuse seiner Schwiegermutter. Debelak ekelte sich. Das unverschämte Parfüm des Parteisekretärs stieg ihm zu Kopf.“ (Seite 164)

Unbarmherzig seziert A. W. Grill den Kärntner, die Kärntnerin schlechthin bis hin zur Lächerlichkeit. Lacher, Kopfnicken und zumindest Schmunzeln sind dem Autor sicher, sofern die Leserschaft mit Kärntner Gegebenheiten oder der Kärntner Bevölkerung vertraut ist. Große Teile des Buches sind im strengen mittelkärntner Dialekt geschrieben, ein ungewöhnliches Stilmittel, das die Lesbarkeit für Nichtkärntner erschwert, für „Nativspeaker“ aber zum Gaudium macht.
Ursprünglich wollte A. W. Grill den gesamten Roman in der Sprache der Region um Klein St. Veit, Weitensfeld, Gurk verfassen, um der Gegend seiner Kindheit, „dem wilden Gurktal“, ein Denkmal zu setzen. Einer allgemeinen Verständlichkeit geschuldet werden die Dialektdialoge sehr lebendig, aber nicht durchgehend eingesetzt.

„Klein St. Veit kam an diesem Tag groß raus. Die regionalen Medien brachten den Eisjüngling als Aufmacher und auch Restösterreich wurde ausführlich und inbrünstig über den rätselhaften Mord informiert. Die aufgrund fehlender Fakten schreiend inhaltsarmen Berichte schmückten dabei meist zwei Bilder. Eines, das den Wald zeigte, in dem das Opfer gefunden wurde und eines vom Ortskern mit der spätgotischen Kirche im Mittelpunkt. Dieses beschauliche, idyllische, friedliche, romantische Dorf wurde Schauplatz eines brutalen, furchtbaren, grausamen, blutrünstigen, bestialischen Verbrechens.“ (Seite 156)

Bald erkennen die Ermittler, dass ein Verbrechen aus der Vergangenheit aufgeklärt werden muss, um den Mordfall zu lösen. Allmählich verliert das idyllische Dorf die Maske einer Unschuld, die es in Wirklichkeit nie besaß. Alle Untiefen der Kärntner Seele werden von A. W. Grill aufgedeckt und sichtbargemacht, immer mit einer großen Portion Humor und einem Augenzwinkern der Heimat und Herkunft gegenüber.
Besonders Klagenfurt und seine Bevölkerung hat der Autor durchschaut und deckt alle Schwächen und Eitelkeiten auf. Empfehlenswert!

„In Klagenfurt wurde dieser Rausch zum Delirium. Ein Beispiel gefällig? Da baute man auf der Hundewiese nächst dem Strandbad eine Beachvolleyballarena, ließ den Pöbel gratis halbnackte Sandwürmer begaffen, die man aus allen Teilen der Welt einfliegen ließ und erklärte sich kurzerhand zum Mekka des Beachvolleyballs….Beachvolleyball, in der Skala der bekanntesten Sportarten irgendwo zwischen Tontaubenschießen und Fingerhakeln gereiht, wird als Top-Event verkauft, das aufgrund seiner vorgeblich immensen Wichtigkeit natürlich nur in Klagenfurt stattfinden kann. Und von Klagenfurt breitet sich das Virus über das ganze Land aus. In Weitensfeld feiert man ein Literaturfestival deutscher Klassiker, wenn die Karl-May Spiele anstehen und ein Türke in der Rolle des Winnetou durchs wilde Gurktal reitet, in Spittal (an der Drau) wird Hochkultur zelebriert, wenn die Komödienspiele Porcia dreihundertfünfzig Jahre alte Pointen aufwärmen. Von den wirtschaftlichen und politischen Erfolgen ganz zu schweigen. So glauben die Kärntner, insbesondere die Klagenfurter – und nur sie – dass sie die besten Liebhaber sind, den besten Schmäh führen, den meisten Alk vertragen (das könnte eventuell sogar stimmen), die wagemutigsten Politiker haben, den höchsten Lebensstandard genießen… Ist Kärnten – wie gerne von Kärntnern behauptet – die kleine Welt, in der die große Probe hält, kann man nur hoffen, dass möglichst viele Aufführungen abgesagt werden.“ (Seiten 178 – 179)

A. W. Grill

ist Kärntner und lebt derzeit mit seiner Familie in Wien. Grill schrieb Theaterstücke und Drehbücher. Zu seinen Freunden zählte der im Jahr 2000 früh verstorbene Schriftsteller Georg Timber-Trattnig. Seit 2009 schreibt Walter Grill Junior Bücher. Sein Erstlingswerk, das Doku-Drama yamamoto airlines Black Box: die großen Siege, 1996 – 2000 erschien als Sonderbeilage im Online Magazin Transporter.
„Humoreske“ ist sein erster Roman. Ein Heimatroman – wie es sich für einen selbsternannten Heimatdichter ziemt. Derzeit arbeitet er an einem weiteren Roman mit Kärntenbezug..
Da ihn die Kulturgremien der öffentlichen Stellen und privaten Stiftungen bislang nicht mit Subventionen und Preisen überschütteten, arbeitete er u. a. als Matrose, Erntehelfer, Bühnentechniker, Dramaturg, Nachtportier und – worauf er besonders stolz ist – als Eisenbahner bei den ÖBB.

http://www.heimatdichter.org/blank

http://pingeb.org/111-a-w-grill-humoreske-op-101-nr-7/

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A. W. Grill
HuMORESKE
Op. 101 Nr.7
Kriminalroman
Malandro Verlag Klagenfurt 2015
Taschenbuch
460 Seiten
Euro 18,00
ISBN: 978-3-902973-21-4

http://malandro.at/buch/humoreske-op101-nr7

https://www.youtube.com/watch?v=H3dhH5goUyE

© Foto Gabriele Russwurm-Biro

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