Literatur unter freiem Himmel auf der Kreuzberglwiese – Spätsommerkostproben

„Alfresco“ hieß es im heurigen Spätsommer (in den warmen Augusttagen) zum zweiten Mal für LiteratInnen aus Kärnten. Der Kärntner SchriftstellerInnen-Verband lud zu den „Spätsommer–Literatur-Kostproben“ nach Klagenfurt auf die beliebte Spiel- und Festwiese im Naherholungsgebiet Kreuzbergl. Das ungezwungene freie Zusammentreffen Gleichgesinnter vor ansprechender Naturkulisse ohne räumliche Grenzen mit mitgebrachten Köstlichkeiten ist ein bewährtes Rezept. Spätsommerliche Nachmittage eignen sich daher besonders dazu, so wurde auch diesmal – im offiziellen Jahr der Kunst im öffentlichen Raum– die Einladung zu diesem informellen Literaturtreffen gerne angenommen.
Das einmalige Naturambiente und das perfekte stabile Spätsommerwetter lockten 20 Literatinnen und Literaten aus dem Freundes- und Sympathisantenkreis des Verbandes zu einem Treffen mit vollgepackten Picknickkörben und mitgebrachten neu entstandenen Texten. Jeder/e Teilnehmer/in konnte berichten, woran er/sie gerade arbeite und eine kleine Kostprobe aus den eigenen Werken vortragen.
Mit Klappstühlen, Decken und reichlich vorzüglicher Jause ausgestattet fand sich die Gemeinschaft auf der Spielwiese zusammen. Nicht nur Klagenfurter, auch aus Villach und Seeboden waren Teilnehmerinnen gekommen.
Lyrik und Kurzprosa wurden als Kostproben dargebracht und gaben Einblick in das vielfältige Schaffen der Kärntner Kolleginnen und Kollegen.
Unter ihnen waren Johannes Tosin, Peter Kersche, Marlies Karner-Taxer, Anneliese Merkac-Hauser, Edgar Hättich mit seiner Frau Maria Alraune Hoppe, Sieglind Demus, Christine Tidl, Betty Quast, Monika Grill, Edeltraud Pirker, Karin Prucha, Angelika Peaston, Gernot Stadler, Gabriele Russwurm-Biro und Gäste.
Aus den dargebrachten Kostproben sind einige hier nachzulesen:

Peter Kersche (Klagenfurt) las ein Gedicht, das er aus dem slowenischen übersetzt hat:
Von Edvard Kocbek

Grün

Als ich stehenblieb und mich widersetzte,
und den anderen keinesfalls mehr nachrennen wollte,
und nach einiger Zeit die Augen öffnete,
und in fremd anmutende Stille blickte,
da war plötzlich alles grün,
Erde, Himmel, Luft und Ferne.
Und als ich genauer hinblickte,
war alles andere auch grün,
Straße, Bäume, Wolken und Vögel,
grün die Sonne und alle Maßstäbe.
Und als ich meine Blicke auf die Handfläche und Finger richtete,
waren diese grün. Und als ich mich in sie verbiss,
spritzte das Blut grün.
Ich schrie auf, alle Schreie grün.
Vor Wut lief ich los, die Fluchtschritte grün.
Alle Geräusche grün und die Stille grün.
Auch die Gräser grün, die Erinnerungen grün.
Helle und Dunkelheit grün.
Und mein Schluchzen grün
und die Grenzen ununterbrochen grün.
Und als ich grün zu sprechen anfing
und das Grünzeug zu verwünschen begann,
die Kräuter, Grünflächen, den immergrünen Buchsbaum,
das Grün, die Pflanzen und das Immergrün,
wusste ich, selbst die Verzweiflung ist grün.
Da erkannte ich,
die Chimäre Hoffnung ist wild
und giftig grün geworden.

Übersetzt aus dem Slowenischen Peter Kersche
Originaltitel: Zeleno In: Zbrane pesmi. 2. Bd. – Ljubljana: Cankarjeva založba 1977, S. 31

Edvard Kocbek
Geboren am 27.9.1904 in Sv. Jurij ob Ščavnici, gestorben am 3.11.1981 in Ljubljana. Schriftsteller, Übersetzer, Gymnasiallehrer, Politiker (Kulturminister). Studium der Romanistik in Ljubljana, Berlin, Lyon und Paris. Ab 1931 Gymnasiallehrer. Mitarbeit an der katholischen Zeitschrift „Dom in svet“ (Heim und Welt). Er gründete die Zeitschrift „Dejanje“ (Die Tat), schloss sich im Krieg den Partisanen an. 1951 wurde er wegen der Novellensammlung „Strah in pogum“ (Angst und Mut) Mundtot gemacht. Erst 1961 wurde das Publikationsverbot aufgehoben. Kocbek gehört zu den bedeutendsten slowenischen Autoren des 20. Jahrhunderts. WERKE: Zemlja, (Erde), Gedichte 1934; Tovarišija (Kameradschaft), Tagebücher 1949; Strah in pogum (Angst und Mut), Novellen 1951; Groza (Grauen), Gedichte 1963; Poročilo (Bericht), Gedichte 1969; Pred viharjem (Vor dem Sturm), Tagebuch 1980 u. a.
Vergleiche u. a. auch: Böll, Heinrich: Zum Fall Kocbek. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 119, v. 26.5.1975, S. 19, Abdruck in: Einmischung erwünscht. Schriften zur Zeit. Sammlung publizistischer Arbeiten. 1977; Detela, Lev: In memoriam Edvard Kocbek. In: Die Presse, 11.11.1981; Detela, Lev (Hrsg): Kocbekovo berilo =Kocbeks Lesebuch. – Klagenfurt, Ljubljana, Wien: Hermagoras 1997; Literatur und Engagement. Hrsg. v. Lev Detela und Peter Kersche. – Klagenfurt, Wien: Kitab 2004; Rakusa, Ilma: Slowenische Dissidenz. Hinweis auf Edvard Kocbek. In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 42, 19.2.2005, S. 47

©Johannes Tosin (Krumpendorf) las aus den Zyklen „I AM Dead“ und „Bonus“:
I Am Dead
Download

Durch die Nabelschnur der Information verbunden.
Jeder kann sein Kind oder Mutter.
Überlandverkehr auf der Datenautobahn.
Die Zeit zerhackt in Millisekunden.
Flächendeckende Netzabdeckung.
Systemüberlastung.
Stille bis zum nächsten Ton.

„Never Hurt Me Again“
Sie war schwanger, mit siebzehn.
„Ich wünsch mir ein Mädchen“, sagte er.
„Mir wäre ein Bub lieber“, sagte sie.
„Der wird groß und stark werden,
und er wird seine Mama beschützen, vor dir.“

BONUS
Prophezeiung

Eine Prophezeiung:

Sobald der Friedhof von Nadschaf,
der der weltgrößte ist,
an die heilige Stadt Kerbala heranreicht,
wird die Welt untergehen.

Noch liegen sechzig Kilometer dazwischen,
aber die können kurz sein.

http://www.das-dosierte-leben.de/tosin.htm

Karin Prucha (Klagenfurt) aus ihrem neuen Gedichtband: „in tiefen landen“ (lyrik und fotografien/der wolf verlag 2017)

die einatmung

in niemandsaugen bist du geboren
aus fremden zimmern waren deine worte
klänge der ferne besaß dein herz
in das du keinen schauen ließest
bis auf mich
der ich manchmal darin stöbern durfte

wenn ich das schwimmen verlerne
breche ich auf zu neuen ufern
neu ordne ich die morgen
die gestern bleiben ein sprachenverhängnis

ich kann dich nicht sehen mein geliebter
ich kann dich nicht vertauen
du bist in anderen landen

ich dreh mir den strick aus der wunden seele
eingeatmet in vielen stunden
glück über herz

die haut gräbt ihre sprache aus

meine worte fließen aus meiner kehle
weich und schmeichelhaft in deine haut
zart und salzig deine lippen
folgen meinen linien
mein körper dem aufruhr
salz auf meiner haut
und in deinem mund

ich sinke in das tiefblaue meer
warme schauer über meinem rücken
die haut gräbt ihre sprache aus
von liebe und verzeihen

mein morgenmund küsst deinen schlaf
sanft hellt sie auf die nacht
legt schlafen alte trauer
in zeilen honiggold

die grenzen deiner haut werden zu meinen
dein körper über mir
sanft schaukeln uns die wellen in den tag
kühlend ist dein haar
glanzpunkte auf meinen hohen tälern

zögernd wach ich auf
du bist so warm in meinem traum

mein ein paradies

nun wo die tage kürzer werden
einen hauch schon weniger als sommer
das meer noch warm ist an den küsten
die bora von fallenden temperaturen kündet

die sonne wie immer blutend im meer versinkt
das abendblau die kühle verheißt
da sitze ich des nächtens in meinem paradies
zwischen bäumen und verwilderten rebstöcken
lausche den grillen dem warmen konzert
dem schreienden kauz kein verkünder des todes
die luft streichelt meine salzige haut
die ich nicht wässern will mit süßem
des salzes wegen das meine haare
dichter werden lässt und zarter meine haut

hier schreib ich über widerstand
den meinen und den zur rettung der welt
in meinen dichtungen rett ich sie
mit den kratzigen geräuschen der feder
mit der ich über papier rase

der rote wein schmeckt karstig und herb
und passt hierher an diesen ort
zu den felsen grillen und grünen pflanzen

ich schaue nicht aufs meer
ich weiß es glatt und sicher

©Karin Prucha

https://www.heyn.at/heyn/list?cat=&quick=Karin+Prucha

Marlies Karner-Taxer las ihren Prosa-Beitrag aus dem immerwährenden Kalender der Literaturgruppe „Kärntner Schreiberlinge“: „Ich verspreche dir und mir“ (Monat Mai)

Die Lyrikpreisträgerin 2016 des zweisprachigen Bleiburger Literaturwettbewerbs trug ein Gedicht vor
©Anneliese Merkac Hauser

Und wieder

Und wieder
Soll einer
Die Sterne grüßen
Und wieder
Heute
Nach gestern

Ein Warten
Stellt sich ein

Ich lege den Schlüssel
Nicht mehr
Aus der Hand
Der öffnet das Band
Lasse euch
Frei

©Anneliese Merkac Hauser

Über „Endzeit“ von Betty Quast:

Vor fast 20 Jahren hat Betty Quast begonnen, an „Endzeit“ zu schreiben. Die in der Sammlung „Die Hochhausstadt“ eingefügten Kindergeschichten reichen bis in die 80er Jahre zurück. Nach langem Warten, Verlagssuche, Layouten und Lektorieren ist „Endzeit“ nun endlich da und erscheint im September 2017.

Der neue Lyrikband besteht aus verschiedenen Sammlungen:

Prolog: Die Hochhausstadt
Variationen über einen Androiden
Helsingør
Marzahn – im Herzen der Brache
Moderne Zeiten
Im alten Rom
Totalitarismus – 4 Jahreszeiten
Die Wächter

https://tredition.de/autoren/betty-quast-20936/endzeit-hardcover-92762/

©Gernot Apo Stadler (Reisender, Autor und Fotograf):

Dann kann es sein, dass ein Mann einmal weint.

„Es ist Sonntag, ein strahlend blauer Tag.
Ein angekündigt, strahlend blauer Tag.
Ein strahlend blauer Sommertag.
Ein Tag, an dem man raus muss!
Ein Tag, an dem die meisten naturverbundenen Menschen einen Ausflug machen.

Meist dauert es, bis meine Familie in die Gänge kommt. Doch heute ist alles anders. Frau hat am Beifahrersitz Platz genommen. Töchter sitzen erwartungsvoll auf der Rückbank. Hund, mit Kappe und Sonnenbrille ausgestattet, lugt aus dem Heckfenster. Es kann losgehen. Es ist eine Fahrt ins Blaue. Vorbei geht es auf der Südautobahn am schönen Wörthersee Richtung Villach. Die Tauernautobahn führt uns durch den Oswaldibergtunnel nach Feistritz/Drau. Hier biegen wir ab und Hinweisschilder zeigen uns den Weg nach Fresach und zum Millstättersee. Am Glanz beim Gasthof Podesser fällt die Entscheidung. Wir gehen auf den Mirnock.

In zwei kleinen Rucksäcken befinden sich Proviant, Wasser und Leckerli für
den Hund. Rocco, so heißt die Fellnase, spürt die Freude, die uns erfüllt. Er rennt geschäftig einmal nach vorne, dann wieder zurück und so legt er die Strecke in Metern gemessen wohl drei Mal zurück.

Sehr weit sind wir noch nicht gekommen, da wird von den Töchtern die erste Rast eingefordert. Auf einer Wiese finden wir einen Platz, der schöner nicht sein kann. Wir sind umgeben von einer Vielfalt von Wiesenblumen. Weidende Kühe machen mit ihren Glocken auf sich aufmerksam. Schmetterlinge schaukeln im leichten Wind und Bienen sammeln eifrig Nektar.

Und der Ausblick!

Er ist großartig, nein, er ist viel mehr als großartig!
Einzigartig, umwerfend, berührend!

Ich kann nicht anders. Die erste Träne hat einen meiner Augenwinkel verlassen.
Der See – der Millstätter See – er liegt im satten BLAU und seiner ganzen Pracht uns zu Füßen. Ringsum die Berge, einer schöner als der andere. Das Ende des Sees, das Goldeck und mir scheint, sogar der Großglockner sind zu sehen.
Mein Blick, nein, unser aller Blick, kann sich an diesen Naturschönheiten nicht satt sehen.

Das ist die Schöpfung!

See, Berge, Himmel, Wiesen, Blumen, Bäume, Menschen, Tiere – ich umarme euch.

Die einsame Träne erhält Bruder und Schwester.
(© Gernot Stadler, 2017)

http://www.lipife.at/wp/biographie-2/

Maria Alraune Hoppe lies sich 3 willkürlich gewählte Worte aus dem Publikum zurufen und entwickelte daraus drei erstaunliche und faszinierende Geschichten:

Foto© russwurm-photography

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Feinheiten des Kärntner Literaturwettbewerbs – nachzulesen in der neuen KSV-Anthologie

Seit 2002 schreibt der Kärntner Schriftstellerinnen-Verband jedes zweite Jahr einen Preis für neue Literatur aus. 2016 war das bereits die achte Ausschreibung. Damit zählt der KSV-Literaturpreis neben dem Bachmannpreis, der international angelegt ist und in Klagenfurt im Rahmen der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ vergeben wird, und dem Kärntner Lyrik-Preis der STW Klagenfurt seit 2008, zu den wichtigsten und beständigsten Wettbewerben für neue Literatur in Kärnten.

Vor nunmehr 14 Jahren wurde im Zuge einer Neuorientierung und Umorganisation des Verbandes durch den damaligen Präsidenten Gerard Kanduth dieser Preis des Kärntner Schriftstellerverbandes für neue Literatur ins Leben gerufen, vor allem auch, um noch unentdeckte literarische Talente im Lande aufzuspüren und ihnen ein Podium bieten zu können. Wettbewerbe zählen immer noch zu den wichtigen Gelegenheiten im Literaturbetrieb, um „entdeckt“ zu werden. Ganz besonders, wenn die Beiträge in einer Publikation dokumentiert und nachvollziehbar werden. Das ist nun erstmals dem KSV gelungen, um die Einsendungen, die von hoher Qualität sind, auch „greifbar“ zu machen.

Auf eine Themenvorgabe wurde verzichtet, als Form wurde Prosa vorgegeben. Immerhin kamen 35 Texte zu den unterschiedlichsten Themen, Ansätzen mit unterschiedlichen Stilformen als Einreichungen. Es fällt nicht leicht aus dieser Menge sehr guter Texte eine Longlist von 16 Beiträgen und daraus eine Shortlist von fünf besten auszuwählen.

Die vier Siegertexte und weitere besondere Beiträge von der Longlist sind nun in Buchform mit dem Titel „Feinheiten“ im Kärntner „der wolf-verlag“ 2017 erschienen, um nachlesen und die Juryentscheidungen nachvollziehen zu können.

Mit Texten von: Greta Lauer (1. Platz), Angelika Stallhofer (2. Platz), Paul Auer (3. Platz) und Miriam H. Auer (4. Platz). Sowie ( in alphabetischer Reihung): Helena Maria Drexler, Stefan Feinig, Ronny Goerner, Tatjana Gregoritsch, Maria Alraune Hoppe, Christina Jonke, Bianca Kos, Eva Possnig, Hugo Ramnek, Rebekka Scharf und Christne Tidl.

Die jährlich wechselnde Jury setzte sich beim letzten Wettbewerb aus den Vorstandsmitgliedern Engelbert Obernosterer (Vorsitz), Reinhard Kacianka, sowie Arnulf Ploder zusammen. Eine Veröffentlichung der eingereichten Texte wurde bereits 2014 angedacht. Für alle ausgewählten Autorinnen und Autoren bietet die Anthologie ein Forum der Veröffentlichungsmöglichkeit.

Diese vorliegende Publikation stellt den Beginn einer eigenen KSV-Literaturwettbewerbs-Edition dar, die alle zwei Jahre die besten der eingereichten Texte zugänglich macht. Damit soll sich ein Gesamtbild der Kärntner Literaturszene ergeben und dokumentiert werden. Zudem sollen den Autorinnen und Autoren, die oft noch nicht publiziert haben oder von der Öffentlichkeit noch nicht ausreichend wahrgenommen wurden, eine Plattform geboten werden, um sie zu fördern und vorzustellen.

Die neue Edition soll auch einen Anreiz bieten, an dem Wettbewerb künftig teilzunehmen.

Die nach den neuen Förderrichtlinien des Landes entscheidenden Kriterien wie zeitgenössisch, Förderung des Künstlernachwuchses und Kärntenbezug haben wir bei der Ausrichtung unseres Wettbewerbs schon immer als Auftrag und Zielrichtung verstanden und umgesetzt.

Unser Dank gilt dem Land Kärnten für die jährliche Subvention, dem Bundekanzleramt (BKA) und den rund 70 Mitgliedern, die durch die Beitragszahlungen dem Verband zu Eigenmitteln verhelfen, die angespart und für besondere Verwendungen eingesetzt werden und uns die Ausschreibung eines solchen Wettbewerbs erst ermöglichen.

Die bisherigen Gewinner des SV-Literaturwettbewerbs waren:

2002 (Barbara Grascher),
2004 (Simone Schönett),
2006 (Jürgen Lagger),
2008 (Hugo Ramnek),
2010 (Christoph W. Bauer),
2012 (Harald Schwinger)
2014 (Anna Baar, 2. Miriam Auer, 3. Ursula Wiegele)
2016 Die fünf Bestgereihten (in alphabetischer Reihung):
Miriam Auer, Paul Auer, Greta Lauer, Elke Laznia und Angelika Stallhofer

Der nächste Wettbewerb des KSV, an dem Autorinnen und Autoren, die in Kärnten geboren wurden oder mindestens seit 5 Jahren in Kärnten ihren Lebensmittelpunkt haben, unveröffentlichte Prosatexte einsenden können, wird im März 2018 vom Kärntner SchriftstellerInnen Verband ausgeschrieben.

http://www.kaerntner-schriftsteller.at/termine-2/

Feinheiten

Ausgewählte Texte des
KSV-Literaturwettbewerbs 2016
Herausgegeben vom
Kärntner SchriftstellerInnen Verband
Gabriele Russwurm-Biro
der wolf verlag 2017
ISBN 978-3-902608-63-5
157 Seiten
€ 12,-

Foto © Gabriele Russwurm-Biro

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Charakterköpfe im Künstlerhaus Klagenfurt

Als Rahmenprogramm der zurzeit im Künstlerhaus Klagenfurt präsentierten Ausstellung „AHEAD of the Game“ (bis 5. Juli 2017) trafen zum zweiten Mal Schriftsteller*innen und bildende Künstler*innen in der Großen Galerie des Kunstvereins Kärnten zum Literatur-Frühstück im Künstlerhaus zusammen.
Die Ausstellung ist Teil des kärntenweiten Kunstprojekts kopf.head.glava initiiert vom Kunstverein Kärnten. Kunstschaffende aller Sparten beschäftigen sich mit dem Thema Kopf (im weitesten und im engsten Sinne des Wortes)
https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

Im Mittelpunkt des Literaturfrühstücks stehen Synergien zwischen Literatur und bildender Kunst.
Literarische Texte von Autor*innen zum Generalthema „Kopf“ und Bezüge zu den ausgestellten Exponaten wurden gemeinsam mit Statements bildender Künstler, die in dieser Ausstellung präsentiert werden, gelesen. Es entwickelte sich ein Dialog, bei dem die einzelnen künstlerischen Positionen, Ausdrucksformen und Mittel diskutiert wurden.

An diesem Samstag Vormittag im Künstlerhaus nahmen folgende Schriftsteller*innen aus Kärnten, eingeladen vom Kärntner Schriftsteller*innen-Verband teil: Sieglind Demus, Elisabeth Faller, Karin Prucha, Hannes Wendtlandt,
Betty Quast und als Moderatorin Gabriele Russwurm-Biro.


Sieglind Demus
verfasste zu diesem Anlass HAIKU und bezog sich in den ersten beiden Gedichten auf Dagmar Stelzers Arbeit: „Without Head“ – Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“

GEHALTEN

GEDANKE HALTLOS
DURCHBRICHT MAUERN UND ZÄUNE
IGNORIERT SCHRANKEN

GEFREIT

KOPFBEREITER SATZ
KÖRPERHAFT DAHINGEHAUCHT
SPAZIERT SORGLOS FREI

©Dagmar Stelzer

GELADEN

GESTERN IST HEUTE
DURCHGELADENES GEWEHR
IST MORGEN BESTIMMT

GESTAMPFT

CHARAKTERKOPF STAMPFT
GENERATIONENKÖPFE
CHARAKTERLOS EIN

Die beiden HAIKU „Geladen“ und „Gestampft“ von © Sieglind Demus beziehen sich auf das Gemälde von Ramona Schnekenburger „Vater mit zwei Söhnen“. Ihre großformatigen Werke zeigen feinsinnige Menschendarstellungen. Als Vorlagen verwendet die Künstlerin Fotografien, die sie auf Flohmärkten oder in Antiquariaten findet. Gelegentlich benutzt sie Teile von Bildern aus dem Internet oder selbst geschossene Aufnahmen. Nach einem langen Auswahlprozess befreit sie die Figuren aus dem Kontext und stellt sie vor das Weiß der Leinwand. So lenkt sie die Aufmerksamkeit auf den intensivgeheimnisvollen Blick ihrer seltsam entrückten Wesen. Aus der Nähe betrachtet, beginnen sich die Figuren aufzulösen. Der Künstlerin geht es nicht um die exakte physiognomische Abbildung bestimmter Personen, vielmehr sieht sie in ihren Protagonisten Personifikationen allgemeiner psychologischer Prozesse. Neben Einzelportraits entstehen auch Gruppenbildnisse, anhand derer sie zwischenmenschliche Beziehungen zu analysieren scheint. Subtil und eindringlich
zugleich macht sie Machtverhältnisse und Abhängigkeiten sichtbar. Die Aussparung der Hintergründe könnte man auch als Metapher für die Isolation des Individuums deuten. Der Blick der Künstlerin richtet sich in letzter Konsequenz nicht auf die geschaffenen Bilder oder ihre Inhalte, sondern auf den Betrachter selbst. Das Kunstwerk wird zum Spiegel. [Alexandra Kontriner]

© Ramona Schnekenburger

GELOCHT

GENAUE LINIEN
AUFGEKRATZT ÜBERSTEMPELT
GELOCHTES GESICHT

Nimmt Bezug auf das Porträt von Thomas Riess „Frank“ (lost faces) Riess zeigt in dieser Ausstellung ein Foto aus der Serie seines Projekts mit 150 x 150 cm großen Porträts obdach- und mittelloser Menschen verschiedener Metropolen der Welt. Dabei wählt er jeweils Persönlichkeiten
einer Großstadt aus, und lässt diese zu Stellvertretern einer Randgruppe marginaler gesellschaftlicher Bedeutung werden. Riess löst diese Menschen aus ihrer ursprünglichen, von uns als unschön und abstoßend empfundenen
Abseitssituation und stellt sie in einen vollkommen anderen visuellen sowie örtlichen Kontext. Durch den bewussten Verzicht einer populistisch-klischeehaften Darstellung will Riess die Persönlichkeit mehr in den Vordergrund rücken als ihre gegenwärtige Lebenssituation und sie aus dem wenig wahrgenommenen Dasein holen. Für den Betrachter mögen die Werke dadurch auf den ersten Blick vielleicht verwirrend wirken, steht er doch Porträts von interessanten, ausdruckstarken Persönlichkeiten unseres täglichen Lebens
gegenüber, die kaum vermuten lassen, dass es sich um Abbildungen von Menschen einer von der Mehrheit der urbanen Bevölkerung ungern gesehenen gesellschaftlichen Randgruppe handelt. Thomas Riess verwendet als ungewöhnliches Malmedium den Korrekturbandroller (TippEx). Er funktioniert jedoch dessen Löschfunktion ins
Gegenteilige um, indem er durch gezielt aneinandergereihtes Aufrollen des Korrekturbandes auf eine schwarzgrundierte Leinwand das Konterfei der Protagonisten entstehen lässt und so Menschen sichtbar macht, die sonst gerne aus dem makellosen Bild des urbanen Raumes „gelöscht“ werden.

©Thomas Riess

http://www.sieglinde-demus.de/sieglinde_demus.html

Auch die in Klagenfurt lebende Autorin Karin Prucha ließ sich von Dagmar Stelzers Papier-Torsi inspirieren und schrieb ihre Gedichte direkt in der Ausstellung nach der Besichtigung vor Ort.

©Karin Prucha

I
fremde federn schmücken fremde köpfe
von angesicht zu angesicht
fällt schweigen in die augen
blicke leere. nüchtern eingeholt.

kopf im kopf
stimmen. los
der argumente
fremde köpfe über dem eigenen

II
körper ohne kopf

bist du kopflos oder
kein kopf ohne körper lebst du länger

denkst du
hast du schon gelacht
gegessen
gerochen
begriffen
gehört
gesehen
gefühlt. jetzt. wo. im. kopf

masse an kopf. vertikal
rinnt dein denken länger

sprechen auch
wann. im. kopf. ensteht.
das denken
und fühlen.
wo.
im kopf. sicher

III

heimat bist du großer köpfe
vielfach doch geschieden von dem denken

kopflos spricht man nicht
das denken macht kopfschmerz

mein kopf denkt von allein
und die sammlung der headsets
macht stutzig

kopf ohne hirn
kleinste einheit. sinn. vollkopf

wonach steht dir dein kopf ?
in welche richtung schreibt die fassung

kopffassung
meiner wieder ohne fassung
mein kopf will den schmuck
die haare die haut den hut
zum köpfen besser nicht
und heimat macht kopflos manchmal

Dagmar Stelzer: „Ich habe Sehnsucht nach der, die ich sein könnte“ – Die Papierkörper sind lebensgroß, teils transparent, voll Leichtigkeit und eine Projektionsfläche für Befindlichkeiten, Wünsche und Sehnsüchte. Lebend im Spannungsfeld zwischen Sein und Wollen, Zwängen unterworfen, können die Torsi als Spiegelbild der eigenen Identität verstanden werden. Das Material Papier versinnbildlicht die Verletzlichkeit, aber auch –in vielen Lagen verbunden –Stärke und Vielschichtigkeit. Die drei Papierobjekte veranschaulichen drei Archetypen – die Kriegerin, die Kurtisane, die weibliche Gottheit – und erwecken den Wunsch deren beste Eigenschaften wie Mut, Selbstbestimmung, Spiritualität und vieles mehr, im ICH wiederzufinden.

Ende Juni erscheint der neuer Lyrikband von Karin Prucha: „in tiefen landen“ lyrik & fotografien (der wolf verlag, Wolfsberg 2017)

© Karin Prucha

©Hannes Wendtlandt (schrieb allgemein zum Thema Kopf folgenden Text nach der Besichtigung der Ausstellung)
Verkopft

„Sie sind zu verkopft für eine Therapie“, sagte der Psychiater, der vom Scheitel bis zur Sohle aus einem einzigen, riesengroßen Schädel zu bestehen schien.
„Darauf kommt es doch an, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will“, erwiderte sein Gegenüber, stand auf und verließ kopfschüttelnd die Ordination.
Das hatte Hand und Fuß, hatte etwas von sich selbst am Schopf packen und aus dem Sumpf ziehen.
Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen heilte sich ja auch, indem er sich selbst beim Wort nahm und seiner Welt Hand, Fuß und Kopf verdrehte und ihr gerade dadurch etwas Sinn verlieh.
Dass Sinn in einem runden Hirnkasten wohnen soll, ist ja an sich schon ein Paradoxon. Viel eher trifft es zu, dass wir unser Denken bezeichnenderweise in kleine graue Zellen sperren.
„Wenn man zu verkopft ist“, dachte er für sich, „dann wäre man also besser ein Idiot – ein im ursprünglichen Wortsinn Verweigerer.“ Ein Wissender, der sich bewusst heraushält aus dem „Hand und Fuß-Haben“. Ein heimlich Behirnter sozusagen. Ein Spürender.
Also beschloss er, fürderhin den Kopflosen zu spielen, nach außen glücklich und mit sich selbst zufrieden. Um innerlich genau zu sehen und zu wissen. Ein Diogenes ohne Fass. Ein Dionysos, der beschloss, Apoll die Stirn zu bieten.
„Die Therapie hat aber erstaunlich gut angeschlagen bei Ihnen“, zeigte sich der Psychiater beeindruckt, der nur Medikamente verschrieben hatte, die sein Patient nie einnahm.
„Ich bin auch nicht mehr verkopft“, antwortete er und lächelte selig. (© Hannes Wendtlandt)

http://www.buecher.de/shop/liebe/auf-hartem-land/wendtlandt-hannes/products_products/detail/prod_id/42328508/
http://bookview.libreka.de/preview/100010/9783734768989?session=4b59ce100e6848f3a16f08e158830619f87f57d5

Betty Quast, Literaturwissenschaftlerin, die in St. Veit mit ihrer Familie lebt, las aus ihrer Gedichtsammlung „Endzeit“, die sich in Druckvorstufe befindet, ausdrucksstarke Gedichte allgemein zum Thema „Kopf“ .
Für Quast steht die kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart im Zentrum ihres literarischen Schaffens.

https://bettyquast.com/

© Betty Quast und Thomas Moritz

Zu den beeindruckenden Keramik-Objekten („Grausige Schädel“) „Lanzón“ von Martina Funder las ich drei Gedichte aus meinem neu erschienen Lyrikband „und hinter mir mein land“ (der wolf verlag / Wolfsberg 2017)

© Gabi Russwurm-Biro

http://russwurm-photo.com/index.php/profil

Lanzón heißt die wichtigste Götterstatue der alten Chavin Kultur im Hochland von Peru. Die Chavin Religion war die 1. Religion des Andenvolkes zwischen 900 – 200 v. Chr.

Martina Funder: „Als ich Ausgrabungsstätte während einer Trekkingtour 2014 besuchte, entdeckte ich diese Skulptur hell erleuchtet am Ende eines dunklen Tunnels in einem tiefen Raum. Sie versetzte mich in Schrecken. Ich musste an meine 3 keramischen „Grausige Schädel“ denken, die ich nach dem Tod meiner Mutter geformt hatte.“

© Martina Funder

Weiter Gesprächs- und Leserunden zum Thema der jeweiligen Ausstellungen im Künstlerhaus in Kooperation mit dem Kärntner SchriftstellerInnen-Verband sind in Vorbereitung.

Danke für das Gruppen-Foto © Sieglind Demus
Das Copyright der Fotos von den Kunstobjekten der Ausstellung AHEAD of the Game liegt bei den jeweiligen angeführten Künstlern.
© Dagmar Stelzer, Ramona Schnekenburger, Thomas Riess und Martina Funder

siehe auch https://www.kopf-head-glava.at/projekt%C3%BCbersicht/ahead-of-the-game-1/

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„Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich…“ Geleit von Miriam H. Auer

Gastbeitrag von Miriam H. Auer zur Buchpräsentation „Reflexionen“ von Hubert Maria Moran Im Musilhaus Klagenfurt am 7. Juni 2017

1. Sei du selbst! Hubert Maria Moran, das ist für dich …
[Miriam H. Auer spricht und performt als Hubert Maria Moran]

„Ich steh’ heut hier von euch und Ihnen
wie geschmiert und wie auf Schienen
als ein Mann mit vollen siebzig Jahren
und fast ganz so vollen Haaren.
Mehrere Bücher hab ich für uns alle geschrieben,
Worte zum Hoffen, Denken, Lieben.
Wenn alles im Fluss ist, bei mir heißt das dann,
ich liebe meine Frau und das Tal der Glan,
genauso inspiriert mich auch die Tiebel,
Worte springen über die Feder in meine Fibel,
denn die Räder tragen mich immer noch weit –
desholb segts ihr mi do heit!
Meine Bilder haben viele Namen
und die meisten fanden kreative Rahmen.
Doch nicht sagen kann ich, nicht ergründen im Stillen,
nicht beim allerbesten Willen,
was in mir diese Worte wohl grad spricht,
denn ein Unbescheidener bin ich weißgott nicht …

Es ist ein Wunder, auf dieser Welt zu wohnen,
eine Aufgabe auch, deswegen les’ ich heut aus meinen REFLEXIONEN.
Heiter bis wolkig ist das Leben doch fast immer,
aber aufgeben würd’ ich es nie und nimmer.
Ich bin ein tapferer Mann, „a Monn“, „ a man“ –
and sometimes it feels like I’m seventeen again …
Doch du kannst nicht immer siebzehn sein,
Künstler, das kannst du nicht!
Gerne will ich über siebzig sein,
dank euch, die mich „lesen“, niemals allein!
Familie, Freund*innen, die großartige Vanessa Thun-Hohenstein, die kleine Miriam Auer,
ihr vertreibt für heute alle Schauer!
Danke auch an Josef K. Uhl und Roman Till,
Danke Hermagoras und Haus des Musil!
Vielen Dank für die Musik – an Elisabeth Weber, wunderbar und schick!
Sei die Kunst heut unser größtes Glück,
in all ihrer Buntheit, all ihren Facetten!
Schön wird’s werden, darauf trau ich mich zu wetten!
Erlebt diesen Abend hier mit uns allen,
genießt ihn – nichts könnt’ uns mehr gefallen!
Jetzt ruf ich mir die Frau Auer her,
Miriam, erzähl uns mehr!
Wie denkst du über die Moran-REFEXIONEN?
Tät ein Buchkauf sich wohl lohnen?“

[Miriam wird von Hubert wieder zu sich selbst und öffnet ihren Zopf.]

„Sie fragen sich wohl – was tut die jetzt hier!?
Nun, ich kenne gut und mag, was ich lektorier’!“

2. Manchmal les‘ ich mich in dir
(zum Geleit)

Ich finde ihn in deinen Seiten, den Mann, der das Leben in allen Facetten kennt. Lese es aus deinen Zeilen, das Kind, das du gewesen, das du geblieben bist. Höre den erfahrenen Mann, der erklärt, dass vieles unabänderlich ist. In deinen Worten sehe ich die Farben, die Bilder eines Malers, eines Bildhauers, eines Dichters und Denkers, der genau beobachtet, der Schönheit ebenso erkennt wie menschliche Makel. Du bist einer, der in Sanftheit ironisiert. Bist jemand, der mit Liebe beschreibt. Mit Hoffnung erbaut. Sich mit Sehnsucht und Leidenschaft nach allen Seiten umblickt. Du vergisst jene nicht, die am Rand stehen. Du holst sie in deine Wohnung, in deine Worte. Dort werden sie unsterblich. Und all das, lieber Hubert Maria Moran, all das bewegt uns. Uns, die wir „dich“ lesen. Ja, manchmal, da les‘ ich mich in dir …

Du legst die Werkzeuge deiner Künste nicht weg, nur weil du nicht mehr 25 bist. Du machst weiter, erschaffst und erlebst stets Neues. Wenn einmal Werkzeugnisverteilung sein wird – egal durch wen, egal woran man glaubt – und du zurückdenkst an den Buben von einst, an den Mann von vor ein paar Jahrzehnten, an den Künstler von vor ein paar Tagen, wirst du voll Freude und Frieden sagen können: „Ja, das habe ich gerne gemacht.“ Und Widerständen hast du getrotzt ohne hart zu werden.

Du fühlst dich, du schreibst dich in die Menschen ein. Weil du noch Worte findest, wo manche schon glauben, es gäbe nichts mehr zu sagen. Aus Angst vielleicht, aus Resignation womöglich. Aber du, lieber Hubert, du gehst mit deinen Gefühlen auf ein neues Blatt, schreibst einen Vers darauf, eine Geschichte, die immer auch irgendwie deine ist.

So sind wir, die Künstler. So sind wir, die Menschen. So sind wir, die Schwachen, die Starken, die Geselligen, die Einsamen, die Träumenden, die Hoffenden, die im Gestern, die im Morgen Lebenden. Aber heute, heute schreiben wir. Malen Bilder von einer besseren Welt. Und du, lieber Hubert, du zeigst denen, die zu schnell aufgegeben haben, dass es immer möglich ist, zu tun was man liebt. Weil man liebt. Solange man liebt. Danke für deine Worte, deinen Mut, deine Bücher. Denn manchmal, lieber Hubert, da les‘ ich mich in dir …

Und Sie, und ihr, ihr lieben Lesenden, erlebt ihn, den immer wieder neuen Hubert Maria Moran!

Herzlichst,
Miriam H. Auer

Zum Autor Hubert Maria Moran lesen Sie hier:
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/hubert-maria-moran

Reflexionen

Hubert Maria Moran
Lyrische Lebensreise IV

Seiten: 176
Bindung:Broschur
Format:14,5 x 21 cm
ISBN:978-3-7086-0941-6
Verlag: Hermagoras Verlag Klagenfurt/Celovec

Zur Laudatorin Miraim H. Auer
http://www.meerauge.at/autor_inn_en/miriam-h-auer

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„Schau so!“ – eine WortKlang-Matinee mit Sieglind Demus und Charlie Leschanz im Pankratium Gmünd

Im Haus des Staunens kam letzten Sonntag ein literaturinteressiertes Publikum zusammen und ließ sich von den Erzählungen und improvisierten Klängen auf einem (ehemals bereits ausrangierten und nun wieder restaurierten) Harmonium bezaubern.

Die in Villach ansässige Schriftstellerin Sieglind Demus brachte mit ihren Erzählungen aus verschiedensten Teilen der Welt die Zuhörer zum Staunen. Sie versetzt sich dabei in Kinder und schildert die Geschehnisse durch deren Augen gesehen, durch ihre jeweils spezifisch eigene Sprache in feinfühliger, verletzlicher Weise, zum Ausdruck gebracht:

„Die Texte Ich bin ein Artist, Fata Morgana und Schau, so! sind Puzzleteile einer Serie. In dieser Serie gebe ich Kindern eine Stimme. Die Texte zeigen jeweils einen kleinen Ausschnitt ihres Aufwachsens. Was daran besonders ist? Diese Geschichten spielen weltweit solitär, sind stark verortet und doch greifen sie auf subtile Art und Weise ineinander und fügen sich zu einem globalen Gesellschaftsbild. 
Ganz bewusst verzichte ich auf Historie, auf das, was vorher war – und auch auf das was nachher sein wird. 
Beides, das Vorangegangene und das Fortgesetzte schreiben unser Wissen, unsere Erfahrung, unser Hinschauen, genauso wie unser Wegschauen. In meinen Texten sind meine Protagonisten keine realen, aber gut recherchierte Figuren, Kinder, die in der Ichform in unterschiedlichem Duktus zu berichten wissen“, erklärt Sieglind Demus.

Ihre Texte „Ich bin ein Artist“ / „Schau, so!“/“Fata Morgana“/“Die neuesten Nachrichten“ und „I feel blue“ wirkten stark berührend auf das Publikum. Jazzpianist Charlie Leschanz ließ sich von den Texten inspirieren. Seine Kompositionen entführten ebenfalls in imaginäre Welten. Dazu bediente er sich der Klangfarben eines besonderen Instrumentes – des Harmoniums und verstand es gleichzeitig auf einzigartige Weise die Klangfülle zu zähmen. 

Gemeinsam ergab diese Martinee im Haus des Staunens eine literarisch-musikalische Bereicherung und eine Reise in ferne Welten, die, wenn man die Einzelschicksale der Kinder in den Demus-Erzählungen betrachtet, eigentlich nicht fern von uns sind. Hoffentlich finden die Kurzgeschichten bald in Form eines Buches den Weg in die Öffentlichkeit.

Die Künstlerstadt Gmünd hat wieder bewiesen, dass sie auf hohe Qualität und besonders herausragende Künstlerpersönlichkeiten setzt – mit Erfolg.

Foto © Mag. Werner Ruppnig


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Zeile für Zeile innige Freundschaft – Briefe Maria Theresias an Sophie Enzenberg

Als Machtpolitikerin und geschickte Managerin des großen Habsburgerreichs tritt uns die historische Erscheinung und Politikerin Maria Theresia zu ihrem 300. Geburtstag entgegen. Eine bedeutende Frauenpersönlichkeit ihrer Zeit und als Vorbild darüber hinaus. Die Berichte und Dokumentationen überschlagen sich vor und nach dem Geburtsdatum 13. Mai von der Monarchin. Als wäre nicht längst schon alles gesagt worden zu dieser herausragenden Persönlichkeit. Aber das stimmt so nicht: kleine Wunder ereignen sich auch in der Geschichtsforschung. Deswegen ist eine unter den zahlreichen interessanten Maria-Theresia-Neuerscheinungen besonders zu empfehlen, da sie durch einen privaten Schriftverkehr die persönlichen Aspekte der Politikerin in den Vordergrund stellt.

Die gebürtige Kärntnerin Monika Czernin lebt als freie Autorin und Filmemacherin in München und beschäftigte sich intensiv in letzter Zeit mit großen Frauenpersönlichkeiten (zuletzt mit Anna Sacher und ihrem Hotel).
Ihr neu erschienenes Buch „Liebet mich immer – Maria Theresia – Briefe an ihre engste Freundin“ erschienen im Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017, und dokumentiert einfühlsam einen bedeutenden historischen Fund aus dem Privatleben der Kaiserin.

Die empathische Autorin Monika Czernin hat zusammen mit dem Historiker Jean-Pierre Lavandier vorliegendes Buch mit dem in Vergessenheit geratenen Originalbriefwechsel Maria Theresias für ein breites kulturinteressiertes Publikum aufgearbeitet.

Es sind private Briefe, offenherzig und ehrlich, frei von allen äußeren Zwängen zwischen zwei engen Freundinnen Maria Theresia und ihre ehemalige Hofdame Sophie Enzenberg zwischen 1745 und 1780. Alle Mitteilungen, Wünsche, und Befindlichkeiten im Vertrauen geschrieben und mit der Auflage, die Briefe zu verbrennen. Es zählt also zu den großen Glücksfällen für die Geschichtsforschung, solche wertvollen handgeschriebenen Dokumente zu entdecken.

1745 wird Sophie Baronin Schack von Schackenburg (spätere Gräfin Enzenberg) Hofdame von Kaiserin Maria Theresia und es entsteht eine Freundschaft. Auch als Sophie ihrer Heirat wegen Wien verlässt und nach Innsbruck übersiedelt, bleibt das Vertrauensverhältnis bestehen. Maria Theresia wird die Patin des Sohnes der Gräfin Sophie, der als „schöner Franzl“ Bekanntheit in Kärnten erlangte.

Jenes Patenkind, Franz Joseph von Enzenberg, wurde später Obersthofmeister der in Klagenfurt residierenden ältesten Tochter der Kaiserin, Maria Anna. Das prächtige Denkmal auf dem Neuen Platz verdanken die Klagenfurter einer Reise der Monarchin im Juli 1765. Es blieb der einzige Besuch Maria Theresias. Sie war mit dem Hofstaat auf dem Weg nach Innsbruck. Dort ereilte sie das Schicksal und ihr Mann Kaiser Franz Stephan von Lothringen starb unvorhergesehen.

http://kaernten.orf.at/tv/stories/2836769/

86 größtenteils unveröffentlichte Briefe wurden in Schloss Tratzberg über 100 Jahre im Stillen aufbewahrt. Maria Theresia gewährt in diesen Dokumenten einen Blick hinter die Kulissen des repräsentativen Hoflebens und einen Einblick in ihre Persönlichkeit.
Die Briefe geben deutlich Auskunft über die Seelenzustände der Monarchin in den 1760er Jahren, eine neue Quelle für eine neue Sicht auf die Lebenssituation der Kaiserin. Die Jahre ab 1765 sind durch den Verlust ihres geliebten Mannes gezeichnet.

„Ein Teil der Briefe ist mit Fehlern vor mehr als einem Jahrhundert von Maria Theresias Biografen Alfred von Arneth auf Französisch und nur ein paar wenige Briefe auch auf Deutsch publiziert worden, danach sind sie wieder in Vergessenheit geraten und einem über 100-jährigen Dornröschenschlaf auf Schloss Tratzberg anheimgefallen. Ulrich Goess-Enzenberg, dem 7-fachen Urenkel jener Gräfin und heutigem Besitzer von Tratzberg ist es zu verdanken, dass wir die kostbaren Briefe, basierend auf der von Jean-Pierre Lavandier editierten wissenschaftlichen Gesamtausgabe der französischen Originale, nun komplett neu aus dem Französischen ins Deutsche übersetzen konnten.“ (Czernin Seite 9)

Wir lesen von Sorgen um die Kinder, von den Leiden der Einsamkeit der Macht, von Heiratsplänen, aber auch von Alltäglichem wie Mode, Bekleidung, sogar von Seltenem wie Schokolade, die man damals für Medizin hielt.
Die immer stärker werdenden Stimmungsschwankungen der Kaiserin treten in den Briefen zu Tage, ein unmittelbares, unverfälschtes Dokument einer schweren Lebenskrise. Nur ihrer Freundin gegenüber schreibt Maria Theresia offen, in den Briefen an die Kinder oder anderen Vertrauten treten ihre Seelenzustände nicht so deutlich hervor.

„Meine Tochter möge auch so glücklich wie ich sein und ihren Mann nicht überleben…..“
„Die Kaiserin trägt mein Collier und die Girandolen, die Sie in Innsbruck gesehen haben, und all meine Töchter auch, denn ich besitze keinen einzigen Diamanten mehr. Ich habe alles verteilt …“
(Maria Theresia, Brief 23, 26. 12. 1765)/ (Czernin Seite 87)

Um die Jahreswende 1765/66 ist ein deutliches Absinken Maria Theresias in eine Depression zu bemerken. Immer stärker zog sie sich zurück. Ihre Räumlichkeiten ließ die Monarchin mit grauer Seide bespannen zum Zeichen ihrer großen Trauer.

Am 12. Februar 1766 schrieb Maria Theresia in einem Brief an ihre Freundin Sophie (es wäre der 30. Hochzeitstag gewesen):

„Ich habe diesen glücklichen Tag alleine verbracht, vis-à-vis von mir selbst, in meinem Kabinett eingeschlossen, umgeben von den Porträts unseres lieben und großen Herrn, und ich bin glücklich, dass ich ihn noch weiter lieben darf, um mich von dieser Liebe zu ernähren. Alle Stunden habe ich mich mit meinem vergangenen Glück beschäftigt und habe dabei bedauert, nicht genug von der Zeit mit ihm profitiert zu haben, die Zeit von 30 Jahren erscheint mir wie 10 Jahre, während die fünf Monate seit unserem gemeinsamen Unglück mir wie 20 Jahre vorkommen.“ (Maria Theresia, Brief 25/ Czernin Seite 88)

https://www.morawa-buch.at/detail/ISBN-9783800076642/Czernin-Monika-Lavandier-Jean-Pierre/Maria-Theresia—Liebet-mich-immer

,

Monika Czernin,
Jean-Pierre Lavandier

Maria Theresia – Liebet mich immer
Briefe an ihre engste Freundin
Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2017
200 Seiten
ISBN: 978-3-8000-7664-2
€ 21,95
http://www.ueberreuter-sachbuch.at/shop/maria-theresia-liebet-mich-immer/

Monika Czernin

Monika Czernin, 1965 in Klagenfurt geboren, studierte Pädagogik, Politikwissenschaften, Philosophie und Publizistik in Wien und arbeitete für den ORF und als Kulturredakteurin bei der Tageszeitung „Die Presse“. Seit 1996 lebt sie als freie Autorin und Filmemacherin in München. Zahlreiche Bücher und Filme zu historischen Themen. Ihr letztes Buch „Anna Sacher und ihr Hotel“ kam auf die Spiegel-Bestsellerliste.

https://de.wikipedia.org/wiki/Monika_Czernin

Ich danke dem Verlag Carl Ueberreuter, Wien, und der Kärntner Buchhandlung (Landhausbuchhandlung)in der Wiesbadenerstrasse, Klagenfurt, für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Foto© Gabriele Russwurm-Biro

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Staatenlos – Die Geschichte von Joe alias Giovanni alias Jean

Univ. Prof. Dr. Alois Brandstetter zu Ilse Gerhardts Roman „Staatenlos“

Ilse Gerhardt ist ein Multitalent. Ihr primärer Beruf und ihre ursprüngliche „Berufung“ war der Journalismus, Schwerpunkt Kultur. Ihr Ehrgeiz und ihre Expertise gingen aber immer über bloßes „Berichterstatten“ hinaus. Nun in ihrem „Unruhestand“ sind Ihre wöchentlichen Kolumnen und Kommentare etwa in der „Kärntner Woche“ inzwischen legendär geworden.
Man erwartet sie mit Spannung und Interesse: Wen oder was wird sie loben, vor allem aber wen oder was wird sie tadeln. Was heißt tadeln! Anprangern, geißeln oder auch verspotten… Oder auch mit Humor, mit Ironie oder Sarkasmus bedenken… Thematisch sind sie weitgespannt und „raumgreifend“. Sie reichen vom Lokalen, sagen wir von den Schlaglöchern der Villacher Straße bis ins Hochpolitische, sagen wir einmal die Abgründe der Kärntner Seele, mit Erwin Ringel gesprochen. Was ihre Agenden betrifft, steht in der rückwärtigen Klappe ihres letzten Buches, um das es heute geht: „Sie ist Kulturjournalistin, Galeristin, Sängerin, Veranstalterin und Organisatorin von Kunstreisen, Jurorin beim Kärntner Lyrikpreis und Obfrau der IG Autorinnen und Autoren Kärnten.

Literarisch widmet sie sich Menschenschicksalen nach dem Zweiten Weltkrieg“. Nach ihrem Buch über ihren Vater, „Mischling“, und dem Buch „Aus Trümmern zusammengewürfelt“ (mit Edith Darnhofer-Demar) nun also „Staatenlos“, die Geschichte eines ihr bekannten Kellners am Klopeiner See, eines Mannes, der als Kind einer italienischen Partisanin bei Kriegsende durch die Ungunst der Umstände „weggelegt“, als Findling von einem englischen Besatzungssoldaten aufgenommen, über und nach seiner Kindheit in England wieder nach Kärnten zurückkehrt und sich in Italien in Monfalcone auf die Suche nach seiner Mutter macht, die er schließlich auch findet, Freude und Enttäuschung zugleich. Enttäuschung über die mangelnde Freude der eher hartherzigen „Mutter“… Es handelt sich nicht eigentlich um einen Tatsachenroman, aber auch keine fiktionale Geschichte.

Auch „Schlüsselroman“ trifft es nicht ganz. Weil sich die Autorin über Leerstellen des Berichtes des Betroffenen mit Konjekturen und plausiblen Vermutungen behilft, um etwas, was man mit einem literaturwissenschftlichen Ausdruck heute gern als „Faktion“ bezeichnet, was aber nicht mit englisch Fake („Schwindel“) in Fakenews zu tun hat, wenn auch die Etymologie in beiden Fällen auf lateinisch factum führt…Das Leben dieses Giovanni, des Kindes der italienischen Mutter, des Joe, wie ihn sein englischer Ziehvater, des Jean, wie ihn schließlich sein französischer, leiblicher Vater, ein als junger Resistance-Kämpfer Gefangengenommener und nach Kärnten Gelangter, der nach dem Krieg nach Frankreich, Nimes, zurückgekehrt und dort zu einer Malerberühmtheit geworden, nennt, ist wahrlich abenteuerlich. Ilse Gerhard hat also gewissermaßen einen Abenteuerroman geschrieben, das Gewußte und Mitgeteilte und das Vermutete mit großer sozialer Empathie zu einem ansprechenden poetischen Amalgam komponiert, das heißt ja „zusammengestellt“… Stilistisch kennzeichnet den Roman, durchaus zu seinem Vorzug, die journalistische Profession der Autorin (Reportage, auch ein wenig „Kolportage“).

Die im Roman thematisierte „Staatenlosigkeit“ ist ein literarisches Desiderat. Man kann vielleicht an Josef Winklers „Die Verschleppung“ oder auch an Brigitte Schwaigers „Die Galizianerin“ denken, vielleicht auch als schelmische Variante an Albert Drachs „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“…. Ganz besonders aber mußte ich an die betroffen machenden Berichte des Oberösterreichers Martin Kranzl-Greineckers über die „Kinder von Etzelsdorf“ denken, jenes Kinderheimes in Schloß Etzelsdorf, wo in der Nazizeit die Babys der Zwangsarbeiterinnen „untergebracht“, den Müttern also weggenommen und medizinisch schlechtest versorgt wurden, -und wenn sie nicht gestorben sind (viele liegen in Pichl in anonymen Kindergräbern), nach dem Krieg groß geworden und verzweifelt in Polen oder sonstwo in Europa nach ihren Müttern gesucht haben. Viele haben keine Eltern gefunden. So gesehen handelt Ilse Gerhards Roman „Staatenlos“ eigentlich von einem singulären Glücksfall. Wenn auch ihre Geschichte tödlich endet…

© Alois Brandstetter, April 2017

Kurzinformation zum Buch: „Staatenlos“ erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes, der nach der Geburt zum Findelkind einer britischen Offiziersfamilie und zum Waisen wird. Joe, so sein Name, erlernt den Kellnerberuf und wird später zum Oberkellner in einem Hotel. Ein scheuer, aber nobler und gebildeter Charakter. Joes Besonderheit ist, dass er von Geburt auf staatenlos ist. Er ist ein in Österreich geborener Sohn einer ehemaligen italienischen Partisanin und Zwangsarbeiterin und eines französischen Kriegsgefangenen. Als junger Mann macht er sich auf die Suche nach seinen Eltern. Die Mutter findet er in Italien und den Vater, einen anerkannten Künstler, in Frankreich. Dennoch endet Joes Eltern- und Identitätssuche fatal.
Ilse Gerhardt erzählt die berührende und tragische Geschichte eines Staatenlosen nach einer realen Lebensgeschichte und führt den Leser von Südösterreich aus in die italienische Werftenstadt Monfalcone an der Isonzomündung, in die Römerstadt Nimes und die felsigen Cevennen in Südfrankreich.

Ilse Gerhardt
Staatenlos
Roman
128 Seiten, Broschur mit Klappen,
€ 19,90,
ISBN 978-3-7086-0933-1
Hermagoras Verlag 2017

Zur Autorin: Ilse Gerhardt

https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/autor_detail/ilse-gerhardt

Zum Buch: Staatenlos, Hermagoras Verlag, Klagenfurt/ Celovec 2017
https://www.mohorjeva.com/knjige_buecher/detail/staatenlos
Zum Verfasser des Gastbeitrags: Univ.Prof. Dr. Alois Brandstetter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Alois_Brandstetter“

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Literaturfrühstück im Künstlerhaus „Bring Your Text“ zur Weiblichkeit – Eine Nachlese

Zusammen mit der Künstlerin Ina Loitzl lasen am letzten Öffnungstag der Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt, am 22. April 2017, zum Ausstellungsthema BLUTROT Kärntner Autorinnen kurze Prosatexte und Lyrik zur Weiblichkeit:

Als Literaturfrühstück in einem besonderen Rahmen (großer Ausstellungssaal des Kunstverein Kärntens) folgten der Einladung der Künstlerin und Kuratorin Ina Loitzl mit Unterstützung des Kärntner SchriftstellerInnen-Verband folgende Autorinnen: Miriam Auer, Betty Quast, Monika Grill, Dagmar Cechak, Karin Prucha, Eva Possnig, Marlies Karner-Taxer, Christine Tidl, Ilse Gerhardt, Elisabeth Hafner, Elisabeth Schwendner und Gabriele Russwurm-Biro

Die große Begeisterung und Anteilnahme und die hervorragenden Beiträge der eingeladenen Autorinnen zeigen, dass das Thema Weiblichleit und Frausein nicht nur in der Bildenden Kunst, sondern auch in der Literatur mehr Platz und Aufmerksamkeit benötigt.

Monika Grill

Während in Lilli Rundungen Form annahmen, zeigten sich unter Alberts schwammiger Haut die Umrisse von Ecken und Kanten. Knochen, die in den Wogen seiner Üppigkeit untergegangen waren, trieben an die Oberfläche und begannen, die Umrisse eines Mannes zu formen, der alles andere als weich ist. Es war, als ob sie verbundene Gefäße waren, Lilli und Albert, und ein Ausgleich stattfand, in dem jeder von den beiden etwas in sich entdeckte, das ihm bisher fremd gewesen war. Sie Weichheit, er Kanten.
Mit der zunehmenden Weichheit verlor Lilli etwas von ihrer Zielsicherheit. Als ob die fehlende Spannung es dem Bogen ihres Willens unmöglich machte, ins Schwarze zu treffen. Auch ihre Vorstellungen und Wünsche begannen, eine wässrige Gestalt anzunehmen, die ein Handeln zunehmend erschwerte.
Lilli wurde träge. Sie entwickelte eine tiefe, sinnliche Trägheit, die sich von Albert tragen ließ. Und Albert mit seinen neu gewonnenen Kanten spürte in sich das zunehmende Bedürfnis, ein richtiger Mann zu sein. Seine Finger begannen, ihren Nacken mit etwas mehr Druck zu massieren. Wenn er sie in die Arme nahm und küsste, fühlte er den Wunsch, sie zu besitzen und zu verschlingen, ein raues und unberechenbares Verlangen, das sich über die Monate in eine Notwendigkeit verwandelte
Und eines Tages lag Lilli in seinen Armen, weich, nachgiebig, rund, und der neue Mann in Albert sah sie an und wollte sie nicht mehr. Nicht diese Frau. Er wollte eine, die seiner Schärfe entsprach, eine, an der sich seine neugewonnene Härte reiben konnte. Nicht dieses weiche und nachgiebige Ding, dessen Knochen unter dem schwellenden Fleisch nicht mehr spürbar waren.

Aber ich sehe Eis, Eis und Schnee, und höre eine unwiderrufliche Stille, die mich bis ins Hier, ins Heute, in den heutigen Abend zu verfolgen scheint. „Was, wenn“, denke ich und sehe meine Maria, meine dickköpfige, wissbegierige Maria, wie sie die Wohnung eines Fremden betritt, nur um herauszufinden wie, warum, wieso. Ich sehe ihre dünnen, weißen, langen Beine mit aufgerollten Kniestrümpfen und darauf eine fleischige Männerhand, die sich langsam ihre Schenkel hinaufschiebt. Ich sehe, ich sehe voraus, ich ahne, ich fürchte, und wie jede Mutter bin ich mir nicht sicher, ob ich ihr trauen soll, meiner Ahnung, meiner Vorstellung davon, wer meine Tochter ist und was kommen könnte. Und wie jede Mutter weiß ich, dass es nichts nützt, Nein zu sagen. Nein, tu das nicht. Nein, sei vernünftig. Bitte, bitte, nein.
Denn auch sie wird sich bemühen, ihre Mutter Lügen zu strafen, als eine besorgte, ängstliche, unsichere Frau, die nicht weiß, was wahre Freiheit ist. „Sie ist so verklemmt“, wird Maria sagen. „Ich mag sie, meine Mama, aber was weiß die schon vom Leben.“ © Monika Grill

Blutmoos von Dagmar Cechak zum Gemälde von Theres Cassini in der Ausstellung BLUTROT
Ich sehe dich an und du schüttelst den Kopf, ich will leben und sein und tanzen und lachen. Will Farbe bekennen, doch du kannst es nicht ertragen. Blutrot ist das Weiße in deinen Augen, kohlschwarz deine Wut.
„Bedeutungslos bist du!“ schreist du mich an und streckst mich nieder auf den Grund, den harten Grund voll Blut von so vielen anderen, die vor mir schon da lagen und fährst als Ausdruck deiner Macht mit querender Spur über mich hinweg und übersiehst dabei, dass nun aus der verkapselten Demut und Resignation mein Widerstand aufgebrochen ist unter deinen schweren Rädern.
Ein Widerstand von dem ich gar nicht mehr wusste, dass er in mir war, er befeuchtet meine matten Glieder, lässt, leise erst und fast unsichtbar, mich ausbreiten, über den Grund, lässt mich entdecken und fühlen, lasst mich bedecken den harten dunklen Boden mit weichem Moos.
Und ich strecke meine Fühler aus, nehme auf das Blut aus dem Boden und sauge es ein, bis alle Farbe und alles Leben in mir ist und alles Blut gelöscht. Weiß bleibt der Grund zurück und bleich.
Pulsierend streckt sich mein roter Leib, schreit: „Hier bin ich!“ und beginnt unübersehbar seinen rotglühenden Tanz in die Freiheit.
© Dagmar Cechak

Gedichte von Betty Quast (aus dem in der Druckvorstufe befindlichen „Endzeit“-Manuskript)

die neueste Mode (aus der Sammlung „Im alten Rom“)

na, wie gefällt dir dein Fleischkleid?
dein Blutkleid
süchtig nach… was mir gefällt
Schweinehälften von der Stange
– der Schocker –
geheimste Wünsche
erfüllen
einfach chic
Chemie-Kittel-Anilin-Farben
Blut, das aus den Schuhen trieft
Menschendreck
ständig was Neues
nie das Richtige zum Anziehen

Bei Oma (aus der Sammlung „Marzahn – im Herzen der Brache“)

Es gibt Hagebuttentee
sauer
das Testbild steht
im Funkloch
ein Spaziergang
am Staudamm
Medikamente
hinterm Sofa
Häkeldeckchen
das alte Transistorradio
erzählt was vom Krieg

© Betty Quast

Marlies Karner Taxer „Alternde Weiblichkeit“ zu den Exponaten von Ina Loitzl und Theres Cassini mit dem Thema Alter in der Ausstellung BLUTROT

die einstige Göttin nimmt Abschied vom kraftvollen Leben, das prall,
saftig und lustvoll die Hormone steuerte
morphiert zu silbergrau, dann weiß
das Rot der Blutung ist schon lang versiegt
das achte Lebensjahrzehnt hat seinen Preis
die Muskel schwächeln, verkommen
eingekochte Lebensmittel – gestrichen, das Unvermögen, den Glasverschluss aufzudrehen schmerzt
die Lebenserfahrung steigt wie die Zahl der Altersflecken an den Händen
das Erinnern nimmt mehr Raum ein als das Erleben
der Körper verweigert sich dem Wollen
sich bücken, etwas aufheben – ein Problem
die Verwendung des Rollators wird nur langsam akzeptiert, weit nach Brille und Gebiss
Inkontinenz macht grantig, Lachen wird, so wie das Husten, zu einer Entscheidung

mkt2017 © Marlies Karner –Taxer

Christine Tidl (zum Thema Blutrot)

Von hinter der Schirmakazie, die sich dornenbewehrt, dunkel und stumm über dem gelbroten Himmel verzweigt, zieht ein letztes Aufleuchten durch die rahmenlose Öffnung, gleitet über festgetretenes Erdreich, kriecht hoch an graubraunen Wänden aus Lehm zum fein gesponnenen Netz in der Ecke des Raumes. Dort lauert die Spinne auf eine der Fliegen, die über die Glasscherben tanzen am Ende des Tisches.
Schwach, aus stimmloser Kehle, das Wimmern. Schweiß zwischen eng geflochtenen Zopfbahnen. Kaltbetropft die Stirn über schreckweiten Augen, weiß wie Akazienblüten, die der Wüstenwind aus der Blattnarbe löst. Sie haben es wieder getan. Das Lager mit Tüchern bedeckt, das Festkleid über den reglosen Körper gezogen. Das Rot und Gold heben sich kaum ab vom Blut, das unter den dicht verschnürten Beinen hervorquillt. Die Schnitte werden heilen, sagen sie. Doch von den Narbenwülsten der Seele sprechen sie nicht.
Draußen rhythmisches Trommeln, Lachen der Frauen, zufriedene Stimmen der Männer am züngelnden Feuer.
2017 © Christine Tidl für Blutrot

Elisabeth Hafner – Gedicht zur Weiblichkeit

Häute

Keimblatt
milchig und jungfräulich
wächst zu
Netzhaut und Vorhaut und Hirnhaut.
Zu Gänsehaut, Hornhaut und Narbengewebe.
Zu Mückenfell und Fledermausleder.
Zu Elefantenhaut und Mäusepelzchen.
Sie sind weich,
die Häute,
und werden hart,
sie sind dünn und wachsen ledrig,
Unter Ober Lebenshaut.
Zarte Herzhäute
verwachsen zu faltiger Wundenhaut.
Mir wächst ein granatroter Herzhautmantel.

© Elisabeth Hafner

Ina Loitzl (bildende Künstlerin, Kuratorin der Ausstellung BLUTROT):

FRAUSEIN

Die Kindheit ohne Penisneid
Ja lieber Dr. Freud!
Trotz doofer Witze:
Uns fehlt wirklich nichts in der Körpermitte
Oh nein, ich war auf keinem Trip!
Gefühlt als Mensch mit Mädchennamen
Die erste Regel mit Sekt zu Hause gefeiert
Ein großes DANKE an die starken Frauen in meiner Familie
Ich hab’s einfach gut erwischt: Die Zeit, den Ort,….
Viele haben das nicht
Wo das Kreuz im Geburtsschein kompromisslos bedeutet:
Nicht zu wählen, nicht Auto zu fahren,
nach der Scheidung zu leben wie eine Witwe,
als Letzte am Tisch das Essen zu bekommen
Eiskalt wird mir da gleich und die Gänsehaut steigt in mir hoch
Daher mache ich mich als Künstlerin stark – für das Weibliche
Noch immer als „schmutzig“ und mit Scham betitelt
Es fehlen….. die 1000 schönen Worte
Gedanklich überschreibe ich heute noch
die vielen „FUT“s, die mir als Mädchen
auf Straßenwänden entgegenkamen
fett mit einem dicken Edding zu „AUTO“
Doch ach – da sind sie wieder:
Halbnackte Frauen mit Schaum und Schwämmen
waschen sie diese schnellen männlichen Prestigeobjekte sauber …
Revanche? Nein, auch keine Gleichberechtigung,
keine Zwangsquoten, einfach das Menschsein
als das Ganze aller Dinge zu sehen
und erkennen, wie schön es ist
Weib bleibt Weib Frau bleibt Frau
Nicht mehr und nicht weniger
Aber für mich ein Geschenk

© Ina Loitzl, zur Ausstellung „Weibsbilder – Ženske“ 2014

Karin Prucha

imraumstille

vorsichtig sodass sie sich nicht stösst
in dem raum in der stille
steigt sie als kleines kind in die fußstapfen
auf den nächsten hohen berg
fährt auf dem fluss im grünen kanu
die stromschnellen auf und ab
bis der weiße wasserschaum sie hebt
klettert die bäume in den himmel bis zum mond
trägt die sehnsüchte wie verborgene früchte

sie läuft als junges mädchen
barfuß durch schulgesetze und new yorker parks
drückt ihre fußspur in den weichen untergrund der sandbänke
läßt sich auf den warmen felsen
der zukunftslabyrinthe nieder
verweilt im dichten weben der windnetze

begehrt störrisch die berechtigung ihres geschlechts
stöckelt als junge frau in den kindheitstraum
der ewigen liebe
vergißt sich verwirrt sich verläßt sich
begibt sich auf die zeit
die ungeheuer der vergangenheit im weg
in die weggebrochene luft
starrt stumm die stille

sie riecht den duft von frischgebackenem brot
das alte wird neu verwandelt
das gesetz gebrochen die erde befühlt
das atmen aufgetaut und im raum stille

© Karin Prucha 2017

Miriam Auer Didgeridoolittle

Du spielst the fairest Lady hier von allen, der Bass,
dein Stimmband, der lose Strumpf. Terra Australis Incognita.
Dich kennen sie genauso wenig, von deiner neuen Vulva da
erzählst du kaum. Die Perücke, das Nylon deiner Frisur,
wenn du wohin musst, entschuldigst du dich
mit den Augen, Mascara macht sie dir
etwas zu schwer.
»Hier können Sie als Frau durchgehen«
Doch da ist nirgends so ein Schild.
Komm heim, zu dir.
Bei meinem letzten Besuch hast du mir ein Bärtchen zeigen
müssen, das du dir in einem Weckglas ziehst, wie Kefir
Hefepilz ganz hübsch sogar, ein Bart ohne Mensch daran.
Von Wissenschaft versteh ich wenig, du sagst, im Glas
überlebt ein Relikt. Ich gebe mir deine Hand zur Ruhe,
und wünsche mir das gültige Ja-Wort von uns.
Man mag dir den Mund verboten haben,
aber deines Namens unbekanntes Lied:
ich singe dich ganz.

Heute ist morgen lange gestern, wir lernen einander auswendig, eher körperlich
peripher ein kleines Feuer, nagelunter, French Nails brennend, so to speak.
Man sprang dir ins Gesicht, dein Glück,
dass du es noch nicht verloren hattest,
man konnte so nicht in dich gehen,
eiserne Maske, c’est la vie.
Letztgestern hast du dann deinen Kopf vergessen, ich rannte
und brachte ihn dir nach, weil du doch sonst
nichts essen kannst.
Wir teilen uns Früchte der Arbeit des Baumes und Erdäpfel haben wir
gemeinsam, egal von wo wir sind, wir zwei verschlingen nichts,
das fühlt, beide wissen wir wie es ist, nicht
zu atmen.
Morsch werden die Bissen noch etwas bleiben, trocken
der Schwamm, die Psychologin, l‘amour fou.
Wir lassen die Tauben los, ohne zu zaubern
in Kriegen, die so anders toben als Kinder …
Da, die Majolaschlange. Du sagst mir die Wolken ein ohne heimlich zu tun, alles
Wahre steht auf deiner Haut, wo du gegangen bist, gekrochen auch,
hat der Boden nicht aufgehört sich an dich zu erinnern, jeder
Kiesel lässt sich stoßen von den Schuhen, die du warst, pars
pro toto.
Du weißt, was das heißt, deine Schule im Kopf, die echte in Trümmern,
Stein auf Stein, dein Name jetzt ein neuer, du stehst auf Rosanna
von Toto, kleine Rockerin, so be it.
Beim Headbangen das Kopftuch leicht wie ein
Schleier aus Löwenzahnsamen, an ihnen
festhalten, wegfliegen, oben sein bei
Nacht
Mama
Stoner-Rock im CD-Player, hast den erst für Kriegsgerät gehalten, Eintopf
am Fenster, zwei Mal zu kühl, aber dort wo du herkommst
war alles nur lau, meet you all the way, Rosanna …

Am Stockbett oben ist es mondleer geworden.
No woman, no cry …

© Miriam H. Auer

Eva Possnig – Wandlungen (zur Ausstellung Blutrot)
„Wenn ich so zurückdenke, war es vor allem die Kunst, die mein Leben beeinflusst hat“, beginnt Tina, als sie nach der Aufführung in einem Lokal sitzen.
„Schon als Kind hab ich Bücher geliebt. Einige hab ich immer wieder gelesen. Tom Sawyer und Huckleberry Finn zum Beispiel. Oder Rascal, der Waschbär, an diesen Roman denk ich fast wehmütig zurück“.
„Weil dem Schlingel nach den Jahren, in denen er von einem Kind aufgezogen wird, ein Leben in der Wildnis geschenkt wird?“
„Ja, stimmt. Das ist ein Aspekt. Wer die Nachtigall stört von Harper Lee hat mich aus der Naivität der Kindheit herausgeführt. In der Menschlichkeit des Atticus, der seine Kinder alleine aufzieht und sich unter schwierigen Bedingungen für Toleranz und Gerechtigkeit stark macht, hab ich meinen Großvater wieder erkannt. Ich war dreizehn, als er gestorben ist. Im Buch bin ich ihm wieder begegnet. Beglückend war das und gleichzeitig sehr traurig“.
„Für mich war „Narziss und Goldmund“ von Hermann Hesse wichtig. Mein Gott, diese Passagen über Erotik und Begehren! So ganz ohne moralischen Zeigefinger! Endlich hat es für uns Jugendliche eine wundervolle Sprache für alles Prickelnde, Verwirrende gegeben! Eine echte Alternative zur Zeitschrift Bravo!“
„Wie eine Therapie“, meint Tina und knabbert an einem Thunfisch-Sandwich.“ „Simone de Beauvoir hab ich ähnlich erlebt. Sie kam und blieb war befreiend für mich. Und dann hat mich natürlich Violette Leducs Roman Die Bastardin verführt. Meine Mutter war entsetzt, als sie es in meinem Zimmer gefunden und den Klappentext gelesen hat. Hat sich wohl gedacht, dass gewisse Erziehungsmaßnahmen bei mir völlig für die Hennen gewesen sind“. Die Freundinnen lachen.
„Die siebziger Jahre in Österreich waren für Frauen kein Honiglecken. Eine Ausbildung durften wir machen, ja. Aber eine selbstbestimmte Sexualität? Wie geht das denn zusammen mit einer traditionellen Familie?“ Sie zwinkert Carla zu. „Aber ich erinnere mich, dass immerhin der Status des Vaters als Oberhaupt der Familie abgeschafft worden ist. 1974 glaub ich, ist das gewesen. Jedenfalls, als Kreisky Kanzler war. Mutter brauchte meinen Vater damals nicht mehr um Erlaubnis zu fragen, als sie eine Stelle als Sekretärin angenommen hat. Aber trotz alledem: wir Töchter sollten brav und bürgerlich sein. Das war der Fokus, auf den alles gerichtet war in der Provinz. Und bloß nicht zufriedener werden wollen als die Mutter! Ich jedenfalls hab‘ mich Jahre später mit der Malerei befreit!“, ruft Vera aus.
Sie fasst ihre Haare im Nacken zusammen und bindet sie geschickt zu einem Knoten.
„Ich denk‘, ich war sechzehn, als mich Der Fall Franza aufgewühlt hat. Die Sprache Ingeborg Bachmanns. So wahr! Der Mensch ist dem Menschen Wolf. Tagelang bin ich im Zimmer gehockt und hab über ihre Sätze nachgedacht. Und unterstrichen, was für mich bedeutsam war. Für Unverständliches hat sie mir eine Sprache gegeben und mir geholfen, klarer zu sehen. Auch manche Filme haben mir Wege aufgezeigt. Die zwei Gesichter einer Frau mit Romy Schneider beispielsweise. Unvergesslich ist für mich auch Die Frau nebenan mit Fanny Ardant. Die erotische Autonomie, die sie da entwickelt, hat mich fasziniert. Ich war ja als junges Ding geradezu gehemmt. So was von brav und angepasst. Immerzu bemüht, es allen recht zu machen. Meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Es war die Kunst, die mir geholfen hat, meinen eigenen Weg zu finden. Plötzlich hab‘ ich gewusst, dass ich mit meinem damaligen Freund im falschen Leben steck und hab mich dann von ihm getrennt.

© Eva Possnig 2017

Elisabeth Schwendner

10 Gebote

©Elisabeth Schwendner 2017

Gabriele Russwurm-Biro – Gedicht zur Ausstellung Blutrot

alles aus allem
kommt seidenrot
ans licht
das, was gedanken
gebären
bleibt
voller wunder
das, was verschlossen
dahinsiecht
versinkt
folge dem blick
nach innen
und lass die welten
ziehen
geht etwas verloren
bleibt die lücke
und warm
der atem
bis er bricht

© Gabriele Russwurm-Biro 2017

Ina Loitzl las einen Auszug aus dem Text TOD (ohne Titel) Kapitel 4/ der Schriftstellerin
Nadine Kegele (Du sollst nicht so große Füße haben….).
Sie war 2014 Stadtschreiberin in Klagenfurt (Publikumspreis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2013).

„Du sollst nicht so große Füße haben. Du sollst keine zu langen Arme haben. Du sollst keine dicke Nase haben. Du sollst keine Hände haben wie ein Mann. Du sollst keinen schlechten Teint haben. Du sollst keine fettigen Haare haben.

Du sollst täglich duschen und Unterwäsche tragen, in der du schwitzt. Du sollst ihm nachlaufen wie ein Hund. Du sollst dich domestizieren und dressieren lassen. Du sollst lieblich sein. Du sollst dir nicht die Freiheit nehmen, nein zu sagen.

Du sollst heiraten wollen für Strümpfe und Konservendosen. Du sollst ja sagen, wenn er dich fragt. Du sollst yes, Sir sagen, wenn er was sagt. Du sollst aufpassen müssen, was du sagst. Du sollst nicht aus dem Zimmer gehen, wenn er redet mit dir. Du sollst jeden Morgen in diese Rolle schlüpfen. Du sollst ihm eine bildschöne Schauspielerin sein. Du sollst seine Muse, seine Trophäe sein. Du sollst ihn zum Lächeln bringen. Du sollst lächeln. Du sollst nicht selbständig sein.

Du sollst ihn lieben in Ewigkeit. Du sollst krank sein vor Liebe. Du sollst dich hassen lassen. Du sollst dich interpretieren lassen. Du sollst ihn nicht erniedrigen mit Vielwisserei.

Du sollst kleiner sein als er. Du sollst bloß stotternd sprechen. Du sollst dein Bücherregal abreißen lassen. Du sollst dich nicht schützend vor deine Bücher stellen. Du sollst die Philosophie gegen ein Kochbuch tauschen. Du sollst dich fein ausführen lassen von ihm.

Du sollst schick ins Theater gehen mit ihm. Du sollst nicht reisen ohne ihn. Du sollst nicht nach Nürnberg sehen. Du sollst nach Zürich, nach Paris und nach Japan schauen. Du sollst dich von ihm umarmen lassen. Du sollst dir von ihm ein Kind machen lassen. Du sollst seine Kinder großziehen.

Du sollst ihn bei Krankheit pflegen. Du sollst ihm eine fürsorgliche Ehefrau sein. Du sollst dich keiner Hysterie bedienen. Du sollst nicht Emanzipation kennen. Du sollst kein eigenes Gesetz begehren. Du sollst unter dem seinen stehen. Du sollst genügsam sein. Du sollst naiv sein. Du sollst kein anderes Losungswort kennen als ihn.

Du sollst nicht aufsteigen. Du sollst am Fuße der Pyramide warten. Du sollst dich von ihm vergewaltigen lassen. Du sollst auf deinen Schädel fallen. Du sollst im erstickenden Sand versinken. Du sollst dich Hilfe rufend zu Tode erschrecken. Du sollst die anderen Toten liegen lassen.

Du sollst einem Hai vom Boot vor die Schnauze schwimmen, wenn er sagt, spring. Du sollst dich auch beim Schwimmen schminken. Du sollst dich nicht schminken, als gingest du auf den Strich. Du sollst ihm nicht peinlich sein. Du sollst ihm Notiz um Notiz für seine Anekdoten sein.

Du sollst dich von ihm bannen und lähmen lassen. Du sollst über gelähmten Beinen kurze Röcke tragen. Du sollst keine zu kurzen Röcke tragen. Du sollst die Röcke nicht für dich tragen, sondern einzig für ihn. Du sollst den Trauerflor nie mehr ablegen, wenn er nicht mehr ist. Du sollst ihm ein Stück Holz und seine Hindin sein. Und Civetta Sôva sagt, ich kann es von hier oben sehen, es brennen immer bloß: die Röcke der Frauen.“
© Nadine Kegele

Foto © Willi Wolschner
Bildtitel: Gabriele Russwurm-Biro, Marlies Karner-Taxer, Karin Prucha, Ina Loitzl, Betty Quast (mit Leopold) und Monika Grill (von li.)

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Laibachandacht

Gastbeitrag von Del Vede

War er einfühlsam wie ein Dichter, der France Prešeren, wenn er als SODNIK, Richter, in Klagenfurt SLOWENISCH Gericht gehalten hat? Mein Vortrag auf den Stufen seines Denkmals war der barbusigen Muse des Nationaldichters gewidmet, und allen Maiandachten in den Dorfkirchen, die nicht mehr durchgeführt werden.

Allen Dorfkirchen, in denen es die slowenischen Andachten nie mehr geben wird.

Die Bäuerinnen vergessen ihre Gliederschmerzen oder die VARTA überall im Leib, die vom Übermaß der Arbeit hervorgerufen wird, und nehmen sich ein Stündchen frei. Sie beten SLOWENISCH ihre Himmelskönigin an, singen SLOWENISCHE Marienlieder und bleiben unter sich. Ein Pfarrer nimmt nicht teil. Wir Buben sind dabei und können in betender Haltung ausgiebig die DEčVE betrachten, die Mädchen, die uns nicht aus dem Sinn wollen. Etwas anzufangen wissen wir mit ihnen nicht. Bald werden wir im scheuen Einverständnis mit ihnen auf den Wiesen lagern und Entdeckungen anstreben. 

Zu Hause behaupten wir, zur šMARNICA; Maiandacht zu gehen, die DEčVE auch, anstatt zu beten und zu singen.

La i b a c h a n d a c h t 

Je angel Gospodov oznanil Mariji
in ona spocela od Svetega Duha.
“ česčena si, Marija“, je angelski glas;
bo zadnja ura bila, Marija prid‘ po nas.

Heute sind ihm wieder himmlische Schmerzen verordnet worden. „Wer sie erträgt, lebt“, sagt sich der OBLAK, die Wolke. „Ich war ein guter Arzt und guter Mensch. Doch jetzt ist Nacht.“ Er verrichtet seinen Dienst ganz oben. Mit seiner Abteilung hat er die Gewitterwolken zu lenken, die LERMA.
In den Grenzbergen DOLINE KRKE, des Gurktales, machen er sich über den Weiler Ingolsthal her, Dienst ist Dienst. Er jagt die alten Leute in die Häuser. Und er vertreibt den alten Kerschbaumer, der seine Hühner ein letztes Mal mit TUGLEE TUGLEE lockt und füttert. Das EE ist beinahe ein II oder umgekehrt. Siegfried Kerschbaumer blickt nicht mehr hinauf in das schwarze Gebräu. Er schwingt sich auf sein Fahrrad, das ihn auf der Erde hält und verlässt seinen Hof. Den OBLAK im Rücken und neben der linken Lenkstange vom Berg herunter fauchend, strampelt er unter der Wachtburg talab. Die stets so genannte Straßburg ist keine Straßenburg. Sie leitet sich seit eintausend Jahren von der STRAZA ab, der Wacht. Als sie errichtet wurde, riefen die Gurktaler schon vierhundert Jahre lang TUGLEE TUGLEE, do schau, do schau!

Und so rufen sie auch heute. Mit ihren Hühnern sprechen die Gurktaler SLOWENISCH. Vorher noch mit dem Vieh im Stall und auf der Weide, čOLA čOLA (sprich „tsch“, Bedeutung: Kühlein, Kalble). Davor auch miteinander in den Dörfern. Dem Radreisenden Siegfried Kerschbaumer ist zu verdanken, dass die Hühner überall in Kärnten wieder SLOWENISCH hören und Flügel schlagend herbeieilen.
Sie verstehen noch.
Er kann nicht glauben, dass die das Gurktalerische verstehen. Und dass der Hühnerlockruf SLOWENISCH erklärbar ist.

In Klagenfurt treibt die OBLAK-Abteilung den VIKTOR SPENDAL durch die Stadt. Er ist slowenisch aufgewachsen in seiner Stadt und nie begegnet er einem vertrauten Wort. Er spricht mit den Bäumen und säubert die Pflanzstreifen unter den Baumkronen und Büschen. Sie kommen ihm dankbar vor, obwohl sie nicht sprechen, nur ächzen, rascheln und manchmal säuseln in der Nacht. POJDI, POJDI, KOMM, KOMM! Wohin, wohin mit den Wörtern, die immer noch gesprochen werden wollen? Seit er die über 300 Lehnwörter kennt, die das SLOWENISCHE dem Alltag der Deutschsprechenden überlassen hat, erträgt er die Schmerzen manchmal lächelnd.
Die LERMA des OBLAK braust über PODJUNA, das Jauntal, und verspricht eine HUDA URA, Böse Stunde, zu werden. MARIJA, die MIčE MIC, legt ihre Schurze ab und säubert die Hände am Brunnen. In ihrem Hof sah sie als Kind im Krieg den Kämpfern beim Aufspielen mit dem Akkordeon, Singen und Tanzen zu. Im nahen GLOBASNICA eilten sie von der PECA, der TOPICA und aus den OJSTRABUNKERN herbei.

DANES PA MI URADUJEMO. Heute ist aber unser Amtstag.
Die MICE MIC eilt in die Dorfkirche von GOSELNA VAS und läutet gegen die HUDA URA, die böse Stunde, an. Im Dorf entzünden sie Gewitterkerzen auf den Tischen und beten. Die MIC zieht am Strang und sie rüttelt und stößt gegen ihn. Ein blechernes Fis steigt ruckelnd und jaulend vom Kirchturm auf und verbreitet sich in GOSELNA VAS. Es vertreibt die Böse Stunde. Und mit ihr den Schmerz.

Der MIC sitzt er in den geschwollenen Fingergelenken und im Rücken. Jetzt ist er fort. Der OBLAK kennt das alles. Er macht sich mit den Seinen auf, das schwarze Gewölk an der SUHA, dem Trockenbach entlang nach KRašNA VAS zu treiben. Das ist Kristendorf unter der ROZALIJA, dem Rosalien- oder Hemmaberg. Christendorf schreibt man nicht. Diese korrekte Schreibweise würde zu sehr an die ALTSLOWENEN erinnern, die das Römerkastell eroberten. Den unterlegenen Christen wiesen sie ihr eigenes Dorf zu. 
HEMO HEMO rufen die Hirtinnen und Hirten des OBLAK. Heim geht’s, heim geht’s!
In der Dämmerung rufen die KRAVE, die Kühe, nach dem Stall, pieseln die DECVE, Mädchen und die PUEBI, die Burschen, das Hirtenfeuer aus. Das Lager der KAZAZEN, des altkärntner Militärs, das immer „die Edlinger“ genannt wird, ist geräumt. Unter den Bäumen warten ihre Schatten auf ein Signal. Beim KRES, dem Sonnwendfeuer, bemächtigen sie sich der Dörfler. Sie springen mit ihnen übers Feuer, sie singen und jauchzen mit ihnen. Ihre struppigen Pferde stampfen und stoßen gegen die Wurzeln und schnauben. Die Kühe finden von selbst in ihre Ställe. Die Sprünge der barfüßigen Hirten gelingen jetzt besonders weit. Mit geschlossenen Augen dauern sie kleine Ewigkeiten.

Auch diese Gösselsdorfer und die anderen Dörfler rundum gibt es nicht mehr. Sie feiern an der LJUBLJANICA in der Nacht. Der Letzte von ihnen, der im Dorf SLOWENISCH sprach, reiste oft mit dem Rucksack weißbärtig und gebeugt und immer SLOWENISCH sprechend nach CELOVEC, Klagenfurt. Im Café Kristall in der Bahnhofstraße, das es auch nicht mehr gibt, durfte er außen seinen Kaffee einnehmen, niemals innen. Nachts lebte er auf. Er fütterte seine Tiere und sprach mit ihnen. Eines nachts spannte er sich wieder in den Garling, Ziehkarren, ein, um Futter zu schneiden. Ob er die žOVNCA, die PEHTRA oder einen anderen dieser Felsen am Fuß der SLIEMNA östlich des Dorfes PODJUNA benutzte, weiß man nicht. Nachts öffnen sich die Weg, wusste er, die unter dem Gebirge hindurch nach Hause führen. In seinem Gehöft unter der Kirche von GOSELNA VAS lag er einige Wochen lang. Als seine Gösselsdorfer Nachschau hielten, stand sein Mund offen wie ein Mauseloch, glich seine Haut dem Kalkstein seines Hauses und war von Nachttieren angeknabbert.

Es ist Nacht in LJUBLJANA und ein Dichterbus rollte winzig geworden und unerlaubt in den Mondschatten des France Prešeren – Denkmals auf dem Hauptplatz Sloweniens. Er ist bis auf den letzten Platz mit Nachttieren besetzt, auch mit Hirsch- und Borkenkäfern, Kakerlaken und Ohrenschliefern und Marienkäfern. Und mit Dichterinnen und Dichtern. Die LITERARNA KAVARNA, das Literaturcafé, das es nicht mehr gibt, öffnet seine Pforten und alle sind wieder da, die es nicht mehr gibt.

Der Kerschbaumer, der SPENDAL, die MIčE MARIJA MIC, der letzte Gösselsdorfer SLOWENE, sogar der OBLAK mit seinen Untergebenen. Und die Dichter. So lange sie schreiben oder vorlesen und einander zuhören, spüren sie keinen Schmerz. Je mehr Zuhörer und Leser sie finden, desto leichter wird ihnen ums Herz. Und ihnen gehört die Nacht.


 
Del Vede ist ein sprachgewaltiger, in beiden Landessprachen beheimateter Kärntner Literat, der als phantastischer Märchenerzähler in den letzten Jahren bekannt und sehr beliebt wurde. Von 1983 bis 1987 war Del Vede (als DEL Vedernjak) Regionaldelegierter der IG Autoren für Kärnten und veranstaltete in dieser Zeit jährlich das Literatur-Festival KÄRNTNER FRÜHLING. Dieser hatte sich aus einer literarischen Initiative einiger junger Kärntner Autoren heraus zu einer Veranstaltung entwickelt, die in der literarischen Öffentlichkeit auch außerhalb des Landes steigende Beachtung und Anerkennung fand.

Fotos © Gabi Russwurm-Biro

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Ein Fest der DichterInnen auf dem Prešernov trg in Ljublijana – die dritte Dichterfahrt aus Klagenfurt feiert mit den Nachbarn den Welttag der Poesie

Mit der Kraft der Schreibfeder jedes Einzelnen der (bisher) drei Dutzend Künstler, die mit Ljubljana in Dialog treten wollen, sollen die auftürmenden Barrieren zwischen den beiden Städten endlich abgebaut werden. Die Künstler, die sich KAUS/a; Kärntner Autoren Solidarität in Aktion nennen, wollen auf ihre Art eine Partnerschaft zwischen Kärnten und Slowenien herbei schreiben.

Am Welttag der Poesie machte sich wieder eine Dichterinnen- und Dichtergruppe auf, um in Ljubljana gemeinsam mit den slowenischsprachigen KünstlerkollegInnen zu feiern.

Weltenwandern (Auszug) ( von © Monika Grill)
Und die Reise geht weiter. Worte verknüpfen sich, ziehen mich vorwärts, in die Zukunft, ziehen mich rückwärts, in die Vergangenheit. Beschreiben eine Welt, die es nicht mehr gibt, die aber noch immer in mir lebt. Beschreiben ein Ich, das ich nicht mehr bin und das doch in mir zuhause ist. Sie halten sich nicht an die Gesetzmäßigkeiten der Zeit, meine Worte.
Buchstabe reiht sich an Buchstabe, eine Tintenschlange, die sich in den Schwanz beisst und den Kreis der Undendlichkeit formt. The circle of infinity. Der Lebenskreis, der Ewigkeitskreis.
 
Ein Blumenkranz aus Worten, aus Maiglöckchen, Margeriten, Veilchen, Flieder, zusammengebunden, aufs Haar gelegt, in die Stirn gedrückt.
Ich rieche Sommer, Frühling. Summer. Spring. Autumn.
Der Herbst kommt, die Blüten verwelken, fallen zu Boden, verwehen im Wind.
 
Ich suche nach den verlorenen Worten, hier, in der Ewigkeitsgasse, unter dem ehemaligen Klopfsteinpflaster, im Wasser des Alserbaches, der in Betonröhren gezwängt vom Wienerwald träumt, und von den unzähligen Fischen, die sich einst unter dem Wiener Nachthimmel tummelten, der schwarz sein sollte, sternenbesät. Aber es nicht mehr ist.
 
Ich schau hinauf.  Erinnere mich.
Sky sage ich, und der Himmel öffnet sich und wird eins mit dem Weltraum.  Ich sage heaven, und wir sitzen unter einer Kuppel aus Blau, von der die Gestirne wie Lampen hängen und die Welt beleuchten, die eine Scheibe ist. Ich gehe an die Grenzen, überschreite limits, stoße an borders. Ich bin 32, thirty two, ich fliege nach Mexiko, um nach einem Österreichbesuch über Tijuana einreißen zu können. Illegal. Illegal immigrant. (© Monika Grill)

Ljubljana (von © Karin Prucha)

Die drei Wege führen nicht zum See, sondern über den Fluss, der der Stadt den Namen gab. Ljubljanica, der heilige Fluss der sieben Namen, unterirdisch kommend aus dem Karst, fließt er glänzend grün durch Ljubljana.

Das prägt die Stadt, was für eine fließende Stadt, in jedem Sinne, die ich mit meinen dichtenden KollegInnen am Tag der Poesie am 21. März besuche. Wir kommen mit dem Dichterbus, und erobern uns die Stadt zu Fuß. Ich kenne Ljubljana schon über 30 Jahre, welche Veränderung zum Lebendigen, zur Farbe, zum Genießen zu spüren ist. Über dem Marktplatz neben dem Fluss liegt der Duft von gebratenem Fisch, dem wir nicht widerstehen können. Die Buntheit von Obst und Gemüse lockt direkt daneben, die vielen Menschen, die Heiterkeit. Wir flanieren durch die Altstadt, zur Gänze autofrei und Fußgängerzone. Elektrische kleine Busse bringen einen weiter, wenn die Füße nicht mehr wollen. Die Architektur der alten Gebäude beeindruckt wie die vielen großzügigen Plätze und Parks, die ein Gefühl von Freiheit vermitteln.
2016 wurde Ljubljana als grüne Hauptstadt Europas ausgezeichnet, und das bestätigt den eigenen Eindruck, die vielen Bäume, in den letzten Jahren tausende neu gesetzte, lassen durchatmen. Die Stadt ist in Bewegung, auch kulturell, an der glitzernden Ljubljanica entlangschlendern, von einem Lokal zum andern, von einer Galerie zur anderen, die schon zartgrünen Frühlingsäste wehen im Wind, der grüne Drache begrüßt uns auf unserem Weg. Das Wappentier ein Drache wie in Klagenfurt, im Moor um Ljubljana lebend.

Der Sage nach wurde Ljubljana vom griechischen Argonautenhelden Jason gegründet, auf der Flucht mit dem geraubten Goldenen Vlies verirrt von der Ljubljanica mitgenommen und beim Drachen gelandet.

Wir landen wieder an der Tromostovje, den Drei Brücken, vor Jahrhunderten war dies eine der wichtigsten Wegkreuzungen in Europa, von Nord nach Süd, von Ost nach West. Der slowenische Architekt Jože Plečnik hat die Brücke vor 85 Jahren um die zwei kleineren Fußgängerbrücken erweitert und die Pappeln anpflanzen lassen, es ist derselbe, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien zahlreiche Bauten und Plätze mitgestaltet hat. Die Drei Brücken führen direkt zum Prešernov trg, dem Platz des slowenischen Nationaldichters France Prešeren. Vor 185 Jahren lebte er eine Zeitlang in Klagenfurt, nachdem er in Wien studiert hatte. Unsere Region ist miteinander verbunden, durch die Geschichte, durch die Gegenwart, durch die Menschen.

Nun wird es Zeit für unsere Lesung, aber wir müssen uns gedulden, heute, am Tag der Poesie, lesen hier auch junge slowenische LyrikerInnen. Auf dem Denkmal sitzend, lauschen wir ihnen. Das Lauschen in Ljubljana, wie viel man hört, wahrnimmt, sieht, wenn man diese Stadt durchquert. Geliebte Stadt, die andere Erklärung für den Namen Ljubljana, wie stimmig. Bald sollten weitere Begegnungen folgen mit unseren slowenisch dichtenden KollegInnen, aus Kärnten/ Koroška, und aus Ljubljana.

Die Verbindung zwischen Klagenfurt/ Celovec und Ljubljana/ Laibach mit dem Alpen-Adria-Bus sollte nicht abreißen, es sind unsere Nachbarn, sie sprechen dieselbe Sprache wie wir, wie die slowenischen Landsleute in Kärnten, Landessprache. Schön wäre, die kulturelle Vielfalt am Abend erleben zu können, die letzte Busrückfahrt um 17 Uhr ist einfach viel zu früh. Wer weiß, was aus unseren Dichterfahrten noch alles entstehen wird! (© Karin Prucha)

https://www.visitljubljana.com/en/visitors/stories/how-architect-joze-plecnik-shaped-ljubljana-to-become-the-city-with-a-green-soul/?utm_source=FB&utm_campaign=blog&utm_content=plecnik

Vom Gedichtaufsagen und anderen Gerüchen (von © Marlies Karner-Taxer)
 
Schon von klein an hatte ich das besondere Talent, Gedichte rasch zu lernen und auch gut aufsagen zu können. So verschaffte mir mein Vater die ersten Auftritte, um die ich nie gebeten hatte und die ich dennoch in meiner verehrenden Liebe zu ihm ohne Murren absolvierte. Ich war etwa elf, zwölf Jahre alt. Ob Muttertagsfeier, Altenfahrt oder Frühlingsfest für Senioren – mir wurde in der Früh der Zettel mit dem Gedicht in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, es bis mittags oder nachmittags zu können.
  
Am schlimmsten war für mich der Gang durch den Saal. Beim auf-die-Bühne-gehen blieb ich noch relativ verschont, aber der Weg zurück war jedes Mal eine Tortur. So schön aufgesagt, riefen die alten Frauen, zogen mich beim Vorbeigehen an sich, drückten mich an ihren Busen und ein Busserl auf meine Wange.
 
Eine nach der anderen ließ es sich nicht entgehen, ein junges, zartes Körperchen an sich zu drücken und endlich wieder einmal zu einer Umarmung, einer Berührung mit einem warmen Körper zu kommen.
 
Jedes Mal dachte ich, an der aufgestauten Liebe und dem intensiven Geruch nach Urin zu ersticken. (© Marlies Karner-Taxer)

Ein Fest für die Poesie ( von Willi Wolschner)

Am Welttag der Poesie, 21.März 2017, kommen wir zum Denkmal von France Prešeren und Hunderte Menschen bevölkern den Platz. Der Slowenische Rundfunk und das lokale Fernsehen mit einer Reporterin und einem Kameramann sind vor Ort und nehmen eine Literatur-Veranstaltung auf.

Es wird eine öffentliche Lyrik-Lesung abgehalten, deren Teilnehmer ganz junge Dichterinnen und Dichter sind. Sie stehen vor dem Denkmal, vor dem Microfonständer und vor ihnen eine Menge Interessierte.

Einer der lesenden jungen Dichter liest seinen Text von seinem I-phone, was wirklich sehr lustig aussieht.

Leider verstehe ich die Texte nicht, aber ich nehme mir vor die wichtigsten Vokabel vom Slowenischen zu lernen. Viele der vorlesenden Dichterinnen sind auf Fotos festgehalten (Es sind tatsächlich zu 90 % junge Frauen). Eine haben wir vor der Lesung kennengelernt: Ana Makuc mit ihrem Lyrikband „Ljubica Rolanda Barthesa“ (2015) mit Gedichten zu großen historischen Frauengestalten. Sie freut sich ebenso wie wir „Gleichgesinnte“ zu treffen. Und es sind wirklich viele….. (© Willi Wolschner)

https://www.dnevnik.si/1042750422/kultura/knjiga/intervju-z-veronikino-nagrajenko-pesnico-ano-makuc-v-moji-poeziji-ima-zenska-lastno-zeljo

Die Sonne der Nacht (von © Del Vede)

Legen sich die Menschen zum Schlafen nieder,
geschieht etwas mit ihnen.
Manche sind so still und ruhig,
jetzt sind sie Bäume und erinnern sich ihrer Wurzeln.
Andere erstarren zu Stein.
Wieder andere erinnern sich,
einmal ganz bestimmt,
eine Quelle gewesen zu sein,
und sie kehren zurück.
Manche singen wie ein Büschel Gras im Nachtwind,
und es mangelt an nichts.
Andere treibt es ins Wasser fort und fort,
und sie halten niemals mehr inne.
Wieder andere breiten die Arme aus,
um die Erde zu umarmen.
Es liegt niemand an ihrer Seite.

© Del Vede 2017

alle Fotos © russwurm-photography/ w. wolschner
Bildtitel: vor dem Prešeren-Denkmal Lesung mit: (hinten v. li.) Heide Tanzmeister, Karin Prucha, Monika Grill, (stehend) Del Vede, (vorne): Gabriele Russwurm-Biro und Marlies Karner Taxer.
Porträt: Junge slowenische Dichterin: Ana Makuc

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