Bleiburg ist bereits traditionell im Spätherbst der Mittelpunkt des Literaturgeschehens

Literaturwettbewerb Bleiburg 2017 / literarni natečaj Pliberk 2017

Zum 8. Mal wurde in Bleiburg der zweisprachige Literaturwettbewerb Kärnten wortwörtlich/Koroška v besedi ausgelobt. Seit 2010 bewährt sich diese ambitionierte Kulturinitiative der Stadtgemeinde Bleiburg/Pliberk zur Förderung der Literatur in beiden Kärntner Landessprachen Deutsch und Slowenisch und über die Grenzen hinweg (Slowenien und Deutschland). Eva M. Verhnjak-Pikalo, Initiatorin und Leiterin des Organisationsteams, freut sich über immer mehr Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Auch Autoren und Autorinnen, die nicht aus der Region oder nicht aus Kärnten stammen, reichen vermehrt ein.
Themeneinschränkungen gibt es keine, daher eine Vielzahl von differenzierten Ansätzen und Schilderungen lyrischer Art und als Prosatexte.
Im Rahmen des Tages der Offenen Tür im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk fand am 29. Oktober 2017 um 11 Uhr die feierlich gestaltete Preisverleihung an die Gewinner des Literaturwettbewerbes  statt.
Eine Fachjury hat in einer langen Sitzung anhand der 54 eingereichten Texte eine Bewertung vorgenommen (Vorsitz Lyrik Deutsch Ilse Gerhardt, Obfrau IG Autorinnen Autoren Kärnten, Vorsitz Prosa Deutsch Gabriele Russwurm-Biro, Präsidentin des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband und Vorsitz slowenische Lyrik und Prosa Matija Rihter):

Gewinner/zmagovalci:
 
1. Platz/mesto – Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku – 
Wolfgang Oertl
 
1. Platz/mesto – Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku – 
Stefan Feinig
 

1. Platz/mesto – Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku – 
Ramiz Velagić
 
1. Platz/mesto – Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku – 
Martina Podričnik
 
 
Jurybegründung und Laudatio für Platz 1 Stefan Feinig/ Prosa Deutsch von Jurorin Gabriele Russwurm-Biro:
„Die gefährlichste Störung, an der man heutzutage so leiden kann“, ist es, arbeitslos zu sein.Frustration in einem krankhaften Gesellschaftssystem. Versager sein. Auswegloses Warten im Arbeitsamt. Warten bis man aufgerufen wird – man ist nur eine Nummer im System. Die Nummer 400. Das ist das Thema dieser ausdrucksstarken Milieustudie von Stefan Feinig.
„Das Leben ist Scheiße“, und das merkt man in der Warteschlange. Enttäusche Hoffnungen, das Ringen um einen Job und Geld, um einen Platz in der Gesellschaft.
Man ist nicht allein, trotzdem sind alle Einzelkämpfer, der Ausschuss der Menschheit im Wartesaal des AMS. Stefan Feinig stellt seine bedrückende Schilderung in eine strenge literarische Form und lässt die Zahl 400 zum rhythmisierenden und durch immerwährende Wiederholungen zum bedrohlichen Korsett werden – auch oder gerade im Textbild. Extrem kurze Sätze akzentuieren die losen Handlungsfolgen, Dialogfetzen zwischen Menschen, die alle in der selben verzweifelten Situation im Wartesaal sitzen.
Die Sprache Stefan Feinigs ist bewusst realistisch und milieubezogen gewählt, wird teilweise bedrohlich eingesetzt und bildet aggressiv die verzweifelte Emotionalität und jene bedrückende Realität ab, die sich an Wochentagen von 8 – 13:00 Uhr in jeder AMS Filiale in Österreich zuträgt.
Diese Sprache ist demnach an der Situation gemessen adäquat.
Gefühle wie Hass, Aggression, Neid, Mitleid kommen im Text vor, alle im Kontext der Verzweiflung. Wer von uns das schon erlebt hat, kann mitfühlen, kann bestätigen und bedrückt nicken. Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack.
Als Pflichtlektüre empfohlen für Sozialpolitiker und all jene etablierten Mitmenschen, die meinen, Arbeitslose wären bloß Schmarotzer und arbeitsscheu; und müssten daher aus der Wohlstandsgesellschaft wegrationalisiert werden“.

Nominierte/nominirani:
 
Lyrik Deutsch / lirika v nemškem jeziku:
Sigune Schnabel
Anneliese Merkač-Hauser
Anita Wiegele
 
Prosa Deutsch / proza v nemškem jeziku:
Sieglind Demus
Maria Matheusch
 
Lyrik Slowenisch / lirika v slovenskem jeziku:
Lidija Golc
Štefan Šumah
 
Prosa Slowenisch / proza v slovenskem jeziku:
Anja Mugerli
Milojka B. Komprej

Im Rahmen der Preisverleihung im Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk lasen die GewinnerInnen ihre Texte, begeisterten das zahlreich erschienene Publikum und konnten die Preise entgegennehmen.
V okviru prireditve so nagrajenci/nagrajenke prebrali na prvo mesto uvrščena besedila iz področja lirike ter proze v nemškem ter slovenskem jeziku.
 
Für die musikalische Umrahmung sorgte Arthur Ottowitz auf seiner Mundharmonika.
Z glasbo je Arthur Ottowitz zaokrožil prireditev literarnega natečaja.
 
Moderator Raimund Grilc konnte als Ehrengäste u.a. StR Markus Trampusch sowie Michael Jernej seitens der Raiffeisenbank Bleiburg begrüßen.
Kot častne goste je moderator Raimund Grilc pozdravil mestnega svetnika Markusa Trampuscha ter Michaela Jerneja s strani Raiffeisenbank Bleiburg.
 
Die Beiträge der Sieger und Siegerinnen kann man auf der Website der Stadtgemeinde Bleiburg nachlesen:
http://www.bleiburg.gv.at/kulturundtourismus/literaturwettbewerb.html

Foto der Sieger und Siegerinnen © Katja Podgornik/Stadtgemeinde Beliburg

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Auf einer Reise zu keinem bestimmten Ziel

… und hinter mir mein land
mit Gabriele Russwurm-Biro auf einer Reise zu keinem bestimmten Ziel

Gastbeitrag von Gernot Ragger

Man kann Bücher lesen, um sich in einer Geschichte zu verlieren, man kann Bücher lesen, um Antworten auf Fragen zu bekommen, und man kann Bücher „einfach so“ lesen – keine Erwartungen, keine Enttäuschungen – soweit so gut, aber wer schützt einen vor Überraschungen.
So kann es passieren, dass ein Buch vorerst keine Antworten gibt sondern erst Fragen stellt, und wenn dann ein Buch mit dem Titel „und hinter mir mein land“ vor einem liegt, dann baut sich ein Berg aus Fragen vor einem auf. Was gibt es „davor“, das die Autorin Gabriele Russwurm-Biro dem Leser nicht von Beginn an mitteilen will.
… vielleicht „Vor mir lag diese große Weite und hinter mir mein Land“ …
… oder steht das Land „buchstäblich“ hinter der Autorin und stärkt ihr den Rücken …
… oder lässt sie ihr Land einfach zurück, um sich ganz auf das Davor einzulassen ..
… oder liegt die Betonung vielleicht auf dem Wort „mein“, hebt die Autorin „ihr“ Land aus der Masse vieler Länder hervor …
Doch egal, ob der Titel nun geographische oder zeitliche Bedeutung hat, er öffnet nicht nur ein Buch, sondern eine Welt voller Bücher, wie die Texte die Vielfalt der beschriebenen Zustände und Wahrnehmungen gerecht werden. Jede Seite eine Welt, verbunden mit allen anderen und doch einzigartig.
Und als wäre das noch nicht genug an Erforschungsmaterial stellt Russwurm ihren lyrischen Statements Fotografien an die Seite. Und auch hier stellen die knappen Ausschnitte des großen Lebens erst viele Fragen, bevor sie zu Erklärungen bereit sind. Das Leben in all seinen Facetten – Momentaufnahmen, die über das Daneben, das Davor, das Warum, das Wann, das Wo nur Spekulationen zulassen. Fremdes erscheint einem bekannt, auf den ersten Blick Vertrautes verändert sich zu etwas, das erforscht werden will – Worte saugen einen in den Text, Details fesseln einen ans Motiv. Bild und Text vermischen sich als Dimensionen und Ebenen, fließen ineinander zu etwas erst durch das Lesen und Betrachten entstehenden Neuem.

Manche Bücher geben Antworten und stellen Fragen zugleich, und manchmal erzählen sie dabei auch noch eine Geschichte. Gabriele Russwurm-Biros Buch ist so ein Buch, und kein Titel würde besser dazu passen als der, den sie dem Buch gegeben hat.
Meine persönliche Antwort kann nur für mich allein gültig sein – aber, kann man nicht auf der Suche nach einem neuen „meinem Land“ leicht vom Weg abkommen und sich in einer großen kurvenreichen Wanderung seinem alten „meinem Land“ vom Dahinter nähern. Dann ist das Dahinter plötzlich das Davor – das Gleiche wie das Vergangene, aber doch um so viele Eindrücke angereichert und verändert – und immer noch meins.

© Gernot Ragger

Zum Autor:
https://www.raggernot.net/%C3%BCber-uns/

Zum Buch
https://www.raggernot.net/shop/
https://www.heyn.at/list?cat=HCTB&quick=Russwurm-Biro

© Gabi Russwurm-Biro

Foto und Cover: ©russwurm-photography

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Die SiegerInnen aus dem langen Tal der Kurzgeschichten

Die Preisverleihung des „Mölltaler Geschichten Festivals 2017: Das lange Tal der Kurzgeschichten“ wurde am Freitag, den 6. Oktober 2017, abends im Kultursaal der Marktgemeinde Obervellach von Frau Bürgermeisterin Anita Gössnitzer und dem Obervellacher Chor-Ensemble Mölltonal – unter Leitung von Michaela Steiner – eröffnet.
Im Publikum waren Landeshauptmannstellvertreterin Beate Prettner, Kultur-Landesrat Christian Benger, Nationalratsabgeordneter und mitveranstaltender Bürgermeister Erwin Angerer in Vertretung von Landesrat Darmann, die Bürgermeister Peter Suntinger und Ferdinand Hueter, Peter Rupitsch vom Nationalpark Hohe Tauern in Kärnten, ProMÖLLTAL Obfrau Sabine Seidler, Gebhart Oberbichler von der Kärntner Sparkasse, Maria Tronigger von der Raiffeisenkasse Oberes Mölltal und der ehemaliger Präsident der Kärntner Landarbeiterkammer Josef Winkler .
Sie alle verfolgten gespannt den Ankündigungen der ModeratorInnen des Abends, Gustav Tengg von der Nationalparkmittelschule Winklern, Vizebürgermeisterin Karoline Taurer aus Mühldorf, und Barbara Steiner und Autor Andreas Ulbrich aus Winklern.

Die Mölltaler SchreibADER, ein Mölltaler Stein mit goldenen Adern, wurde den Siegergeschichten, die sich alle um das Thema „Aufbruch“ drehen, in den folgenden Kategorien verliehen:
o Nachwuchsautorinnen-Preis des Nationalparks Hohe Tauern In Kärnten
o Publikumspreis
o Fachjury-Preis der Kärntner Sparkasse
o Mölltaler Preis

Die Gewinnerin des NACHWUCHSAUTORiNNEN PREIS DES NATIONALPARKS HOHE TAUERN IN KÄRNTEN wurde von der Fachjury und dem Publikum bei den Lesungen gewählt und erhielt Ihren Preis und Geschenke aus der Hand des Nationalparkdirektors Peter Rupitsch.
Katharina Galler „DER FEUERSTEIN UND DIE WIRKLICH WICHTIGEN DINGE“ (eine Gruppe Kinder kann einen Drachen befreien)
Weitere großartige Geschichten wurden von Ronja Kerschbaumer, Sophia Radziwon und Anja Suntinger erfunden

Den PUBLIKUMSPREIS der Zuhörer bei den 4 Lesungen gewann
1. Platz: Anna Fercher „EIN STÜCK ERINNERUNG“ (ein Mann gedenkt seiner verstorbenen Frau.)
2. Platz: Constantin Schwab “NACH DEM NEONGELB” (Davon-Laufen wird manchmal zum Hinzu-Laufen.)
3. Platz: Gerhard Pleschberger „I CAN GET NO SATISFACTION“ (über die erotischen Abenteuer einer Rolling Stones Fangruppe)

Der FACHJURY-PREIS DER KÄRNTNER SPARKASSE wurde von der Krimi-Autorin Andrea Nagele, dem Lektor Arnold Klaffenböck, dem Verleger Gerald Klonner, der Redakteurin Martina Pirker-Tragatschnig und der Buchhändlerin Annegret Lackner-Spitzer bestimmt.
Martina Pirker-Tragatschnig und Andrea Nagele hielten die Laudatios auf die 3 erstplatzierten Geschichten.
1. Platz: Katharina Springer „MONTANA“ (eine Elegie über die Beziehung eines Fliegenfischers mit der Möll)
2. Platz: Eileen Heerdegen „IRMA“ (Die Erinnerungsplakette, die eine junge Frau gerne hätte, ist nicht die, die sie nach ihrem Tod bekommt)
3. Platz: Wolfgang Machreich „DIE EISRINNE“ (über einen alten Bergführer und seine Beziehung zur Pallavicini-Rinne)

Den MÖLLTALER PREIS für die Geschichte, die am besten das Mölltal repräsentiert, erhielt:
1. Platz: Gerhard Benigni „KAFKAS CHINAREISE“ (eine humorvolle Google Earth-Reise durchs Mölltal)
2. Platz: Reinhard Gnettner „DIE ALTE MÖLLTALERIN“ (Ein junger Mölltaler hat ein Erlebnis, das ihn dazu bringt, im Mölltal zu bleiben)
3. Platz: Wolfgang Machreich „DIE EISRINNE“ (wie oben)

Zu Nach-lesen werden die 30 besten Geschichten des Festivals im Buch vom Verlag Anton Pustet, das Ostern 2018 herauskommen wird, sein.
Das Mölltaler Geschichten Festival ist ein Projekt von ProMölltal in Kooperation mit den Mölltaler Gemeinden, unterstützt vom Land Kärnten und der Initiative von Kärnten.

Gastbeitrag von Melitta Fitzer

Bildtitel: die Preisträger Kathrina Galler – Gerhard Benigni – Katharina Springer – Anna Fercher (v. li.)
Foto © Christian Senger

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Spiegelungen, Reflexionen, Schatten – open windows im Künstlerhaus

Zum 3. Literaturfrühstück trafen einander AutorInnen und bildende KünstlerInnen in der Ausstellung „open windows“ im Künstlerhaus Klagenfurt. Bezugnehmend auf die ausgestellten Werke von Gertrud Weiss-Richter, Melitta Moschik und Hanno Kautz reflektierten die vom Kärntner SchriftstellerInnenverband eingeladenen LiteratInnen das Thema Licht, Schatten, Aus- und Durchblick. Das Fenster steht als große Metapher in den verschieden Künsten – als Symbol für Zukünftiges, Transparentes. Das Künstlerhaus Klagenfurt präsentiert sich als transparent. Gezeigt werden Werke, die sich an den Themen Licht und Schatten, Fenster und visuellen Botschaften orientieren.

Eva Possnig, Annelies Merkac-Hauser, Marlies Karner-Taxer, Karin Prucha, Maria Alraune Hoppe, Edgar Hättich, Johannes Tosin und Gabriele Russwurm-Biro präsentierten ihre, eigens für diesen Kulturdialog verfassten Prosatexte, Gedichte und Wortmeldungen vor. Die visuelle Botschaft ist auch eine literarische. Die abstrakt-lyrische Malerei hält sich – wie die Dichtkunst – an einen strengen Rhythmus.

Werke von Gertrud WEiss-Richter „open windows“ im Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Die Malerin und Fotografin Gertrud Weiss-Richter, „bei der erscheint, dass immer auch so etwas wie ein Hauch von Emotion, ein Gefühl, ein Sentiment, ins Werk kommt“ (Zit. Christine Wetzlinger-Grundnig, Arbeiten 2012 -2017, Katalog 2017) nahm Stellung zum Thema und sprach zu ihren Werken und Intentionen. Sie betonte, dass in es in all ihren Arbeiten immer um Existentielles gehe.
Der gebürtige Kärnten Künstler und Fotograf Armin Bardel stelle sein langjähriges Kunstprojekt „open windows“ vor, das er in den Fensterflächen in Wien öffentlich macht und mit Wortspielen Aufmerksamkeit erregt.

In der Ausstellung wird das Thema FENSTER als Kommunikationsoberfläche und Synonym für die Weltbeobachtung aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Medien reflektiert – in den Medien Malerei, Objekt und Installation. Das Künstlerhaus Klagenfurt präsentiert sich daher im Ganzen und spartenübergreifend als transparent.

Beiträge:
Johannes Tosin

Light-Lab von Hanno Kautz

Im Light-Lab von Hanno Kautz tut sich etwas.
Die Farben verändern sich, ein Teelicht flackert,
eine überdimensionale CD schwebt mittels Nylonfäden über einem Lichtgeber.
Man fühlt sich wohl, wenn man die Farben betrachtet.
Was der Künstler damit ausdrücken will?
Keine Ahnung. Will er etwas ausdrücken?
Man kann alles über diese Installation sagen, wenn man möchte.
Im Gasometer in Wien gibt es eine Bar,
die an einen Konzertsaal anschließt,
wo auch Lichter changieren.
Genau dasselbe Konzept wie im Light-Lab, auch gleich ausgeführt.
In der Bar ist es Teil des Lokalambientes.

Hanno Kautz – Installation open windows Künstlerhaus Kärnten 2017

Fenstertechnik

Ein offenes Fenster ist ein bekanntes Symbol.
Durch ein geschlossenes Fenster kann man sehen,
da es aus Glas ist.
Durch ein offenes Fenster kann man auch Dinge reichen.
Als Mensch ist man von alters her wohl das Licht
der Sonne gewöhnt,
also Weiß, Gelb, Orange und Rot.
Und man kennt die Schwärze,
die das Fehlen von Licht ist.
Als Besonderheit haben die damaligen Menschen
wahrscheinlich den Regenbogen betrachtet,
in dem sich das Licht auffächert.
Es entspricht der menschlichen Natur,
alles zu erklären.
Wirklich alles kann man entschlüsseln,
es ist gar nicht so schwer.

Farbenlehre

Siehst du, was ich sehe,
Tetrachromat,
grünäugige Frau, Goldfisch, Spinne?
Ist nicht dein Gelb zweischichtig
oder Violett deine vierte Farbe,
wie die Wissenschaft vermutet,
dank Forschen, Messen, Vergleichen?

Lichtweiß wird auf meiner Netzhaut
zu Blau, Gelb und Rot
und allen Nuancen dazwischen
innerhalb eines Spektrums von einigen wenigen Nanometern.
Explosionen sind dies von Farben, Kaskaden,
schwebende, spannend die dynamisch wechselnden, beruhigend die statischen.
Blau ist das Meer.
Gelb ist der Löwenzahn.
Rot ist der Fehler.

Doch durch dich, Vier-Farben-Wesen,
weiß ich, es gibt noch mehr.
Drum bitte ich dich:
Erkläre mir deine Sicht, mach sie mich begreifen,
leihe mir deine Augen, nur für ein Dutzend Bilder,
dann geb ich sie dir gern wieder zurück.

© Johannes Tosin

Anneliese Merkac-Hauser

Außen

Ein Schatten
Sucht
Unter dem Licht
Straßenhell
Vergebens

Die schmutzige Scheibe
Verwischt
Den Weg
Hin zur Rinne
Regennass voll

Innen

Leise
Zittert der Stoff
Dicht gewebt
Verschließt mir
Den Blick
Bebende Fäden
Künden von Flucht
Blaue Striemen
Leuchten
Im grellen Licht

© Annelies Merkac-Hauser

Melitta Moschik, open windows
Gertrud Weiss-Richter , open windows, Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Karin Prucha
zu Gertrud Weiss-Richter

die geometrie des offenen blicks

den linien entlang hinaus in die freiheit
der geschlossenen fenster
die stiege hinauf oder hinunter
warten die möglickeiten der öffnung
wenn mein blick es will
hinter vorhängen
werfen die schatten von sonne und mond
lange lichtkegel in die richtung
die mein blick ersehnt

wenn ich will bin ich frei

zu Hanno Kautz

deine spiegel sind nicht meine

deine spiegel sind nicht meine
dein spiegelbild ändert nichts daran

im außen leuchtet das innen
voll mystischer farben
tiefbewegt

du schaust in das gesicht
im spiegel
seitenverkehrt
hat dein mund eine fremde linienführung

im innen färbt das außen ab
mit tönen so anders
als dein mund sie sonst spricht
in augen voll seide und warmem regenschauer

aus: © karin prucha „ in tiefen landen“ lyrik & fotografien
der wolf verlag 2017

Angelika Peaston
Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

Ad No. 19 oder
Anklänge an Plato

Die Öffnung
Das Fenster. Nicht als Ebenbild.

Und hinter dem Vorhang?
Das Licht? Der Schatten?

Fenster trennen
Das Drinnen vom Draußen.

Fenster öffnen
Das Draußen zum Drinnen her.

Sie tun dies zu gleichen Teilen aus beiden Richtungen:
Lassen das Innen hinaus/ Holen das Außen herein.

Mensch oder Schattenbild?
Scherenschnitt der Welt?

Was ist wirklich?
Was künstlich?

Wie wirklich ist Wirklichkeit?

Urbild. Abbild. Nachbild.

Gertrud Weiss-Richter, open windows, Künstlerhaus Klagenfurt 2017

Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

Das Fenster – Reflexion und Reflexionen

Das Fenster:
Einladung
Auseinandersetzung
Transparenz
Durchsichtigkeit
Sich dem Außen öffnen
Die äußere Welt hereinbitten

Offensein
Openness

Innen
Das Innerste nach außen kehren

Der Vorhang.
Ausladung. Trennung.
Verschleierung.
Sich dem Draußen verschließen. Shelter. Protection.
Die äußere Welt wegsperren, aussperren. Nicht teilhaben lassen.
Verweigerung.
Der Nässe, dem Wind und der Kälte trotzen.
Drinnen.

Open windows:
Geöffnete Wahrnehmung
Die Sonne durchdringt mit Hell und Wärme den Raum

Das künstliche Licht verspiegelt.
Versiegelt den Blick nach draußen, setzt eine Grenze.
Wirft den Raum zurück.
Auf uns.

Drawn curtains.
Closed perception.
Eng wird die Außenwelt.

Open windows!
Geöffnete Wahrnehmung?
Drawn curtains…
Closed perception?

Offen wohin?

Was ist: Innen?
Was ist: Außen?

Zum Oeuvre von Gertrud Weiss-Richter – Open Windows

INSIDE & OUTSIDE

MAY I OPEN THE WINDOW?
OPEN THE WINDOWS NOW!

OPEN UP!
INSIDE OUT

CLOSE PERCEPTION –
CLOSED PERCEPTION.

BEING OPEN
OPEN BEING

I SHALL CLOSE THE WINDOW NOW
OPENING MYSELF UP TO

WHAT
IS INSIDE

Augenstern

Schneestern
zart und weiß
und myriadenmal geästelt
verzweigt in allerkleinsten feinsten Nadeln
und myriadenmal gebrochen
zart und weiß
Dein Augenstern

Reframing III

Schatten,
Du wärst nicht ohne Sonne
Sonne,
Du bist,
und daher ist auch Schatten

©Angelika Peaston

Zum Thema open windows trug Maria Alraune Hoppe spontan eine „Sprechung“ vor, die direkt auf den geführten Dialog und die ausgestellten Kunstwerke reflektiert.
Maria Alraune Hoppe:

© Maria Alraune Hoppe


Edgar Hättich

Zeichnung

Mit feinem Stift
eine Linienstiftung
dem Sonnenlicht angeleint
fliegt sie dahin mit den Mücken
nichts Schöneres im Weltraum
als ziehende Linien
feines Liniertes
entlang dem Weltlineal
im Unendlichen die Geraden
Liniensehnsucht
Berührung im Lichtjahr
singe die Linie
spiele das Linienlied

© Edgar Hättich 2017

Gedicht von Gabriele Russwurm-Biro zu Gertrud Weiss –Richters Gemälde und Fotos in der Ausstellung open windows

das meer in zwei stunden

dunkel flimmert
der schein
verflogener tage
durchs fenster
ein ahnen
so sicher
wie das meer
in zwei stunden
die zarte seite
des kindseins
strandet
unweigerlich
und vertrocknet
haltlos
wie die mickrige
flügelschlaglänge
des welttheaters
im jetzt
wimpern zucken
verheissungsvoll
in hellen
nächten
mit einem
fremden lächeln
als hörte ich
ständig
die brandung
silberner mond
deck uns zu

© Gabriele Russwurm-Biro 2017

Armin Bardel
Open WindOw

seit etwa 1996 präsentiere ich in Wien ein projekt mit dem titel Open WindOw in den südseitigen fenstern meiner atelier-wohnung am Naschmarkt über dem renommierten Café Drechsler. sehr schön sichtbar auch von der Rechten Wienzeile. die arbeiten bzw. inhalte – in erster linie texte, aber auch photographien und graphiken – wechseln im schnitt wöchentlich.
visual poetry. worte gebildet aus einer beschränkten zahl von max. 6 buchstaben pro fenster (=1/scheibe) in 4 fenstern, also insgesamt maximal 24 buchstaben (oder bilder). statements zu privaten wie politischen themen. todernst kritisch bis scherzhaft belanglos. wortspiele entstehen durch laufende veränderung/auswechseln einzelner buchstaben zu immer neuen bedeutungen.
das projekt wurde bislang weitestgehend anonym durchgeführt, d.h. ich habe es (fast) nie offiziell angekündigt und kaum jemand weiß, wer oder was dahinter steckt. so bin auch ich selbst immer nur durch zufall auf menschen gestoßen, die es kennen. doch das scheinen sehr viele zu sein: es gibt solche, die die texte notieren, photographieren, darüber reflektieren und sich treffen um darüber zu diskutieren. Open WindOw ist thema von presseberichten, publikationen und wissenschaftlichen arbeiten, oder auch anderer kunstprojekte. eine fast vollständige dokumentation des projekts findet sich in form eines internet-blogs unter der adresse:

www.openwindowvienna.tumblr.com

sowie auf meiner website

www.arminbardel.at

wortspiele (beispiele)

nation:
stag-nation
indig-nation
deto-nation
dam-nation,
halluzi-nation
#
weil er was kann!
was kann er denn?
kann er denn was?
er kann mich mal!

gier – regung
regierung
erregung – regie!
diri-gieren, re-gieren
re-agieren, a-gieren
irren – spazieren!
#
no choice, no joy!
#
demo–crazy

no flower, no seed
no power, no greed
#
no match, no fire
no bush, no fire
#
aktuell:
kopf-los
wahl-los
wahl-krampf

Lenkfehler – ein kärntenbezug
anläßlich der landtagswahlen im Herbst 2008 in Kärnten hatte ich entsprechende kommentare im fenster. zuletzt stand dort – in anspielung auf möglicherweise mangelnde reflexion der wähler – das wort DENK-FEHLER. in der nacht auf Samstag, den 11. Oktober, gegen ca. viertel nach eins wollte ich spontan den text auf LENK-FEHLER umändern (evtl. mangelnde reflexion der regierenden). ich war jedoch zu müde und verschob mein vorhaben auf den kommenden morgen. in der früh ruft mich eine freundin an und erzählt mir was in der nacht passiert ist: Jörg Haider war aufgrund eines lenk-fehlers exact zu dem zeitpunkt verunfallt, als ich die textänderung vornehmen wollte.

intentionen
kommentieren – anmerkungen, stellungnahmen zu aktuellen themen & ereignissen von allgemeiner oder auch ganz persönlicher natur & bedeutung
informieren – erinnern, auf dinge aufmerksam machen, die zwar möglicherweise durchaus bekannt sind, doch gerne beiseite geschoben werden
analysieren – buchstabieren, der bedeutung mancher worte auf den grund gehen: eine andere/erweiterte form von visual poetry, wo worte form annehmen und der inhalt ständig neuen sinn bekommt – manchmal auch un-sinn
irritieren – verwirren, bekannten clichées und begriffen in veränderter form & zusammenhang neue bedeutung geben, querverbindungen herstellen
amüsieren – unterhalten, nicht todernst & moralisch, sondern durchaus mit humor der übertriebenen wichtigkeit mancher dinge ihr gewicht nehmen, wie (scheinbar) unwichtigen dingen größere bedeutung verleihen
provozieren – anregen, menschen aus einer gewissen denkträgheit, bequemlichkeit & ignoranten ichbezogenheit aufwecken
inspirieren – anregen mittels irritation etc. durch nicht sofort entschlüsselbare begriffe &/oder botschaften einen denkanstoß geben oder gesprächsstoff liefern

bedeutung & wirkung
bislang wurde das projekt unter weitgehender anonymität durchgeführt. es gab mit ganz wenigen ausnahmen keine information oder werbung darüber, der autor blieb konsequenter weise ungenannt und es gab auch keinerlei finanzielle zuwendungen. nach nunmehr über 20jährigem bestehen von Open WindOw ist es aber vielleicht doch an der zeit, an die öffentlichkeit zu treten.
meine aufgrund dieser umstände nur punktuelle kenntnisnahme der wahrnehmung läßt auf einen extrem hohen bekanntheitsgrad von Open WindOw schließen. der weit überwiegende teil der personen, mit denen ich per zufall darauf zu sprechen komme, kennt das projekt nicht nur flüchtig, sondern verfolgt es bereits seit jahren mit großer aufmerksamkeit und äußert sich äußerst positiv darüber. manche berichten gar von regelrechten diskussionsrunden, die regelmäßig über die aktuellen texte philosophieren.

Biografische Daten und Werkangaben finden Sie auf der Homepage des Kärntner SchriftstellerInnen Verband/ Mitglieder
http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/http://www.kaerntner-schriftsteller.at/verband/mitglieder/

alle Fotos © russwurm-photography

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Literatur unter freiem Himmel auf der Kreuzberglwiese – Spätsommerkostproben

„Alfresco“ hieß es im heurigen Spätsommer (in den warmen Augusttagen) zum zweiten Mal für LiteratInnen aus Kärnten. Der Kärntner SchriftstellerInnen-Verband lud zu den „Spätsommer–Literatur-Kostproben“ nach Klagenfurt auf die beliebte Spiel- und Festwiese im Naherholungsgebiet Kreuzbergl. Das ungezwungene freie Zusammentreffen Gleichgesinnter vor ansprechender Naturkulisse ohne räumliche Grenzen mit mitgebrachten Köstlichkeiten ist ein bewährtes Rezept. Spätsommerliche Nachmittage eignen sich daher besonders dazu, so wurde auch diesmal – im offiziellen Jahr der Kunst im öffentlichen Raum– die Einladung zu diesem informellen Literaturtreffen gerne angenommen.
Das einmalige Naturambiente und das perfekte stabile Spätsommerwetter lockten 20 Literatinnen und Literaten aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis des Verbandes zu einem Treffen mit vollgepackten Picknickkörben und mitgebrachten neu entstandenen Texten. Jeder/e Teilnehmer/in konnte berichten, woran er/sie gerade arbeite und eine kleine Kostprobe aus den eigenen Werken vortragen.
Mit Klappstühlen, Decken und reichlich vorzüglicher Jause ausgestattet fand sich die Gemeinschaft auf der Spielwiese zusammen. Nicht nur Klagenfurter, auch aus Villach und Seeboden waren Teilnehmerinnen gekommen.
Lyrik und Kurzprosa wurden als Kostproben dargebracht und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen der Kärntner Kolleginnen und Kollegen.
Unter ihnen waren Johannes Tosin, Peter Kersche, Marlies Karner-Taxer, Anneliese Merkac-Hauser, Edgar Hättich mit seiner Frau Maria Alraune Hoppe, Sieglind Demus, Christine Tidl, Betty Quast, Monika Grill, Edeltraud Pirker, Karin Prucha, Angelika Peaston, Gernot Stadler, Gabriele Russwurm-Biro und Gäste.
Aus den dargebrachten Kostproben sind einige hier nachzulesen:

Peter Kersche (Klagenfurt) las ein Gedicht, das er aus dem slowenischen übersetzt hat:
Von Edvard Kocbek

Grün

Als ich stehenblieb und mich widersetzte,
und den anderen keinesfalls mehr nachrennen wollte,
und nach einiger Zeit die Augen öffnete,
und in fremd anmutende Stille blickte,
da war plötzlich alles grün,
Erde, Himmel, Luft und Ferne.
Und als ich genauer hinblickte,
war alles andere auch grün,
Straße, Bäume, Wolken und Vögel,
grün die Sonne und alle Maßstäbe.
Und als ich meine Blicke auf die Handfläche und Finger richtete,
waren diese grün. Und als ich mich in sie verbiss,
spritzte das Blut grün.
Ich schrie auf, alle Schreie grün.
Vor Wut lief ich los, die Fluchtschritte grün.
Alle Geräusche grün und die Stille grün.
Auch die Gräser grün, die Erinnerungen grün.
Helle und Dunkelheit grün.
Und mein Schluchzen grün
und die Grenzen ununterbrochen grün.
Und als ich grün zu sprechen anfing
und das Grünzeug zu verwünschen begann,
die Kräuter, Grünflächen, den immergrünen Buchsbaum,
das Grün, die Pflanzen und das Immergrün,
wusste ich, selbst die Verzweiflung ist grün.
Da erkannte ich,
die Chimäre Hoffnung ist wild
und giftig grün geworden.

Übersetzt aus dem Slowenischen Peter Kersche
Originaltitel: Zeleno In: Zbrane pesmi. 2. Bd. – Ljubljana: Cankarjeva založba 1977, S. 31

Edvard Kocbek
Geboren am 27.9.1904 in Sv. Jurij ob Ščavnici, gestorben am 3.11.1981 in Ljubljana. Schriftsteller, Übersetzer, Gymnasiallehrer, Politiker (Kulturminister). Studium der Romanistik in Ljubljana, Berlin, Lyon und Paris. Ab 1931 Gymnasiallehrer. Mitarbeit an der katholischen Zeitschrift „Dom in svet“ (Heim und Welt). Er gründete die Zeitschrift „Dejanje“ (Die Tat), schloss sich im Krieg den Partisanen an. 1951 wurde er wegen der Novellensammlung „Strah in pogum“ (Angst und Mut) Mundtot gemacht. Erst 1961 wurde das Publikationsverbot aufgehoben. Kocbek gehört zu den bedeutendsten slowenischen Autoren des 20. Jahrhunderts. WERKE: Zemlja, (Erde), Gedichte 1934; Tovarišija (Kameradschaft), Tagebücher 1949; Strah in pogum (Angst und Mut), Novellen 1951; Groza (Grauen), Gedichte 1963; Poročilo (Bericht), Gedichte 1969; Pred viharjem (Vor dem Sturm), Tagebuch 1980 u. a.
Vergleiche u. a. auch: Böll, Heinrich: Zum Fall Kocbek. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 119, v. 26.5.1975, S. 19, Abdruck in: Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit. Sammlung publizistischer Arbeiten. 1977; Detela, Lev: In memoriam Edvard Kocbek. In: Die Presse, 11.11.1981; Detela, Lev (Hrsg): Kocbekovo berilo =Kocbeks Lesebuch. – Klagenfurt, Ljubljana, Wien: Hermagoras 1997; Literatur und Engagement. Hrsg. v. Lev Detela und Peter Kersche. – Klagenfurt, Wien: Kitab 2004; Rakusa, Ilma: Slowenische Dissidenz. Hinweis auf Edvard Kocbek. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 42, 19.2.2005, S. 47

©Johannes Tosin (Krumpendorf) las aus den Zyklen „I AM Dead“ und „Bonus“:
I Am Dead
Download

Durch die Nabelschnur der Information verbunden.
Jeder kann sein Kind oder Mutter.
Überlandverkehr auf der Datenautobahn.
Die Zeit zerhackt in Millisekunden.
Flächendeckende Netzabdeckung.
Systemüberlastung.
Stille bis zum nächsten Ton.

„Never Hurt Me Again“
Sie war schwanger, mit siebzehn.
„Ich wünsch mir ein Mädchen“, sagte er.
„Mir wäre ein Bub lieber“, sagte sie.
„Der wird groß und stark werden,
und er wird seine Mama beschützen, vor dir.“

BONUS
Prophezeiung

Eine Prophezeiung:

Sobald der Friedhof von Nadschaf,
der der weltgrößte ist,
an die heilige Stadt Kerbala heranreicht,
wird die Welt untergehen.

Noch liegen sechzig Kilometer dazwischen,
aber die können kurz sein.

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

Karin Prucha (Klagenfurt) aus ihrem neuen Gedichtband: „in tiefen landen“ (lyrik und fotografien/der wolf verlag 2017)

die einatmung

in niemandsaugen bist du geboren
aus fremden zimmern waren deine worte
klänge der ferne besaß dein herz
in das du keinen schauen ließest
bis auf mich
der ich manchmal darin stöbern durfte

wenn ich das schwimmen verlerne
breche ich auf zu neuen ufern
neu ordne ich die morgen
die gestern bleiben ein sprachenverhängnis

ich kann dich nicht sehen mein geliebter
ich kann dich nicht vertauen
du bist in anderen landen

ich dreh mir den strick aus der wunden seele
eingeatmet in vielen stunden
glück über herz

die haut gräbt ihre sprache aus

meine worte fließen aus meiner kehle
weich und schmeichelhaft in deine haut
zart und salzig deine lippen
folgen meinen linien
mein körper dem aufruhr
salz auf meiner haut
und in deinem mund

ich sinke in das tiefblaue meer
warme schauer über meinem rücken
die haut gräbt ihre sprache aus
von liebe und verzeihen

mein morgenmund küsst deinen schlaf
sanft hellt sie auf die nacht
legt schlafen alte trauer
in zeilen honiggold

die grenzen deiner haut werden zu meinen
dein körper über mir
sanft schaukeln uns die wellen in den tag
kühlend ist dein haar
glanzpunkte auf meinen hohen tälern

zögernd wach ich auf
du bist so warm in meinem traum

mein ein paradies

nun wo die tage kürzer werden
einen hauch schon weniger als sommer
das meer noch warm ist an den küsten
die bora von fallenden temperaturen kündet

die sonne wie immer blutend im meer versinkt
das abendblau die kühle verheißt
da sitze ich des nächtens in meinem paradies
zwischen bäumen und verwilderten rebstöcken
lausche den grillen dem warmen konzert
dem schreienden kauz kein verkünder des todes
die luft streichelt meine salzige haut
die ich nicht wässern will mit süßem
des salzes wegen das meine haare
dichter werden lässt und zarter meine haut

hier schreib ich über widerstand
den meinen und den zur rettung der welt
in meinen dichtungen rett ich sie
mit den kratzigen geräuschen der feder
mit der ich über papier rase

der rote wein schmeckt karstig und herb
und passt hierher an diesen ort
zu den felsen grillen und grünen pflanzen

ich schaue nicht aufs meer
ich weiß es glatt und sicher

©Karin Prucha

https://www.heyn.at/heyn/list?cat=&quick=Karin+Prucha

Marlies Karner-Taxer las ihren Prosa-Beitrag aus dem immerwährenden Kalender der Literaturgruppe „Kärntner Schreiberlinge“: „Ich verspreche dir und mir“ (Monat Mai)

Die Lyrikpreisträgerin 2016 des zweisprachigen Bleiburger Literaturwettbewerbs trug ein Gedicht vor
©Anneliese Merkac Hauser

Und wieder

Und wieder
Soll einer
Die Sterne grüßen
Und wieder
Heute
Nach gestern

Ein Warten
Stellt sich ein

Ich lege den Schlüssel
Nicht mehr
Aus der Hand
Der öffnet das Band
Lasse euch
Frei

©Anneliese Merkac Hauser

Über „Endzeit“ von Betty Quast:

Vor fast 20 Jahren hat Betty Quast begonnen, an „Endzeit“ zu schreiben. Die in der Sammlung „Die Hochhausstadt“ eingefügten Kindergeschichten reichen bis in die 80er Jahre zurück. Nach langem Warten, Verlagssuche, Layouten und Lektorieren ist „Endzeit“ nun endlich da und erscheint im September 2017.

Der neue Lyrikband besteht aus verschiedenen Sammlungen:

Prolog: Die Hochhausstadt
Variationen über einen Androiden
Helsingør
Marzahn – im Herzen der Brache
Moderne Zeiten
Im alten Rom
Totalitarismus – 4 Jahreszeiten
Die Wächter

https://tredition.de/autoren/betty-quast-20936/endzeit-hardcover-92762/

©Gernot Apo Stadler (Reisender, Autor und Fotograf):

Dann kann es sein, dass ein Mann einmal weint.

„Es ist Sonntag, ein strahlend blauer Tag.
Ein angekündigt, strahlend blauer Tag.
Ein strahlend blauer Sommertag.
Ein Tag, an dem man raus muss!
Ein Tag, an dem die meisten naturverbundenen Menschen einen Ausflug machen.

Meist dauert es, bis meine Familie in die Gänge kommt. Doch heute ist alles anders. Frau hat am Beifahrersitz Platz genommen. Töchter sitzen erwartungsvoll auf der Rückbank. Hund, mit Kappe und Sonnenbrille ausgestattet, lugt aus dem Heckfenster. Es kann losgehen. Es ist eine Fahrt ins Blaue. Vorbei geht es auf der Südautobahn am schönen Wörthersee Richtung Villach. Die Tauernautobahn führt uns durch den Oswaldibergtunnel nach Feistritz/Drau. Hier biegen wir ab und Hinweisschilder zeigen uns den Weg nach Fresach und zum Millstättersee. Am Glanz beim Gasthof Podesser fällt die Entscheidung. Wir gehen auf den Mirnock.

In zwei kleinen Rucksäcken befinden sich Proviant, Wasser und Leckerli für
den Hund. Rocco, so heißt die Fellnase, spürt die Freude, die uns erfüllt. Er rennt geschäftig einmal nach vorne, dann wieder zurück und so legt er die Strecke in Metern gemessen wohl drei Mal zurück.

Sehr weit sind wir noch nicht gekommen, da wird von den Töchtern die erste Rast eingefordert. Auf einer Wiese finden wir einen Platz, der schöner nicht sein kann. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Wiesenblumen. Weidende Kühe machen mit ihren Glocken auf sich aufmerksam. Schmetterlinge schaukeln im leichten Wind und Bienen sammeln eifrig Nektar.

Und der Ausblick!

Er ist großartig, nein, er ist viel mehr als großartig!
Einzigartig, umwerfend, berührend!

Ich kann nicht anders. Die erste Träne hat einen meiner Augenwinkel verlassen.
Der See – der Millstätter See – er liegt im satten BLAU und seiner ganzen Pracht uns zu Füßen. Ringsum die Berge, einer schöner als der andere. Das Ende des Sees, das Goldeck und mir scheint, sogar der Großglockner sind zu sehen.
Mein Blick, nein, unser aller Blick, kann sich an diesen Naturschönheiten nicht satt sehen.

Das ist die Schöpfung!

See, Berge, Himmel, Wiesen, Blumen, Bäume, Menschen, Tiere – ich umarme euch.

Die einsame Träne erhält Bruder und Schwester.
(© Gernot Stadler, 2017)

http://www.lipife.at/wp/biographie-2/

Maria Alraune Hoppe lies sich 3 willkürlich gewählte Worte aus dem Publikum zurufen und entwickelte daraus drei erstaunliche und faszinierende Geschichten:

Foto© russwurm-photography

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Feinheiten des Kärntner Literaturwettbewerbs – nachzulesen in der neuen KSV-Anthologie

Seit 2002 schreibt der Kärntner Schriftstellerinnen-Verband jedes zweite Jahr einen Preis für neue Literatur aus. 2016 war das bereits die achte Ausschreibung. Damit zählt der KSV-Literaturpreis neben dem Bachmannpreis, der international angelegt ist und in Klagenfurt im Rahmen der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ vergeben wird, und dem Kärntner Lyrik-Preis der STW Klagenfurt seit 2008, zu den wichtigsten und beständigsten Wettbewerben für neue Literatur in Kärnten.

Vor nunmehr 14 Jahren wurde im Zuge einer Neuorientierung und Umorganisation des Verbandes durch den damaligen Präsidenten Gerard Kanduth dieser Preis des Kärntner Schriftstellerverbandes für neue Literatur ins Leben gerufen, vor allem auch, um noch unentdeckte literarische Talente im Lande aufzuspüren und ihnen ein Podium bieten zu können. Wettbewerbe zählen immer noch zu den wichtigen Gelegenheiten im Literaturbetrieb, um „entdeckt“ zu werden. Ganz besonders, wenn die Beiträge in einer Publikation dokumentiert und nachvollziehbar werden. Das ist nun erstmals dem KSV gelungen, um die Einsendungen, die von hoher Qualität sind, auch „greifbar“ zu machen.

Auf eine Themenvorgabe wurde verzichtet, als Form wurde Prosa vorgegeben. Immerhin kamen 35 Texte zu den unterschiedlichsten Themen, Ansätzen mit unterschiedlichen Stilformen als Einreichungen. Es fällt nicht leicht aus dieser Menge sehr guter Texte eine Longlist von 16 Beiträgen und daraus eine Shortlist von fünf besten auszuwählen.

Die vier Siegertexte und weitere besondere Beiträge von der Longlist sind nun in Buchform mit dem Titel „Feinheiten“ im Kärntner „der wolf-verlag“ 2017 erschienen, um nachlesen und die Juryentscheidungen nachvollziehen zu können.

Mit Texten von: Greta Lauer (1. Platz), Angelika Stallhofer (2. Platz), Paul Auer (3. Platz) und Miriam H. Auer (4. Platz). Sowie ( in alphabetischer Reihung): Helena Maria Drexler, Stefan Feinig, Ronny Goerner, Tatjana Gregoritsch, Maria Alraune Hoppe, Christina Jonke, Bianca Kos, Eva Possnig, Hugo Ramnek, Rebekka Scharf und Christne Tidl.

Die jährlich wechselnde Jury setzte sich beim letzten Wettbewerb aus den Vorstandsmitgliedern Engelbert Obernosterer (Vorsitz), Reinhard Kacianka, sowie Arnulf Ploder zusammen. Eine Veröffentlichung der eingereichten Texte wurde bereits 2014 angedacht. Für alle ausgewählten Autorinnen und Autoren bietet die Anthologie ein Forum der Veröffentlichungsmöglichkeit.

Diese vorliegende Publikation stellt den Beginn einer eigenen KSV-Literaturwettbewerbs-Edition dar, die alle zwei Jahre die besten der eingereichten Texte zugänglich macht. Damit soll sich ein Gesamtbild der Kärntner Literaturszene ergeben und dokumentiert werden. Zudem sollen den Autorinnen und Autoren, die oft noch nicht publiziert haben oder von der Öffentlichkeit noch nicht ausreichend wahrgenommen wurden, eine Plattform geboten werden, um sie zu fördern und vorzustellen.

Die neue Edition soll auch einen Anreiz bieten, an dem Wettbewerb künftig teilzunehmen.

Die nach den neuen Förderrichtlinien des Landes entscheidenden Kriterien wie zeitgenössisch, Förderung des Künstlernachwuchses und Kärntenbezug haben wir bei der Ausrichtung unseres Wettbewerbs schon immer als Auftrag und Zielrichtung verstanden und umgesetzt.

Unser Dank gilt dem Land Kärnten für die jährliche Subvention, dem Bundekanzleramt (BKA) und den rund 70 Mitgliedern, die durch die Beitragszahlungen dem Verband zu Eigenmitteln verhelfen, die angespart und für besondere Verwendungen eingesetzt werden und uns die Ausschreibung eines solchen Wettbewerbs erst ermöglichen.

Die bisherigen Gewinner des SV-Literaturwettbewerbs waren:

2002 (Barbara Grascher),
2004 (Simone Schönett),
2006 (Jürgen Lagger),
2008 (Hugo Ramnek),
2010 (Christoph W. Bauer),
2012 (Harald Schwinger)
2014 (Anna Baar, 2. Miriam Auer, 3. Ursula Wiegele)
2016 Die fünf Bestgereihten (in alphabetischer Reihung):
Miriam Auer, Paul Auer, Greta Lauer, Elke Laznia und Angelika Stallhofer

Der nächste Wettbewerb des KSV, an dem Autorinnen und Autoren, die in Kärnten geboren wurden oder mindestens seit 5 Jahren in Kärnten ihren Lebensmittelpunkt haben, unveröffentlichte Prosatexte einsenden können, wird im März 2018 vom Kärntner SchriftstellerInnen Verband ausgeschrieben.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/termine-2/

Feinheiten

Ausgewählte Texte des
KSV-Literaturwettbewerbs 2016
Herausgegeben vom
Kärntner SchriftstellerInnen Verband
Gabriele Russwurm-Biro
der wolf verlag 2017
ISBN 978-3-902608-63-5
157 Seiten
€ 12,-

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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Charakterköpfe im Künstlerhaus Klagenfurt

Als Rahmenprogramm der zurzeit im Künstlerhaus Klagenfurt präsentierten Ausstellung „AHEAD of the Game“ (bis 5. Juli 2017) trafen zum zweiten Mal Schriftsteller*innen und bildende Künstler*innen in der Großen Galerie des Kunstvereins Kärnten zum Literatur-Frühstück im Künstlerhaus zusammen.
Die Ausstellung ist Teil des kärntenweiten Kunstprojekts kopf.head.glava initiiert vom Kunstverein Kärnten. Kunstschaffende aller Sparten beschäftigen sich mit dem Thema Kopf (im weitesten und im engsten Sinne des Wortes)
https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

Im Mittelpunkt des Literaturfrühstücks stehen Synergien zwischen Literatur und bildender Kunst.
Literarische Texte von Autor*innen zum Generalthema „Kopf“ und Bezüge zu den ausgestellten Exponaten wurden gemeinsam mit Statements bildender Künstler, die in dieser Ausstellung präsentiert werden, gelesen. Es entwickelte sich ein Dialog, bei dem die einzelnen künstlerischen Positionen, Ausdrucksformen und Mittel diskutiert wurden.

An diesem Samstag Vormittag im Künstlerhaus nahmen folgende Schriftsteller*innen aus Kärnten, eingeladen vom Kärntner Schriftsteller*innen-Verband teil: Sieglind Demus, Elisabeth Faller, Karin Prucha, Hannes Wendtlandt,
Betty Quast und als Moderatorin Gabriele Russwurm-Biro.


Sieglind Demus
verfasste zu diesem Anlass HAIKU und bezog sich in den ersten beiden Gedichten auf Dagmar Stelzers Arbeit: „Without Head“ – Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“

GEHALTEN

GEDANKE HALTLOS
DURCHBRICHT MAUERN UND ZÄUNE
IGNORIERT SCHRANKEN

GEFREIT

KOPFBEREITER SATZ
KÖRPERHAFT DAHINGEHAUCHT
SPAZIERT SORGLOS FREI

©Dagmar Stelzer

GELADEN

GESTERN IST HEUTE
DURCHGELADENES GEWEHR
IST MORGEN BESTIMMT

GESTAMPFT

CHARAKTERKOPF STAMPFT
GENERATIONENKÖPFE
CHARAKTERLOS EIN

Die beiden HAIKU „Geladen“ und „Gestampft“ von © Sieglind Demus beziehen sich auf das Gemälde von Ramona Schnekenburger „Vater mit zwei Söhnen“. Ihre großformatigen Werke zeigen feinsinnige Menschendarstellungen. Als Vorlagen verwendet die Künstlerin Fotografien, die sie auf Flohmärkten oder in Antiquariaten findet. Gelegentlich benutzt sie Teile von Bildern aus dem Internet oder selbst geschossene Aufnahmen. Nach einem langen Auswahlprozess befreit sie die Figuren aus dem Kontext und stellt sie vor das Weiß der Leinwand. So lenkt sie die Aufmerksamkeit auf den intensivgeheimnisvollen Blick ihrer seltsam entrückten Wesen. Aus der Nähe betrachtet, beginnen sich die Figuren aufzulösen. Der Künstlerin geht es nicht um die exakte physiognomische Abbildung bestimmter Personen, vielmehr sieht sie in ihren Protagonisten Personifikationen allgemeiner psychologischer Prozesse. Neben Einzelportraits entstehen auch Gruppenbildnisse, anhand derer sie zwischenmenschliche Beziehungen zu analysieren scheint. Subtil und eindringlich
zugleich macht sie Machtverhältnisse und Abhängigkeiten sichtbar. Die Aussparung der Hintergründe könnte man auch als Metapher für die Isolation des Individuums deuten. Der Blick der Künstlerin richtet sich in letzter Konsequenz nicht auf die geschaffenen Bilder oder ihre Inhalte, sondern auf den Betrachter selbst. Das Kunstwerk wird zum Spiegel. [Alexandra Kontriner]

© Ramona Schnekenburger

GELOCHT

GENAUE LINIEN
AUFGEKRATZT ÜBERSTEMPELT
GELOCHTES GESICHT

Nimmt Bezug auf das Porträt von Thomas Riess „Frank“ (lost faces) Riess zeigt in dieser Ausstellung ein Foto aus der Serie seines Projekts mit 150 x 150 cm großen Porträts obdach- und mittelloser Menschen verschiedener Metropolen der Welt. Dabei wählt er jeweils Persönlichkeiten
einer Großstadt aus, und lässt diese zu Stellvertretern einer Randgruppe marginaler gesellschaftlicher Bedeutung werden. Riess löst diese Menschen aus ihrer ursprünglichen, von uns als unschön und abstoßend empfundenen
Abseitssituation und stellt sie in einen vollkommen anderen visuellen sowie örtlichen Kontext. Durch den bewussten Verzicht einer populistisch-klischeehaften Darstellung will Riess die Persönlichkeit mehr in den Vordergrund rücken als ihre gegenwärtige Lebenssituation und sie aus dem wenig wahrgenommenen Dasein holen. Für den Betrachter mögen die Werke dadurch auf den ersten Blick vielleicht verwirrend wirken, steht er doch Porträts von interessanten, ausdruckstarken Persönlichkeiten unseres täglichen Lebens
gegenüber, die kaum vermuten lassen, dass es sich um Abbildungen von Menschen einer von der Mehrheit der urbanen Bevölkerung ungern gesehenen gesellschaftlichen Randgruppe handelt. Thomas Riess verwendet als ungewöhnliches Malmedium den Korrekturbandroller (TippEx). Er funktioniert jedoch dessen Löschfunktion ins
Gegenteilige um, indem er durch gezielt aneinandergereihtes Aufrollen des Korrekturbandes auf eine schwarzgrundierte Leinwand das Konterfei der Protagonisten entstehen lässt und so Menschen sichtbar macht, die sonst gerne aus dem makellosen Bild des urbanen Raumes „gelöscht“ werden.

©Thomas Riess

http://www.sieglinde-demus.de/sieglinde_demus.html

Auch die in Klagenfurt lebende Autorin Karin Prucha ließ sich von Dagmar Stelzers Papier-Torsi inspirieren und schrieb ihre Gedichte direkt in der Ausstellung nach der Besichtigung vor Ort.

©Karin Prucha

I
fremde federn schmücken fremde köpfe
von angesicht zu angesicht
fällt schweigen in die augen
blicke leere. nüchtern eingeholt.

kopf im kopf
stimmen. los
der argumente
fremde köpfe über dem eigenen

II
körper ohne kopf

bist du kopflos oder
kein kopf ohne körper lebst du länger

denkst du
hast du schon gelacht
gegessen
gerochen
begriffen
gehört
gesehen
gefühlt. jetzt. wo. im. kopf

masse an kopf. vertikal
rinnt dein denken länger

sprechen auch
wann. im. kopf. ensteht.
das denken
und fühlen.
wo.
im kopf. sicher

III

heimat bist du großer köpfe
vielfach doch geschieden von dem denken

kopflos spricht man nicht
das denken macht kopfschmerz

mein kopf denkt von allein
und die sammlung der headsets
macht stutzig

kopf ohne hirn
kleinste einheit. sinn. vollkopf

wonach steht dir dein kopf ?
in welche richtung schreibt die fassung

kopffassung
meiner wieder ohne fassung
mein kopf will den schmuck
die haare die haut den hut
zum köpfen besser nicht
und heimat macht kopflos manchmal

Dagmar Stelzer: „Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“ – Die Papierkörper sind lebensgroß, teils transparent, voll Leichtigkeit und eine Projektionsfläche für Befindlichkeiten, Wünsche und Sehnsüchte. Lebend im Spannungsfeld zwischen Sein und Wollen, Zwängen unterworfen, können die Torsi als Spiegelbild der eigenen Identität verstanden werden. Das Material Papier versinnbildlicht die Verletzlichkeit, aber auch –in vielen Lagen verbunden –Stärke und Vielschichtigkeit. Die drei Papierobjekte veranschaulichen drei Archetypen – die Kriegerin, die Kurtisane, die weibliche Gottheit – und erwecken den Wunsch deren beste Eigenschaften wie Mut, Selbstbestimmung, Spiritualität und vieles mehr, im ICH wiederzufinden.

Ende Juni erscheint der neuer Lyrikband von Karin Prucha: „in tiefen landen“ lyrik & fotografien (der wolf verlag, Wolfsberg 2017)

© Karin Prucha

©Hannes Wendtlandt (schrieb allgemein zum Thema Kopf folgenden Text nach der Besichtigung der Ausstellung)
Verkopft

„Sie sind zu verkopft für eine Therapie“, sagte der Psychiater, der vom Scheitel bis zur Sohle aus einem einzigen, riesengroßen Schädel zu bestehen schien.
„Darauf kommt es doch an, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will“, erwiderte sein Gegenüber, stand auf und verließ kopfschüttelnd die Ordination.
Das hatte Hand und Fuß, hatte etwas von sich selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen.
Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen heilte sich ja auch, indem er sich selbst beim Wort nahm und seiner Welt Hand, Fuß und Kopf verdrehte und ihr gerade dadurch etwas Sinn verlieh.
Dass Sinn in einem runden Hirnkasten wohnen soll, ist ja an sich schon ein Paradoxon. Viel eher trifft es zu, dass wir unser Denken bezeichnenderweise in kleine graue Zellen sperren.
„Wenn man zu verkopft ist“, dachte er für sich, „dann wäre man also besser ein Idiot – ein im ursprünglichen Wortsinn Verweigerer.“ Ein Wissender, der sich bewusst heraushält aus dem „Hand und Fuß-Haben“. Ein heimlich Behirnter sozusagen. Ein Spürender.
Also beschloss er, fürderhin den Kopflosen zu spielen, nach außen glücklich und mit sich selbst zufrieden. Um innerlich genau zu sehen und zu wissen. Ein Diogenes ohne Fass. Ein Dionysos, der beschloss, Apoll die Stirn zu bieten.
„Die Therapie hat aber erstaunlich gut angeschlagen bei Ihnen“, zeigte sich der Psychiater beeindruckt, der nur Medikamente verschrieben hatte, die sein Patient nie einnahm.
„Ich bin auch nicht mehr verkopft“, antwortete er und lächelte selig. (© Hannes Wendtlandt)

http://www.buecher.de/shop/liebe/auf-hartem-land/wendtlandt-hannes/products_products/detail/prod_id/42328508/
http://bookview.libreka.de/preview/100010/9783734768989?session=4b59ce100e6848f3a16f08e158830619f87f57d5

Betty Quast, Literaturwissenschaftlerin, die in St. Veit mit ihrer Familie lebt, las aus ihrer Gedichtsammlung „Endzeit“, die sich in Druckvorstufe befindet, ausdrucksstarke Gedichte allgemein zum Thema „Kopf“ .
Für Quast steht die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Zentrum ihres literarischen Schaffens.

https://bettyquast.com/

© Betty Quast und Thomas Moritz

Zu den beeindruckenden Keramik-Objekten („Grausige Schädel“) „Lanzón“ von Martina Funder las ich drei Gedichte aus meinem neu erschienen Lyrikband „und hinter mir mein land“ (der wolf verlag / Wolfsberg 2017)

© Gabi Russwurm-Biro

http://russwurm-photo.com/index.php/profil

Lanzón heißt die wichtigste Götterstatue der alten Chavin Kultur im Hochland von Peru. Die Chavin Religion war die 1. Religion des Andenvolkes zwischen 900 – 200 v. Chr.

Martina Funder: „Als ich Ausgrabungsstätte während einer Trekkingtour 2014 besuchte, entdeckte ich diese Skulptur hell erleuchtet am Ende eines dunklen Tunnels in einem tiefen Raum. Sie versetzte mich in Schrecken. Ich musste an meine 3 keramischen „Grausige Schädel“ denken, die ich nach dem Tod meiner Mutter geformt hatte.“

© Martina Funder

Weiter Gesprächs- und Leserunden zum Thema der jeweiligen Ausstellungen im Künstlerhaus in Kooperation mit dem Kärntner SchriftstellerInnen-Verband sind in Vorbereitung.

Danke für das Gruppen-Foto © Sieglind Demus
Das Copyright der Fotos von den Kunstobjekten der Ausstellung AHEAD of the Game liegt bei den jeweiligen angeführten Künstlern.
© Dagmar Stelzer, Ramona Schnekenburger, Thomas Riess und Martina Funder

siehe auch https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

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„Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich…“ Geleit von Miriam H. Auer

Gastbeitrag von Miriam H. Auer zur Buchpräsentation „Reflexionen“ von Hubert Maria Moran Im Musilhaus Klagenfurt am 7. Juni 2017

1. Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich …
[Miriam H. Auer spricht und performt als Hubert Maria Moran]

„Ich steh’ heut hier von euch und Ihnen
wie geschmiert und wie auf Schienen
als ein Mann mit vollen siebzig Jahren
und fast ganz so vollen Haaren.
Mehrere Bücher hab ich für uns alle geschrieben,
Worte zum Hoffen, Denken, Lieben.
Wenn alles im Fluss ist, bei mir heißt das dann,
ich liebe meine Frau und das Tal der Glan,
genauso inspiriert mich auch die Tiebel,
Worte springen über die Feder in meine Fibel,
denn die Räder tragen mich immer noch weit –
desholb segts ihr mi do heit!
Meine Bilder haben viele Namen
und die meisten fanden kreative Rahmen.
Doch nicht sagen kann ich, nicht ergründen im Stillen,
nicht beim allerbesten Willen,
was in mir diese Worte wohl grad spricht,
denn ein Unbescheidener bin ich weißgott nicht …

Es ist ein Wunder, auf dieser Welt zu wohnen,
eine Aufgabe auch, deswegen les’ ich heut aus meinen REFLEXIONEN.
Heiter bis wolkig ist das Leben doch fast immer,
aber aufgeben würd’ ich es nie und nimmer.
Ich bin ein tapferer Mann, „a Monn“, „ a man“ –
and sometimes it feels like I’m seventeen again …
Doch du kannst nicht immer siebzehn sein,
Künstler, das kannst du nicht!
Gerne will ich über siebzig sein,
dank euch, die mich „lesen“, niemals allein!
Familie, Freund*innen, die großartige Vanessa Thun-Hohenstein, die kleine Miriam Auer,
ihr vertreibt für heute alle Schauer!
Danke auch an Josef K. Uhl und Roman Till,
Danke Hermagoras und Haus des Musil!
Vielen Dank für die Musik – an Elisabeth Weber, wunderbar und schick!
Sei die Kunst heut unser größtes Glück,
in all ihrer Buntheit, all ihren Facetten!
Schön wird’s werden, darauf trau ich mich zu wetten!
Erlebt diesen Abend hier mit uns allen,
genießt ihn – nichts könnt’ uns mehr gefallen!
Jetzt ruf ich mir die Frau Auer her,
Miriam, erzähl uns mehr!
Wie denkst du über die Moran-REFEXIONEN?
Tät ein Buchkauf sich wohl lohnen?“

[Miriam wird von Hubert wieder zu sich selbst und öffnet ihren Zopf.]

„Sie fragen sich wohl – was tut die jetzt hier!?
Nun, ich kenne gut und mag, was ich lektorier’!“

2. Manchmal les‘ ich mich in dir
(zum Geleit)

Ich finde ihn in deinen Seiten, den Mann, der das Leben in allen Facetten kennt. Lese es aus deinen Zeilen, das Kind, das du gewesen, das du geblieben bist. Höre den erfahrenen Mann, der erklärt, dass vieles unabänderlich ist. In deinen Worten sehe ich die Farben, die Bilder eines Malers, eines Bildhauers, eines Dichters und Denkers, der genau beobachtet, der Schönheit ebenso erkennt wie menschliche Makel. Du bist einer, der in Sanftheit ironisiert. Bist jemand, der mit Liebe beschreibt. Mit Hoffnung erbaut. Sich mit Sehnsucht und Leidenschaft nach allen Seiten umblickt. Du vergisst jene nicht, die am Rand stehen. Du holst sie in deine Wohnung, in deine Worte. Dort werden sie unsterblich. Und all das, lieber Hubert Maria Moran, all das bewegt uns. Uns, die wir „dich“ lesen. Ja, manchmal, da les‘ ich mich in dir …

Du legst die Werkzeuge deiner Künste nicht weg, nur weil du nicht mehr 25 bist. Du machst weiter, erschaffst und erlebst stets Neues. Wenn einmal Werkzeugnisverteilung sein wird – egal durch wen, egal woran man glaubt – und du zurückdenkst an den Buben von einst, an den Mann von vor ein paar Jahrzehnten, an den Künstler von vor ein paar Tagen, wirst du voll Freude und Frieden sagen können: „Ja, das habe ich gerne gemacht.“ Und Widerständen hast du getrotzt ohne hart zu werden.

Du fühlst dich, du schreibst dich in die Menschen ein. Weil du noch Worte findest, wo manche schon glauben, es gäbe nichts mehr zu sagen. Aus Angst vielleicht, aus Resignation womöglich. Aber du, lieber Hubert, du gehst mit deinen Gefühlen auf ein neues Blatt, schreibst einen Vers darauf, eine Geschichte, die immer auch irgendwie deine ist.

So sind wir, die Künstler. So sind wir, die Menschen. So sind wir, die Schwachen, die Starken, die Geselligen, die Einsamen, die Träumenden, die Hoffenden, die im Gestern, die im Morgen Lebenden. Aber heute, heute schreiben wir. Malen Bilder von einer besseren Welt. Und du, lieber Hubert, du zeigst denen, die zu schnell aufgegeben haben, dass es immer möglich ist, zu tun was man liebt. Weil man liebt. Solange man liebt. Danke für deine Worte, deinen Mut, deine Bücher. Denn manchmal, lieber Hubert, da les‘ ich mich in dir …

Und Sie, und ihr, ihr lieben Lesenden, erlebt ihn, den immer wieder neuen Hubert Maria Moran!

Herzlichst,
Miriam H. Auer

Zum Autor Hubert Maria Moran lesen Sie hier:
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/hubert-maria-moran

Reflexionen

Hubert Maria Moran
Lyrische Lebensreise IV

Seiten: 176
Bindung:Broschur
Format:14,5 x 21 cm
ISBN:978-3-7086-0941-6
Verlag: Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec

Zur Laudatorin Miraim H. Auer
http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

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„Schau so!“ – eine WortKlang-Matinee mit Sieglind Demus und Charlie Leschanz im Pankratium Gmünd

Im Haus des Staunens kam letzten Sonntag ein literaturinteressiertes Publikum zusammen und ließ sich von den Erzählungen und improvisierten Klängen auf einem (ehemals bereits ausrangierten und nun wieder restaurierten) Harmonium bezaubern.

Die in Villach ansässige Schriftstellerin Sieglind Demus brachte mit ihren Erzählungen aus verschiedensten Teilen der Welt die Zuhörer zum Staunen. Sie versetzt sich dabei in Kinder und schildert die Geschehnisse durch deren Augen gesehen, durch ihre jeweils spezifisch eigene Sprache in feinfühliger, verletzlicher Weise, zum Ausdruck gebracht:

„Die Texte Ich bin ein Artist, Fata Morgana und Schau, so! sind Puzzleteile einer Serie. In dieser Serie gebe ich Kindern eine Stimme. Die Texte zeigen jeweils einen kleinen Ausschnitt ihres Aufwachsens. Was daran besonders ist? Diese Geschichten spielen weltweit solitär, sind stark verortet und doch greifen sie auf subtile Art und Weise ineinander und fügen sich zu einem globalen Gesellschaftsbild. 
Ganz bewusst verzichte ich auf Historie, auf das, was vorher war – und auch auf das was nachher sein wird. 
Beides, das Vorangegangene und das Fortgesetzte schreiben unser Wissen, unsere Erfahrung, unser Hinschauen, genauso wie unser Wegschauen. In meinen Texten sind meine Protagonisten keine realen, aber gut recherchierte Figuren, Kinder, die in der Ichform in unterschiedlichem Duktus zu berichten wissen“, erklärt Sieglind Demus.

Ihre Texte „Ich bin ein Artist“ / „Schau, so!“/“Fata Morgana“/“Die neuesten Nachrichten“ und „I feel blue“ wirkten stark berührend auf das Publikum. Jazzpianist Charlie Leschanz ließ sich von den Texten inspirieren. Seine Kompositionen entführten ebenfalls in imaginäre Welten. Dazu bediente er sich der Klangfarben eines besonderen Instrumentes – des Harmoniums und verstand es gleichzeitig auf einzigartige Weise die Klangfülle zu zähmen. 

Gemeinsam ergab diese Martinee im Haus des Staunens eine literarisch-musikalische Bereicherung und eine Reise in ferne Welten, die, wenn man die Einzelschicksale der Kinder in den Demus-Erzählungen betrachtet, eigentlich nicht fern von uns sind. Hoffentlich finden die Kurzgeschichten bald in Form eines Buches den Weg in die Öffentlichkeit.

Die Künstlerstadt Gmünd hat wieder bewiesen, dass sie auf hohe Qualität und besonders herausragende Künstlerpersönlichkeiten setzt – mit Erfolg.

Foto © Mag. Werner Ruppnig


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Zeile für Zeile innige Freundschaft – Briefe Maria Theresias an Sophie Enzenberg

Als Machtpolitikerin und geschickte Managerin des großen Habsburgerreichs tritt uns die historische Erscheinung und Politikerin Maria Theresia zu ihrem 300. Geburtstag entgegen. Eine bedeutende Frauenpersönlichkeit ihrer Zeit und als Vorbild darüber hinaus. Die Berichte und Dokumentationen überschlagen sich vor und nach dem Geburtsdatum 13. Mai von der Monarchin. Als wäre nicht längst schon alles gesagt worden zu dieser herausragenden Persönlichkeit. Aber das stimmt so nicht: kleine Wunder ereignen sich auch in der Geschichtsforschung. Deswegen ist eine unter den zahlreichen interessanten Maria-Theresia-Neuerscheinungen besonders zu empfehlen, da sie durch einen privaten Schriftverkehr die persönlichen Aspekte der Politikerin in den Vordergrund stellt.

Die gebürtige Kärntnerin Monika Czernin lebt als freie Autorin und Filmemacherin in München und beschäftigte sich intensiv in letzter Zeit mit großen Frauenpersönlichkeiten (zuletzt mit Anna Sacher und ihrem Hotel).
Ihr neu erschienenes Buch „Liebet mich immer – Maria Theresia – Briefe an ihre engste Freundin“ erschienen im Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017, und dokumentiert einfühlsam einen bedeutenden historischen Fund aus dem Privatleben der Kaiserin.

Die empathische Autorin Monika Czernin hat zusammen mit dem Historiker Jean-Pierre Lavandier vorliegendes Buch mit dem in Vergessenheit geratenen Originalbriefwechsel Maria Theresias für ein breites kulturinteressiertes Publikum aufgearbeitet.

Es sind private Briefe, offenherzig und ehrlich, frei von allen äußeren Zwängen zwischen zwei engen Freundinnen Maria Theresia und ihre ehemalige Hofdame Sophie Enzenberg zwischen 1745 und 1780. Alle Mitteilungen, Wünsche, und Befindlichkeiten im Vertrauen geschrieben und mit der Auflage, die Briefe zu verbrennen. Es zählt also zu den großen Glücksfällen für die Geschichtsforschung, solche wertvollen handgeschriebenen Dokumente zu entdecken.

1745 wird Sophie Baronin Schack von Schackenburg (spätere Gräfin Enzenberg) Hofdame von Kaiserin Maria Theresia und es entsteht eine Freundschaft. Auch als Sophie ihrer Heirat wegen Wien verlässt und nach Innsbruck übersiedelt, bleibt das Vertrauensverhältnis bestehen. Maria Theresia wird die Patin des Sohnes der Gräfin Sophie, der als „schöner Franzl“ Bekanntheit in Kärnten erlangte.

Jenes Patenkind, Franz Joseph von Enzenberg, wurde später Obersthofmeister der in Klagenfurt residierenden ältesten Tochter der Kaiserin, Maria Anna. Das prächtige Denkmal auf dem Neuen Platz verdanken die Klagenfurter einer Reise der Monarchin im Juli 1765. Es blieb der einzige Besuch Maria Theresias. Sie war mit dem Hofstaat auf dem Weg nach Innsbruck. Dort ereilte sie das Schicksal und ihr Mann Kaiser Franz Stephan von Lothringen starb unvorhergesehen.

http://kaernten.orf.at/tv/stories/2836769/

86 größtenteils unveröffentlichte Briefe wurden in Schloss Tratzberg über 100 Jahre im Stillen aufbewahrt. Maria Theresia gewährt in diesen Dokumenten einen Blick hinter die Kulissen des repräsentativen Hoflebens und einen Einblick in ihre Persönlichkeit.
Die Briefe geben deutlich Auskunft über die Seelenzustände der Monarchin in den 1760er Jahren, eine neue Quelle für eine neue Sicht auf die Lebenssituation der Kaiserin. Die Jahre ab 1765 sind durch den Verlust ihres geliebten Mannes gezeichnet.

„Ein Teil der Briefe ist mit Fehlern vor mehr als einem Jahrhundert von Maria Theresias Biografen Alfred von Arneth auf Französisch und nur ein paar wenige Briefe auch auf Deutsch publiziert worden, danach sind sie wieder in Vergessenheit geraten und einem über 100-jährigen Dornröschenschlaf auf Schloss Tratzberg anheimgefallen. Ulrich Goess-Enzenberg, dem 7-fachen Urenkel jener Gräfin und heutigem Besitzer von Tratzberg ist es zu verdanken, dass wir die kostbaren Briefe, basierend auf der von Jean-Pierre Lavandier editierten wissenschaftlichen Gesamtausgabe der französischen Originale, nun komplett neu aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen konnten.“ (Czernin Seite 9)

Wir lesen von Sorgen um die Kinder, von den Leiden der Einsamkeit der Macht, von Heiratsplänen, aber auch von Alltäglichem wie Mode, Bekleidung, sogar von Seltenem wie Schokolade, die man damals für Medizin hielt.
Die immer stärker werdenden Stimmungsschwankungen der Kaiserin treten in den Briefen zu Tage, ein unmittelbares, unverfälschtes Dokument einer schweren Lebenskrise. Nur ihrer Freundin gegenüber schreibt Maria Theresia offen, in den Briefen an die Kinder oder anderen Vertrauten treten ihre Seelenzustände nicht so deutlich hervor.

„Meine Tochter möge auch so glücklich wie ich sein und ihren Mann nicht überleben…..“
„Die Kaiserin trägt mein Collier und die Girandolen, die Sie in Innsbruck gesehen haben, und all meine Töchter auch, denn ich besitze keinen einzigen Diamanten mehr. Ich habe alles verteilt …“
(Maria Theresia, Brief 23, 26. 12. 1765)/ (Czernin Seite 87)

Um die Jahreswende 1765/66 ist ein deutliches Absinken Maria Theresias in eine Depression zu bemerken. Immer stärker zog sie sich zurück. Ihre Räumlichkeiten ließ die Monarchin mit grauer Seide bespannen zum Zeichen ihrer großen Trauer.

Am 12. Februar 1766 schrieb Maria Theresia in einem Brief an ihre Freundin Sophie (es wäre der 30. Hochzeitstag gewesen):

„Ich habe diesen glücklichen Tag alleine verbracht, vis-à-vis von mir selbst, in meinem Kabinett eingeschlossen, umgeben von den Porträts unseres lieben und großen Herrn, und ich bin glücklich, dass ich ihn noch weiter lieben darf, um mich von dieser Liebe zu ernähren. Alle Stunden habe ich mich mit meinem vergangenen Glück beschäftigt und habe dabei bedauert, nicht genug von der Zeit mit ihm profitiert zu haben, die Zeit von 30 Jahren erscheint mir wie 10 Jahre, während die fünf Monate seit unserem gemeinsamen Unglück mir wie 20 Jahre vorkommen.“ (Maria Theresia, Brief 25/ Czernin Seite 88)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783800076642/Czernin-Monika-Lavandier-Jean-Pierre/Maria-Theresia—Liebet-mich-immer

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Monika Czernin,
Jean-Pierre Lavandier

Maria Theresia – Liebet mich immer
Briefe an ihre engste Freundin
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017
200 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7664-2
€ 21,95
http://www.ueberreuter-sachbuch.at/shop/maria-theresia-liebet-mich-immer/

Monika Czernin

Monika Czernin, 1965 in Klagenfurt geboren, studierte Pädagogik, Politikwissenschaften, Philosophie und Publizistik in Wien und arbeitete für den ORF und als Kulturredakteurin bei der Tageszeitung „Die Presse“. Seit 1996 lebt sie als freie Autorin und Filmemacherin in München. Zahlreiche Bücher und Filme zu historischen Themen. Ihr letztes Buch „Anna Sacher und ihr Hotel“ kam auf die Spiegel-Bestsellerliste.

https://de.wikipedia.org/wiki/Monika_Czernin

Ich danke dem Verlag Carl Ueberreuter, Wien, und der Kärntner Buchhandlung (Landhausbuchhandlung)in der Wiesbadenerstrasse, Klagenfurt, für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Foto© Gabriele Russwurm-Biro

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